Ewald Frankenberg

Einigkeit und Recht und Freiheit

(ein Bericht zur Lage der Nation, verfasst nach einem nächtlichen Alptraum)

Die Zeiten ändern sich, ein Winzling macht sich auf, die Welt zu erobern und wir versuchen, ihn zu schlagen indem wir ihn behutsam zu integrieren versuchen. Die Situation ist eigentlich nicht neu, nur jedes Jahr wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben.

Letztes Mal war es einfach, Teile des Volkes zu mobilisieren, war der Feind doch einer von uns, noch dazu gut unterscheidbar durch Hautfarbe und andere optische Merkmale. Wir brauchten nur jeder in sich selbst, seinem Innersten zu forschen, hochholen, was man da an unterdrückten beziehungsweise kontrollierten Schlechtig- und Bösartigkeiten findet, diese auf die optisch anders gestalteten zu projizieren, was dann, verbunden mit dem Wissen, in anderen Teilen der Welt gibt es soo viele davon, dass sie uns einfach überrennen könnten, wären sie das, was wir ihnen zuschreiben, ausreicht, Angst um unseren Standard, unsere Kultur, die Unversehrtheit unserer Kinder und unser Leben zu haben.

Nun also dieser neue Feind, die Optik einer Seemine, aber Lebewesen mit einer Vermehrungsrate dass die gesamte Menschheit gleichermaßen geängstigt ist, und von einer Größe (Kleinheit), dass ihn die allerwenigsten je gesehen haben, was verbunden mit der gefühlten Notwehrsituation nicht nur sämtliche Tötungshemmungen gegen ihn verschwinden lässt sondern uns auch noch alle in einem unbedingten Vernichtungswillen eint, und so lange unsere Chancen darauf aussichtslos scheinen, wenigsten einem Integrationswillen, der uns ein schadloses Auskommen mit diesem Gegner ermöglicht.

Wie immer konnten wir unsere Angst anfangs auf Menschen anderer Optik projizieren, diesmal weniger nach Hautfarbe sondern eher nach Augenform, aber diese Mal mussten wir schnell feststellen, dass wir es mit einem Gegenüber zu tun haben, vor dem tatsächlich mal alle Menschen gleich sind.

Na gut, die Menschen im letzten Lebensdrittel stecken den Kontakt nicht so gut weg wie diejenigen im ersten Drittel. Aber es braucht eigentlich keine Statistiken um zu wissen, dass die Sterblichkeitsrate bei den Menschen Ü60 deutlich höher liegt als bei den U30.

Aber weil die deutliche Mehrheit der Gruppe der Entscheidungsträger Ü60 ist nehmen wir das Ganze nicht als natürliche Durchjüngung der Gesellschaft hin sondern stemmen uns mit aller Macht dagegen.


Und weil jeder junge Mensch auch mehrere Alte hat, die er liebt werden schnell mal auch absurde Entscheidungen abgenickt. Erstmal Kontaktverbot der Enkel mit den Großeltern, hilft bestimmt, da Vereinsammungstote nicht extra in der Statistik aufgeführt werden.
Vierzehntägige Quarantäne für alle, die mit einer infizierten Person Kontakt haben, das hilft sicher, aber, Moment, wer hat am ehesten Kontakt? Die Ärzte und Krankenpfleger, na gut, müssen wir halt ganze Krankenhäuser mit Infizierten und Kontaktpersonen kasernieren.

Der Gedanke, alle älteren Menschen zu isolieren findet den Weg in die Öffentlichkeit. Woher den ganzen Platz nehmen? Kein Problem, das Virus selbst hilft uns, hat schon den Weg in die Altenheime gefunden und sorgt massiv für freie Plätze.

Kontaktverbot außerhalb der häuslichen Gemeinschaft hat gar den zusätzlichen Nebeneffekt einer Gesellschaftsdurchjüngung, da wir statt der Brettspiele doch eher die Bettspiele bevorzugen, was uns mal wieder einen geburtenstarken Jahrgang beschert.

Oder mal eben ein Lösungsvorschlag des „letzten Problems“ reaktiviert, Grenzen dicht. Dass das doch geht, sogar so schnell, das freut sicher einige politische Kreise, dem Virus hingegen ist das so egal wie den australischen Kaninchen der Kaninchenzaun, es vermehrt sich hemmungslos an beiden Seiten.

Man könnte zynisch sagen, im Moment wird so viel Scheiße produziert, dass es kein Wunder ist, wenn das Klopapier überall aus ist. Unsere Kultur stellen wir auch ohne Durchmischung gerade selber komplett ein, die vielen selbstständigen Kleinstbetriebe, Förderfolge der letzten Wirtschaftskrise, werden abgeschafft, aber die Versorgung der Bevölkerung ist jederzeit gewährleistet.

Na ja, vielleicht nicht gerade mit Luxuslebensmitteln wie Spargel oder Erdbeeren, Grenzen zu, keine Erntehelfer. Aber sind wir deutschen überhaupt in der Lage, irgendeine Ernte selbstständig einzufahren?

Na gut, Erntehelfer dürfen rein, vierzehn Tage Quarantäne, dann ist der halbe Spargel zwar durch, aber mit grandiosem Krisenmanagement ist wenigstens ein Teil der Ernte gerettet.

Oh, die häusliche Gewalt wird zum Problem wenn die Beiden keine anderweitigen sozialen Kontakte mehr haben, okay, Baumärkte auf, dass Papa wieder den Hammer in die Hand nehmen kann.

Alles wird gut, die Städte können ohne weiteres Zutun die Luftreinhaltungsnormen erfüllen, die Einbruchskriminalität geht gegen Null seit dem in jeder zweiten Wohnung ein Homeoffice betrieben wird, was der Polizei ohne Neueinstellungen die Kapazitäten schafft, die sie zur Kontrolle und Durchsetzung der neuen totalitären Regeln wie Kontaktver- und Abstandsgebot braucht. Als ergänzendes Arbeitsgerät baumelt jetzt an jedem Polizeigürtel neben Waffe und Schlagstock ein Gliedermaßstab.

Unsere Firma schickt die Risikogruppen der Alten und Gebrechlichen, mich stufen sie ohne Widerspruch in beide Gruppen ein, zu ihrem Schutz nach Haus, schon zu einer Zeit, als die Chance auf Kontakt mit Infizierten noch gegen Null geht. Jetzt, da die Chance um ein Vielfaches höher liegt sind wir zwar immer noch alt und gebrechlich, aber auch immer noch gesund und dürfen wieder ran.

Das gibt mir dann ein wenig das Gefühl von Normalität zurück, ich kann zwar ganz gut und gerne Nichtstun, aber nur, wenn es aus mir heraus geschieht und nicht von außen diktiert wird.

Im Gegensatz zu Vielen habe ich es noch sehr gut, ich wohne tief ländlich und kann schon zu normalen Zeiten stundenlang spazieren gehen ohne auf einen Menschen zu treffen.

Und seitdem wir nicht mehr zu Zweit einkaufen bleibt mir auch das momentan schlechte Gefühl beim Betreten des Supermarktes erspart.

Als ich doch mal was anderes sehen will und mich in touristische Landschaftsbereiche (wenn ich nen See seh brauch ich kein Meer mehr) begebe kann ich feststellen, dass ich nicht allein bin, kann zu meiner Überraschung gar an einem Restaurant ein Eis erstehen, nach telefonischer Bestellung bringt man es mir nach draußen mit der Auflage des Verzehrverbots im Umkreis von fünfzig Metern.

Wir zählen also brav unsere fünfzig Meter ab, bevor wir das Eis, das uns schon über die Hand zu laufen beginnt vor dem Nachbarrestaurant anschlecken, mit gewissensbedingtem tiefschlechten Gefühl als tatsächlich eine bewaffnete Fußstreife ein Auge auf Einhaltung der Regeln hat.

In dem Moment nur ganz kurz thematisiert, was das für einen Eindruck hinterlässt, intensiviert sich Dieser später in einem nachtfüllenden Alptraum, durch den verbal nur die Worte Covid 19 geistern, aber alle Seespaziergänger auf dem Segelclubgelände guantanamo-mäßig eingekäfigt werden, natürlich in den vorgeschriebenen Abständen.

Es stellt sich die Frage, wo hört Demokratie auf und beginnt Totalitarismus. Andere Regierungschefs sind da schon einen Schritt weiter als wir. Im Augenblick reicht es noch, mich mit Katastrophenmeldungen aus New York zu füttern um getroffene Maßnahmen nicht rundheraus abzulehnen. Wenigstens der Volksgesundheit schaden sie nicht und (Achtung!) auch der Großkapitalismus wird wohl gestärkt daraus hervorgehen.

Aber irgendwann wird nicht nur bei mir die Stimmung kippen und dann gilt es aufzupassen, wer das Ruder übernimmt.

Bis dahin aber sollten wir alles tun, um möglichst viele Kultur- und Familienbetriebe durch die Krise zu bringen, und vor allem die momentan stark gefühlte Solidarität der Menschen untereinander in die Zukunft hinüber zu retten.

© Ewald Frankenberg 05.04.2020

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