Sonja Soller

Einsamkeit in der Zweisamkeit

Einsamkeit in der Zweisamkeit


Sie hatte geglaubt das große Los gezogen zuhaben. Der Mann war charmant und er sah gut aus, gab ihr Sicherheit und ein gutes Zuhause, durch den großen Gutshof, den er geerbt hatte.
Sie wusste, er hatte sie nur genommen, weil er die andere nicht bekam, die er wollte. Aber das war ihr egal, machte vieles einfacher. Keine überschäumenden Gefühle, die alles aufwühlen konnten. Sie hatte geglaubt, dass sei es, was sie sich wünschte und brauchte. Die Tage, Wochen, Jahre waren vorhersehbar geworden. Nach über dreißig Jahren Ehe wurde ihr klar, dass sie einen anderen Mann geheiratet hatte, als er vorgegeben hatte zu sein. Sie hatten die Kinder großgezogen und dennoch gingen sie irgendwie getrennte Wege. Er kümmerte sich mehr und mehr um den Hof, der seine ganze Aufmerksamkeit bekam. Sie versorgte den Haushalt mit allem was drumherum zu erledigen war und die Kinder. Es fand in ihrer Beziehung keine Nähe, keine Wärme statt. Gesprochen wurde nur das notwendigste.

Sie hatte sich damals auf diese Ehe eingelassen um versorgt zu sein, von dem gewalttätigen Vater wegzukommen und fest daran geglaubt, dass sich im Laufe der Jahre eine innere Verbundenheit einstellen würde. Diese Sehnsucht wurde ihr nicht erfüllt, in der Zweisamkeit, war sie einsamer, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Oft hatte sie schon überlegt, sich einfach davonzumachen, die Kinder waren erwachsen und gingen ihre eigenen Wege, sie lebten zwar mit auf dem Hof, aber auch hier konnte sie keine große Zuwendung erfahren, denn was man selber nicht geben konnte, kann man von den Kindern auch nicht erwarten. Sie war Gefangene in ihrem eigenen Leben.

Trotz der vielen Ehejahre konnte sie sich keine Rücklagen schaffen, hatte kein eigenes Vermögen. Das Haushaltsgeld wurde von ihrem Ehemann genau aufgeteilt und abgerechnet. Viele Male hatte sie darüber nachgedacht, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie damals anders entschieden hätte.

Um noch einmal von Vorne anzufangen fühlte sie sich zu alt. Aber diese Einsamkeit zu Zweit war nicht mehr zu ertragen. Diese Gefühlskälte und Gleichgültigkeit, das Ignorieren ihrer Person. Auch hatte sie schon daran gedacht, einfach genügend Pillen zu schlucken und ade du schöne Welt.

Sie wusste, sie musste etwas ändern, um nicht völlig zu verkümmern. Ihr Körper begann zu zittern als sie ihr Leben in Gedanken vorüberziehen ließ. Sie wollte wieder leben, so wie am Anfang ihrer Ehe. Es musste etwas geschehen und nicht erst morgen. Sie wollte frei sein, keine trüben Gedanken, keine Gleichgültigkeit mehr ihr gegenüber, dieser triste Alltag hatte sie mürbe gemacht. Wie in Trance ging sie Stufen hinauf in den obersten Stock, das Gebäude war an der höchsten Stelle 5 Stockwerke hoch., sie öffnete das kleine Fenster und stieg auf das Dach. Von hier oben konnte sie weit über den Gutshof hinaus sehen. Alles war so friedlich; Vögel zwitscherten in den Bäumen. Ihr Blick verklärte sich, nahm einen zufriedenen, ja glücklichen Ausdruck an, sie breitete die Arme aus, sie wollte fliegen, endlich frei sein.

Sie stieß sich von der Kante des Daches ab und hatte seit langer, langer Zeit, das Gefühl wirklich frei zu sein.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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