Wolfgang Scholmanns

Vom treusorgenden Ehemann zum Penner

„Endlich Feierabend, war ein harter Arbeitstag.“

Auf dem Nachhauseweg denkt er an das leckere Essen, das seine Frau ihm gleich servieren wird. Eine tolle Frau, morgens steht sie mit ihm zusammen auf, um ihren Schatz mit einem leckeren Frühstück zu verwöhnen und bevor er zur Arbeit geht fragt sie ihn oft, was er heute gerne essen möchte. Sie haben ein gemütliches Zuhause, in dem Liebe und Harmonie wohnen. Nach dem Essen sitzen sie oft noch lange bei einer Tasse Kaffee zusammen, sprechen über das, was sie am Tag so erlebt haben. In den frühen Abendstunden dann, machen sie meistens noch einen langen Spaziergang. Er ist überrascht, denn beim Betreten der Wohnung vermisst er den Geruch von Mittagessen, der ihm sonst immer entgegenströmt.

„Hallo, wo steckst du denn, mein Liebes?“

Keine Antwort. In der Küche sieht es ziemlich wild aus. Das Geschirrtuch liegt auf dem Boden, der Eimer mit den Kartoffeln steht auf dem Tisch, und das Fenster ist weit geöffnet.

„Ob sie noch einkaufen ist? Vielleicht hat sie ja etwas vergessen. Nein, ihr Fahrrad steht doch in der Garage.“

Er eilt zum Schlafzimmer und findet seine Frau, hinter der offenstehenden Türe, leblos auf dem Bett liegend. Vom Entsetzen gepackt, schüttelt er sie, ruft immer wieder: „Steh doch auf, was ist denn mit dir?“

Irgendwann schwinden ihm die Sinne. Er bricht über ihr zusammen. Als er aus seiner Ohnmacht erwacht, ist es Abend. Starr den Blick auf den leblosen Körper seiner Frau gerichtet denkt er daran, dass sie in den letzten Wochen des Öfteren über Herzstiche geklagt hatte. Seine mahnenden Worte, sie solle einen Arzt aufsuchen, hatte sie mit einem -

„Ist halb so schlimm, mein Schatz“, abgetan.

Ein Herzinfarkt, wie er später erfährt, war die Todesursache.

„Sie hat es nicht ernst genommen.“, sagt er sich immer wieder.

„Ich hätte einfach einen Termin machen und mit ihr gemeinsam zum Arzt gehen sollen.“

Den Weg leidvoller Erfahrung hat er nun beschritten und bekommt zu spüren, dass in der Schöpfung, die dauernd in Bewegung ist, nichts so bleibt wie es ist.
Wochen vergehen aber Friedhelm, so ist sein Name, wie ich aus der Todesanzeige erfahren habe, erholt sich nicht. Er steckt in einer schlimmen Krise, die ihm Kraft und Lebensmut versagt. Er beginnt zu trinken, vernachlässigt seine Arbeit und wird schließlich, nach mehreren Abmahnungen, entlassen. Niemand ist da, der ihn auffängt, ihm die helfende Hand reicht.

Sprüche wie: „Wird schon wieder werden, die Zeit heilt alle Wunden oder alles geht weiter, sind da zu oberflächlich, meiner Meinung nach sogar überflüssig. Aber sonst fällt den meisten Menschen heutzutage nichts mehr ein. Sie sind zum größten Teil mit sich selbst beschäftigt und haben, sowieso viel zu wenig Zeit, um sich auch noch um einen Nachbarn, Arbeitskollegen oder sonst wen zu kümmern.
Immer mehr macht sich das Bild der Verwahrlosung in Friedhelms Wohnung breit. Auch sein Erscheinungsbild stellt schon bald eine ungepflegte, um Jahre gealterte Person dar. Meistens hängt er zu Hause herum. Er hat sich reichlich mit alkoholischen Getränken eingedeckt, säuft und schläft und schläft und säuft. Schriftliche Aufforderungen der Hausverwaltung, seine Miete zu überweisen, landen im Papierkorb oder werden gar nicht erst geöffnet. So kommt was kommen muss, Friedhelm landet auf der Strasse.
Eine ganze Weile habe ich ihn weder gesehen, noch etwas von ihm gehört, bis ich eines Tages meinen Freund Berthold treffe.

„Den Friedhelm hab ich, vor einigen Wochen in einem Kanalisationsrohr, das auf dem Lagerplatz meiner alten Baufirma abgestellt worden ist, entdeckt. Ne alte Matratze, ein paar Decken und ein Kofferradio gehören zu den erbärmlichen Dingen, die er sich vom Sperrgut geholt hat.“

Berthold hatte eine ganze Weile in seiner Nachbarschaft gewohnt und sich des Öfteren mit Friedhelm unterhalten. Er kennt ihn als fleißigen, fürsorglichen Menschen, der seiner Frau jeden Wunsch von den Augen ablas. Es war immer so schön anzusehen, wenn die Beiden, verliebt wie am ersten Tag, Hand in Hand, spazieren gingen.
„Friedhelm war nicht sehr gesprächig“, erzählt Berthold weiter.

„Er schämte sich wohl auch, wollte einfach nur pennen. Du kommst jetzt erst einmal mit zum Jan, hab ich zu ihm gesagt. Habe ihm angeboten, mit mir ein Bier zu trinken und ihn auch noch zu einer warmen Mahlzeit eingeladen.“

Jan ist der Wirt einer kleinen Kaschemme. Eine finstere Gestalt, mit immer grimmigem Gesicht. Ab und zu treffe ich mich hier mit ein paar Freunden. aber wenn ich ehrlich bin, wohlgefühlt habe ich mich da nie.

Wie ich aus den weiteren Schilderungen Bertholds erfahre, ist der jetzt auch nicht mehr gut auf Jan zu sprechen, denn als er mit Friedhelm die kleine Kneipe betreten hatte, fauchte Jan ihm schon von weitem zu:

„Schleppst Du mir jetzt auch noch diesen Penner hier an? Lass mir doch kein Ungeziefer unterjubeln. Macht das ihr verschwindet.“

Entsetzt über diese menschenverachtende Äußerung Jans, habe Berthold erwidert:

„Das Du ein Idiot bist, weiß ich schon lange, aber das Du so verächtlich mit einem Menschen umgehst der, wenn er mit seiner Frau hier zu Gast war und manche Rechnung zu Deinen Gunsten aufgerundet hat, immer gerne gesehen war, ist eine neue Erfahrung. Wie abscheulich, jemanden, den das Schicksal an den Rand des Abgrundes geführt hat auch noch einen Fußtritt zu versetzen. Ich werde Dein Lokal nicht mehr betreten und auch meine Bekannten über Dein dämliches Verhalten informieren. So wirst Du demnächst einige Kunden weniger haben.“

Friedhelm, dem dieses ganze Theater wohl peinlich war, habe das Lokal schon verlassen und als Berthold vor die Tür trat, war, weit und breit, nichts mehr von ihm zu sehen.

„Diesem Spinner habe ich auf jeden Fall mitgeteilt, was ich von ihm halte, brummelt Berthold vor sich her.

„Gut, dass du mir von diesem Vorfall erzählt hast. Werde diese Spelunke auch nicht mehr betreten. Was der sich wohl einbildet. Leiden konnte ich ihn noch nie, aber wir trafen uns dort immer zum Kartenspielen, weißt du. Ist ja auch die einzige Kneipe hier in der Gegend.“

„Nicht mehr lange.“, entgegnet Berthold. „Der alte Schuppen am Bahnhof macht wieder auf. Du weißt doch, da wo wir uns früher immer getroffen haben.“

Ich bin überrascht und Erinnerungen tauchen in mir auf. Dieser alte Schuppen. Ja, er war in den 70ern ein Treffpunkt für junge Rebellen, die den Wehrdienst verweigerten, Che Guevara verehrten, Jimmy Hendrix und Nil Young liebten und auch manchmal ein Tütchen Gras kifften. Lange her, aber doch mit manch schöner Erinnerungen verbunden. In Gedanken an diese alte Zeit versunken, bekomme ich gar nicht mit, dass Berthold sich verabschiedet.

„Der träumt mal wieder. So war er früher schon, da hat sich nichts geändert. Tschüss Wolle!“

Es ist schon Dezember und die Tagestemperaturen klettern nicht mehr über die Nullgradmarke. Das Geschehen um Friedhelm, liegt fast ein halbes Jahr zurück und ich denke nur noch selten an ihn. Er war mir auch nicht mehr begegnet und ich stellte besorgt fest, dass das alte Sprichwort „Aus den Augen aus dem Sinn“, wohl doch manchmal zutrifft. Samstagmorgens mache ich oft einen Spaziergang durch die Fußgängerzone unserer Stadt. Sie endet an einem alten Dom, auf dessen Vorplatz Samstags Wochenmarkt ist. Ich besuche den Stand der alten Bauersfrau, bei der ich schon viele Jahre mein Obst und Gemüse kaufe.

„Na junger Mann.“, lächelt sie. „Haben sie sich auch vor die Türe gewagt?“

Lustig sieht sie aus. Auf dem Kopf trägt sie eine dicke, rote Wollmütze, die bestimmt schon einige Jahrzehnte auf dem Buckle hat, und ihren Hals hat sie in einen grauen Schal gepackt, dessen ausgefranste Enden lang über den grünen Lodenmantel hinunter hängen. Die rauen Hände stecken in selbstgestrickten, ebenfalls grauen, Handschuhen, aus denen die nackten Finger halb herausgucken.

„Die hab ich extra abgeschnitten.“, sagt sie, als sie bemerkt, dass mein Blick auf ihre Hände fällt.

„Dann fühl ich wenigstens was, kann ich die Ware besser greifen und auch mit dem Geld wechseln geht´s besser.“

Was mich immer so beeindruckt ist ihr sanftmütiges Lächeln und der stets freundliche Blick aus ihren hellblauen Augen, die ein wunderschöner Kontrast zu ihrer, von Wind und Wetter gegerbten Haut sind.

„Ach, ist doch halb so schlimm. In warme Klamotten gepackt, kann man diese Temperaturen schon aushalten. Ich hab gut reden was? Bin ja auch die ganze Zeit in Bewegung gewesen. Wenn man, so wie sie, hier an den Stand gebunden ist und mehr oder weniger auf einem Fleck steht, spürt man die Kälte schon deutlicher.“

„Ach, ich kenne es ja schon über viele Jahrzehnte nicht anders. Mal ist der Winter streng, mal ist er mild. Wir Markt- und Bauersleute müssen da durch, haben es nicht so gut wie die Bürohocker. Aber ich bin auch ganz froh darüber und möchte nicht mit ihnen tauschen.“

„Ja, liebe Frau, das kann ich gut verstehen.“

Lautes, lang anhaltendes Husten, aus einer Domnische, die sich in unmittelbarer Nähe des Marktstandes befindet, dringt plötzlich zu uns herüber. Ein scheinbar alter, nur mit einer dünnen Sommerjacke bekleideter Mann, der auf einem Stück Pappkarton sitzt, scheint einen Hustenanfall zu haben. Einen ausgefransten Jeanshut trägt er auf dem Kopf und die Füße stecken in Sandalen. Der Alte steht auf, wohl um besser atmen zu können. Ein Kumpane stützt ihn, denn er ist ziemlich wacklig auf den Beinen.

„Das ist einer von diesen Stadtstreichern.“, sagt die alte Dame.

„Die saufen und rauchen den ganzen Tag über. Da ist`s ja kein Wunder, dass sie sich die Lunge bald aushusten.“

„Na der ist auch noch so dünn bekleidet, dass er sich bestimmt auch noch zusätzlich eine Erkältung eingefangen hat.“

„Das kann wohl sein. Sie haben diesen Krankheiten ja auch nichts entgegenzusetzen. Eines Morgens bin ich mal zu ihnen gegangen und habe ihnen ein paar Äpfel und Möhren geben wollen.

Sie haben gelacht und gesagt: „Liebe Omi, dass ist sehr nett von Dir, aber ein Fläschchen Bier oder ein Schnäpschen könnten wir besser gebrauchen.“

„Wer weiß, was diese armen Menschen auf die Strasse getrieben hat. Oft ist es ja so, dass irgendwelche Schicksalsschläge, die sie nicht überwunden haben, die Auslöser waren. Es ist schon schlimm, wenn man bedenkt, dass sie gar kein Zuhause haben.“

Nachdem ich einige Äpfel und ein wenig Gemüse gekauft habe, verabschiede ich mich von der netten Marktfrau.

Unruhig laufe ich in meiner Wohnung hin und her. Die Gedanken an Elend, Not, Verzweiflung und Einsamkeit werfen ihre Schatten auf das bevorstehende Weihnachtsfest.

Fernseher und Radio sollte ich gar nicht mehr einschalten. Auch in den Zeitungen wird das Leid von Menschen, in welcher Form auch immer es in Erscheinung tritt, frontal auf den Titelseiten präsentiert. Diese Art der Suggestion, die einem fast täglich widerfährt, mag dem Einen oder Anderen, nur zu einem Schulternzucken bewegen aber da gibt es auch Menschen, die mitleiden und helfen wollen. Vielleicht sollten einige Mal darüber nachdenken, das Gleis auf das sie sich gesetzt haben, oder auf das sie gesetzt worden sind, zu verlassen, und versuchen eine andere Richtung einzuschlagen. Ein wenig mehr Liebe und Verständnis, in unserer Welt, würde da schon ein großes Stück weiterhelfen.

Der heilige Abend. Ich bin mit Vorbereitungen beschäftigt, als mir plötzlich der Gedanke kommt, diesen christlichen Feiertag einmal ganz anders zu gestalten, als in den vergangenen Jahren. Ja, ich will helfen. Den Armen, Mittellosen unserer Stadt, eine Freude bereiten. Wie voll ist doch mein Kleiderschrank! Jeden Tag kann ich etwas anderes anziehen. Diese Fülle an Jacken, Hemden, Hosen usw.. Ist das alles nötig? Nein bestimmt nicht! Eifrig beginne ich, einen Großteil meiner Kleidung, in Kisten zu sortieren, die ich anschließend im Kofferraum meines Autos verstaue. Dosen mit Plätzchen, die meinen Wohnzimmerschrank füllen, und noch einige andere Dinge landen nach und nach auf der Rückbank meines Wagens.

Als ich am Dom, wo sich um diese Jahreszeit die meisten der Stadtstreicher aufhalten ankomme, sehe ich drei von ihnen, wild gestikulierend, bei einem auf dem Boden liegenden Kameraden stehen. Als ich näher komme, erkenne ich, dass diese Person Friedhelm ist.

Einer der Stadtstreicher ruft mir zu: “Na, willste mal nen toten Penner sehen?“

Mir stockt der Atem. Friedhelm ist tot?

„Was ist denn passiert?“, frage ich.

„Ach, der schleppte doch schon wochenlang ne schlimme Erkältung mit sich herum. Hat sich bestimmt zu einer Lungenentzündung entwickelt. Ist vielleicht eine halbe Stunde her, dass er sich, nach einem heftigen Hustenanfall, von dieser scheiß Welt verabschiedet hat.“

Niedergeschlagen gehe ich zu meinem Wagen, packe die Geschenke aus und stelle sie neben Friedhelms Leiche ab.

„Du brauchst das jetzt nicht mehr. Deine Kameraden werden sich vielleicht über ein paar brauchbare Dinge freuen.“

Ein Licht, ein Zeichen des Erwachens belebt plötzlich meinen Geist. Derart, dass ich in einem Gefühl tiefen Wohlseins, Friedhelm gut aufgehoben weiß. Er hat eine neue Ebene erreicht, auf der nun sein Zuhause ist und vielleicht wird er dort seiner Frau begegnen.

 

Copyright by Wolfgang Scholmanns 2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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