Michael Waldow

Reise nach Schladming

Prolog

So freut man sich auf den Urlaub. Obwohl ich lieber zu Hause geblieben wäre, beuge ich mich der ehelichen Allmacht und ziehe hinaus in die Freude, die sie unseren Urlaub nennt.  Gut, dass wir im Zeitalter der neuesten Technik leben. Mein iPhone, hochmodern nimmt gleich mehrere Map-Dateien (Kartendaten zur Navigation) auf, sodass ich mich im Urlaub an jedem Ort auch wiederfinde. Gleich sechs oder siebenfach. Meine Gedanken kreisen um die mitzunehmende Technik, meine Frau kreist um die Koffer, um auch ja keine Unterhose zu vergessen. Lieber ohne Laptop als nackt, meint sie. Ich sehe das eher andersrum.
Als Erstes muss aber mein Auto gesäubert werden. Madame mag das blitzblank geputzte Auto, mir reicht es, wenn ich durch die Scheiben sehen kann, schließlich ist es nur ein technisches Tool unter meinem Hintern, für sie ein Wohlfühlpalast mit Wohlfühlcharakter.  Immerhin konnte ich meine defekten Autoschlüssel erfolgreich kurz vorher umtauschen, obwohl die Wartezeit sich über mehrere Telefonate und drei Wochen hinzog. Dafür war es eine Garantieleistung, gab aber nicht die Garantie fürs Wohlfühlen. So ein Schlüssel hat manchmal die Eigenschaft spurlos zu verschwinden. In der Wohnung! Ich schwöre Stein und Bein ihn auf die Flurablage gelegt zu haben. Die Urlaubsstimmung droht 24 Stunden vor Abfahrt zu zerbrechen. Die Suche zieht sich eine Weile hin, Schränke werden verrückt und unsere Katze beschuldigt, den Schlüssel verschleppt zu haben. Der Katastrophenalarm erreicht seinen Höhepunkt, mein Adrenalinwert schießt in die Höhe. Plötzlich fällt mir ein, dass ich die Zeitung auf den Beifahrersitz weggeschmissen habe. Lag da nicht auch der Schlüssel? Habe ich den dann im Papiercontainer entsorgt? Oh mein Gott! Wir rufen den Hausmeister an, damit er mit seinem Dreikant den Container öffnet. Ich sehe mich schon darin herumwühlen und alle Balkons unseres Hauses sind voll mit hämisch grinsenden Leuten, während meine Frau mich von unserem Balkon durch die Papiermassen dirigiert. „Mehr nach rechts, unter dem Karton, wo bist du denn plötzlich?“ Doch bevor es zu dieser schicksalhaften Wendung kommt, fragt meine Frau vorsichtig, ob ich vielleicht noch im Kofferraum war. KOFFERRAUM – ich erinnere mich an den liegengebliebenen Beutel, den ich inzwischen in meinen Zimmern irgendwo hingelegt hatte. Ha, da ist der Verlorengeglaubte. Ich wusste von Anfang an, ich habe den Autoschlüssel abgelegt. Dass es der Beutel war und nicht der Flurschrank – nun ja wer kann sich schon alles merken. Womit wir beim Säubern sind. Das Auto muss blitzen, da wird gesaugt, gewienert und auch gemeckert, weil ich wieder mal nicht wie eine Frau denke. Das Auto bekommt ein neues Gesicht und ich trau mich gar nicht mehr einzusteigen. Es könnte ja dreckig werden. Ich fahre behutsam nach Hause und erinnere mich an den Schaber, der bei der Autowaschstation liegengeblieben ist. Ja, Gott man kann ja mal was vergessen.Endlich können wir zu Hause packen. Sie, die Koffer, ich die Technik. Habe ich ein Kabel vergessen? Bestimmt, wie immer.

Tag 1 - Die Fahrt in den Urlaub

Fahren, einfach nur den Asphalt unter den Rädern spüren und fahren. Vorbei an Landschaften, Wiesen, Städten, Straßen- und Autobahnschildern. „Fahren Sie 183 km entlang der Autobahn“, schnurrt die elektronische Stimme aus dem Handynavigator. Wir kennen noch die Zeiten, wo der Beifahrer mit aufgeschlagener Karte versucht hat, das Auto zum Ziel zu lotsen. Wir kennen auch das Gefühl dann trotzdem im Nichts zu landen. Nachts, auf einem einsamen Acker im Dunkeln. Da war man schon der Verzweiflung nah. Heute ist man schon verzweifelt, weil der Handynavigator einfach nicht von 3D auf 2D schalten will. Himmelherrgott, welche Einstellung war es denn nur? Fahren, halten, etwas Essen, die schönen blauen Plastehäuschen benutzen, fahren, parken. Kilometer um Kilometer schnurren vor sich hin, der Wagen tut was er soll, der Urlaubsort kommt näher. An manchen Parkplätzen beobachte ich die Menschen. Den Typen, der seinen Wagen hin und her fährt und röhren lässt und der eigenartige Typ, der vor Kraft kaum laufen kann. Die haben statt Gehirn einen Motor im Kopf, mehr geht nicht. Die dicke Frau neben uns lächelt uns zu, ihre zu kurzen Hosen kneifen überall da, wo es nicht kneifen sollte. Das Auge tränt vor so viel Üppigkeit.
Fahren, halten, etwas Essen und dann tauchen die ersten Berge auf. Oh, ihr Alpen, voller Stolz und Höhe, erscheinet mir. Die Poesie erschöpft sich im Schnurren und Rauschen der Räder, wir kommen dem Ziel immer näher. Ich träume etwas vor mich hin und sehe eine Gruppe von Menschen, 10000 Jahre vor uns in Richtung der Alpen zieh'n. Der Älteste der Gruppe, erfahren mit zerzausten grauen Haaren, fast am Ende seines langen 30-jährigen Lebens, sonnengegerbt mit gerissenen Fingernägel und mancher Narbe muss die Gruppe in ein blühendes Tal führen, irgendwo zwischen den Bergen. Die sind hoch, weiß, drohend und versprechen Schutz. Wochenlang müht sich das Trüppchen und lebt von Wurzeln, Beeren und mancher Vogel und Eichhorn muss dran glauben. Tief atmet der Älteste die Waldluft ein, erkennt die frischen Nadelgehölze und hört jedes Geräusch, dass sich aus dem vielfältigen Vogelgesang herausschält. Er weiß den Wald noch nicht in Worte zu fassen, er fühlt ihn, seine Kraft und sein Rauschen. Unbestimmte kehlige Laute lassen seine Gruppe lernen, riechen und schauen.  Die in Felle gehüllten Frauen, Männer und auch Kinder sind viel gewohnt und ihre Füße merken kaum die Steine und Hölzer. Sollte es doch zu schlimm für die Hornhäute werden, wickelte man sich Felle um die Füße. Das ist angenehm und das Leder schützt. Die Natur ist ihr Verbündeter, wenn man sie zu deuten weiß. In seinem langen Leben, weiß der Anführer den Wald und seinen Schutz zu schätzen, doch er muss auf der Flucht vor anderen Menschengruppen zwischen die nackten, gewaltigen Berge hindurch.  So zieht die Truppe weiter und zehntausend Jahre später ziehe ich an der Stelle ihres Waldpfades über die Autobahn und lege in einer Stunde den Weg zurück, den die kleine Truppe in fünf Tagen schaffte. Doch ohne diese Menschen von einst, kein Fahren, Halten, Essen und schimpfen über das verdammte Navigationsgerät, das plötzlich keine Ansage mehr macht.

Während der Trupp in der Zeitgeschichte verschwindet, haben wir unser Ziel erreicht. Der Kreisverkehr im Ort wird ausgiebig gebraucht, da es schwierig ist, die Einfahrt fürs Hotel zu finden. Kaum an der Rezeption angekommen, habe ich das Passwort für das Hotel-Wlan entdeckt und mich ins Internet eingeloggt. Ich atme den Zeitgeist, genau wie einst der Älteste den Wald im wahrsten Sinne des Wortes „eratmete“. Meine Frau erledigt das Einchecken, ich sammle alles, was es an Karten und Angeboten in Schriftform gibt. Die Beute studiere ich in unserem Zimmer, während Sylvia das Zimmer erkundet, den Balkon als annehmbar einstuft und sich daranmacht, uns häuslich einzurichten, oder was sie für häuslich hält. Dann erfolgt das Anreiseprocedere. Kaffeetrinken mit Kuchen, Spazierengehen im Regen, ausprobieren diverser alkoholischer Getränke, die inklusive sind und dann nach einem kurzen Dösen Abendbrot essen. Die Zimmersuche gestaltet sich am ersten Tag noch schwierig, weil wir uns verlaufen. Zwei Zimmer versuche ich vergeblich zu öffnen, dann merken wir unser Irrtum und das wir im falschen Haus sind. Wir finden unser Zimmer doch noch und der Rest des Tages wird lang ausgestreckt im Bett beim Fernsehgucken zu Ende gebracht. Was so nicht ganz stimmt, irgendetwas treibt uns in die Stadt zu gehen, wir können ja nicht nur auf der faulen Haut liegen. Stadt ist nicht der rechte Ausdruck. Die Hauptstraße bringt uns nicht außer Atem, nur zum Staunen. Touristenfreundlich gestaltet, laden uns Bars und Restaurants in schön gestalteten Alpenstil ein. Schlussendlich landen wir auf den Friedhof. Das ist nicht morbide gemeint, sondern eine Art muss. Meine Frau mag Friedhöfe und schaut sich gern die Grablegungen aus, die ja durchaus auch etwas Künstlerisches haben können. Die kleine Stadt, die wir zum zweiten Mal begrüßen, ist schnell durchwandert und schon bald sind wir im Hotel zurück. An der Bar genehmigen wir uns einen Gin-Tonic oder auch zwei, ist ja all-inclusive. Da muss man ja trinken. Bevor ich mich wieder in die Waagerechte begebe, sehe ich im Geiste die Menschen aus der Vorzeit irgendwo in den Wäldern verschwinden. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich auf eine Seilbahn. Urlaub eben.

Tag 2 - Wenig geschafft

Gähnen, aufstehen, Duschen, Frühstück. Die Schnelligkeit der Worte lässt die Mühsal des Morgens nur erahnen. Schließlich muss an alles gedacht werden bei unserem heutigen umfangreichen Programm. Ich habe mich durch die unzähligen Informationen durchgewühlt, um dem miserablen Wetter die Stirn zu trotzen und uns wunderschöne Erlebnisse zu bereiten. Und schon geht es los Richtung Trautenstein, einem Schloss, dass ich aus dem Augenwinkel schon bei der Hinfahrt zum Hotel registrierte. Es war nicht zu übersehen und stand erhaben auf einem Felsen mit mächtigen Mauern umgeben. Immerhin schon über 800 Jahre alt ist es nicht nur ein geschichtliches Relikt, sondern wurde auch geschichtlich arg gebeutelt, sogar zerstört, wiederaufgebaut, restauriert. Ein Lebensbild, was vielen Schlössern, Burgen zuteil wurde.
Was wir dann bei Ankunft sehen, ist schon beeindruckend und ich stelle ebenfalls beeindruckt fest, dass ich meine Kamera vergessen habe. Letzteres ist mir noch nie passiert und dass trotz sorgfältiger Planung. Gott sei Dank habe ich noch mein Handy und eine 3D-Kamera mit. Auch nicht schlecht. Trotzdem ist mein Gesicht für einen Moment finsterer, als ich den wolkenverhangenen Himmel, aus dem ein leichter Nieselregen strömt, erblicke. Da ich etwas bösartig gerade gelaunt bin, stelle ich mir in meiner unendlichen Fantasie vor, wie die Ritter auf dem Weg zum Schloss kurz vor dem Eingang im Nieselregen dahin rosten und einfach in ihren Bewegungen plötzlich einfrieren, um kurz darauf zu zerfallen. Das zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und wir können das Museum betreten, nachdem wir uns einen Rundumblick auf die Stadt von den Mauern gegönnt hatten.
Zuvor muss ich noch überlebenswichtige Fragen mit meiner besten Freundin abtelefonieren, was eine Weile dauert und meine Frau trampeln lässt. Endlich können wir die Räume betreten. Riesige Stuckverzierungen an der Decke umrahmen Gemälde, die allegorische Bilder aus der Bibelgeschichte zeigen. Kraftvolle Farben, erkennbare Bilder machen auf uns einen gewaltigen Eindruck und man ist froh, dass die damaligen Künstler noch nichts wussten von Impressionisten, Expressionisten, Pointillisten und anderen Künstlern, denen die Endung -isten für die Klassifizierung ihrer Stilrichtung wichtiger ist, als die Erkennbarkeit ihrer Bilder. Gut mag sein, dass mein Kunstgeschmack etwas hinterwäldlerisch ist, aber ich mag Bilder, wo ich erkenne, was der Künstler will. Und diese Bilder an der Decke sind überwältigend. Die Räume im Schloss sind kaleidoskopartig um eine Art Treppenhaus angeordnet, indem sich auf Leitern Bergsteigerpuppen tummeln. Schließlich geht es auch thematisch um Bergsteiger, nicht nur den alpinen, hiesigen Bergsteigern, sondern insbesondere den Bergsteigern im Himalaja, die nicht nur dem Wetter trotzten, sondern auch den Achttausender ein wenig ihre Unberührbarkeit nahmen. Bei allem Respekt vor der Leistung dieser Bergsteiger verkommen dort einige dieser majestätischen Berge als teuer bezahlte Touristenmagnete und das Müllproblem wird immer schlimmer. Mir ist unklar, was Menschen treibt, sich solchen Extremen hinzugeben. Für mich war schon extrem, mit den größten Pferden der Welt, meiner oben genannten Freundin anzubandeln, aber niemand wird es je schaffen, meinen Hintern auf das Ross zu kriegen, geschweige denn auf Berge, die nicht wenigstens eine Seilbahn haben.
Das Museum hat so einige interessante Themengebiete, wie die Entstehung der Alpen und das Leben der Bauern zur damaligen Zeit. Unvorstellbar hart war die Arbeit und was wir heute meckern über zu wenig Geld (auch vom Staat), Renten, 40-Stunden-Woche, hätte damals nicht nur ungläubiges Staunen hervorgerufen, sondern auch Gelächter über die Unmöglichkeit dieser Dinge. Es ist schon erstaunlich, wie wenig zufrieden der Mensch und unnachgiebig er in seiner Plünderung der Natur ist. So sind die Dörfer schön anzusehen, aber ersticken in ihrer Buntheit und Werbung. Auf der Fahrt hierher sahen wir ein Dorf in seiner Ursprünglichkeit, ohne Pensionswerbung, keine überdimensionalen Gaststätten mit gutbürgerlicher Küche und keine Touristen. Was sollten sie hier auch? Hier war nichts los, keine Angebote, keine Party, kein Nichts, es roch nur nach altem Holz und viel Arbeit.

Das Museum gibt mir hart zu denken über die Welt und hat wohl sein Ziel erreicht. Zweieinhalb Stunden verbringen wir hier und machen dann im Auto eine Mittagspause. Gemeinsam mümmeln wir unser mitgebrachtes Brot, Eier und Früchte und ich denke an die Leute von früher, die sich jeden Tag eine Art Brei aus Mehl Wasser und Kleie zusammenmischten und nach 17 Stunden Feldarbeit noch die häuslichen Angelegenheiten richteten. Das einzige Gegenstück zum harten Leben waren die reichlichen Traditionen, bäuerlichen Feste, die langsam aber sicher im Handyzeitalter verschwinden.

Der Rest des Tages ist dann schneller erzählt als gewollt. Zwei Stationen standen uns noch bevor. Die Erste war ein Bergwerk. Schon bei der Ankunft mussten wir mit einem unteren Parkplatz vorliebnehmen und keuchten dem Ziel entgegen. Es ging bergauf. Endlich angekommen wurden wir freundlich darauf hingewiesen, dass die nächste Führung ausgebucht sei und wir aber durchaus in zwei Stunden wieder das Glück hätten. Zwei Stunden hier? Außer dem Bergwerk war hier nichts, es sei denn eine Wanderung in irgendwo hin wäre noch möglich gewesen. Dazu fehlte die Lust. Wir schauen uns im Souvenirladen um, aber die Souvenirs haben alle Verstaubungscharakter. Salz gibt es in unendlicher Vielfalt zu kaufen, lässt uns aber, die wir in einer Salzstadt leben, nur etwas höhnisch schauen, ist doch unser Salz viel weißer und besser und überhaupt. In mir erwacht Erasmus von Halberstadt, die Figur des Salzhändlers aus Halle an der Saale, den ich auf der Bühne verkörpere und ich bin versucht loszuschreien: „Salz zu verkaufen, das beste und schönste Salz aus Halle (an der Saale).“ So beginnen auch alle Theaterstücke mit diesem Burschen. Ich schreie aber doch nicht, es würde wohl falsch ankommen, außerdem fehlen mir die Salzsäckchen.

Also nehmen wir unser drittes Vorhaben in Angriff. Auf zum Grundlsee, eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön. Wenn es nicht da ein Schiff gäbe, das genau dann abfährt, als wir um die Kurve zum Parkplatz biegen. Hätten wir nicht im Souvenirladen gesehen, hätten wir das Schiff geschafft. Haben wir aber nicht. Etwas deppert stehen wir einen Moment sinnlos am Ufer und müssen erfahren, dass die nächste Tour – richtig – genau in zwei Stunden beginnt und hier auch nichts ist, außer viel Wasser, einem Bootsverleih und schlimmer noch, nicht enden wollender Nieselregen. Wir fahren zu unserem Hotel zurück. Immerhin hat uns das Museum entschädigt. Mich ärgert, dass wir an diesem Regentag so wenig geschafft haben. Ich brauche ein wenig Geschehen, will sehen, will fühlen, will schmecken. Wozu hat Gott mir diese Fähigkeiten verliehen?

Während ich noch mit meinem unausgefüllten Schicksal hadere, sitzen wir schon am Abendbrots Tisch und bedienen uns aus den Angeboten. Da wird das Essen fantasievoll zusammengestellt. Ein kleiner Junge steht vor einer bunten Streuselschüssel und beugt sich nach vorn. Er will sich einen Löffel wohl gleich an Ort und Stelle in den Mund schieben. Plötzlich bemerkt er mich, zuckt zusammen und sieht ertappt aus. Ich hole meine Lehrerkeule hervor und erkläre ihm, was er machen soll, halte ihm einen Vortrag über Hygiene. In der Überzeugung eine gute Tat begangen zu haben, begebe ich mich weiter. Der kleine Junge nimmt einen Teller, legt eine winzige Eiskugel darauf und erschlägt sie mit Unmassen von Streuseln. Sag ich doch, ich bin überzeugend.

Tag 3 - Kreisverkehrerei

Vom Gähnen am Morgen gerade befreit, sitzen wir am Frühstückstisch und machen uns mit einem wohl feinen Frühstück für den Tag und die nächsten Aktionen bereit. Unsere Vorhaben haben wir nach einem fein ausgeklügelten Wettervorhersagesystem geplant, sodass uns das Wetter gar nichts kann, anstatt wie bei anderen, die wegen Wetter gar nichts (machen) können. Schließlich haben wir die Technik und mindestens drei Wettervorhersagen im Handy nach wissenschaftlichen Daten. Da kann eigentlich nichts schiefgehen. Denkt man. Aber bis jetzt hört sich die Sache ja gut an und das Frühstück schmeckt und liegt noch ein wenig im Magen, als wir uns auf den Weg zur Ursprungsalm machen. Ich kenne den Weg, waren wir doch schon 2016 dort. Ich freue mich auf die dreizehn Kehren auf die letzten 3 km und Sylvia denkt mit einigen Gänsehautgefühlen an meine allzu rasante Fahrweise. Bei solchen Kehren lege ich mir eine Rockerkluft in Gedanken zu und sehe aus wie eine Mischung aus Hells Angels und Dwayne Johnson mit Bauchansatz. Da geht es voll nach vorne los und in die Kurven. Ich weiß nicht welchen Gott meine Frau angefleht hat, aber die Hells Angels Kluft zerbröselt angesichts des vor uns dahinschleichenden Busses und mein Bauch ploppt heraus. Wie langweilig. So wird aus rasanten Kurven ein bemitleidenswertes Kinderkarussell.

Wir kommen ohne Schrammen auf der Ursprungsalm an und uns erwartet eine wunderschöne Landschaft im Nebel. Nun gut, wir erinnern uns der Fotos von damals und ich schieße schon mal ein paar Bilder von den Holzhütten, die in einem Heidi Film die Rolle der Heimat des Almöhi bildeten. Das ist hier nicht irgendeine Alm, sondern eine Hollywood Alm mit echten hohen Bergen, die das gesamte Areal der Alm faktisch einschließen. Fotografisch ist der Weg hierher allemal wert, wenn man wie ich mit guten Fotoapparaten ausgerüstet ist. Dumm nur, wenn man nach einer guten Weile Wanderung feststellt, dass in der Kamera gar kein SD – Karte ist. Die liegt im Auto. Da ist dann erst mal Ärger angesagt und ein Vortrag meiner Frau über die Bedeutung der ordnungsmäßigen Vorbereitung auf die Tour und natürlich auch mit der Ermahnung immer wieder nachzuschauen. Sie tönt noch etwas von: „Ich habe dich gefragt“, was ich zwar mit „Habe ich gemacht erwiderte“, aber schon in Gedanken woanders bin. Künstler geben sich nicht mit Kleinigkeiten ab. So muss ich, anstatt meiner Superkamera nun doch die Handykamera einsetzen, was ausnahmsweise mal eine Kleinigkeit bedeutet. Künstler sind ja auch anpassungsfähig.
Der Weg ist wunderschön und wir haben gar keine Zeit den Rundwanderweg zu Ende zu gehen. Der Himmel reißt auf und die gesamte wilde Schönheit mit dem kleinen Dorf, wo die Hütten als Unterkunft für Gäste genutzt werden, liegt vor uns in der Sonne. Es ist einfach atemberaubend. Der Nebel lichtet sich völlig und wir sehen die riesigen Berge mit Schneemützen und gewaltigen Narben, Vorsprüngen und Felsen. Ein kleines Flüsschen schlängelt sich munter durch die Alm, ergießt sich in einen kleinen See, um dann kraftvoll ins Tal zu plätschern. Almblumen locken Schmetterlinge an und wir machen an einem Felsen eine ausgiebige Pause. Eigentlich wollen wir gar nicht zurück, doch die Zeit drängt, schließlich haben wir noch etwas vor.  Beim Almwirt gönnt sich Sylvia eine Buttermilch und ich eine Erdbeermilch und wir schmecken noch den Namen der Kuh und spüren die frischen Erdbeeren, die Hand-gepresst einen besonderen Geschmack geben. Da kommt keine Lidl-pasteurisierte Milch im Tetrapak mit. Hier ist die Natur noch rein, so scheint es und unbezahlbar. Das gilt zwar auch für die Milch, die mit sechs Euro zu Buche schlägt, aber dafür ursprünglich ist.

Schon geht es im Auto zum Dachstein. Die Zeit sitzt uns im Nacken, muss man sich für diese Gondelfahrt auf 3000 m Höhe anmelden, sonst geht gar nichts. Nach einer Stunde sind wir da und müssen mit dem Shuttle zur Talstation. Gott sei Dank ist das alles in der Sommercard mit drin. Die Gondelfahrt samt Shuttle würde sonst mit 47,50 € pro Person zu Buche schlagen. Nach einer weiteren Stunde sind wir per Gondel angekommen und wir sehen – nichts. Dichter Nebel hüllt alles ein und die Sicht ist gleich null. Wir waren schon mal hier und da war eine fantastische Sicht. Die Fotos kann ich denn genauso gut verwenden. Sonst hätte ich mich geärgert. Wir müssen schließlich drei Stunden hier zu bringen, da auch die Abfahrt angemeldet werden muss. Immerhin hat der Dachstein noch eine Attraktion, die nebelfrei ist. Das ist die Eishöhle. Die Hängebrücke zur Eishöhle machte mir diesmal keine Sorgen wegen meiner Höhenangst. Es habe keine Sicht zum ängstlich werden. Die Brücke und die Eishöhle schlagen mit 10 € je Person in das Portemanie und sind nicht Bestandteil der Sommercard. Doch auch hier ist warten angesagt und verkürzt immerhin unseren dreistündigen Aufenthalt hier oben. Nach einer guten Dreiviertelstunde sind wir im Eispalast, der sechs Meter unter dem Gletscher liegt und in dem zahlreiche Eisskulpturen hinter Fenstern in einem Farbenspiel gezeigt werden. Doch auch hier schlägt der Klimawandel zu. Laut Experten wird es den Eispalast in zwanzig Jahren nicht mehr geben und überall sehen wir es von den Wänden tropfen. Auf den Boden bilden sich große Pfützen und der in Eis gehauene Männeken Piss geht inzwischen als Fraueken Piss durch. Vierzig Mann dürfen gleichzeitig im Eispalast sein, sonst würde die Körperwärme der Touristen noch mehr Schmelzwasser bilden und die Skulpturen zum Zerschmelzen bringen. Der Akt einer Frau ist nur mit Mühe noch als solcher zu erkennen, eher gleicht die gute Frau einer Hügellandschaft zum Lutschen, was jetzt weniger erotisch, als bedauerlich ist. So hinterlässt der Eispalast ein ungutes Gefühl auf das, was uns noch an Wetter und Klimawandel erwartet. Kaum einer der Touristen bemerkt, das der gesamte Gletscher des Eispalastes mit weißen Decken abgedeckt ist, um ein zu schnelles Wegschmelzen zu verhindern. Aufhalten lässt sich das Ganze zwar nicht, höchsten ein wenig verlangsamen.

Nach dem Eispalast und einigen weiteren Naturschutzgedanken, halten uns die Alpendohlen in Atem. Die aufdringlichen Vögel, äußerst intelligent, wissen schon die lieben Menschen zu schätzen, die unbedachter Weise füttern, viel zu viel, viel zu oft, viel zu gut.  Ohne den Menschen würden die armen Tierchen verhungern. Nun mein Biologenherz schreit danach den Menschen mal die Meinung zu sagen, aber mein Tierliebhaberherz ist stärker und so füttere ich mit. Eine der Dohlen lässt sich auf mein Spiel ein, nickt, wenn ich den Krümel schwenke und fängt den Wurf geschickt auf. Mein Liebling kommt näher und nimmt die Futterstücke aus der Hand. Damit bin ich der geborene Dohlenflüsterer. Die geselligen Rabenvögel bieten mir ihre Porträts für schöne Fotoschnappschüsse an.
Irgendwie und irgendwann ist unsere Zeit aufgebraucht und wir sind wieder zu Hause in unserem Hotel. Und hier beginnt ein Drama. Trommelwirbel. Täterätä, das Drama beginnt mit dem Parkdeck unter dem Hotel. Es ist kein Parkplatz frei und wir haben auf unseren Stellplatzzettel für 8 € am Tag einen Plan für einen weiteren Parkplatz namens P3 in der Nähe. 
Die erste Runde dorthin erscheint einfach. Die Straße entlang, in den Kreisverkehr, die Erzherzog-Johann-Str. entlang, rechts in die Rathausstr. einbiegen, voilà der Parkplatz. Daraus wird aber nichts. Es ist kein Parkplatz da, schlimmer noch, hier darf man gar nicht einbiegen. Das Drama nimmt seinen weiteren Lauf. Falsche Straße, kein Parkplatz, das Ganze zurück, die Navigation im Handy dreht sich wild. Wir sind falsch, sagt die unerbittliche Stimme, was sonst. Erzherzog-Johann-Str. tönt es aus der Navigation, da soll der Parkplatz sein. Doch, nirgends der Hinweis P3. Auf den einzigen Parkplatz, den wir finden, stehen Bezahlautomaten herum. Zurück ins Auto, die nächste Runde. Den Kreisverkehr kennen wir schon. Ich werde wütend. Wir sind plötzlich irgendwo in Schladming verschollen, eingeklemmt in einer unbekannten Straße. Der Navigator streikt, meine Frau auch. Sie kommt mit dem iPhone nicht klar. Wir finden zurück zur Erzherzog-Johann-Str., nur das Hotel scheint verschwunden. Zum zigsten Mal fahren wir im Kreisverkehr. Drei weitere Runden gedreht, ich schreie Hilfe, meine Frau auch.
Die Leute auf den Fußwegen schauen entsetzt, einige haben mein Auto schon öfters in den letzten dreißig Minuten gesehen. Aus dem Auto hören sie einen nach dem Weg schreien, der andere verfluchte die iPhones der Welt.  Das Auto kreist, die Navigation erzählt von der Erzherzog-Johann-Str., wir können es nicht mehr hören, landen wieder auf den falschen Parkplatz, hochrot im Gesicht. Wir sehen uns schon im Auto übernachten und finden doch noch zum Hotel zurück. Erbost mache ich an der Rezeption den jungen Mann fertig. Der versucht mir geduldig auseinanderzusetzen, dass unser falscher Parkplatz, auf den wir schon dreimal landeten, der richtige ist. Also steige ich ins Auto zurück, mache meiner Frau die Sachlage klar und wir kreisen zum achten Mal im Kreisverkehr, fahren zum siebten Mal die Erzherzog-Johan-Str. entlang und finden uns zum vierten Mal auf den falschen richtigen Parkplatz ein, den unser Navi P5 nennt, der aber P3 heißt, was keiner weiß, außer der Rezeption im Hotel. Die haben den Platz noch nicht lange, früher war der Kundenparkplatz dem Hotel gegenüber, aber da wird gebaut. Eigentlich sind wir für den 800 m langen Weg ca. 4 km gefahren, und haben nur schlappe 50 Minuten gebraucht.
Gut, dass es ein Abendbrot gibt. Zu meiner Freude sehe ich dort etwas wahnsinnig Aufregendes. Eine einsame teuer aussehende Milchflasche, auf der 7,5 % steht. Ich mag fettige Milch, wundere mich das nur eine Flasche hier steht und gieße mir zwei Fingerbreit ein. Meine Frau schüttelt ungläubig den Kopf, ob dieser Sensation und bricht auf dem Rückweg ins Zimmer in Gelächter aus. Natürlich hat sie die vermeintliche Milchflasche mit dem besonderen Fettgehalt untersucht und festgestellt, dass es sich um Kondensmilch handelt. Aha. Nun denn, dann war es halt sehr schmackhafte Kondensmilch. Nach der Parkplatzsuche kann man sich doch mal irren.
Ich hole mir schlussendlich noch einen Gin Tonic, was mit der getrunkenen Milch gar nicht gut kommt. Nach vier Magensodbrenntabletten schlafe ich endlich gut ein, Träume vom Kreisverkehr, den ich unendlich umrunde, Milch aus den Eutern von Kühen und Kameras, die keine SD Karten brauchen. Alles in allem ein guter Tag, ein Urlaubstag, wie er im Buche steht.

Tag 4 - Eseleien und andere Tiere

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen oder wenn einer einen Esel sucht, dann muss er sich schon quälen. Und zwar Berge hoch und dann wieder runter. Natürlich bleibt alles im Rahmen eines fast 60-jährigen, dessen Wandergewohnheiten sich seinem Bauchumfang angepasst haben.
Doch noch sind wir beim Frühstück, dass sich ein wenig hinzieht. Es gibt so viele schöne Sachen zum Kosten und man muss sich schließlich auch vorbereiten für das Hungergefühl unterwegs. In Ermangelung einer Küche erfolgt das Brote schmieren, Eier klauen auf kleinsten Raum. Selbst das Teekochen gerät zum Kunststück und man muss schon einige Runden drehen, um sein Frühstück zu komplettieren, Gott sei Dank ohne Erzherzog Johann Straße und Kreisverkehr. Damit sind wir nun mal durch. Nachdem wir uns essenstechnisch ebenfalls auf einen heutigen plötzlichen Klimawechsel vorbereitet haben, geht es los. Zu einem Tierpark in den wilden Bergen. Das wird ein Tagesausflug, auf den ich mich schon lange freue.

Eine Stunde später transportiert uns die Seilbahn in Mautern „Am wilden Berg“ nach oben. Das ist so eine, wo man sich hinstellt und das Teil sich unter den Hintern schiebt. Schnell sollte man den Bügel herunterklappen, um nicht rauszufallen. Vor drei Jahren, als wir hier waren, vergaßen wir es und bemerkten es nicht. Mir war nur komisch, so frei zu sitzen. Meine Frau ist da unbedarfter und hat keine Höhenangst. Da sie rundum filmen wollte, zappelte sie hin und her, drehte sich zur Seite und auch nach hinten. Mir wurde Himmelangst, der Boden immer tiefer, es ging höher und wir waren faktisch ohne Schutz. Bis ich den Bügel bemerkte und herunterklappte. Heute geht das schneller. Es gibt Momente, die merke ich mir für die Ewigkeit.
Unter uns zieht die Landschaft dahin und wir sehen schon die großzügigen Gehege vom Rothirsch, Wisent und Pferden. Es ist alles so friedlich und die Fahrt geht über 10 Minuten. Die Sonne lacht, ein paar Wölkchen wollen sich davorschieben, was noch nicht so recht gelingt. Oben angekommen sehen wir die ersten Gehege, die sehr natürlich gestaltet sind. Die Tiere zu sehen ist so eine Sache um diese Zeit. Die meisten liegen zusammengerollt und träumen von was auch immer. Es ist ein schwerer Kompromiss zwischen artgerechter Haltung und touristischer Neugier. Entweder man hat Geduld und schläft vor den Käfigen eine Runde mit oder man besucht einen Zoo, wo die Tiere besser sichtbar sind hinter Glasscheiben. Da es hier keine exotischen Tiere gibt, bevorzuge ich die artgerechte Haltung und nehme in Kauf, schlafende Tiere (Waldkatze und Fuchs) oder den weißen Wolf aus der Ferne zu betrachten.
Auf meinem Handy habe ich als Eingangsbild eine weiße Eule, die ich einst bei einer Flugshow aus diesem Tierpark aufnahm. Ich zeige ihn der Falknerin, die schon am Eingang der Flugshow steht. Sie erkennt das Tier: „Das ist unser Toni, den haben wir immer noch“, freut sie sich. Mein Herz hüpft einmal quer durch den Körper. Sie schickt uns noch zur Bärenfütterung, da es noch Zeit bis zur Show ist. Wir kommen rechtzeitig an, um zu sehen wie die Zuschauer, die gerade einen Vortrag über die Tiere hörten, von der Aussichtsplattform die verteilten Äpfel den Bären zu werfen konnten. Ein Spaß für die Kinder und den vier Bären, die schon ungeduldig auf ihre Leckereien warteten. Somit wird Mensch und Tier etwas geboten. Die Bärenanlage ist riesig, gut abgesichert vor den kletterfreudigen Petzen und an Natürlichkeit kaum zu überbieten.

Schon bald darauf haben wir uns einen fotografisch günstigen Platz für die Vogelshow gesichert. Ich habe auf der Kamera ein Teleobjektiv geschraubt, was sich später als Fehler herausstellt. Viel Informationen gibt der Falkner über den Geier, den Milan und dem Adler preis. Auch zwei Eulen sind dabei, unter anderem meine Schnee-Eule Toni. Die Tiere fliegen dicht über unsere Köpfe, wir müssen uns ducken und mich streift der Flügel des Geiers haarscharf. Toni bekomme ich ganz nah vor die Linse und der Milan wird angeregt, Beute zu machen. Vom Adler wird berichtet, dass er aus 15 km einmal sah, wie die Falknerin mit der Beute lockte und innerhalb kürzester Zeit stieß er vom Himmel hinab. Der Milan und Adler bleiben schon mal nach der Vorstellung draußen, fliegen ihre Runden und es kommt vor, dass der Adler, ohne Scheu vor Menschen, sich zu Wanderern gesellt. Meist landet er neben Rucksäcken, weil er genau weiß, dass es dort etwas zu holen gibt. Im Übrigen soll er auch ein wenig diebisch sein und wir werden aufgefordert, kleiner Sachen an uns zu halten. Nun in der Tierwelt ist dies kein Verbrechen, sondern schlichtweg Instinkt. Uns gefällt diese Show ausnehmend gut und sie ist auch für die Tiere wichtig. Die Vögel genießen zwar mal die Freiheit, kommen aber meist wieder zurück. Junge Vögel, die in der Ausbildung gehen, wie ein junger Falke, können schon mal verloren gehen, insbesondere wenn sie den Sichtkontakt zur Wiese verlieren. Das geschieht meist bei ungünstigen thermischen Verhältnisse, wo die Vögel unterhalb der Baumzone ins Tal gedrückt werden. Angefunden haben sie sich aber noch immer, da sie auch einen Sender an den Füßen haben. Die Tiere sind sehr standorttreu.
Zu Hause stelle ich fest, dass mein Teleobjektiv viel zu langsam auf die Flüge reagierte, sodass die meisten Flugfotos unscharf wurden. Dafür habe ich herrliche Porträts erbeutet. Man kann nicht alles haben. Irgendwann fahren wir noch mal nach Schladming. In einer oder gar in zwei Wochen alle Angebote sehen zu wollen, ist schlichtweg unmöglich. Ausgerechnet meine Frau, die sonst nie irgendwo hin zweimal fahren will, äußert sich dahin gehend positiv.

Viel zu schnell ist die Flugshow zu Ende und wir sind wieder auf den Weg durch den Tierpark, der ins Tal hinabgeht. Ein ganzer Spielpark für Kinder und Jugendliche mit Wasserrutschen, Schaukeln und all dem Zeug, was Spaß macht, ist hier aufgebaut. Aus dem Alter sind wir zwar raus, aber auch das Zusehen macht Spaß. Wir halten uns lieber beim Tierdorf auf, begrüßen die Hähne, streicheln kleine Zicklein, schauen säugenden Ferkeln zu und betrachten Meerschweinchen in ihren Außenställen, die mit allerlei Beschäftigungszeug aus Naturmaterialien ausgestattet sind. Natürlich gibt es auch ein Mäuse- und Rattenzimmer im Bauernzimmerstil. Die kleinen Nager fühlen sich dort pudelwohl. Das Tierhaus selbst ist ein großes Bauernhaus mit Ställen und Ausläufen für Hängebauchschwein und Co. Irgendwie fühle ich mich bei den Hängebauchschweinen ganz wohl. Ich komme einfach nicht darauf, warum da so ist.

In der Nähe des Tierhauses habe ich auch mein Highlight und kuschele mit einem Esel. Der eine hat mich sofort ins Herz geschlossen und hält bei den Umarmungen und den Streicheleinheiten still. Ich mag Esel sehr, sie haben einen wunderbar sturen Charakter. Ich habe in den Letzten Jahren viel mit Pferden zu tun und meine einstige Scheu vor diesen Tieren verloren, doch der unwiderstehliche Drang zur Eselei bleibt. Die Natur weiß was sie tut, wenn sie den Tieren bestimmte Instinkte zuordnet. Der Mensch verkennt es als Charaktereigenschaften und offenbart damit seine Hauptschwäche. Er ist nicht in der Lage sich den Tieren anzupassen, sondern glaubt sie müssen sich ihm anpassen und wenn das nicht geht, werden sie zurecht gezüchtet mit fatalen und unsinnigen Folgen. Die vielen Rassen mit Deformationen sind ein beredtes Beispiel dafür. Etwas weiter im Rothirschgehege sehen wir eine kleine Kapelle stehen und wundern uns. Brutanstalt für Hirsche? Weit gefehlt, es handelt sich um den Begräbnisplatz eines Prinzen, der diesen Tierpark einst auf den Weg gebracht hat und dessen Wunsch es war nach seinem Tode bei „seinen“ Tieren begraben zu sein. Die Hirsche sind indes am Waldrand und fressen, sodass man sie kaum sieht. Nur ab und zu schauen sie hoch und besonders die drei Hirsche mit den prächtigen Geweihen bekomme ich durch mein Teleobjektiv gut zu sehen.
Schon haben wir den Tierpark hinter uns gelassen, fahren den Restberg mit der Seilbahn. Ich bin zutiefst zufrieden. In der Talstation kauft meine Frau sich noch eine Eulenfigur mit umgehängter Kamera und einer „Map“ unterm Flügel. „Das bist du“, kommentiert sie ihre neueste Erwerbung. Damit ist meinem Pendant ein Platz auf dem Balkon sicher. Wir fahren zum Hotel zurück. Mehr Tag hätte heute nicht sein brauchen.

Tag 5 - Natur pur

Der Tag verspricht schön zu werden, behaupten die Wetterberichte. Beim Frühstück zeigen sich die Wolken am Himmel und wir können die Prognosen noch nicht so recht glauben. Wir sitzen an unserem zugewiesenen Platz wie jeden Tag, den Tisch voll gestellt mit Brötchen, Joghurt, Spiegeleiern, gekochtem Ei, Margarine und Streichkäse in kleinen Portionen. Am Ende haben wir uns gestärkt und einen Haufen Müll produziert, insbesondere viel Plastik. Umweltschutz sieht anders aus. Das könnte man auch anders lösen. Aber der Mensch liebt die Bequemlichkeit auf Kosten seiner eigenen Existenz. Inzwischen sitzt jeder Handgriff für unser Essen unterwegs. Teewasser in die Thermoskanne, dazu zwei Teebeutel, Eier in den Eiertransportbehälter, Joghurt in die Plasteschachtel, natürlich abwaschbar und wiederverwendbar, Schnitten geschmiert und schon kann es losgehen auf den nächsten Berg.
Jeden Tag können wir eine Fahrt kostenlos auf unserer Sommercard genießen.  Meine Frau ist ein absoluter Gondelfreak und schwärmt von einer Gondel quer durch Halle, die sie dann für ihre Arbeit nutzen würde. Ich habe ja schon viel Fantasie, aber das ist mir noch nicht eingefallen. Unser Ziel ist erst mal die Hochwurzenbahn. Gelbe, geräumige Gondeln trage uns in die Wolken. Der Himmel war bis jetzt noch zugezogen. Ich habe so meine Bedenken, dass wir überhaupt etwas sehen. Doch plötzlich brechen die Wolken auf und der Himmel ist völlig blau. Auf dem Berg bietet sich uns ein grandioses Bild. Die Berggipfel der Hohen Tauern liegen frei, man kann bis in das Salzburgische Land, dessen Grenze nahe an der Steiermark sind, sehen. Das Tal ist mit einer dichten weißen Wolken-decke, die wie Zuckerwatte aussieht, bedeckt. Wir können unseren Blick kaum abwenden und erinnern uns an den Besuch des Schlosses, wo über die Entstehung der Region etwas gesagt wurde. Da, wo die Wolkendecke das Tal bedeckt, lag in der letzten Eiszeit eine mächtige Eisschicht. Endlich haben wir eine Vorstellung vor der Mächtigkeit dieser Eismassen und verneigen uns vor der Natur und ihren Kräften. Ein kleines Wanderstück weiter, auf einem tiefen gelegenen Bergrücken, nahe der Bergstation, machen wir es uns inmitten von flachen Latschenkiefern auf einer Bank gemütlich und genießen in vollen Zügen den Ausblick und die Ruhe. Die dauert freilich nicht lange. Eine Gruppe Rentner erklommen unseren Berg und ihre Führerin, gut um die siebzig Jahre, erklärt ihrer Gruppe die Berge um uns herum. In uns hat sie dankbare Zuhörer. So erfahren wir, dass sie als Kind die Berge zu Fuß erklomm, es gab kaum Straßen und von einer Seilbahn ganz zu schweigen. Die 700 Höhenmeter vom Dorf zum Hochwurzen schaffte man in zweieinhalb Stunden. 

Eine traurige Geschichte gibt sie von einem Koch, der in einem bekannten Hotel in der Gegend arbeitete, zum Besten. Der erfahrene Wandersmann, der die Berge wie seine Westentasche kannte, verunglückte vor einer Woche in einer Schneespalte und konnte trotz Hubschraubereinsatz erst nach Tagen gefunden werden. Die Berge sind tückisch und launisch, selbst Erfahrung nützt da oft wenig. Die Führerin bedauerte zwar seinen frühen Tod, er kam auf ca. 48 Jahre, aber sie meinte auch, dass Gott ihm das Schicksal in seinen Bergen zugestanden hat. Gelitten hatte der gute Mann nicht, er war durch den Sturz sofort tot.
Wir begegnen der Gruppe noch einmal in der Bergstation, wo die alte Wanderführerin den Leuten etwas über den Tourismus erzählt, der Fluch und Segen zugleich sind. Im Winter gibt es keine Sommercard und selbst die Discounter sind exorbitant teuer. „Die Wintertouristen bezahlen für die Sommergäste mit“, erzählt sie den Gästen. Wir können damit leben, da wir mit Skifahren sowieso nichts am Hut haben und hier die vielfältigen Sommercardmöglichkeiten ausgiebig nutzen. Für Kinder und Jugendliche ist es ein Paradies, weil die Angebote kaum überschaubar sind. Es gibt genügend Informationshefte, Wanderkarten, Werbeflyer, wo man sich ausgiebig informieren kann. Fast schon wird für eine Woche zu viel geboten.

Wir verlassen den Berg und fahren der nächsten Alm entgegen, der Eschachalm. Uns empfängt eine beschauliche Alm mit einer Jausenhütte. Wer hier Action erwartet, ist wohl eher fehl am Platz. Der Blick auf die Berge ist grandios und wir entschließen uns vor dem Mittag zu einer kleinen Wandertour am Fluss entlang. Nichts Spektakuläres, eher ein Weg zum Nachdenken und zum Gemütlich sein. Tief atmen wir die frische Waldluft, hören das Rauschen des Baches und sind schon nach einer halben Stunde wieder zurück. Der Übergang über eine Holzbrücke und dem darunter wild dahin tobenden Strom, der die Felsen unermüdlich schleift, war schon den kleinen Rundweg wert. An der Jausenhütte nehmen wir Platz. In einem Anfall von Hunger bestelle ich einen Kaiserschmarrn, der mir den Atem nimmt. Hier wollte der Jausen Wirt wohl drei Leute füttern. Die Berge um uns können sich mit dem Berg auf meinem Teller durchaus messen. Gott sei Dank habe ich meine Frau dabei und wir teilen uns das Monsteressen, das sehr gut schmeckt. Dazu eine frische Milch für mich und Buttermilch für meine Frau und schon ist der Tag fast komplett. Diese Jause (kleine Mahlzeit) war schon ein ausgewachsenes Mittagessen. Vollgefüllt machen wir uns zu unserem Auto zurück, schließlich haben wir noch eine dritte Tour vor – zum Bodensee. Das ist nicht der Bodensee, den jeder kennt, sondern der Geheimtipp unter den Seen der Steiermark. So nennt man ihn auch liebevoll den Steierischen Bodensee.
Über eine Mautstrecke, die auch inklusive ist, wie alle Mautstraßen in der Umgebung, haben wir unser Ziel erreicht und machen uns auf den leicht zu wandernden Weg zum Steierischen Bodensee. Eigentlich sind es drei Seen mit 30 m Höhenunterschied. Die Strecke zum zweiten See geht 300 m steil bergan neben einem atemberaubenden Wasserfall. Das tun wir uns aber nicht an, sondern umrunden zur Hälfte den unteren Forellensee, an dessen Ufer eine Fischgaststätte sich es im bäuerlichen Stil bequem gemacht hat. Wir waren schon einmal hier, aber diese Natur zweimal zu besuchen ist ein Muss. Groß ist der See zwar nicht, aber spiegelglatt und glasklar. Unsere steinzeitliche Truppe, die ich mir am Anfang der Reise vorstellte, wäre aber auf keinen Fall hiergeblieben. Steile Berge umschließen den See. Es gibt zwar reichlich Landschaft, Beeren, Wildkräuter und Wasser, aber die Jagd wäre unmöglich gewesen in den Hängen. Und im Gegensatz zu heute mit Vegetarier- und Veganerwahn brauchten die Steinzeitmenschen die Jagd. Sie hatten zwar keine Ahnung von biologischen Zusammenhängen, aber ihr Instinkt sagte ihnen deutlich, dass sie ab und an Fleisch brauchten. Ohne Fleisch hätte sich nun mal nicht das Gehirn des Menschen entwickelt, das ist eine evolutionäre Tatsache und hat etwas mit Energie zu tun.
Doch Fleisch gab es nun mal nicht im Überfluss und seine Jagd war anstrengend und gefährlich, das wusste unser Anführer und vegetarische Essen hätte die Steinzeitmenschen auf Dauer schlichtweg umgebracht. Die Gruppe hatte keine Ahnung von vollgestopften Kaufhallen mit Wurstsorten, die keiner braucht und dem Leiden der Tiere für das zwar entwickelte menschliche Gehirn, das aber in seiner Genusssucht immer maßloser wird. So entschwindend die Gruppe meiner Fantasie, kann ich mir doch in meinen kühnsten Überlegungen kaum vorstellen, wie sie lebten und fühlten.

Wir bleiben noch eine Weile mit unseren Gedanken am See hängen, bevor wir wieder zu unserem Hotel zurückfahren. Den Rest des Tages faulenzen wir vor dem Fernsehen, während die Steinzeitgruppe irgendwo ihr Lager aufschlägt, sich ein Feuer mühsam macht und die Weiber irgendeinen Brei aus Wurzeln, Kräutern und Beeren kochen, um dann spät am Feuer sich im Moos zusammenzurollen und eng gedrängt zu schlafen.
Mein Bett ist weiß, weich und fern jeder Natur, aber saugemütlich.

Tag 6 - Wir holen auf

Regen, nichts als Regen und die Wolken hängen tief. Das Frühstück schmeckt, hebt aber meine Laune nur wenig. Meine Frau versucht mich aufzumuntern. „Schau mal da wird es heller, da reißt der Himmel auf.“ Ich sehe weder etwas heller werden, noch aufreißen. Mich kümmert nur das Weizenbrötchen und meine heiße Milch. In meinem Kopf überlege ich die Fahrtroute und entscheide mich für den Schlechtwetterfall. Also auf zum Bergwerk Altaussee, den wir am Montag nicht besuchen konnten. Wir sind ein wenig in Eile, da wir pünktlich zur Öffnungszeit da sein wollen und eine Stunde Fahrzeit haben. Ich bin gespannt, was uns im Salzbergwerk erwartet, kommen wir doch selbst aus einer Salzstadt und tief in mir schlummert der Salzhändler Erasmus von Halberstadt, eine Figur, die ich auf der Bühne spiele. Selbstverständlich schleppe ich diesen Typen aus dem 15. Jahrhundert ständig mit mir rum und er scheint auch schon hellhörig geworden zu sein und aus seinem Urlaubsschlaf zu erwachen. Er ist kein Ballast für mich, sondern mit seiner Schlitzohrigkeit eher das, was ich im wirklichen Leben nicht sein kann.

Wir kommen rechtzeitig bei den Salzwelten an und schon beginnt die Hetzerei. Wir haben fünf Minuten zum Bezahlen, umziehen. Ich versuche eine Karte zu ergattern und verzweifele bald, weil die Kassiererin eine Kundin berät, die sich partout nicht für eine Sorte Salz entscheiden kann. Die Zeit rennt davon. Meine Frau hockt auf dem Parkplatz und zieht ihre Wanderschuhe an, die junge Bergführerin wartet geduldig am Eingang, hat sie meine Ungeduld längst lächelnd zur Kenntnis genommen. Die Kundin und ihr Mann sind die Unschlüssigkeit in Persona. Ich überlege einen Moment Erasmus freizulassen. Der Schreihals würde aber zu viel Aufruhr verursachen und ich will ja auch noch den Rundgang genießen. Grummelnd fügt sich Erasmus in sein Schicksal und hält still. Irgendwie hat er aber doch Einfluss auf die Kassiererin genommen, die sich mir abrupt zu wendet und mir meine Tickets gibt. Meine Frau findet sich ein und wir können den Umziehraum betreten. Jeder muss eine weiße Jacke und eine weiße Hose anziehen und wir schauen erst einmal einen Film, wo die Salzbildung erklärt wird, an. Gähn, kenne ich schon, aber die sechs anderen Gäste unserer kleinen Führung halt nicht. Der Typ auf der Leinwand bringt die Entstehung des Salzes mit einem „Kas in der Suppen“ bei, was wohl für die Kinder interessant ist. Entsetzt stelle ich fest, dass wir in der Eile unsere Kamera im Auto liegengelassen haben. Ich bin fuchsteufelswild, kann aber nicht auf den Parkplatz, da mein Ticket elektronisch entwertet wurde. Krutzitürkenhimmelbombardement noch mal. Ohne Kamera, ein Bergwerk, das geht doch nicht. Meine Laune ist auf den Tiefpunkt, als ich mich meines Handys erinnere. Das habe ich mit und da es ganz neu ist, macht es super Bilder als iPhone xR. Ich liebe Technik. Nach dem Film und der offiziellen Begrüßung unserer Bergführerin in der traditionellen Tracht der Bergleute, die der heiligen Barbara gewidmet ist, geht es 700 m einen schmalen Gang entlang in den Berg.

Nach kaum 100 m kämpfe ich mit meiner weißen Hose, die plötzlich in den Kniekehlen sitzt. Gut, dass ich als letzter gehe. Wir versuchen vor dem Aufbruch unseren Rucksack in die abschließbaren Fächer abzustellen. Trotz größter Mühe und viel Geschimpfes klappt das nicht, da wir zu spät bemerken, dass der Abschließmechanismus nur mit Geld funktioniert. Durch die weißen Klamotten kommen wir aber an das Kleingeld nicht so schnell ran. Die Gruppe wartet schon in einiger Entfernung. Schimpfend und fluchen rennen wir los und meine Hose begibt sich in besagte Kniekehlen. Also zerre ich den Rest des Weges an mir rum, während Erasmus, der dusselige Typ sich köstlich amüsierte. Seine Hose hatte noch nie das Problem.

Endlich habe ich meine Hose besiegt und wir unser Ziel, einen riesigen Salzkristall erreicht. Das Salz an den Wänden ist rötlich, weil hier die Mineralien (über 80 Stück) auch Eisen enthalten und das nun mal rötlich färbt. Im Gegensatz zu unserer Sole in Halle, die sich natürlich bildet durch eine Bruchkante verschiedener Schollen, einer sogenannten geologischen Störung, wird hier Salz abgeschlagen und die Sole im Berg erzeugt. Bohrer gehen dabei mehr als 200 m in die Tiefe und es wird Wasser hineingedrückt. Das Wasser löst dabei die Salze auf und es bildet sich ein Hohlraum, in der sich die Sole sammelt. Die wird abgepumpt. Kalksedimente des Hohlraumes und der Sole fallen als Niederschlag zu Boden und der Hohlraum wird dadurch allmählich nach oben erweitert. Solch ein künstlicher Hohlraum wird bis zu 50 Jahre genutzt, bevor ein neuer gebohrt werden muss. Über uns türmen sich 650 Meter Gesteinsmassen, im Bergwerk herrscht eine konstante Temperatur von 7 Grad.

Das Bergwerk hat aber noch eine andere Bedeutung kurz vor Ende des Krieges gehabt. Hier wurden die geraubten Kunstschätze des Führers und viele andere versteckt. Mehr als eine Milliarde Euro wert, soweit man einen Wert überhaupt beziffern konnte, waren in Kisten verpackt. So auch die berühmte Brügger Madonna mit Kind von Michelangelo oder dem Genter Altar. Im amerikanischen Film „The Monuments Man“ mit George Clooney wird die Rettung der Kunstschätze aus amerikanischer Sicht gezeigt. Doch der Film hat mit der Wahrheit nicht viel zu tun. In einigen der Kisten lagen Bomben. Die ganzen Kunstschätze sollten gesprengt werden und nicht die Amerikaner retteten die Kunstschätze, sondern die Bergarbeiter, die im letzten Moment die Bomben irgendwo im Wald entsorgten. Vom umtriebigen Bergwerksdirektor Emmerich Pöchmüller, der die Gauleitung damals austrickste und somit der eigentliche Held war, kein Wort. Und so wurde dieser mutige Mann ein zweites Mal verleugnet, da er schon zu Lebzeiten als gebrochener Mann starb, weil ein anderer zwielichtiger angeblicher Widerstandskämpfer den Ruhm für sich beanspruchte. Clooneys Geschichte ist ein Hollywoodfilm, schon allein deshalb, weil die wahren Monuments Man „in Wahrheit (eher) tüchtige, aber innerhalb der Armee wenig angesehene Einzelkämpfer ohne klare Aufgaben und Befugnisse (waren).“, so das Zitat eines Filmkritikers. Der ganze Film ist eine an den Haaren herbeigezogenen Geschichte, die mit den tatsächlichen Ereignissen nur wenig gemein hat.
Da soll der Film „Ein Dorf wehrt sich“, der vor Kurzem gedreht wurde, den tatsächlichen Ereignissen schon wesentlich näherkommen und der Wahrheit entsprechen. Den werde ich mir ansehen, auf jeden Fall. Der wahren Geschichte ist hier eine umfangreiche Ausstellung mit Nachbildung einiger ganz wertvoller Kunstschätze gewidmet. Hochinteressant. Wir besuchen noch die unterirdische Bergkapelle, die der heiligen Barbara gewidmet ist, die von ihrem Vater getötet wurde mit 29 Jahren, weil sie Christin werden wollte. Sie ist die Schutzpatronin der Bergwerksleute und die oberen drei Knöpfe der Bergwerkstrachtenjacke sind ihr zu Ehren immer geöffnet. Es ist schon seltsam, was dieser gnädige Gott alles zulässt, von der Opferung seines Sohnes bis hin zu entsetzlichen Kriegen und Inquisitionen in seinem Namen und der Tötung eines einfachen Mädchens im Glauben an ihm. Gott scheint ein allumfassender Psychopath zu sein, der die Menschheit nur geschaffen hat, um sich selbst und die Erde zu vernichten. Das ist für mich völlig absurd und der Glaube einfach nicht nachvollziehbar. Er hätte sich besser Marionetten schnitzen sollen, als den Garten Eden zu schaffen und dort einen Baum zu verstecken, der den Menschen seine tiefsten Apokalypsen offenbart. Vielleicht sind die meisten wie Adam und Eva nicht unbedingt nackt schöner, aber doch viel friedlicher. Natürlich erörtere ich diese geistlichen Fragen nicht mit der Bergführerin, erzähle ihr aber von meiner Salzstadt. Da erwacht dann der Erasmus in mir, voller Enthusiasmus und dem Wissen über die Geschichte seiner Salzstadt.  So hat auch die Bergführerin, die zudem aus Zwolle, der Geburtsstadt der Neuen Hanse, stammt, auch einiges zu anzuhören und ist erstaunt über unsere Art Salz zu gewinnen, was ihr anfangs einfach düngt, aber nach meinen Erzählungen doch ins Grübeln bringt. Solcherart Gespräch geht nur bei unserer kleinen Gruppe. Den krönenden Abschluss bildet ein musikalisches Lichtspiel in einer Höhle, die als Konzert- und Theatersaal dient.

Auf dem Rückweg schwatze ich die gute Bergführerin noch weiter zu, lasse Erasmus ruhen und hole den Lehrer heraus. So erfährt sie auch etwas von diesem Zweig meines Lebens, fragt ungläubig, vergleicht und fordert am Ende des Weges unsere Kleidung zurück. Stolz zeige ich ihr noch unsere Hansemagd im Internet und gebe ihr eine Visitenkarte vom Hanseverein. Dann ist sie schon meinen Blicken entschwunden und wir sind auf Fahrt zum Toplitzsee.
Dort erwartet uns ein Schiff für eine kleine Runde rund um den See. Wir lassen uns das frische Wetter um die Ohren wehen, fotografieren alles um uns herum, senden einen Gruß an unsere Mittelaltergruppe und mögen diesen kleinen Kahn mit seinem schrulligen Jungen Mann, der als Leichtmatrose auch das Geld einkassiert und etwas linkisch daherkommt. „Habt ihr einen Durscht?“, fragt er, bemüht seine teuren Durstlöscher unter den Mann zu bekommen. „Darf ich bitte zwickerln“, fragt er in breitem österreichischem Akzent und will lediglich das Billett lochen. Recht machst du es. Auf der Rückfahrt setzt er sich uns gegenüber, spielt mit dem Handy und lächelt beim Lesen permanent. Dann schreibt er konzentriert, um beim erneuten Lesen wiederum zu lächeln. Das ist bestimmt eine Ursula am anderen Ende, die im Dirndl vor sich hin schmachtet und einen Alpenjodler von sich lässt, wenn er mit seinem feschen Seemansoutfit ihr Zimmerl betritt. Hei, wie wird’s dann heiß in den Stuben. Ich verlasse brav die beiden und widme mich wieder dem zu, was man im Alter am besten kann: weggucken und sich der Natur widmen. Langsam gleitet das Schiff über den See, an hohen Bergen, die noch von Wolken bekrönt sind, seinem Bestimmungshafen, unserem Ausgangspunkt zu. Wir sind wieder da, steigen aus und der glückliche junge Mann entlässt uns vom Schiff mit irgendeinem österreichischen Satz, den wir eh nicht recht verstehen, der aber wie ein Abschied klingt. So wird der Typ heiraten, Kinder kriegen und vielleicht eines Tages Kapitän des Schiffes sein. Sei es ihm gegönnt. Ich habe Urlaub und wir haben unsere verlorenen Vorhaben aufgeholt.

Tag 6 - Regen, Sonne, Abschied

Es ist drei Uhr. Es regnet. Es ist vier Uhr. Es schüttet. Es ist sechs Uhr, ich habe keine Lust auf den Tag, der Regen hat nicht aufgehört. Es ist sieben Uhr. Frühstückszeit. Sylvia prophezeit, dass der Regen bald aufhört.
Ich mache mir Sorgen um meine Steinzeitgruppe. Doch der Anführer hat längst einen Felsen-Unterschlupf gefunden, wusste er lange schon, dass eine Regenfront sich nähert. Er hat es mit all seinen Sinnen wahrgenommen. Eng gedrängt sitzt die Gruppe unter einem vorkragenden Felsen und schaut gleichmütig dem fallenden Wasser zu. Sie wissen, das Regen dazugehört, mehr noch, nach dem Regen werden die Tiere aus den Deckungen gelockt. Das verspricht wieder mal nach vielen Tagen etwas Fleisch. Die Männer kümmern sich schon mal um ihre Stocklanzen und schärfen die Spitzen. Sie würden nie meine Laune verstehen. Regen ist für sie Leben. Für mich zählt nur der Gedanke am letzten Tag etwas zu erleben und bei Regen auf einen Berg zu fahren, riecht nach viel Wolken und keinerlei Sicht.

Bald nach dem Frühstück, ausgiebig wie immer, haben wir den Rittisberg erreicht. Meine Frau hat fünf Tage gebraucht, um sich den Namen zu merken. Von Ritterberg bis Rittlingsberg war so ziemlich jeder falsche Name dabei. Was muss sie sich das auch merken, bin ich doch bis zu beiden Ohren technisiert und kann jede beliebige Information abrufen, bis auf das Wetter. Sämtlichen Vorhersagen zum Trotz macht es, was es will. Nur den Anführer der Steinzeitmenschen konnte es nicht überlisten, kennt er doch die Natur genau und beobachtet mit jedem seiner Sinne, riecht und schmeckt Luftveränderungen, Dinge, die wir Jetztmenschen längst verlernt haben.

So ist an der Talstation noch denkbar schlechtes Wetter, aber die Wolken scheinen sich langsam zu verziehen, nur das Salzburgische Land liegt noch in dunklen Gewitterwolken. Die Auffahrt gestaltet sich kühl, ich habe mich immer noch nicht ganz an die offenen, schaukelnden Gondeln gewöhnt, der Boden ist viel zu weit unten und die Stahlseile sind meiner Meinung viel zu dünn. Außerdem wird es kühl und meine Regenjacke lässt die frische Luft viel zu frisch durch. Auf dem Rittisberg ist eine große Spielinsel, Vogelvoliere und ein fantastischer Ausblick. Wir kaufen uns eine Holzkugel und begeistern uns an großen Holzkisten, in den die Kugel Hindernisse auf einer Schräge überwinden muss. Meine Frau amüsiert sich tierisch, weil meine Kugel im Gegensatz zu der ihrigen ständig stecken bleibt. Ich kann das Spiel nach einer Weile nicht leiden und wir machen uns auf den Barfußrundgang. Ich sehe meinen Steinzeitmenschen unbeeindruckt schnell die mit verschiedenen Materialien, Holzspäne, Felsensteine, scharfkantige Kiesel, ablaufen, während ich vorsichtig mit meinen Schuhen den Weg suche. Gott, was haben wir alles verlernt, vergessen und sind von der Natur entwöhnt. Endlich kommt auch die Sonne heraus und meine Frau entpuppt sich als laufende Wetterstation allen Vorhersagen zum Trotz. Ihr „Siehste“, muss ich noch öfters hören.
Wir haben uns vorgenommen, jede freie, kostenlose Seilbahn auf Sommercard auszunutzen, da überlassen wir die Wanderwege gern den anderen, sind doch manche Wege sehr schmal und lassen kaum Platz für mehrere Wanderer. Diese geniale Ausrede hindert uns über Aktivitäten nach -zudenken, die uns guttun würden, die aber einfach nicht geplant sind. Bin ja kein Steinzeitmensch.

Als Nächstes fahren wir zur Vögeialm, deren Name nur schwer ohne Versprecher über die Lippen kommt, liegt doch das naheliegende Wort förmlich auf der Zunge. Irgendwie bekommen wir auch das frivole Grinsen beim Aussprechen des Namens nicht aus dem Gesicht, was uns nicht vor dem Verfahren schützt. Die Straße geht in vielen Slalomrunden den Berg herunter, ich freu mich meines Lebens, meine Frau hat die Hände vorsichtshalber am Deckengriff und ich liege rasant in den Kurven mit meiner Rockerkluft a la Hells Angels und Dwayne Johnson. Am Ende der Strecke vermeldet die Frauenstimme im Navigator, dass die gesamte Strecke zurückgefahren werden muss. Der blöde Navigator hat einen Vollschuß. Auf gerader Strecke, wenn man keine Möglichkeit hat abzubiegen, quatscht die weibliche Stimme dauernd, wenn es aber Not tut, schweigt sie. Wir haben während unserer Fahrt das Lied „Vincent“ von Sarah Connor nicht ein einziges Mal vollständig hören können, weil es ständig durch die blöde Kuh des Google Maps Navigators unterbrochen wurde. Jeden nervigen Schlager hingegen musste ich von Anfang bis Ende über mich ergehen lassen. Das ist Absicht, von wem auch immer. Also fahren wir den Weg zurück, den ich genauso rasant nehmen will, doch in dem Moment tuckert ein Auto mit Hänger vor mir her. Dwayne Johnson verkrümelt sich, die Kluft der Hells Angels löst sich auf und ich fahre viel zu langsam und völlig verstimmt hinter dem Fahrzeug hinterher.
Irgendwann haben wir es bis zur Mautstraße geschafft. Im Prinzip ist es nur ein steiniger, schottriger Weg, bei dem man hofft, dass kein Gegenverkehr kommt. Er zieht sich mehrere Kilometer immer weiter nach oben und irgendwann steht ein Fahrzeug so blöde da, dass ich kaum vorbeikomme. Ein paar Meter weiter wäre es besser gegangen, aber der Typ hatte weder Weitsicht noch Mut.
Die Alm ist wie jede Alm. Wunderschön, mit der Jausen Station und ein paar Hütten zum Übernachten. Eine kleine Kapelle steht mitten zwischen „hingeworfenen“ riesigen Steinen. Überall hört man die Kuhglocken und rosa Schweine haben eine prächtige Suhle in ihrem Gehege. Ein alter Bauer füttert seine Hühner, wir haben Hunger.
Nach einer kleinen Runde machen wir unsere Mittagspause, bestellen Milch und Buttermilch, ein Kas- und ein Griebenschmalzbrot. Wir sitzen draußen und es fängt schlag- und wolkenbruchartig an zu regnen. Schnell verschwinden die Gäste in der Jausenhütte, es wird gelacht, gewitzelt, der Jausenchef ist nett. Wir fühlen uns wohl, das Brot schmeckt. Das kann mit keinem Essen der Welt in irgendeiner Gaststätte mithalten. Nun scheint das Wetter den Tag im Dauerregen zu Ende gehen lassen zu wollen. Die letzte geplante Tour wird somit ins Wasser fallen, was nicht so schlimm ist, waren wir doch schon mal auf dem Stoderzinken.

Wir schauen uns ein letztes Mal hier auf der Vögeialm um. Ich winke den Steinzeitmenschen zu, die für immer auf den Weg durchs Gebirge entschwinden. Der Anführer scheint einen Moment stehenzubleiben, irgendetwas fällt ihm auf. Er schaut in meine Richtung und scheint mir zuzuzwinkern, dann entschwindet die Gruppe. Ich bin in meinen Gedanken und auf den Weg ins Hotel. Im Regen geht es zum Planaihotel und es regnet noch, als wir den Rest des Urlaubstages bis zum Abendbrot faul im Bette zubringen. Morgen geht es nach Hause, die Wirklichkeit hat uns wieder.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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