Michael Waldow

Die Pflicht der Mutter

Nach einer wahren Geschichte...

Es war in den letzten Monaten dieses schrecklichen Krieges. Ganze Städte wurden in Schutt und Asche gelegt und die entmenschte Erde röchelte aus ihren Wunden. Schlimmer als jedes Raubtier zerfetzte der Mensch sich selbst und bearbeitete mit einer seltsamen bestialischen Freude seine eigenen Artgenossen. Gegen sich selbst aber war der Mensch nackt und hilflos. – Und doch gab es immer wieder Lichtgestalten, die ihr menschliches Antlitz beibehielten.

Nahe dem Dorfe L. wurde im Februar 1945 ein versprengter Trupp faschistischer SS aufgerieben.

Die sowjetischen Soldaten, die durch den erbitterten Widerstand der SS erhebliche Verluste erlitten, machten nur zwei lebende Gefangene.

Einer der Gefangenen war der in dieser Gegend als berüchtigter „Totengräber“ bekannt; Oberscharführer Ernst H. Der Andere ein eher schmächtiges Bürschlein, ein heruntergekommener Gefreiter, schlotterte vor Angst, brachte kaum mehr als ein Stammeln heraus.

Im Quartier des sowjetischen Stabes bereitete ein Sergeant gerade die bei dem gefangenen faschistischen Offizier gefundenen Bilder aus, als Martha B. den Unterstand betrat.

Sie hatte die vor dem Zelt wartenden Gefangenen kaum eines Blickes gewürdigt und bemerkte deshalb auch nicht die verächtlichen Züge des Oberscharführers. 1938 war sie in die Sowjetunion emigriert, nachdem die Gestapo ihren gerade erst 18-jährigen Sohn verhaften ließ und folterte. Einmal sah sie ihn noch ganz kurz und in ihr prägte sich sein geschwollenes, blutunterlaufenes Gesicht ein. Einige Tage später erklärte ihr ein pausbäckiges Beamtengesicht höhnisch, ihr Sohn sei auf der Flucht erschossen worden sei. Marthas Entschluss stand in diesem Moment fest und auf gefahrvollen Wegen gelang ihr die Flucht nach Russland. Dort meldete sie sich bald darauf bei der Roten Armee und sorgte fortan als Krankenschwester für die Verwundeten. Sie hatte die übelsten Wunden gesehen und sehnte sich nach ihrer Heimat, ihrer hoffentlich noch lebenden Familie.

„Grauenhaft“, sagte Sergeant Pawel Petrowitsch gerade.„Was ist grauenhaft?“, fragte Martha besorgt, auf Russisch, einer Sprache, die sie inzwischen perfekt beherrschte. „Alles, was wir um uns herum an Leiden sehen, aber das hier …“, Pawel Petrowitsch tippte energisch auf die Fotos, „…das hier besonders.“

Martha kam näher und betrachtete die Bilder aufmerksam. Plötzlich ging in der Frau eine seltsame Veränderung vor sich. Die ansonsten vitale, stolz aufgerichtete Frau, sackte regelrecht in sich zusammen, ihre Lippen pressten sich zu einem schmalen Spalt fest aufeinander, sodass mit einem Mal alles Blut aus ihnen wich. Martha B. wurde blass und ihre Hände begannen fast unmerklich fast zu zittern. Pawel Petrowitsch konnte im letzten Moment die wankende Frau auffangen: “Masha was ist mit dir, ist dir nicht gut.“ Er versuchte ihr die Bilder wegzunehmen, doch Martha klammerte sich daran fest und schrie den helfenden Sergeanten an: „Lass mich in Ruhe.“ Sie riss sich los und setze sich auf einen Stuhl, um die Bilder noch einmal zu betrachten. Schweigend blieb Pawel Petrowitsch neben ihr stehen. Dieser Mann, der in Schlachten mutig vorne wegstürmte, der mit bloßer Faust einen Mann töten konnte, dieser Mann war angesichts der kleinen kauernden Frau verwirrt und völlig hilflos.

Die Bilder waren in einem KZ gemacht worden. Sie zeigten einen jungen SS-Mann, eben jenen Oberscharführer, der lächelnd mit der MPI in der Hand vor einer Reihe nackter Frauen und Kinder stand. Das nächste Bild zeigte den Moment der Exekution. Eine Frau sank zu Boden, verzweifelt gestützt von dem kleinen Mädchen neben ihr. Die danebenstehende Frau umklammerte ein Stoffbündel. Das dritte Bild zeigte die Folterung einer jungen Frau; an den Brustwarzen waren mit Nadeln dünne Drähte befestigt. Sie schien entsetzlich zu schreien, die Augen waren irr verdreht. Es waren entsetzliche Bilder von Vergewaltigungen, Erhängen und der ganzen Palette menschlicher Leiden, die selbst die Hölle sich nicht ausdenken könnte. Das Schlimmste aber war, das auf jedem Bild der lächelnde junge Mann zu sehen war.

Martha betrachtete immer und immer wieder die Bilder. In ein Foto vertiefte sie sich besonders.

Es zeigte den jungen Mann vor der Leiche einer schwangeren Frau, den Fuß auf den angeschwollenen Bauch gesetzt. Tränen rannen über Marthas Gesicht. Plötzlich stand sie ruckartig auf, ging auf Pawel Petrowitsch zu, „Von wem sind die Bilder?“, sie blickte den Sergeanten fragend an. „Von dem Gefangenem, dem Oberscharführer. Er ist der Offizier auf den Bildern.“ Für einen Moment schloss Martha die Augen, sank auf die Knie und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Pawel Petrowitsch beugte sich zu der schluchzenden Frau hinunter und flüsterte betroffen ihren Spitznamen: “Manuschka, Manuschka.“ Als Martha in endlich anschaute, prallte er unwillkürlich zurück, ihr Gesicht war um Jahre gealtert und ihre ohnehin schon grauen Haare schienen weiß wie Schnee. Martha erhob sich schwer und ging stumm aus dem Unterstand in ihr Zelt. Dort ergriff sie ruhig ihre MPI, die sie inmitten der Verwundeten nur wenig brauchte. Mit langsamen Bewegungen lud sie die Waffe und hängte sie sich um. „Ich muss ihn vernichten. Das bin ich IHM schuldig“, murmelte sie in deutschen Worten vor sich hin.

In der Ecke des Gefangenenbunkers kauerte Oberscharführer Ernst H. Er wusste, dass er eigentlich tot war und klammerte sich doch an ein klein wenig Hoffnung. Seine Heimat erschien ihm wie ein fernes Märchenland, von dem er einst hörte, aber nie kennengelernt hatte. Als die alte Frau eintrat, rutschte er auf Knien, seinem letzten bisschen Würde, zu ihr und umklammerte angstvoll wimmernd ihre Beine. Angeekelt schüttelte sie dieses schlotternde Bündel Menschlein von sich. Unbewegt stand Martha in dem Erdbunker und betrachtete starr die vor sich zusammengekrümmte, wimmernde Kreatur. Vor ihren Augen entstand das Bild des desselben Mannes mit der Leiche der schwangeren Frau. „Steh auf“, forderte sie tonlos. Zitternd stand Ernst H. auf. Sie sah ihn durchdringend an. ‚Er erkennt mich nicht‘, dachte sie. ‚Er hat Angst, weiß er auch warum?‘. Tränen rannen ihr übers Gesicht. Martha B. umklammerte fester ihre MPI.

Der Oberscharführer bemerkte dies und sein Gesicht verzog sich weinerlich. „Bitte nicht schießen, ich habe doch nur für mein Land gekämpft.“ Unbeschreibliche Angst machte sich in dem knabenhaften Gesicht breit. „Ich vergebe dir“, murmelte Martha und krümmte den Finger. Die Garben zerfetzten den Körper des Oberscharführers, der sich wie in Ekstase ein letztes Mal aufbäumte und schüttelte. Dann ließ sie die Waffe fallen, kniete neben dem zerschossenen Körper nieder und schickte sich an, die blutverschmierte schwarze Uniform von der Leiche abzureißen. Martha arbeitete wie besessen, bis der fast nackte Leichnam mit zahlreichen Einschusslöchern vor ihr lag. Jetzt packte sie den Leichnam unter die Arme und zerrte ihn ächzend ins Freie. Dort standen schon neugierig einige Sowjetsoldaten mit Pawel Petrowitsch. Er sah sie schweigend und durchdringend an. „Ich bin nicht verrückt“, sagte sie erst deutsch und wiederholte es auf Russisch. „Es ist mein Sohn.“ Pawel Petrowitsch hatte in seinem Kriegsleben viel gesehen, noch mehr gehört und nichts schien diesen Mann noch erschüttern zu können, doch plötzlich fühlte er für einen kurzen Moment  einen Schauer über seinen Rücken laufen  Ungläubig schaute er auf den leblosen Körper, aus dem noch frisches Blut floss. „Der Gefangene – dein Sohn?“, fragte er ungläubig. „Nein, nein“, Martha B. schüttelte energisch den Kopf, „Der Gefangene war ein Mörder. Er hat den Tod verdient. Das hier …“, und sie berührte fast zärtlich das unverletzte Gesicht, „…das ist mein Sohn – und der wurde einst von der Gestapo ermordet. Ich werde ihn eigenhändig begraben.“ Sie beugte sich nieder und drückte ihrem Sohn die Augen zu. Pawel Petrowitsch hatte noch nie die Grausamkeit des gesamten Krieges an einem einzigen Ort gesehen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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