Patrick Rabe

Jagdszenen in Öhndorf (eine Ostergeschichte)

Jagdszenen in Öhndorf

eine Ostergeschichte

 

Die Luft war unerträglich heiß. Herr Wernicke nestelte an seinem verschwitzten Hemdkragen herum. Schon seit Tagen ging diese Corona-Quarantäne. Herr Wernicke war 97 Jahre alt und hatte gedacht, ihn könnte nichts mehr überraschen.

 

Er hatte es hingenommen, dass die Itacker in Deutschland eingefallen waren und Spaghettirestaurants eröffnet hatten. Er hatte es hingenommen, dass die Chinocken und Franzacken hier Restaurants eröffnet hatten. Bei den Gümmeltürken, die Gemüseläden und Dönerbuden eröffneten, hatte er schon innerlich gestöhnt. Aber als dann auch noch alle anfingen, Türkisch zu lernen, und den Islam toll zu finden, hatte er sich nach über 50 Jahren als zähneknirschender Demokrat mal wieder seine sorgsam versteckte Ausgabe von "Mein Kampf" vorgenommen, und auf dem Klo gelesen. Da merkte er plötzlich, was für ein hahnebüchener Unsinn da drinnen stand. Und plötzlich wusste er: Er hatte überhaupt nichts gegen Juden. Gegen alle anderen Ausländer und Rassen schon. Aber nichts gegen Juden. Ein heißer Schreck durchfuhr ihn. Ihm wurde fürchterlich bewusst, dass er gar kein Nazi war. Seine ganze Lebensidentität brach zusammen, und er weinte bitterlich.  Aber er kriegte sich auch ziemlich schnell wieder ein und verschenkte seine Ausgabe von "Mein Kampf" an seinen türkischen Lieblingsbäcker, der die Seiten rausriss und darin Frikadellenbrötchen einwickelte.

 

Fortan suchten er und seine Frau Erdmute neue Beschäftigungen. Er las die Bibel und den Koran, sie färbte sich jeden Tag die Haare, mal grün, mal blau, mal rot, und rasierte sich zum Schluss einen flotten Punk-Iro-Schnitt.

 

Sie wurden Mitglieder in der progressiven Al Hallala-Moschee und in sieben Freikrichen, wo sie Büchertische, Häkelabende und Jodelkurse betreuten. Plötzlich waren sie bei vielen Jugendlichen außerordentlich beliebt.

 

Doch dann geschah es. Eine Grippewelle brach aus. Corona nannte die Presse sie. Und plötzlich mussten Herr Wernicke und seine Frau in ihrer kleinen Wohnung im siebten Stock in Quarantäne herumsitzen.

 

Die Luft heizte sich immer mehr auf. Der kleine Vorort Öhndorf, der vor der süddeutschen Metropole Uggenheim-Waronkenstadt gelegen war, brodelte. Herr Wernicke beobachtete vom Balkon, dass Türken, Italiener, Chinesen und Araber weiterhin in die Parks gingen und dort munter grillten, während man ihm und seiner Frau erzählte, Lebensmittel seien schon äußerst knapp. Da begann sein alter Ausländerhass wieder in ihm aufzusteigen. Aber er kam kaum noch aus dem Sessel. Also gewöhnte er sich an, sich andauernd selber auf den Kopf zu hauen, um seine Aggressionen loszuwerden. Manchmal schmiss er auch die Bierflaschen, die ihm Erdmute brachte, nach dem Austrinken gegen die Wand.

 

Dann kam Ostern. Die Kirchen hatten zu. Herr Wernicke schaltete den Fernseher ein, um wenigstens den morgendlichen Gottesdienst anzusehen. Da flimmerte eine Nachricht über das untere Band am Bildschirmrand: "Wegen großer Nachfrage senden wir heute statt des Ostergottesdienstes 'Batman und Robin verkloppen Superman Teil drei' , in der Extended Version".

 

Herr Wernicke stieß einen spitzen Schrei aus, der an das Gurgeln eines Elches mit veganer Birkenholzlimonade erinnerte.

 

Da donnerte sein fetter Nachbar Ole Olenspeeler durch die geschlossnene Tür und schrie Herrn Wernicke an: "Halt endlich deine Gosch, du Irrer!"

 

Von der dadurch entstehenden Druckwelle landeten alle drei, Herr Wernicke, Erdmute und Ole Olenspeeler auf dem Balkon und hielten dort noch drei Sekunden lang die Balance, bis sie mit lauten Todesschreien in die Tiefe stürzten.

 

Was dann geschah, weiß keiner mehr so genau zu sagen. Es war ein bisschen so, als stünde in Herrn Wernickes Wohnung jemand auf, der sehr lange geschlafen hatte. Er ging zur Balkontür, trat nach draußen und rief: "Der Stein ist weggerollt!"

 

Der Morgendunst am Rande von Jerusalem hatte etwas Feierliches. Drei in lange Gewänder gehüllte Frauengestalten waren auf dem Weg zu einem Felsengrab. Sie weinten. In ihren Händen trugen sie Gefäße mit Ölen, mit denen sie ihren verstorbenen Rabbi salben wollten. Die Jüngste von ihnen ging vor. Da sah sie es. Der große Stein, der vor dem Grab gelegen hatte, war zur Seite gerollt. Ein Mann in weißen Gewändern stand dort vor ihr am Grabeingang. "Meister!", rief sie, hielt sich die Hand vor den Mund und stammelte: "Geliebter Rabbuni..." Er lächelte. Ging auf sie zu und nahm sie zur Seite. "Ja.", sagte er. "Wir wissen es ja schon ganz lange. Aber mir scheint, der Rest der Welt ist immer noch nicht so weit." Er nahm ihre Hand und sie gingen hinunter nach Jerusalem.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 12. April 2020, Ostersonntag, Hamburg.

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