Marion Dehne

Marias Homeoffice oder Reinigung in Krisenzeiten

Maria dirigierte mit dem Joystick den Staubsauger durch die virtuelle Praxis. Auf dem u-förmigen Flur war es ganz einfach, da fast keine Hindernisse vorhanden waren. Es machte richtig Spaß, ihn hin- und herzujagen. Der kleine rote Flitzer schien auch Gefallen daran zu haben. Sobald der Stick mit ihm in Kontakt kam, heulte er auf wie ein getuntes Auto beim Start. Dann rauschte der Rote ab, und blitzschnell verschwanden in seinem geräumigen Beutel sämtliche Krümel, Papierschnipsel, angelutschte Bonbons, eben alles, was Menschen einfach fallen lassen oder unter ihren Schuhen von draußen reinbringen.

Das ist ja irre, dachte Maria voller Begeisterung. „Los mein Kleiner, du hast dir eine Belohnung verdient. Jetzt kommt ein besonderer Leckerbissen.“ Im selben Moment preschte er die Wand hinauf bis zur Decke, sog die Spinnweben ein und krachte mit voller Wucht auf den Boden. Das muss ich wohl noch mal üben, gestand sie sich ein, nachdem sie das zusammengepresste Vorderteil des Saugers gesehen hatte. „Jetzt hast du Ähnlichkeit mit einem Mops“, meinte sie grinsend.

„Aber so kleine Schönheitsfehler halten uns nicht von der Arbeit ab, meine kleine Dampfwalze. Auf geht’s in die Behandlungsräume. Da kannst du zeigen, was du drauf hast.“ Der Staubsauger nahm wieder Fahrt auf. Er arbeitete sich von Raum zu Raum. Geschickt wich er dem Gerätewagen aus, der für seinen Geschmack eigentlich nur im Weg stand und zu nichts nütze war. Einen besonders großen Bogen machte er um den Behandlungsstuhl. Der Dreck darunter war kaum noch zu übersehen, aber auch für ihn galt: Abstand halten. Wenn ich mir das Virus einfange, dann läuft hier doch gar nichts mehr, dachte er.

Kurz bevor er den Raum verlassen wollte, touchierte er die eine Rolle des Arbeitsstuhls. Aufgeschreckt aus tiefem Schlaf und sauer über die nächtliche Ruhestörung, verfolgte er den Störenfried in einem immer schnelleren Tempo. Gebannt sah Maria dem Treiben auf dem Bildschirm zu. Ihre Finger flogen über den Joystick, doch der gehorchte ihr nicht mehr. Entsetzt starrte sie auf den Staubsauger, der zu einem Sprint ansetzte und dann krachend durch die Glastür auf die Straße flog, gerade noch rechtzeitig, ehe der Stuhl ihn erwischen konnte.Ihr eigener gellender Schrei schreckte Maria hoch. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Kurz darauf rasselte der Wecker. Es war Zeit, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Alle Haiku-Gedichte in "Den Wind jagen" von Heike Gewi sind im Zeitraum von Januar 2008 bis 2012 entstanden und, bis auf einige Ausnahmen, als Beiträge zur World Kigo Database zu verstehen. Betreiberin dieser ungewöhnlichen Datenbank ist Frau Gabi Greve. Mit ihrer Anleitung konnte das Jemen-Saijiki (Yemen-Saijiki) systematisch nach Jahreszeitworten für Bildungszwecke erstellt werden. Dieses Jahr, 2013, hat die Autorin die Beiträge ins Deutsche übersetzt, zusammengefasst und in Buchform gebracht. Bei den Übersetzungsarbeiten hat die Autorin Einheimische befragt und dabei kuriose Antworten wie "Blaue Blume – Gelber Vogel." erhalten. "Den Wind jagen" heißt auch, Dinge zu entdecken, die sich hoffentlich nie ändern. Ein fast unmögliches Unterfangen und doch gelingt es diesen Haikus Momente und zeitlose Gedanken in wenigen Worten einzufangen und nun in dieser Übersetzung auch für deutschsprachige Leser zugänglich zu machen.

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