Patrick Rabe

Adam, Eva und Lilith (das Geheimnis von Mann und Frau)

Adam, Eva und Lilith - eine deutende Annäherung an die zweite Schöpfungsgeschichte der Genesis und wie sie uns bei der Versöhnung von Mann und Frau, Mensch und Natur helfen kann

 

Die Geschichte von der Erschaffung des Menschen aus der Genesis, dem ersten Buch der Bibel, ist die ältere von den beiden dort erzählten Schöpfungsgeschichten.  Mir scheint, sie kann uns bei der Heilung unserer Beziehungen zueinander, der Versöhnung von Mann und Frau  und der Heilung unserer Beziehung zu Gott und Schöpfung helfen. In der Luther-Übersetzung lautet sie wie folgt:

 

"Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.  Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.  Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme.  Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold;  und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.  Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.  Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.  Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.  Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten,  aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.  Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen.  Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.  Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.  Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.  Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.  Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht."

 

(1. Buch Mose,2)

 

Vielen modernen Lesern ist außerdem die Geschichte von Lilith wichtig und geläufig. Sie ist Bestandteil der jüdischen Mythologie und gilt dort als Adams erste Frau, die ihn beim Sex beherrschen und oben sitzen wollte, danach von Adam und Gott verworfen und durch Eva ersetzt wurde, und daraufhin ein gefürchteter Dämon wurde. Diese Ergänzung hat für viele Spekulationen gesorgt und wurde im 20. Jahrhundert wichtig in den feministischen Bewegungen von Judentum und Christentum, sowie der Psychologie und Psychoanlyse.

 

Ich habe mich mittlerweile sehr eingehend mit dieser Geschichte und auch mit der Figur der Lilith beschäftigt. Ich möchte hier einmal eine Deutung versuchen.

 

 "Lilith" ist das Wort, das im hebräischen "Tselah" heißt, also "Seite", "Schatten", oder wie Luther übersetzt, "Rippe". Alleine etymologisch lautmalerisch fällt auch die Nähe zwischen "Tselah" und "Seele" auf. Später taucht das Motiv der die Seele ergänzenden Gefährtin auch in den Psalmen und anderen Geschichten auf, wie im salomonischen Hohelied, oder im Gleichnis Jesu von den "Lilien auf dem Feld". In diesen Erzählungen wird sie "Lilie" genannt (auf hebräisch Schoschanna, Susanna, wie ja auch eine Jüngerin Jesu hieß). Daraus leitet sich der Name Lilith ab. Es gibt eine diesem Sinngehalt folgende, sehr poetische jüdische Übersetzung der zweiten Schöpfungsgeschichte.

 

Darauf aufbauend habe ich folgendes abgeleitet:

 

Adam (der Name bedeutet "Erde") wurde von Gott mit lebendigem Atem behaucht (ruach, der Anhauch). Dadurch wurde er ein lebendiges Wesen. Gott erkannte, dass er jemanden brauchte, der ihn ergänzte und führt ihm mehrere Tiere vor.  Adam benennt sie alle, doch er wählt keines davon als Gefährten oder Seinesgleichen. Da macht Gott ihm aus  dem schattigen Aushauch (Tselah) eine Frau. Demnach repräsentierte Adam die aktive und eher warme Seite des Atems, seine Frau die eher kühle, sich hingebende und angenehmen Schatten spendende Seite des Atems. Gott wollte, dass seine Kronengeschöpfe sich selber einen Namen aussuchen. Er überlässt Adam, dem aktiven Part die Wahl. Er nennt sich schließlich "Isch" ( der Mann) und seine Frau "Ischa" (die Männin). Am Nachmittag, als die Sonne höher steht und brennt, wächst in beiden die Lust auf Sex. Da benennt er sie in Lilith (bzw. Schoschanna) um, und schläft mir ihr, laut Mythos in der Reiterstellung, also mit ihr oben. Abends, als es kälter wird, und er etwas zum Kuscheln braucht, nennt er sie Eva (Chava). Das bedeutet "Leben" bzw. "die Leben schenkende", ist aber auch verwandt mit  Eve(ening). Dieses klingt an "Evil" an (das Böse, das Übel). Sich seiner Frau nun in weniger deutlichen Lichtverhältnissen hinzugeben, erfordert Mut von Adam. Erst, als Laila (die Nacht) sie schützend umhüllt,  und Mond und Sterne angehen, finden beide im "Ich bin, der ich bin"-Bewusstsein zueinander, in wortlosem Vertrauen zueinander. (Jahwe, "Ich bin, der ich bin", der hebräische Name Gottes). Nun erkennen (biblisch in der Doppeldeutigkeit "begreifen" und "miteinander schlafen") beide, dass sie auf der Erde sind, vom Himmel behütet, und fühlen sich dort wohl und in Gottes Hand geborgen.

 

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Ebenso, wie viele Frauen unterschwellig oder offen Angst vor Männern haben, ist dies auch umgekehrt, auch wenn dies nur wesentlich seltener thematisiert wird. Frauen haben sehr oft Angst vor der körperlichen Gewalt, die von Männern ausgehehn kann. Die Sache liegt jedoch tiefer. Der immer radikaler und unversöhnlicher werdende Feminismus der letzten Jahre legt ein Maß an Verletztheit offen, das erschüttert. Der Ton wurde rauher. Und die Männer reagierten oft entsprechend, oder völlig verängstigt. "Woman is the nigger of the world", wie es John Lennon formulierte, ist nur die halbe Wahrheit. Auch Männer haben unter Frauen und ihrer Art von seelischer und körperlicher Gewalt gelitten.  Sie haben Angst vor Frauen und dem Unergründlichen des weiblichen Wesens, genauso, wie es umgekehrt ist.

 

Viele Männer trauen sich mittlerweile zur Gewalt ihres eigenen Geschlechts zu stehen, oder diese zuzugeben. Was jedoch viel mehr Angst macht, ist die Gewalt der Frauen. Erstens macht diese den Männern Angst, weil es in den meisten Fällen eine Art der Gewalt ist, die unabhängig ist von der Stärke oder Schwäche des Körpers und dem Vorurteil widerspricht, negativ ausgelebte Stärke könne nur von kräftig gebauten Körpern ausgehen, zweitens macht es ihnen noch mehr Angst, zuzugeben, dass es auch körperlich schwächere Männer gibt, die Frauen unterlegen sein können, vielleicht dann auch noch sogar emotional, und drittens, und das ist das Schlimmste, macht es ihnen Angst, eine Mutter könne das Böse und Bedrohliche verkörpern. Denn die Mutter symbolisiert und repräsentiert bei jedem Menschen das bergende, Schutz gebende Prinzip. Dass im Mittelalter der Teufel manchmal als Frau dargestellt wurde, wird immer mal wieder neu entdeckt. Ist aber auch keine Lösung. Die Teufelskarte ist die Teufelskarte.

 

Ich glaube, was wir Menschen heute leisten müssen, ist, das Problem von der Ebene der Analyse, die man klassischer Weise psychologisch und mythologisch dem Mann zuschreibt, und die vom Abstand und der Distanz zueinander lebt, wieder in die Ebene der Verbindung zu bekommen, in die Verbindung der Sympathie, des gegenseitigen Verständnisses und der Liebe, die man klassischer Weise der Frau oder der Weiblichkeit zuschreibt.  Denn lösbar ist unser menschliches Dilemma nur in der Verbindung und der Vereinigung.

 

Passivität, und das Problem durch Abwarten, aussitzen und aushalten zu lösen, hat sich als äußerst schädlich erwiesen, für beide. Den Männern, weil sie dieses schwer aushalten und den Frauen, weil ihnen das, was dann in ihnen aufsteigt, oft rätselhaft ist.

 

Weder Distanz und Analyse, noch Verbindung und Vereinigung sind an sich das Problem.  Das Problem ist die jeweilige Angst davor. Die Angst vor den hervorstechenden Eigenschaften des anderen, und die Angst vor den ungenutzt und ungelebt in einem selber schlummernden  Kräften, die man unter Umständen verteufelt, weil man nicht weiß, was man damit anfangen soll, und sie daher nur im Anderen vermutet.  In den Zwischenraum der Angst, wenn man ihn nicht mit Bewusstsein, Liebe, Sympathie und Annahme füllen, und das, wovor man Angst hat , als zu sich gehörig erkennen  und aktiv ergreifen kann, treten dann oft als diffus erlebte, einen überwältigende, übermächtige Kräfte.

 

Diese Kräfte bannen zu wollen, indem man sie auf Distanz hält - egal wie - durch Analyse, durch Umwandlung oder Umerklärung, das Bannen in Bilder, das magische Einsperren der einem unheimlichen Energien in Menschen, Tieren und Gegenständen,  hat sich als trügerischer und gefährlicher Irrweg erwiesen. Dieser Weg führt oft zu Sündenbocksuche und Opferlammschlachtungen. Einen Dämon, den man nicht liebt, kann man weder besiegen noch für sich zum Guten umwandeln. Was man wirklich im tiefsten Inneren für Böse und einem nicht zuträglich hält, kann man sich nicht zum Freund machen.  Das tiefe Misstrauen ineinander und auch das uneingestandene Misstrauen in sich selbst, haben uns in den heute vorherrschenden Zustand der Angst voreinander, des voneinander Abstand Haltens, des einander für gefährlich Erachtens und der zunehmenden Weigerung, einander berühren zu wollen (egal, ob körperlich oder seelisch) geführt.

 

Die aus meiner Sicht paranoide Angst vor Grippeviren ist nur ein Symptom einer beängstigenden Entwicklung der Entfremdung des Menschen von sich selber und dem Mitmenschen , der bereits in Michel Houellebecques Roman "Elementarteilchen" und in dessen großartiger Verfilmung angedeutet ist. Im vermeintlichen Erkennen des puren Feindes im anderen und in der Abwehr derselben Kräfte in sich selber ist eine Abkehr vom wirklich Menschlichen an sich enthalten, von allem, was das Leben lebenswert macht.

 

Die größte Angst des weiblichen im Menschen ist aber weder die Angst vorm Körper, noch die Angst vor der Seele, sondern die Angst vorm erkennenden Geist. Dies, weil er göttlich ist und, weil man Angst hat, von ihm abgelehnt zu werden. Was uns aber noch mehr Angst macht, bzw. den Männern, ist die weibliche und ins nächtlich-irrationale hineinreichende Seite des Lebens. Das, was mit dem Geist passiert, wenn er sich in den unausgeleuchteten und angstmachenden Tiefen der Seele verliert.

 

Die weibliche Geisteskraft, die erfassend und gestaltend ist, ohne dafür die Ratio zu gebrauchen, ist weder böse, noch gefährlich an sich.  Ohne sich positiv mit der Ratio zu verbinden und sich von ihr führen zu lassen, neigt sie aber zu Wahnsinn, Zerstörung und Chaos. Wenn man nicht sein eigener Feind ist und jene Seite in sich kennt, kann sie einem nichts anhaben. Doch mir scheint, wir haben uns alle zu weit ins Unbekannte, ins Dunkle und ins für uns nicht händelbare gewagt.

 

Kräfte nutzen zu wollen, ohne sie zu verstehen, ohne mit ihnen im Einklang zu sein , und ohne sie zu lieben und ihren inneren Regeln und Beschaffenheiten zuzustimmen, ist immer Benutzung, Ausnutzung und Ausbeutung, egal, ob es sich hierbei um die Natur, die Tiere, die Menschen, die Intelligenz, das Gefühl, die Männer oder die Frauen handelt. Mit Ressourcen nicht liebend, sinnvoll und wertschätzend umzugehen, und ohne jemanden zu beschneiden oder ihm etwas ihm Liebes zu nehmen, ist immer Missbrauch.  Die Tendenz, Dinge für sich nutzbar machen zu wollen, die man nicht beherrscht, oder sie sich räuberisch anzueignen, und überhaupt der Glaube, alles beherrschen zu können und zu dürfen, ist schädigend und verrät nur wenig Weisheit und Demut.  Sie hat uns in ein "Höher, schneller, weiter"-gebracht, in einen Fortschritt, dessen Richtung uns überhaupt nicht mehr klar war.  Die Natur schenkt sich uns völlig unvoreingenommen. Gott hat sie uns dargebracht, um mit, von und in ihr zu leben, ohne sie zu verletzen und zu schädigen.

 

Was wir uns in Liebe, Demut und Dankbarkeit nehmen, ohne dabei unser Gewissen zu beflecken, gehört uns. Damit können wir umgehen, ohne uns selbst, anderen oder dem großen Ganzen zu schaden. Was wir uns nehmen, ohne etwas damit anfangen zu können, essen, ohne es verdauen zu können, benutzen, ohne es zu lieben, macht uns krank, weil wir es schädigen, weil wir es durch unser Verhalten nicht heiligen und dem Leben zuführen, sondern es verletzten und indirekt oder direkt töten.

 

Der weibliche Teil Gottes, des Menschen und der Natur hat mittlerweile große Angst vor dem männlichen, weil sich zu oft erwiesen hat, dass dieser wie ein Angreifer über den sich in Demut, Vertrauen und Verletzlichkeit zeigenden Teil herfällt, ihn niederschlägt, ausplündert, und dann zerstört und verwüstet zurücklässt. Die Lage, in der Mensch, Flora und Fauna heute sind, verlangen nach neuen Wegen.

 

Der Mythos von der einseitigen Schuld des Mannes oder der Frau muss fallen, ohne die Tatsache des möglichen Schuldigwerdens oder die Verantwortung voreinander zu negieren. In Beiden ist potenzielle Gewalt und die Lust daran. Beide müssen aber auch zugeben, dass ihnen Passivität, ab dem Punkt, wo sie in Machtlosigkeit umschlägt, unheimlich ist, wenn sie befürchten müssen, dass der andere sie dann ausnutzt und erbarmungslos zuschlägt.

 

Machtlosigkeit und Ausgeliefert sein besiegt man nur durch Vertrauen. Wer sich machtlos fühlt, dem wurde die Macht, Kontrolle und Herrschaft über sich selbst genommen, er wurde aus seiner inneren Mitte gerissen. Ihm wurde der Zugang zu seinem Wesen und dessen aktivem Ausdruck geschwächt. Ein gesunder Mensch erlebt den inneren Halt als ein In-Sich-Ruhen, als ein Getragenwerden ohne Fremdbestimmung, als ein aktiv-lebendiges mit-Sich-im Einklang-Seins ohne künstliche oder erzwungene Selbstkontrolle, der Abwehr von innerer Leere oder diffusem, dunklen Chaos oder der Vermeidung oder Unterdrückung lebendiger Impulse.

 

Wer mit seiner Männlichkeit eins ist, muss sie nicht fürchten, er wird Testostoron, Aggression und Trieb stets gestaltend, kreativ (also schöpferisch), und konstruktiv einsetzen.

Wer mit seiner Weiblichkeit eins ist, hat "Ja" zum sich Hingeben und Empfangen gesagt, weil man es als Beschenktwerden und nicht als Vergewaltigung begreift.

Das Geschlechtliche ist ein Aspekt von Mann und Frau. Er sagt nichts aus über die generelle Aktivität oder Passivität, Kreativität oder Einfallslosigkeit von beiden.

Mann und Frau müssen sich ihre Lust am Geschlecht und am Ausprobieren von sexuellen Möglichkeiten zugestehen und erlauben , damit beide auch das Väterliche und Mütterliche in sich kultivieren können und nicht ihrem inneren Diktator oder ihrer inneren Diktatorin, ihrem inneren Mörder, ihrer inneren Mörderin zum Opfer fallen.

 

Wenn ein Mann machtlos geworden ist, sehnt er sich nach Wiederermächtigung. Das kann ihm nur eine Hinwendung zum männlichen Pol ermöglichen und nicht eine weitere Negierung oder Verteufelung dessen. Einen Mann dazu bringen oder erziehen zu wollen, auf Affekte, Wut oder Cholerik verzichten zu müssen, oder zu glauben, er könne das je erreichen, ist sinnlos und eine Verkennung seines Wesens, was ebenso schädlich ist, wie die Verkennung des weiblichen Wesens. Genauso kontraproduktiv ist jedoch die Reduktion der Frau und des weiblichen auf Passivität, Empfangen und Kinder gebären. Das ist menschenverachtend und platt, egal, ob man es religiös oder biologistisch begründet. Ein Mann, der so denkt, nimmt sich den Zugang zum faszinierenden, funkelnden Garten der Frau, in dem Rosen und Lilien gleichermaßen blühen. Durch Klischees, Reduktion und Kampffloskeln entstehen Protest und Gewalt auf beiden Seiten, anstatt sie zu verhindern. Alles, was zu uns gehört und uns verboten oder verteufelt wird, wird unser Feind und zur uns unbekannten und unkontrollierbaren Größe, derer wir im Zweifelsfall nicht Herr sind.

 

 

Sich selber wieder ermächtigen kann man durch aktive Handlungen, weil man dadurch die Leere, in die Angst und Dunkelheit getreten sind, füllt. Dies kann man durch Kunst, Sport, Wandern und vieles mehr. Am Wichtigsten ist dabei, dass das, was man dann tut, genau das ist, was man wirklich will.

 

 

Die Hinwendung zu Gott und Jesus Christus  ermöglicht Verzeihen und Heilung.  Gott hat zum ganzen Menschen "Ja" gesagt, zu allem an uns. Gott kann dann die Seele und den Geist des Menschen wieder gesund machen. Doch nie gegen die Seele, den Geist oder besseren Wissens. Einen Selbstbetrug spürt die Seele und lehnt sich dagegen auf.

 

Am Besten für die innere Einswerdung- wenn es um Mann und Frau geht - ist natürlich Sex geeignet, das aber nur, wenn keiner von beiden die Vorlieben des anderen als unangenehm und ihn schädigend empfindet. Beim Sex- und das ist meines Erachtens der einzige wirklich in die Tiefe führende und dort wohltuend wirkende Bereich - kann man gewalttätige Impulse, düstere Phantasien und Machtspiele aneinander ausleben, ohne Schaden zu nehmen.  Das geht aber nur im echten Vertrauen, in der völlig distanzlosen, echten und ungeheuchelten Liebe und der ehrlichen Lust aufeinander. Dafür muss sowohl der Mann, als auch die Frau ihrer eigenen Gewalt und ihres Potenzials zur Zerstörung inne werden, in konstruktiver Weise "Ja" dazu sagen und gemeinsam diese Praktiken in Liebe ausleben. Den Einsatz von Sex in distanzierten therapeutischen Verhältnissen halte ich für falsch, unter anderem deswegen, weil es illusorisch ist, zu glauben, dabei würden nicht doch Sympathie und Lust entstehen, und zum Anderen, weil das Abkoppeln der Sexualität und des Triebes von der Emotion zu Entfremdungszuständen, Angst, und dem Wunsch und Drang , die Triebkräfte zerstörerisch und gewalttätig auszuleben, führt. Was wir heute wieder lernen müssen, ist, unbefangen und ohne Angst aufeinander zuzugehen. Dabei hilft gegenseitiges Vergeben,  ehrliche Aussprachen, das Rauslassen von allen Fragen, aller Wut, aller Traurigkeit und allen Anklagen, und das Formulieren dessen, was man vom anderen gerne möchte, Überwinden von Angst und Scheu...und dann Streicheln, Küssen, Umarmen , sich hingeben und Sex haben.

 

Es gibt diesen alten Witz: "Komm, wir spielen Jesus. Ich leg dich aufs Kreuz und nagel dich!" Das ist zwar ein unglaublich plattes Fazit, und in dieser Knappheit dem vorangegangenen Artikel auch nicht gerade angemessen, aber es zeigt zwei Dinge auf: Erstens den Mangel an adäquaten Worten für die vielschichtige Magie des Sex, der Erotik und der Liebe, zweitens aber auch den Wunsch, das ganze wieder unkomplizierter und befreit von Ideologischem Ballast anzugehen.

 

"Sie waren beide nackt und schämten sich nicht."

 

In diesem Sinne. Frohen Karfreitag.

 

 

© by Patrick Rabe, 9. April 2020, Hamburg.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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