Christa Astl

Am frühen Morgen

 

 

Der frühe Vogel fängt den Wurm, heißt es, aber der frühe Wanderer hört den Vogel.

Seit vier Uhr früh bin ich wach. Ich öffne das Fenster, da ich wegen der Allergie im Frühjahr bei geschlossenem Fenster schlafen muss. Ob die Vögel schon singen? Ich warte, dass ich den ersten höre, dass ich wieder einschlafen kann. – Schaue auf die Uhr: 4:18 Uhr. - 4:40 Uhr. - 5:15 Uhr. Kein Vogel zu hören. Gibt es das? Es bleibt still, nur ein Auto fährt.

Um halb sechs stehe ich auf. Beschließe in den Wald zu gehen, den Vögeln näher zu sein. Kaum komme ich vors Haus, höre ich schon das Vogelkonzert von den hohen Bäumen auf der anderen Seite.

Im Dorf schläft natürlich alles noch. Einige Freilampen blinken mich durch den Bewegungsmelder an. Ich schlage den Waldweg ins nächste Dorf ein. Die Fahrstraße endet, führt als schmaler, im Dunkel kaum wahrnehmbarer Wiesenweg weiter. Vielstimmiger Vogelchor begleitet mich jetzt.  Ich richte die Wanderstöcke her, so eben ist der Weg nicht. Hoch aufstehende große Steine, tiefe, vom Regen ausgeschwemmte Löcher wären gefährlich Stolperfallen in der Dunkelheit. Alle Sinne angespannt, taste ich mich vorwärts. Ich wähle einen Weg Richtung Osten, dem Sonnenaufgang entgegen. Noch sind die Silhouetten der Berge kaum zu erkennen. Hinter mir leuchtet der noch fast volle Mond. Der Frühverkehr auf der unteren Straße  bringt die ersten Arbeiter ins nahe Werk. Sie sind weit weg, kleine Lichtpunkte, zur Arbeiterkette aufgefädelt. Dann nehmen mir Bäume die Sicht. Vor mir ist nun wieder das weiße Band meines Weges erkennbar.

Um mich dunkelgraue Dämmerung, Zweige knacken, habe ich ein Wild aufgescheucht? Sehen kann ich nichts, gehe aber noch vorsichtiger weiter. Hinter den Bergen beginnt sich der Himmel sanft zu röten, Umrisse zeichnen sich sanft, aber deutlicher ab. Immer neue Vogelstimmen gesellen sich zum morgendlichen Lobgesang. Leider kann ich sie nicht unterscheiden und zuordnen, nehme sie nur als Gesamtheit wahr, lasse mich einbinden, stehe, lausche. Andacht, stärker als im Gotteshaus, bewegender als die schönste Kirchenmusik, die doch auch menschgemacht ist. Lange und eifrig muss sie einstudiert werden.

Vögel kennen nur ihre jeweils eigene Stimme, müssen sich nach keinen Richtlinien halten, schmettern munter drauf los. Sie wollen ihr Revier abstecken, verteidigen, den Rivalen kenntlich machen, oder singen sie vielleicht doch auch aus Freude am Frühling, an der stillen Morgenstunde, oder instinktiv auch als Dank, dass sie so sein dürfen, Dank für ihre wundervolle Stimme? Etwas später kreischen ganz unmusikalisch einige Häher, später krächzen Krähen dazwischen. Dank und Lob für diesen neuen Tag. Danke, dass ich die Sinne habe, ihn erleben zu dürfen!

Karfreitag, Sterbetag Christi, unseres Herrn. Um diese frühe Morgenstunde wahrscheinlich erst der Verrat durch Judas, die Gefangennahme Jesu. Zum Tode verurteilt, am dritten Tage auferstanden. Tod und Leben. Nacht und Tag, Erwachen, Auferstehen jeden Morgen, dem Schlaf eines kleinen Todes entrissen,

Allmählich denke ich ans Zurückgehen. Nur bis zur großen Fichte dort vorne noch! Hier ein kurzes Verweilen, dann wende ich mich wieder westwärts, dem Mond entgegen. Im Geiste sehe ich bereits die erste Tasse dampfenden heißen Kaffees, freue mich auf frisches Brot, auf meinen Frühstücksplatz in der Sonne. Das dauert allerdings noch eine Weile, gemütlich schreite ich heimzu und freue mich am schönen Tag.

 

 

ChA 10.04.20

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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