Peter Valentin

Bergauf, damit es nicht bergab geht

Wanderung nach Andechs am 29.9.2010

mit Sepp Allwang

 

„Bergauf, damit es nicht bergab geht“

 

09.10 Uhr besteigen wir den „Alex“ nach München, nachdem ich Sepp 20 Minuten vorher -wie verabredet- mit dem Pkw abgeholt habe. Wie immer erwartet er seinen Fahrdienst bereits vor seinem Haus. Es ist bewölkt, nebelig, naßkalt. Vor einer Stunde hat es noch leicht genieselt.

Eigentlich habe ich heute keine rechte Lust zu wandern. Was soll ich bei diesem Wetter und schlechter Sicht auf,m Klosterberg Andechs?. Na gut, das Kloster an sich ist schon ein wahrer Anziehungspunkt. Ein gemeinsamer Spaziergang in der Holledau täte es aber heute auch. Ich rufe Sepp an und erkläre meine Sichtweise. „Dann fahr i halt alloan,s“ läßt er mich kalt seinen beharrlichen Eigensinn spüren. Wenn er sich was vorgenommen hat, zieht er es eiskalt durch, da kann kommen was mag. Das Wetter hat darauf schon gar keinen Einfluss. Also stehe ich kurz vor 09.00 Uhr vor seiner Tür. „Wo bleibst denn, i wart scho a Stund auf di“ begrüßt er mich, „a bisserl früher waar ned schlecht gwen“. Bei ihm kann man halt nie früh genug sein.

Stumm sitzen wir uns dann eine dreiviertel Stunde in der S-Bahn gegenüber.

Je näher wir unserem Wandergebiet kommen, umso mehr lösen sich die Regenwolken auf und die Sonne kommt immer häufiger zwischen den Wolken hervor.

Vom S-Bahnhof Seefeld-Hechendorf wandern wir auf dem Fuß- und Radweg entlang der Hauptstraße bis zu Schloss Toerring, das wir nach einer halben Stunde, auf den letzten Metern stufenweise und leicht schnaufend erreichen. „Des is des Schloss Toerring, des kennst ja bestimmt“. Mehr will er sich dazu nicht äußern. Er ist heute nicht besonders gesprächig. Schon so oft ist er hier vorbeigekommen, dass er es gar nicht mehr aufzählen kann. Er geht davon aus, dass sein heutiger Begleiter ebenfalls sein in Jahrzehnten angereichertes Hintergrundwissen hat. „Ich weiß“ antworte ich knapp. Mehr gibt auch meine Gemütsstimmung nicht her, denn ich bereue noch meine halbherzige Entscheidung Sepp heute auf den Bier-Berg zu Fuß zu begleiten. Wir durchschreiten das Hofgelände und halten uns links.

 

Kurz nach dem Schloss teilt sich der Weg. Ein Schild mit der Aufschrift - Fotografieren zu gewerblichen Zwecken bedarf der Erlaubnis - sticht mir ins Auge. Sehr clever auf diese Art und Weise Einnahmen zu generieren, geht es mir durch den Kopf.

„Noch dem Boch miass,n mia uns rechts hold,n“ bringt er mich gedanklich wieder auf die rechte Spur, denn irgendwie bin ich „abgetaucht“ und mit meinen Gedanken ganz woanders.

„Mia miass,n aufbassen, dass ma uns ned verlaffa, krummelt er einsilbig und meint damit, ich soll auf die Wegverzweigungen aufpassen, denn Sepp kann auf beiden Augen nur noch hell und dunkel unterscheiden.

Wir gehen eine Zeitlang entlang des Höllbaches, der reichlich Wasser führt, denn in den letzten Tagen hat es ausgiebig geregnet.

Ein paar Frauen, schon von weitem auszumachen, kommen uns lärmend entgegen, mit denen der bisher wortkarge Sepp so liebend gerne ins Gespräch zu kommen sucht. Ihm gelingt das mühelos. Ich hänge immer noch in der Gedankenschleife, während er sich nach dem weiteren Wegverlauf erkundigt.

Die Luft ist kühl und rein. Nach wenigen Metern orten meine Nase und Augen auch schon im nahen Unterholz die ersten Schwammerl, denen ich allzu gern ins Unterholz folgen würde, denn Schwammerl suchen ist eine Leidenschaft von mir. Sepp interessiert mein Seitensprung ins Gebüsch überhaupt nicht und geht achtlos und festen Schrittes an mir und meiner freudigen Entdeckung vorbei. „Mia san wegn Andechs hier und ned wegn deine Schwammerl“, stellt er meine Frusttoleranz auf die Probe. Er hat ja nicht ganz Unrecht, aber könnte er da nicht ein bisschen toleranter und entspannter sein? Ich haste auf den Weg zurück und er grinst mich unschuldsvoll aber voller Hinterlist an. Warum drängt,s ihn so arg? Wenn ihm nicht schon Moos auf dem Rücken wachsen würde.... Ich verkrieche mich in mein Schneckenhaus und halte meinem Unmut zurück.

 

Nach einer dreiviertel Stunde erreichen wir den Widdersberger Weiher, dessen Wasser jetzt im Herbst fast vollständig abgelassen wurde. Es ist still, nur ein paar Wildenten schnattern aufgeregt als sie uns wahrnehmen. Wir genießen das Schauspiel der Enten und den Blick auf den Weiher, aus dem

der Nebel aufsteigt.

Nach anderthalb Stunden überqueren wir eine Autostraße, die nach Andechs abbiegt. Ich bin nun sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind, denn der Wanderweg ist nur halbherzig und lieblos markiert und anscheinend seit Jahren vernachlässigt.

Sepp ist diesen Weg schon oft in seinem Leben gegangen, doch er sieht seit gut drei Jahren - nach einer Augen-OP - so gut wie gar nichts mehr. Sein Orientierungssinn und sein Gedächtnis sind daher um so erstaunlicher. Überhaupt gestaltet er seinen Alltag sehr souverän. Das schafft er nur, weil er geistig sehr wach und selbstbewusst ist, über eine gute Portion Übermut und noch mehr an Gottvertrauen verfügt. Wenn er mit seinem Rad,l durch die Innenstadt Freisings mehr kurvt als gerade fährt, denke ich mir manchmal, dass er hier noch mal sein Ende finden wird oder eher doch auf einem Gipfel seiner geliebten Berge. Ob er sich Gedanken über den Tod macht? Darüber redet er nicht. Darüber denkt er glaube ich auch gar nicht nach. Ich vermute, er schaut von Tag zu Tag und nimmt gelassen hin, was er sowie nicht beeinflussen und entscheiden kann. Und mit diesem Urvertrauen und seiner beängstigenden Gelassenheit besteigt er jeden Berg Schritt für Schritt bis zum Gipfel, bis es eines Tages nimmer geht.

 

Wir halten uns rechts in Richtung Süden, den Waldrand haben wir jetzt meist auf der linken Seite. Wir reden wenig, nur sporadisch fällt das eine oder andere Wort. Außer dem monotonen, gleichmäßigen Aufschlag seines Wanderstockes ist nichts zu hören. Hin und wieder ein Blick rechts auf den steilen Abhang. Ich muss wachsam sein und Sepp im Auge behalten. Ein Sturz könnte fatale Folgen haben und der Schritt meines Begleiters ähnelt häufiger - mehr als mir lieb ist - dem eines Betrunkenen.

Der Sepp benutzt nur einen „Stecken“, denn die andere Hand die verstümmelt ist, wurde ihm vor mehr als 70 Jahren zerschossen und ist steif. Der Steckschuß einer russischen Kugel explodierte und zerriß ihm seine rechte Hand. Seine Erinnerungen an diese schwere Zeit, er wurde als blutjunger Soldat in den Kaukasus abkommandiert, lassen ihn bis heute nicht los.

Unerträgliche Schmerzen, extreme Kälte, Hunger, Todesängste, sterbende Kameraden, die Ohnmacht diesem irren und brutalen Krieg zu entkommen haben ihn bis heute geprägt. Welch unglaubliche Leidensfähigkeit, übermenschlichen Überlebenswillen braucht ein Mensch um diese Hölle zu überleben? Dieser ungebrochene Wille und seine eiserne Disziplin sich allen Schwierigkeiten und Bequemlichkeiten entgegenzustellen, scheint bis zum heutigen Tag anzuhalten und sein Verhalten zu prägen. Die Anstrengungen und Mühen des Bergwanderns sind mit nichts zu vergleichen mit dem was er im Krieg erlebt hat. Seine Kriegserlebnisse haben ihn hart werden lassen, zu sich und allen anderen. Der Sepp gibt niemals auf. Du darfst nicht aufhören, keinen Tag, keine Woche. Wenn du es mal einreißen lässt, ist es viel schwieriger wieder anzufangen. „Woaß,d wenn i ned regelmäßig gehen dad sondern aufhör, dad,s sofort mit mia bergab geh,n und dann is aus, dann geht gar nix mehr“. Und so müht er sich seit Jahrzehnten bergauf, dass es mit ihm nicht bergab geht. Das ist also der Antrieb, Tag für Tag, Woche für Woche, sich mit Radfahren, Schwimmen, Bergtouren körperlich fit zu halten. Wer rastet der rostet, ist oft von ihm zu hören. Auch wenn er mir geradezu zwanghaft erscheint, sein unwiderstehliches Wollen, seine eiserne Disziplin und seine mitreißende Begeisterung flössen mir großen Respekt ein. Er kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er den Wandertag im „blumengeschmückten Festsaal der Alpen“ nochmals Revue passieren lässt.

Und ganz nebenbei gibt er sein fundiertes geologisches und botanisches Wissen, dass er sich im Lauf der Jahre angeeignet hat, wie selbstverständlich an alle weiter. Ein Kamerad alten Schlages, von denen es wahrscheinlich nur noch wenige gibt.

 

Sepp hält sein Schritttempo, auch wenn es mal etwas steiler bergauf geht. Wir gehen zügig aber nicht schnell, fast im Gleichschritt, stur gleichmäßig wie er es seit Jahrzehnten macht.

Eine Pause machen wir nicht, es sei denn, den Tee den wir unter der Fahrt in der S-Bahn getrunken haben, am Wegesrand in den natürlichen Kreislauf peu à peu zu entlassen.

Er gibt mir nur eine Anweisung: „Geh mir bittschön a Meta voraus, do wo der Weg guad is, wo koane Stoana und Wurzeln san, do ko i hinter dir hergehn, woaßt, i siehg de Wurzeln un Stoa nimmer“. So folgt mir der Sepp kurzatmig aber gleichmäßig wie ein Uhrwerk Schritt für Schritt.

Andechs erreichen wir so ohne Hast gegen Mittag. Auf den letzten Metern wo der Weg breiter wird, legt er etwas an Tempo zu. Der Durst und der „Kohldampf" beschleunigen seinen Gang. Unterwegs hat ein kurzer aber recht steiler Schluchtweg dem Sepp und auch mir doch noch einige Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Vor diesem Streckenabschnitt hatte er sich ein bisschen gefürchtet. Das war ihm anzumerken. Der Weg, urplötzlich in einen steilen Bergpfad übergehend, war mit Baumwurzeln nur so durchzogen und sehr rutschig. Wäre er diesen Weg auch ohne mich gegangen wie er es mir angedroht hatte? Zuzutrauen ist ihm alles. Ein bisschen Unverständnis und Unmut kommt dann doch in mir hoch. Treibt ihn seine zwanghafte Selbstverpflichtung „ i hob koa Zeit ned, i muaß wos duan“ oder seine Alterssturheit? Aber eigentlich ist es mir wurscht, oder besser gesagt, ich resigniere und kapituliere vor seinem dominanten Willen. Das Berggehen bedeutet ihm so viel und ich bin zufrieden, weil ich mich aufgerafft habe ihn zu begleiten, zufrieden, weil ich mich doch auch wohlfühle und mit mir im Reinen bin. Der Klosterberg zieht uns beide in seinen Bann. Der Lohn unserer Mühe wartet schon auf uns, a frische Maß Andechser Klosterbier. Wahrlich ein nicht zu unterschätzendes Motiv dieses Tagesziel zu wählen, wird mir augenblicklich so angenehm bewusst und zolle dem Sepp meinen stillen Respekt. „Ora et labora“ das Leitwort der Benediktiner gemäß der Regel des heiligen Benedikt von Nursia (480 – 547) gilt auch an diesen Tag für uns. Wir haben uns diese Maß heute redlich verdient, erwandert.

Loben darf ich ihn aber deshalb noch lange nicht. „Red ned so vui“ wäre wahrscheinlich seine kantige Reaktion.

 

Die Silhouette des Kloster taucht wie aus dem nichts im Nebel vor uns auf und ich bin erleichtert. Was hätte ich gemacht, wenn der Sepp unterwegs schlapp gemacht oder gestürzt wäre? Ich mag es mir gar nicht ausmalen.

Die katholischen Kloster-Rindviecher auf der großen Wiese vor den Klostermauern betrachten uns anscheinend als die ihresgleichen – wer bei so einem faden Wetter unterwegs ist, muaß a an Rindsviech sei - sie grölen uns jedenfalls lauthals und vertraut an, als wir schnaufend und schwitzend vorbeigehen. Auch der Sepp ist zufrieden, „a besseres Wetter wia heit gibt’s do gor ned“. Koa schlechts Wetter gibt’s ned, nur a schlechte Kleidung“. Punkt! Aus! Amen! Widerrede zwecklos.

Womit er natürlich recht hat. Hitze mag er nicht und ich ebenfalls nicht. Ein Einwand von mir käme jetzt auch ganz ungelegen und würde nur seinen obligatorischen Einspruch geradezu provozieren. Der Sepp kennt da keinen Spaß.

Ein Walroß-Schnauferer noch beim letzten steilen Treppenanstieg. Dann haben wir es geschafft, ohne Wanderkarte. Nach über 50 Jahren kennt er sowieso jeden Weg und Steig im Gebirge wie seine Westentasche und den MVV-Fahrplan der S-Bahn und Oberlandbahn hat er ohnehin seit Jahren im Kopf.

 

Unterwegs und auch jetzt habe ich kein einziges Wehklagen von ihm gehört. Nur ein kurzes: „I bin froh dass ma do san“, verrät mir, dass er seinem Körper noch sehr viel zumutet.

Das Kloster zieht uns unwiderstehlich an und dann auch geradewegs und sehr zielstrebig in die Klosterstuben. Der Sepp lächelt, und ich spüre seine Erleichterung und die Freude das erste Etappenziel geschafft zu haben. Jetzt braucht er zuerst a Bier. Er liebt die Wechselbeziehung von Schweiß und Bier. Erst schwitzt er von der körperlicher Tortur und dann nochmals bei Bier, Kaffee und Kuchen. Im bayerischen und angrenzenden österreichischen Alpenraum gibt,s wahrscheinlich keine Alm und kein respektables Wirtshaus, das er auf seinem Weg hätt liegen lassen. Das ist freilich auch dem Ansinnen geschuldet, dass der Sepp mit seiner bus-starken Wandertruppe schon auch gerne vom Wirt zu einem Freikaffee und einem Kuchen eingeladen werden wollte, als nur ein „Vergelt,s Gott“ der Wirtin zu hören. Nicht ganz uneigennützig besucht der Sepp also zielgerichtet das eine oder andere Cafe oder Wirtshaus. Aber das hat ihm noch niemand verleidet. Und ein Helles würde er sich niemals in seine Bergschuhe schütten, würden die Füße auch noch so dampfen. Das Bier schmeckt ihm am Berg immer am besten. Und noch vor ein paar Jahren wagte er gelegentlich ein Tänzchen, wenn irgendwo auf einer Almhütte eine Steierische aufspielte. Tanzpartnerinnen hat er ja immer mit dabei auf seinen Touren. Tradition und ein geliebter Brauch verhalfen ihm oft neben seinem Bergheil auch noch zu einem obligatorischen Gipfelbussi. Da dürfte er unerreichter Gipfelbussi-Kini in Bayern sein.

 

Trotz des Oktoberfestes im nahen München ist das klösterliche Bräustüber,l völlig überfüllt. Wir betreten die dampfende und von Rauch vernebelte Wirtsstuben. Dort ist es sehr laut und meine Einkehrlust vergeht mir im gleichen Augenblick. Während ich noch zögerlich nach einem Plätzchen für uns Ausschau halte, stampft er mit schweren Füssen aber zielsicherem Blick und einer plötzlich unerwarteten Vitalität in die Tiefe des Biertempels. Ein Wohlgeruch von Schweinsbraten, Schweinswürstl, Leberkas und Bier staut sich vor unseren Nasen und die Augen gieren nach den Köstlichkeiten in der Auslage. Sein vorher noch so angestrengt wirkender Blick weicht einem bierseligen Lächeln. Wie doch das duftende Angebot irdischer Genüsse dem Körper und der Seele solch vehemente Kraftstöße verleiht. Auf dem Weg zur Selbstbedienungs-Theke erhöht Sepp nochmals die Schrittfrequenz, so dass ich fast nicht mehr nachkomme. Den Sepp kenne ich nicht wieder. Sein Verlangem nach handfestem für seinen bayer. Magen ist jedenfalls weitaus größer als der Durst seiner Seele nach Spiritualität. Wir bekommen noch Platz am Tisch eines Würzburger Ehepaares. Woher kommen all diese vielen Leute her frage ich mich. Unterwegs sind uns nur drei kleine Wandergrüppchen begegnet und in München ist auch noch Oktoberfest.

 

Natürlich alles Leute, die mit Auto und Bus anreisen, verrät er mir. Sepp hält von diesen Leuten nicht viel, auch wenn er diese nie persönlich angreifen würde. Süffisant meint er nur, die wissen gar nicht was ihnen entgeht. „Hi hocka und saufa, des ko a jeda“. Aber ohne sich ein bisschen bewegt und angestrengt zu haben, das will ihm partout nicht in den Kopf.

Zwei jüngere Frauen die wir unterwegs überholt haben, treffen gut eine halbe Stunde nach uns in der Wirtsstube ein und er kommentiert stirnrunzelnd: „ja san de a scho do“. Wir würdigen unseren strammen Wanderschritt und prosten uns amüsiert zu. Mia san holt no guad im Saft.

 

Nach dem ersten Schluck „Dunklen“ ist seine Wortkargheit endgültig vorbei und er beginnt auch sogleich munter ein Gespräch mit dem Ehepaar am Tisch. Schluck ist eigentlich untertrieben, „auf ex“ wäre zutreffender. Auf jeden Fall unterhält er sich mit den Würzburgern, als würde er die schon ewig kennen. Die haben einen Ruhetag auf ihrer Tirol-Rückreise eingelegt und besuchen ebenfalls zu Fuß - zwar auf kürzerem Weg - das weltberühmte Kloster. Das weltberühmte Klosterbier mag da eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Vielleicht auch deswegen die gleiche Wellenlänge, die spontane Herzlichkeit und Sympathie. Schweißgeruch verbindet offenbar und der gegenseitige sportliche Respekt. Auf die ebenfalls redseligen Weinfranken treffen wir ja auch nur, weil die das Oktoberfest ebenfalls verschmähen und die klösterliche Einkehr wie die Gemütlichkeit des Bräustüberls in Andechs dem Trubel des Oktoberfestes vorziehen.

Nun ja, gemütlich finde ich die Atmosphäre hier nicht gerade, dafür herrscht hier zu großes Gedränge, ohrenbetäubender Lärm. Die stickige Luft und der Zigarettenqualm erschweren das Atmen, das noch vor ein paar Minuten so einfach und erfrischend war. Aber, über Geschmack lässt sich streiten. So nehme ich die Situation stillschweigend hin und versuche dem Gespräch am Tisch zu folgen, wobei ich bei dem Gemurmel meist nur Wortfetzen verstehen kann.

Die vielen Maßkrüge auf den Tischen machen mich nachdenklich. Maßkrug und Pkw? Auch unser Ehepaar prostet uns freudig zu und ich erahne, dass das Bier auf Andechs weithin bekannt und geschätzt sein muss und den Münchner Bieren in nichts nachzustehen scheint. Das erklärt auch die zahlreichen Besucher aus Fernost, die das Treiben amüsiert aber auch ungläubig bestaunen. Es geht lebhaft zu, ein unaufhaltsames Gedränge durstiger und hungriger Kehlen, ohrenbetäubendes Gelächter, das das Innenohr hart auf seine Tauglichkeit prüft, sich zu prostende Bierkrüge, Schwaden von nebelartigem weiß-bäulichem Zigarettenrauch, das ist die wahre bayerische Wirtshauskultur. Die Bedienungen rennen wie von einer Tarantel gestochen herum und die Wirtsstuben durchfluten immer aufs neu hereinstürmende Gäste und Busgruppen. Die Klosterstuben gleicht jetzt eher einer Bahnhofsgaststätte am Münchner Hauptbahnhof. Die Lautstärke ist mittlerweile so hoch, dass wir unser eigenes Wort fast nicht mehr verstehen. Wobei ich nicht herausfinde, wieso der Sepp da keine Verständigungsprobleme hat, wo er sonst in stiller Natur öfters mal mich nicht verstehen kann oder will und mich ermahnt:“ Du mußt lauder redn, i versteh di ned“. Aha, jetza, versteh ich, hier drinnen in der Wirtsstuben ist die richtige Lautstärken. Es zieht ihn also auf den heiligen Berg, weil er dort die Leute besser versteht. Und ich dachte die ganze Zeit, der Weg ist das Ziel. Wie naiv ich doch bin. Es ist also nicht nur die Liebe zu den Bergen allein oder des Bieres wegen, nein, hier versteht er einfach die Leute besser. Na klar, leuchtet doch ein, oder?

 

Das erste Glaser,l neigt sich dem Ende zu und Sepp taut immer besser auf, kommt jetzt richtig in Fahrt. Der Lärm haut mich fast um, lässt mich zurückhaltender und wortloser werden. Ich verschwinde zur Toilette und wechsele meine verschwitzte Unterwäsche.

Als ich am Tisch zurück bin, hält mein Freund das zweite Glas Andechser, diesmal ein Helles, bereits in der Hand. Ich lade ihn zu einer Brotzeit ein und besorge uns einen Krustenbraten, den er ohne besondere Mühe hinunter schaufelt. Auch dabei verschafft er sich bei mir Respekt. Was er auch macht, das macht er mit der für ihn typischen und rigorosen Konsequenz, so wie er zwischendrinn immer wieder einen pietätvollen aber kräftigen Schluck des klösterlichen Lebenselixiers aus dem Maßkrug nimmt. Vielleicht wollte er deshalb früher mal Pfarrer werden. Sepp und Pfarrer, mein Blick verklärt sich zu einem süffisanten Lächeln. Da hätte aber vorher das Zölibat abgeschafft werden müssen. Und mindestens 6 Ministranten und 2 Messner hätten es sein müssen, denn „oschaffa duad da Sepp für sei Lebn gern“.

Mein mäßiges Nippen am kohlensäurearmen Mineralwassers straft er dagegen öffentlich ab:

„De junga Leit heit z,dogs verdrogn nix mehr un wie koa ma in Andechs nur a Wasser saufa, des g,hört doch glatt verbot,n“. Das zustimmende Gelächter seiner neuen Tischfreunde und des Nachbartisches geben ihm recht und er blüht richtig auf. Die Zustimmung des neugierig gewordenen Publikums ringsherum bestärken ihn, dass seine Tischfreunde wie er auch, sich darüber einig sind, sich dem bayerischen und mönchischen Brauchtum „maßvoll“ verpflichtet zu fühlen. Schließlich gilt Bier in Bayern als Lebensmittel, wenngleich die bayerische Polizei sehr strenge Lebensmittelkontrollen durchführt. Sepp genießt die öffentliche Anerkennung und Aufmerksamkeit und grinst wieder einmal so abartig listig, dass er mich derbleckt und die Lacher auf seiner Seite hat.

Von nun an gibt er den Unterhalter, dem jetzt alle Tischnachbarn an seinen Lippen hängen. Vielleicht wäre er wirklich ein guter Prediger vor dem Herrn geworden, eine Scheu vor öffentlichem predigen hat er jedenfalls keine.

Die Tomaten, die er zu dem Krustenbraten verzehrt, sind aus seinem Garten. Das sollen unsere Tischnachbarn auch wissen. Den lieben langen Weg hat er die in seinem Rucksack mitgeschleppt. Seine Brotzeit schleppe er meistens selber auf den Berg. Aber auf den Bierberg, da mache er heute mal eine verzeihliche Ausnahme. Für den Erzkatholiken so was wie eine lässliche Sünde, kein Mensch ist fehlerfrei, Prost, Prost, auf die Gesundheit.

Das Ehepaar klärt er so unmissverständlich auf und erwartet mit forderndem Blick die Absegnung seiner These, dass die Brotzeit und das Bier nur schmecken könne, wenn man das Ganze mit auf den Berg geschleppt habe und sich vorher wenigstens „a bisserl“ angestrengt habe.

Wahrscheinlich wusste oder ahnte er schon vorher, dass er sich der Zustimmung sicher sein konnte. Sein unnachahmliches Grinsen verrät, dass er sich in seiner Siegerpose gefällt und Satz für Satz und Schluck um Schluck genießt.

Da habe ich ihn ein weiteres Mal unterschätzt. Mir scheint er hat ein Gespür für Situationen und Menschen und ein Talent als Entertainer, von dem er unterwegs nur spärlich Gebrauch machen wollte. Ich enttarne meinen Wanderspez,l als einen kleinen Schelm und Charmeur, wenngleich als einen humorvollen und liebenswerten.

 

Unser S-Bahn-Fahrplan setzte uns ein Zeitlimit und nach einer Stunde verabschieden wir uns ebenso freundlich wie spontan von unseren Biertisch-Freundschaften, den Halbbayern, den „Preißen“ oberhalb des Weißwurstäquators, nicht ohne uns noch unverbindlich und ohne genauen Zeitpunkt für ein weiteres Treffen in Andechs zu verabreden. Wie ein Ratsch am Biertisch doch verbindet denke ich. Dabei weiß der Sepp gar nicht, ob er in 2-3 Wochen mit seinen jetzt noch leichten Kniebeschwerden überhaupt noch gehen kann. Im Rausch der überschwänglichen Worte und allgemeiner

Heiterkeit gilt bei solch zutraulich geselligen Runden aber grundsätzlich: der gute Wille steht für die Tat.

Mir gefallen diese leutseligen, unbekümmerten Plaudereien, mögen sie auch noch so naiv und illusorisch sein. Keiner nimmt so was wirklich ernst und doch sind alle Gäste sehr umgänglich und nett zu einander. Und davon kann ich manchmal nicht genug bekommen. Auch ohne Alkohol gerate ich in Biertisch-Philosophie. Wie angenehm herzlich und angenehm die Welt für einen Augenblick sein kann.

Die lockere, entspannte Atmosphäre ist doch ein krasser Gegensatz zu dem sonst öden, von Sachlichkeit und Zwängen geprägtem Arbeitsalltag, in dem Pflichten, Termine, Ärger und Hektik den Takt vorgeben.

Nach nur 5 Minuten frommen Aufenthalts in der Klosterkirche verlassen wir den heiligen Berg verbunden mit dem Wunsch, dass wir beide nochmals hier her zurückkommen können.

Ich weiß nicht was Sepp in diesem Moment gedacht hat, ob er sich gefragt hat, dass es möglicherweise das letzte Mal gewesen sein könnte. Seine Gefühle gibt er nicht so leicht Preis. Vielleicht macht er sich auch keine Gedanken darüber und nimmt es so wie es nun mal kommt.

Am 2. Adventswochenende geht er mit seiner Wandergruppe, die er seit über 43 Jahren führt, wieder auf den heiligen Berg. „Aber vorher gehst no mit ins Karwendel un in Boarischen Wald“ versucht er mich für seine Touren zu ermuntern.

Bier und Kloster passen eigentlich gut zusammen, bin ich mir auf einmal ganz verständnisvoll sicher. Mit jeder Maß wird der Blick zwar etwas trüber und verklärter, aber der Glaube und die Fantasie dafür immer stärker, die Frauen immer schöner und die Hoffnung und Lust auf selbige immer größer. Das Verständnis für einander wird in jedem Fall größer. Von einigen Ausnahmen grobschlächtiger Gesinnungsgenossen freilich mal abgesehen.

Homöopathische Mengenbegrenzung hilft da freilich nix. Schon eher die Bierweisheit, Bier „in Maßen getrunken“ schadet auch in größeren Mengen nicht.

Das hilft dem Kloster zu überleben und den Menschen zu glauben, für eine gewisse Zeit sich in Paradies-ähnlichem Zustand zu wähnen.

Das Fleisch braucht a Brot und die Seele a Bier. Und mir wird schlagartig klar, die Mönche waren früher schon sehr clever und geschäftstüchtig und das seit ca 1400 Jahren. Aber warum kriegen die das mittels heiligem Gebräu nicht fertig, dass sie ihre Probleme innerhalb der Kirche nicht hinbringen. Diese Frage beschäftigt mich auf der ganzen abendlichen Heimfahrt. Da kann es nur zwei Gründe geben: Entweder trinken die Herren geistlichen Kirchenführer zu wenig oder heimlich zu viel. Wer weiß es.?

Vielleicht ist der Mensch auch einfach nur eine Sau, flüstert der kleine Teufel in mir und ist der Urheber für meine unsachliche Vermutung und Verallgemeinerung. Aber damit würde ich den Tieren Unrecht tun oder den Kirchenmännern.

 

Um 16.05 Uhr wollen wir in Herrsching die S-Bahn nach München nehmen. Wir müssen uns sputen und legen einen Gang zu. Bergab kein Problem. Bis zum Bahnhof nach Herrsching am Ammersee sind es nochmals 1 ½ Stunden.

Die Unterhaltung gerät unterwegs wieder ins Stocken. Nach einer Weile wirkt Sepp auf einmal doch recht müde und sein Gang arg schleppend und bedenklich wankend. Seine Selbstbelohnung mit dem dunklen und hellen Klosterbier zeigt jetzt doch starke Wirkung und hat sicherlich die Müdigkeit verstärkt. Tapfer mit sich kämpfend schnauft er torkelnd den steilen Weg hinab. Ich fühle mich nicht gut dabei und habe ihn ständig im Auge. An der Bahnstation sind wir beide wirklich froh angekommen zu sein.

Unsere Würzburger Biertischfreunde treffen wir wieder am Bahnhof. Sie waren etwas früher da, weil sie den kürzeren Rückweg gewählt haben. Unser Weg war auf halber Strecke wegen Brückenbauarbeiten gesperrt und mit einigen zusätzlichen Hindernissen versehen. Leider habe ich das Hinweisschild übersehen und uns dadurch den Heimweg unnötig erschwert und verlängert. Ein Typ wie Sepp lässt das aber kalt.

Von solch einfachen Schwierigkeiten lässt sich der Sepp nicht aus der Ruhe bringen. Nicht ein einziges Wort des Vorwurfes höre ich von ihm.

 

„4 Stund san mia heit ganga“ sagt er müde aber zufrieden und erleichtert, als wir den Bahnhofsvorplatz erreichen. „A scheener Dog wor des“, sage ich ohne Argwohn und voller Überzeugung, nachdem wir in der S-Bahn Platz genommen haben. Auf seine Antwort war ich nicht gefasst : „und du wollst erst ned mitfohrn, nur weil des Wetter a bisserl schlecht ausgesehen hot, weil du mia ja nia nix glabst“. Er schmunzelt wieder genüsslich und kostet aus, dass er wiedermal entgegen meiner Vorhersage doch recht behalten hat. So ist er halt, gerade aus, ehrlich, manchmal etwas grummelig und eigensinnig aber nicht nachtragend. Vor allem lässt er sich nicht so schnell von irgendwas oder irgendwem abhalten. Das schätze ich an meinem Wanderfreund.

 

Wir haben kaum auf unseren Sitzplätzen Platz genommen als Sepp auch schon kurz danach ein nickt. Vorher gibt er mir aber ein einziges Mal einen kleinen Einblick in seine Wanderseele, müde aber zufrieden stellt er fest: „mia langds heit – 4 Stund gehn -meint er zum Schluß- is für mi scho zvui, aber drei Stund gangedn scho no“ und die körperliche Strapaze des heutigen Tages steht ihm im Gesicht geschrieben.

 

Sepp wird heuer am 10. Oktober 88 Jahre.

Sepp wird auch die nächste Woche und viele weitere Wochen, wenn Gott will, wieder bergauf gehen. Er geht, weil es seine Lebensphilosophie ist, weil er gehen will und weil er gehen muss, damit es mit ihm nicht so schnell bergab geht.

4323 Wörter, 27.563 Zeichen und 18 DIN A4 Seiten

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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