Wolfgang Scholmanns

Aron, Retter in der Not

„Guten Morgen, Aron. Na, sollen wir wieder in den Wald gehen?“
Mein Jagdhund, ein „Kleiner Münsterländer“, wedelt heftig mit dem Schwanz. Er versteht genau was ich sage und setzt sich wartend an die Tür.
„Einen Moment muss du dich noch gedulden. Ich ziehe noch meine Stiefel an, dann können wir los.“
Aron ist ein kräftiger Rüde. Mit einer Schulterhöhe von neunundfünfzig Zentimetern und einem Gewicht von achtundzwanzig Kilogramm, ist er ein großes Exemplar seiner Rasse. Seine schönen braunen Augen sind wachsam und wenn er läuft, sieht man unter dem glänzenden Fell die kräftigen Muskeln spielen. Aron ist sehr gelehrig und eine mir treu ergebene Seele.
Münsterländer sind Wasserratten und Aron, mit dem ich in den letzten Wochen das Apportieren im Wasser geübt habe, möchte bestimmt zu dem kleinen See, der unmittelbar am Rande eines Waldgebietes liegt.
„Na dann komm, ich weiß ja, dass du schlechte Laune bekommst wenn du nicht in den See darfst.“
Ableinen, das Kommando „Voran“ rufen, und schon zischt Aron ab. Zunächst einmal werden einige Runden auf der vor dem See gelegenen Wiese gedreht um die Muskulatur und die Gelenke richtig in Schwung zu bringen, dann geht’s ab zum Seeufer. Ich setze mich auf einen Baumstamm, der vor einigen Wochen noch Teil eines Maulbeerbaumes war. Dieser ist dem verheerenden Orkan Kyrill zum Opfer gefallen. Ich erinnere mich noch gut an die Jahre, in denen ich seine süßen Beeren gesammelt habe und meine Mutter sie zu Gelee verarbeitet hat. Manchmal, wenn es nur wenige waren, mischte sie Brombeeren dazu. Mmmmh, dann schmeckte er mir am besten. Na ja, das liegt schon über vierzig Jahre zurück.
Mein Blick schweift über das weite Gelände und ich spüre, wie mein Geist die Düfte dieses friedlichen Frühlingsmorgens genießt. Leises Summen von Insektenscharen, hier und da Ansätze eines Froschkonzertes, sonst ist es still und friedlich. Aron, der seine Schwimmaktion beendet hat, macht es sich im warmen Sand bequem.. Helläugigen Frühlingsblumen schmücken die saftige Wiese und es scheint so, als begrüßten die sonnengelben Schwertlilien lachend den jungen Tag. Dieses mir seit meiner Jugend liebgewonnene Fleckchen einst unberührter Natur, wird in den letzten Jahren immer mehr zum Ausflugsziel rücksichtsloser Camper und Freizeitsportler. Oft sehe ich jetzt Teile des Geländes mit Abfällen übersät und Getränkedosen oder Flaschen im See treiben. Der alte Steg ist auch schon dem Vandalismus betrunkener Jugendlicher zum Opfer gefallen und sein betreten nun nicht mehr ganz ungefährlich. Aber halt, da bewegt sich doch etwas auf dem Steg. Scheint ein Baummarder zu sein. Ein paar Schritte und platsch, das Tierchen landet im Wasser. Ein Geräusch wie das Weinen eines kleinen Kindes dringt an mein Ohr. Spontan gebe ich Aron, der das Schauspiel beobachtet hat, den Befehl „Apport“. Schon nach
kurzer Zeit hat der gehorsame Hund das Tier erreicht. Vorsichtig apportiert er es in seinem Fang und legt es vor mir ab. Ein kleines braunes Kätzchen ist es, das jetzt triefendnass und zitternd vor meinen Füssen liegt. Ich lobe meinen Hund, gebe ihm ein Stück getrockneten Pansen zur Belohnung und widme meine Aufmerksamkeit dann dem zitternden Tierchen.

Na, du kleine Wasserratte, ich werde dich mal trocken legen.“
Das alte Handtuch, das ich immer in meinem Rucksack habe, leistet mir hier gute Dienste. Dem kleinen Kater scheint das zu gefallen, er schnurrt leise. Nachdem Aron noch eine Weile an ihm herumgeschnüffelt hat, verabschiedet sich Katerchen, versetzt Aron aber vorher noch einen schnellen Hieb auf die Nase.
„Das ist nun der Dank, lieber Freund.“, sage ich zu Aron, der sich mit der Pfote übers Gesicht wischt. „So ein gehorsamer Hund. Ich bin sehr stolz auf dich.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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