Markus Zinnecker

Herr S. ist schuld

Herr S ist an einer ganzen Reihe Dinge schuld. Vor allem an meiner etwas gespaltenen Beziehung zur Grammatik und an meiner Liebe zur Literatur. Vor allem aber daran, dass Sie jetzt diesen Text lesen. Aber der Reihe nach.

Als ich Herrn S zum ersten Mal sah war ich zehn Jahre alt. Er war unser neuer Deutschlehrer. Als er am ersten Schultag nach den Sommerferien das Klassenzimmer betrat sahen wir ihn mit einer Mischung aus Neugier, Respekt und Verwunderung an. Denn wir hatten ihn noch nie zuvor gesehen. Er stellte sich uns vor, schrieb seinen Namen an die Tafel, wie man das halt so macht als neuer Lehrer, und begann mit dem Unterricht. Dies tat er auf eine für uns völlig neuartige Art und Weise. Anders als seine Amtsvorgängerin hielt er sich nicht damit auf, lange Texte an die Tafel zu schreiben. Er setzte sich hinter das Lehrerpult und begann mit leiser, monotoner Stimme zu sprechen. Wir schrieben fleißig mit. Eine ganze Klasse stiller, eifrig schreibender Zehnjähriger. Hatte man so etwas schon einmal gesehen? Die Methode mochte ungewöhnlich sein, sie funktionierte. Am Ende des Schuljahres war die ganze Klasse im Fach Deutsch erheblich besser als im Vorjahr. Es mochte daran liegen, dass S Unterrichtsstil höchste Aufmerksamkeit und extreme Konzentration abverlangte.

Allerdings war es trotzdem nie langweilig. Bisweilen streute er die eine oder andere Auflockerung ein. Lesetexte und dergleichen, außerdem, immer vor den Ferien, eine Buchempfehlung. Er sagte jedes Mal, dass das Buch nicht für die Schule sei dass es nicht im Lehrplan stünde, aber das wir es trotzdem lesen sollten, zu unserem eigenen Vergnügen und einfach weil es gut war. Die meisten aus der Klasse taten es auch und für manche von ihnen, für mich ganz sicher, waren diese Bücher der Schlüssel zur Literatur. Bis heute ist eines davon mein Lieblingsbuch, das ich seither wohl hundert Mal gelesen habe und immer noch Neues Darin entdecken kann: Isaac Isamovs Foundation Trilogie.

So ging das mit vertrauter und irgendwie auch liebgewonnener Routine für viele Jahre. Bis zu einem seltsamen Tag im Frühjahr im letzten Jahr unserer Schulzeit. Herr S saß wie immer hinter seinem Pult und hielt Unterricht bis zum Stundenende. Wie immer lag seine abgeriebene Aktentasche auf dem Tisch, daneben stand eine Mineralwasserflasche. Wie immer, bis kurz vor Stundenwechsel. In ein paar Minuten würden der Gong ertönen und Frau P den Raum betreten. Bei ihr hatten wir Physik. Doch statt dem Gong hörten wir ein kurzes Klopfen an der Tür, unmittelbar gefolgt von unserem Schulleiter. Dieser betrat den Raum und sagte zu Herrn S, dass es im leid tue den Unterricht zu stören. Dann wandte er sich an die Klasse um uns über eine Stundenplanänderung zu informieren. Herr S, den die Sache nicht betraf, nahm derweil seine Aktentasche und wollte die Mineralwasserflasche einpacken. Doch irgendwie entglitt ihm die Flasche, fiel auf den Boden und zerbracht. Schlagartig wurde es Still und ein merkwürdiger, beißender Geruch erfüllte das Klassenzimmer. Der Gesichtsausdruck des Schulleiters veränderte sich auf seltsame Weise, er sagte leise etwas zu Herrn S und bat uns Schüler dann den Raum zu verlassen. Wir haben Herrn S nach diesem Tag nie mehr gesehen.

 

Nein, das stimmt nicht ganz. Einmal habe ich ihn noch gesehen. Im Stadtpark, bei einem Spaziergang mit meiner Großmutter. Das war etwa ein Monat nach dem Vorfall mit der Wasserflasche. Ich rief ihm zu und wollte zu ihm gehen, doch er wandte sich ab und ging ganz schnell in eine andere Richtung. Damals habe ich das nicht verstanden.

Ich gebe zu in den folgenden Jahren nicht mehr oft an ihn gedacht zu haben. Er wurde zu einer jener nebulösen Gestalten der eigenen Vergangenheit, die nur selten aus den Untiefen des Gedächtnisses aufzutauchen pflegen. Bis letzten November.

Michaela kam an jenem Tag mit der Zeitung zu mir, die Seite mit den Todesanzeigen aufgeschlagen. „Du hattest doch mal einen Lehrer der S hieß. Ist der das?“ Oben auf der Seite war eine große Todesanzeige, mit Foto. Ja, das war er, Herr S war vor einer Woche gestorben. Doch was mir viel mehr auffiel war ein Name unter der Todesanzeige. Tanja S, der Name einer Nachbarin. Ein paar Tage später begegnete sie mir im Treppenhaus und ich sprach sie an. Ja, sie war tatsächlich die Tochter meines alten Lehrers und wir kamen ins Gespräch. Sie erzählte mir den Teil der Geschichte, den ich bisher nicht kannte. Dass ihr Vater seinerzeit wegen wiederholtem Alkoholkonsum im Dient entlassen wurde, aber auch warum es dazu gekommen war. Dass ihre Mutter gestorben war wie sie zwei Jahre alt war, sieben Jahre bevor Herr S zum ersten Mal unser Klassenzimmer betrat. Danach hielten ihn nur noch zwei Dinge am Leben: Die Liebe zu seiner Tochter, in der er wohl das Abbild er verlorenen Frau sah und die nicht minder tiefe Liebe zu seinem Beruf. Trotzdem verfiel er dem Alkohol, nach der Entlassung endgültig. Auf jenen Tag folgte ein schrecklicher Absturz, der zum Glück überwunden werden konnte. Herr S gewann den Kampf gegen den Dämon aus der Flasche und fand ein neues, bescheidenes Glück. In einer anderen Stadt, als Tankstellenmitarbeiter und einige Zeit als liebevoller Großvater, wenn Tanja ihn mit ihrem Sohn besuchte.

Was nun bleibt ist die Erinnerung an einen Menschen, der viel mehr war als es auf den ersten Blick schien. Mehr als ich als Schüler verstehen konnte, der aber dennoch einen bleibenden, guten Einfluss auf mich hatte. Jemand dem ich bis heute dankbar bin und den ich wohl nicht wieder in den nebligen Abgründen der Erinnerung verlieren werde. Danke Herr S, vor allem dafür, dass sie daran schuld sind, dass ich Schriftsteller wurde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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