Qayid Aljaysh Juyub

Story XVIII: Weggefährten

Im Schein des brennenden Dorfes standen sich beide gegenüber, die Waffen aufeinander gerichtet. Das große Morden auf Geheiß ihrer unmenschlichen Herren war fast beendet, von Deutschen und Russen gab es sonst nur noch Tote und Verwundete. Weder Himmelssturm noch Ogon Skhvatka rechneten noch damit, auf einen kampffähigen Feind zu treffen und ihre Begegnung stellte für beide eine Überraschung dar, die sie kurz zögern ließ, einander umzubringen. Normalerweise hätte sich zumindest einer von beiden gefangen und den seinen Gegenüber unsanft in eine bessere Welt befördert, da es sich bei Himmelssturm und Ogon um ‚gute‘ Schlächter in Uniform handelte, aber in ihrem Unterbewusstsein tauchte ein Schatten ihrer ersten Begegnung aus der Akasha-Chronik auf und so hielten sie inne (…)

Es war der zweite Tag der großen Schlacht und der andauernde Regen weichte das unwegsame, morastige Gelände zusätzlich auf. Titus Coelius Tempestas kam allmählich zu Bewusstsein, dass die 18. nebst den sonstigen Streitkräften des Varus -der verdammte Idiot, der er war- sich schon bald geschlossen in der Unterwelt wiederfinden würden.
Schon als der Kampf begann, war er verloren. Arminius, der verfluchte Verräter, hatte dafür gesorgt, dass die glorreichen Legionen auf einem für sie denkbar ungünstigen Gelände kämpfen mussten. Außerdem erwischte der germanische Renegat -als hoher Offizier und Kommandeur der ‚Hilfstruppen‘ bestens mit römischen Taktiken vertraut- die Römer in einem wohlvorbereiteten Hinterhalt auf dem Marsch. Durch das unwegsame Gelände gezwungen in einer kilometerlangen, ungeordneten Kolonne zu marschieren, gelang es den Truppen des Varus nicht, irgendeine Abwehrformation zu bilden, zumal nicht nur die Barbaren, sondern auch die als Flankenschutz vorgesehene germanische Auxilia über die überraschten Legionäre und den inzwischen mit ihnen vermengten Tross herfielen. Trotz schwerer Verluste gelang es den Angegriffenen an diesem Tage noch, auf nicht ganz so üblem Gelände ihr Lager aufzuschlagen und sich zur Verteidigung einzurichten. Nur, die Barbaren kamen nicht! Arminius war wohl bewusst, dass die römische Armee ihre geschützte Position mitten im Nirgendwo, verlassen musste, um in den germanischen Urwäldern zur Beute zu werden. Obwohl Varus in der eitlen Hoffnung, dass seine beutegierigen Gegner dadurch einen entscheidenden Zeitraum abgelenkt sein würden, opferte seinen Tross und lieferte alle begleitenden Zivilisten ihrem Schicksal aus, aber die Rechnung ging nicht auf. Kaum befanden sich die Römer wieder in den Wäldern, schon griffen ihre Feinde aus allen Richtungen an. Inzwischen hatten sich die Witterung und die topographischen Verhältnisse arg verschlechtert und die Römer verloren vollends die Orientierung. War schon der erste Tag ein Schwarzer für die Legionen, so bahnte sich am Zweiten eine Katastrophe an.Tempestas -seines Zeichens Principalis, äquivalent zum heutigen Hauptgefreiten- und die Zenturie, der er angehörte, überstanden den ersten Tag relativ unbeschadet mit geringem Verlust. Jetzt allerdings waren die überlebenden 72 Legionäre dem Angriff eines mindestens doppelt überlegenen Gegners ausgesetzt. In den chaotischen Verhältnissen hatten die Männer des Centurios Marcus Caelius den Kontakt zu ihren Kameraden der ersten Kohorte verloren und sich schlichtweg verirrt; für die Barbaren ein gefundenes Fressen. Der Angriff begann mit einem überraschenden Hagel von Wurfspießen aus dem Hinterhalt, dem Caelius, sein Optio, der Signifer und mindestens ein Drittel der Männer zum Opfer fielen, gefolgt von einem wilden Angriff. Die leicht- bis ungepanzerten Germanen metzelten die unbeweglichen Römer in ihren schweren Schienenpanzern und Kettenhemden förmlich nieder. Titus wurde bereits zu Anfang des Massakers mit Hilfe eines groben Kriegshammers, den ein hünenhafter Germane gegen sein behelmtes Haupt schwang, aus dem Spiel genommen. Während er noch besinnungslos zu Boden fiel, gelang es einem benachbarten Legionär mittels seines glücklich geführten Gladius, den Troll gleichen Barbaren als einen der wenigen germanischen Gefallenen niederzustrecken, bevor dieser den wahrhaft ‚angeschlagenen‘ Principalis mit einem zweiten Hieb ins Reich der Schatten schicken konnte. (…)

Hadubrand, Sohn des Hildebrands, warf das Pilum aus seiner sorgsam gewählten Deckung am Rande des Schlachtfelds wohl gezielt auf den verhassten Feind. Beowulf, sein wohlbeleibter Gefolgschaftsführer, der umringt von seinen Leuten dümmlich auf die andrängenden Römer starrte, stierte einen Augenblick dumpf den seine Brust durchbohrenden Wurfspeer an und brach wie vom Blitz gefällt zusammen. Wie es der Attentäter richtig vermutet hatte, waren die restlichen, entsetzten Gefolgsleute viel zu sehr mit den verzweifelten Legionären und dem Schock über das Ableben ihres Führers beschäftigt, um nach dem Mörder groß Ausschau zu halten, der natürlich nach vollbrachter Tat eilig seine Wirkungsstätte verließ. Tatsächlich fand sich inmitten des Getümmels tatsächlich die Gelegenheit, die Rache für den grausamen Mord an Hadubrands geliebten Onkel Grendel zu vollstrecken. Zielstrebig arbeitete der Neffe seit Jahren auf die Vergeltung hin und sah schon manch ausgeklügelten Plan scheitern, seitdem er sich in die Gefolgschaft des ‚Bären‘ als minderer Kämpe einschlich. Nicht, dass sich der gewichtige Grendel-Meuchler durch überragende Intelligenz auszeichnete, sondern einfach psychotische Unberechenbarkeit. Wie die Geschichte erweist, ist es viel leichter einen gerissenen Tyrannen zu töten, als einen durchgeknallten Psychopathen, der aus irrationalen Gründen plötzlich seine Meinung ändert. Wie der geneigte Leser sicherlich bemerkt haben dürfte, werden auch gerne geistesgestörte Anusöffnungen von jenen einflussreichen Persönlichkeiten, die aus opportunistischen Gründen diesen irren Führern folgten, zu dämonischen Verführern stilisiert. Die Epigonen der ‚Verführten‘ machen dann aus dem großen ‚Verführer‘ einen stinknormalen Durchschnittstypen, um ihren Machtanspruch gegenüber dem minderen Plebs -das natürlich ausschließlich an der ganzen Misere die Schuld trug- zu manifestieren.Aber weiter mit unserer Geschichte! Aus Gründen, die nur seinem kranken Gehirn bekannt gewesen sein dürften, erschlug Beowulf den friedfertigen Grendel - gerüchteweise wurde das Opfer während eines psychotischen Schubes mit einem Troll verwechselt. Eigentlich eine klare Sache und eigentlich wohlbegründeter Anlass einer Blutrache an dem Übeltäter. Nur hatte die wenig einflussreiche Sippe des Opfers das außerordentliche Pech, dass Gaugfürst Hrotgar an dem durchgeknallten ‚Bienen-Wolf‘ aufgrund früherer homoerotischer Beziehungen einen wahren Narren gefressen hatte. So standen die Angehörigen des Erschlagenen vor der recht einseitigen Wahl, entweder mit erheblichen Prestigeverlust das recht geringe Wergeld -Grendel selig fiel doch sehr im Preis durch den Einfluss des gräflichen Exliebhabers- für den Toten entgegenzunehmen oder eben bis ins letzte Glied der Rache des Gaufürsten anheimzufallen, und der machte nicht einmal vor Frauen und Kindern halt. Normalerweise hätte kein klardenkender Gefolgschaftsführer ein Mitglied -egal wie geschickt der sich anstellte- einer verfeindeten Sippe unter seine treudoofen Mannen aufgenommen, aber Beowulf hatte eben, um es nun einmal umgangssprachlich auszudrücken, eben halt ‚nicht alle im Stall‘ oder meinetwegen, war bekloppter als ein Abort besuchendes Nagetier. Dem recht intelligenten Hadubrand war es ein Einfaches den bevorzugten und recht einfältigen Gefolgsleuten gewisse Ideen einzuflüstern, die diese stolz ihrem Herren als eigene Geistesblitze verkauften, und die natürlich eine recht günstige Wirkung hinsichtlich der vorzeitigen Reise Beowulfs nach Valhalla gehabt hätten. Unglücklicherweise änderte -wie schon erwähnt- der Wolf der Bienen des Öfteren abrupt seine Meinung und wenn nicht, dann gebrach es ihm nicht an schier unverschämtem Glück. Zumindest gestaltete sich aber am Ende die eher verzweifelte Idee erfolgreich, den ‚Führer‘ mit Hilfe des tumben Sigifrieds -Lieblingstotschläger- zu einem Angriff auf eine weit überlegene römische Truppe zu motivieren. Unbemerkt von den ungestüm angreifenden Gefolgsgenossen hielt sich der antike Jago im Hintergrund, um eine günstige Gelegenheit zu ergreifen und die Angelegenheit endgültig zu klären. Wieder schien es, als sei das Glück dem irren Beowulf hold, da die Legionäre sich aus bekannten Gründen mit der Abwehr der Barbaren schwertaten. Aber letztendlich waren vielleicht die Götter ihres abgedrehten Lieblings überdrüssig -bekanntlich langweilt selbst der blutrünstigste Irre irgendwann die himmlischen Mächte- oder den Nornen ging halt das Schicksalsgarn aus. Der eher zufällige Fund eines römischen Wurfspeeres gab dem erneuten Fiasko bluträchender Intrigen einen ganz anderen Verlauf. Vermutlich würden sich nun die gebeutelten Legionäre und die nun in völlig aufgelöster Konfusität befindlichen Gefolgsleute, für die es nach germanischen Maßstäben eine rechte Schande war, ihren ‚Führer‘ überlebt zu haben, bis auf den letzten Mann gegenseitig abmurksen; dabei waren dem blutigen Rächer die Römer eher gleich. Zufrieden lächelnd machte sich Hadubrand auf seinen Weg durch den Großgermanischen Urwald. (…)

Unzweifelhaft war Fortuna auf Seiten des Tempestas, da der Chef der angreifenden, germanischen Kriegsbande eine gewisse Eile an den Tag legte mit den Römern fertigzuwerden, da er andernorts dringend erwartet wurde, um eine gemeinsam mit den Männern seines Häuptlings die noch beachtlichen Reste eben jener ersten Kohorte der 18. Legion auszulöschen; das stellte eine besonders ruhmreiche Leistung dar, da diese Truppe den Legionsadler mitführte und der ehrgeizige Gefolgschaftsführer ganz scharf darauf war, den Vogel für sich zu erobern. Obwohl es den Angreifern gelang, die Römer aus einem eiligen Hinterhalt zu attackieren, war dieses Aufeinandertreffen doch eher zufällig. So erlaubte der gestrenge Anführer seinen Männern nicht, die Leichen nach altehrwürdiger Sitte gründlich zu plündern, sondern nur das kurze Vergnügen, offensichtlich verwundeten Legionäre auf kurze, aber möglichst schmerzhafte Weise umzubringen. So entging der bewusstlos behämmerte Principalis einer eingehenden Untersuchung und blieb als vermeintliche Leiche liegen.
Titus erwachte mit brummendem Schädel und leichtem Schwindelgefühl. Orientierungslos gelang es dem Legionär, seinen Oberkörper durch beide Arme gestützt, aufzurichten und sich einen ersten Eindruck der Geschehnisse zu verschaffen. Offensichtlich hatten die Barbaren ganze Arbeit geleistet! Ächzend versuchte der Principalis sich zur Gänze zu erheben, aber Schwindel und Übelkeit zwangen ihn wieder auf seine Ursprungsposition.
Wie dem geneigten Leser einsichtig sein dürfte, litt unser Mann unter den Folgen einer mittleren Gehirnerschütterung, die er aber Dank seines hartgesottenen Naturells allmählich in den Griff bekam.
Nach einiger Zeit erholsamen Sitzens, gelang es dem Gehirnerschütterten sich mit Hilfe eines zu einer provisorischen Krücke umfunktionierten Pilums (römische Wurfspeere lagen ‚en masse‘ in der Umgebung des Beklopften herum), in der Welt der Zweibeiner zurückzukehren. Seine körperlichen Beschwerden unterdrückend, begann der angeschlagene Legionäre, über seine unangenehme Lage nachzudenken. In den 15 Jahren, die er jetzt schon bei der Truppe diente, erwarb Tempestas eine gewisse strategische Analysefähigkeit. Varus und seine ursprünglich 25000 Mann waren definitiv dem Untergang geweiht. Also machte es sehr wenig Sinn, sich, wenn er das überhaupt im Germanen verseuchten Wald schaffen sollte, dem Heer wieder anzuschließen. Andererseits standen seine Chancen auch nicht gerade gut, wenn er alleine versuchen würde, sich bis zum Rhein durchzuschlagen. Auch in Topform wäre ein solches Unterfangen fast unmöglich, aber in seinem körperlichen Zustand und ohne die geringste Ortskenntnis, hätte er nicht einmal ein As auf sich gewettet.
Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden, die sich später selber entleiben sollten, um nicht den Germanen in die Hände zu fallen, besaß Titus einen ungewöhnlichen Überlebensinstinkt. Seine Eltern gehörten zu jenen unterprivilegierten ‚Proletariern‘, die außer dem römischen Bürgerrecht nichts besaßen und sich nicht sonderlich um ihren Nachwuchs scherten. Der junge Titus war einfach nur ein Maul mehr, das man eigentlich nicht füttern konnte und als Baby nur nicht aussetzte, weil er männlichen Geschlechts und sein ewig betrunkener Vater gerade einer seiner seltenen, sentimentalen Stimmungen war. So lernte Tempestas schon früh, in den elenden Gassen zu überleben und tötete bereits im Alter von 12 Jahren seinen ersten Mann. Als sich die Gelegenheit bot, trat er mit 18 in die Legion ein - ein cooler Job für jemanden, der sich gelegentlich von Abfall ernähren musste und für den eine fette Ratte fast schon ein Festmahl darstellte.Bei Varus auszuharren, bedeutete den sicheren Tod entweder in der Schlacht oder als Menschenopfer für die germanischen Götter, falls man das außerordentliche Pech hatte, gefangengenommen zu werden. So erbärmlich geringe Überlebenschancen bestanden, so erschien es Titus doch sinnvoller, sich in Richtung Rhein aufzumachen.
Bevor sich der lädierte Principalis jedoch auf den Weg machen konnte, bot sich ihm ein so ungewöhnlicher Anblick, dass er an seiner Wahrnehmung zweifelte: Aus dem Wald stolperte ein sehr jung aussehender Legionär in vollem Marschgepäck.
‚Der verdammte Barbar hat mich wohl schlimmer erwischt, als ich dachte!‘
Das vermeintliche Produkt Halluzinationen erzeugenden Behämmerns zuckte erschrocken zusammen und brachte sich ungeschickt in Kampfstellung.
‚Freund oder Feind?‘
Diese äußerst intelligente Äußerung überzeugte Tempestas davon, dass es sich bei dem soeben Erschienenem um keine Sinnestäuschung handelte, denn ein Phantasieprodukt hätte mit Sicherheit keine so dämliche Frage gestellt.
‚Sehe ich aus wie ein stinkender Barbar, Du Einfaltspinsel. Wie, bei allen Göttern, kommst Du hier her?‘
‚Ich bitte um Verzeihung, aber man weiß ja nicht, wem man begegnet! Der Zenturio hat mir befohlen, den Weg auszukundschaften, weil ich ja sein bester Mann bin! Er hat dann lachend gemeint, ich möge den Fährmann nicht bezahlen, bevor ich den Styx überquert habe. Keine Ahnung was der meinte und warum plötzlich alle lachten, aber ich habe fleißig gekundschaftet!‘
Tja, Fortuna liebt oftmals die nicht ganz mit Verstand Gesegneten. Titus begriff, dass man wohl diesen Dummkopf sozusagen als Ablenkungsmanöver zu opfern gedachte, in der verzweifelten Hoffnung, den grausamen Feind zu irritieren.
‚Du scheinst ja wirklich ein kluger Kerl zu sein! Von welchem Haufen bist Du denn und wie sieht es mit Barbaren hier in der Umgebung aus?‘
‚Legionär Marcus Stultius Fidelis, 19 Legion, 2 Kohorte, 3 Zenturie! Seit einem Jahr Legionär und stolz, unter dem Adler zu fechten. Barbaren habe ich nicht gesehen, die haben es bestimmt mit der Angst zu tun bekommen! Ihr seid doch Optio, Herr?‘
Der so beförderte Principalis betrachtete den unklugen Rekruten nachdenklich. Welcher wundersame Zufall mochte den in die Reihen der 19. geführt haben. Normalerweise wäre der Knabe nur hinderlich, aber angesichts der körperlichen Verfassung, in der sich Tempestas befand, konnte er durchaus Hilfe gebrauchen. Außerdem schien der Knabe ein wirklicher Günstling der Fortuna zu sein, da er offensichtlich den weiten Weg von seiner Truppe bis zum Ort des aktuellen Gemetzels völlig unbeschadet zurücklegte; trotz seines scharfen Realitätssinns war Titus nicht ganz frei von Aberglauben. Später, wenn sich sein Zustand gebessert hätte, wäre es ein Leichtes sich des Burschen zu entledigen und ihn eventuell als ‚Lunchpaket‘ verwenden.
Der geneigte Leser möge -falls nötig- wissen, dass der Begriff ‚Lunchpaket‘ aus dem Jargon der Insassen sowjetischer Konzentrationslager stammt. Gemeint ist damit ein Gefangener, der bei einer Flucht aus jenen unerfreulichen Orten nur mitgenommen wurde, um ihn später zu fressen, da Nahrungsquellen in der sibirischen Einöde nicht so breit gestreut waren.
‚Genau Stultus! Du sammelst jetzt schnell so viele Rationen wie möglich bei den Toten ein. Gib mir vorher Dein Marschgepäck, damit ich den überflüssigen Kram daraus entfernen kann.‘
‚Aber Herr, der Zenturio hat mir befohlen…‘
‚Silentium! Du tust jetzt, was ich Dir befehle!‘
‚Nein Herr, ihr seid nur Optio und der Zenturio hat mir befohlen, nach vollbrachtem Auftrag den Feldherrn zu suchen und ihm zu melden, dass die 3. Zenturie treu zum Adler steht!‘
Selbst ohne Gehirnerschütterung hätte Tempestas bei so viel Weisheit seines Gegenübers wohl arge Kopfschmerzen bekommen. In all seinen Jahren bei der 18. durfte er bisher noch kein solches Prachtexemplar bewundern.
‚Du scheinst ja ein wirklicher Philosoph zu sein! Einem solchen Schlaukopf wie Dir kann ich ja verraten, dass Varus persönlich mich mit einem äußerst geheimen Auftrag betraut hat, der von kriegsentscheidender Wichtigkeit ist. Hierzu steht es mir frei, jeden verfügbaren Mann zu rekrutieren. Also mach schon Stultus!‘
‚Aber der Zenturio…‘
‚Jetzt ist es aber genug! Soll ich dem Feldherrn berichten, dass ich wegen Dir seine Geheimbotschaft nicht übermitteln konnte und so unser Endsieg gefährdet ist. Du bist doch kein Verräter?‘
‚Nein Herr!‘
‚Dann einmal fix ans Werk!‘
‚Jawohl Herr, ich (…)

Hadubrand beobachtete die beiden Römer aus einer wohlgewählten Deckung in Hörweite. Auf seinem einsamen Weg durch die Wälder war er kurze Zeit vorher auf den Ausbund römischer Weisheit gestoßen, während der durch die Botanik stolperte. Die Verwunderung über die Situation im Allgemeinen und im Speziellen, dass der lärmende Wanderer noch unter den Lebenden weilte, hielt den germanischen Krieger einen entscheidenden Augenblick davon ab, den vermeintlichen Kundschafter zu töten und ihn nach nützlichen Utensilien zu durchsuchen. Kurz darauf kam es zu jener schicksalhaften Begegnung der ungleichen Legionäre und Hildebrands Sohn begnügte sich damit, zunächst einmal beide zu belauschen, da ihm die römische Zunge geläufig war.
Einst nämlich hielt der kürzlich so tragisch verschiedene Beowulf einen römischen Kaufmann gefangen - nicht etwa um Lösegeld zu erpressen, sondern weil es ihm nach einer Art ‚Hofnarr‘ gelüstete- und fand es überaus witzig, den ‚elenden Wicht‘ mittels Androhung der Amputation seines edelsten Körperteils dazu zu zwingen, eine Art Lateinunterricht bei seinen Gefolgsleuten durchzuführen. Besonders belustigte den gestörten Gefolgschaftsführer, dass der ‚brave‘ und ‚mädchenhafte‘ Hadubrand sich eifrig bemühte, die fremde Sprache zu lernen und sich so oft wie möglich mit dem Gefangenen in seiner Zunge unterhielt. Irgendwann verwechselte Beowulf im Rahmen einer visuellen Störung während eines metreichen Gelages den unfreiwilligen Schulmeister mit dem ‚garstigen Zwerg‘ Alberich und ließ ihn durch den treuen Sigifried enthaupten, da der neu ernannte König des zu kurz geratenen Volkes weder den Standort des Nibelungenhortes nennen konnte, noch eine Tarnkappe besaß. Übrigens ließ Fürst Hrotgar von seinem Lieblingssänger Lugināri -eingedenk romantischer Erinnerungen zärtlicher Zweisamkeit mit seinem ‚Bärche‘- das tragische Ableben Grendels und des Zwergenkönigs wider Willen in gar epischen wie phantasiereichen Balladen verherrlichen. Aber genug der Abschweifungen; versprochen!
Während nun der ungeschickte Wanderer dabei war, die Rationen der Toten einzusammeln und sein cleverer Kamerad auf dem Boden hockend die Sarcina seines ungleichen Partners um überflüssige Gegenstände erleichterte, fasste der unbemerkte Beobachter einen Entschluss. Sich einer abziehenden Gefolgschaft oder gar den ‚Krähen‘ -Leichenfledderer, die verlassene Schlachtfelder heimsuchten- anzuschließen, bedeutete ein nicht geringes Risiko für den vorsichtigen Hadubrand. Bei den einen bestand eine Schwierigkeit überhaupt eine Gruppe zu finden, die das Schlachtfeld verließ und die Gefahr recht unangenehmer Fragen, während die anderen recht schnell dabei waren, sich selbst untereinander die Kehlen aufzuschlitzen. Andererseits war es noch gefährlicher, alleine durch die Wälder zu streifen.
‚Ich können töten Römer, aber machen Angebot, wenn Waffen senken!‘
Okay Freunde, ich werde den Germanen zum besseren Verständnis ‚vernünftig‘ reden lassen, obwohl dies vermutlich nicht einmal unglücklichen Oberprimanern möglich sein dürfte, die persönlich von Prof. Dumbledoor oder Dr. Dr. Penis Agricola gedrillt wurden.
‚BARBAREN! ZU DEN WAFFEN!‘
Stultius Fidelis ließ kreischend den Ausruf durch die Wälder schallen, um ungeschickt sein Kurzschwert hervorzuholen und damit wild herumzufuchteln. Tempestas hingegen zuckte überrascht zusammen, fing sich aber recht schnell.
‚Halts Maul Du Vollidiot!‘
‚Herr, den Barbaren muss man anders zum Schweigen bringen!‘
‚Stultus, Du verdammter Schwachkopf, ich meine Dich und stecke das verdammte Schwert weg!‘
‚Aber Herr…‘
‚Schnauze!‘
Unbegreiflicherweise schwiegen abwartend sowohl sein ‚Herr‘ und der Rufer aus der Wildnis einige Minuten.
‚Römer, es kommt niemand! Ich komme jetzt heraus, halte mir den kleinen Jungen vom Hals!‘
Wieder einmal wunderte sich Titus darüber, mit welcher Gunst Fortuna seinen unbedarften Kameraden segnete; weniger Glückliche hätten nach dem Gekreische vermutlich einen ganzen Barbarenstamm am Hals gehabt.
‚Stultus, stillgestanden!‘
Nachdem sich der Angesprochene in eine Statue verwandelt hatte, trat Hadubrand lächelnd aus seiner Deckung heraus.
‚Ich kann euch durch diese Wälder führen!‘
‚Warum solltest Du das tun, Barbar?‘
‚Niemand geht alleine durch diesen Urwald, schon alleine wegen dem zwei- und vierbeinigen Raubzeug.‘
‚Welche Garantie habe ich denn, dass Du uns zum Rhein führst?‘
Der Germane lächelte listig in sich hinein.
‚Ich schwöre bei Wotan und meinen Ahnen, dass ich Dich bis zum großen Fluss führen und Dich zu einem eurer Lager bringen werde, wenn Du mich nicht versuchst zu betrügen!‘
Tempestas kannte seine Feinde gut genug, um zu wissen, dass die Barbaren Eide sehr ernst nahmen. Der Germane würde sein Wort halten, wenn er es tat.
‚Gut, ich verspreche, dass ich Dir kein Leid zufügen werde!‘
‚Aber Optio, ihr werdet doch diesem treulosen Wilden nicht glauben!‘
‚Habe ich Dir nicht gesagt, dass Du Strohkopf Deine Fressluke halten sollst!‘
‚Ja, Herr.‘
Hadubrand betrachtete den Stultius skeptisch.
‚Den Knaben sollten wir aber zurücklassen, der könnte uns noch Scherereien machen!‘
Unter normalen Voraussetzungen hätte Titus zugestimmt, aber seine anhaltenden Kopfschmerzen bewegten ihn dazu, Fidelis vorerst mitzunehmen.
‚Das könnte Dir so passen, der kommt mit! Stultus Du transportierst das Marschgepäck und den Proviant! Der Wilde und ich decken Dich!‘
‚Also gut, wir haben schließlich kein Lasttier. Noch eines, Römer, ihr solltet eure Rüstungen loswerden, die taugen nichts auf unserem Marsch.‘
‚Klingt logisch, Barbar. Also Stultus, geschwind den restlichen Proviant gepackt und dann runter mit dem Gerödel!‘
Derweil formte sich ein edler Gedanke im eindimensionalen Verstand des Fidelis, den er bei allem hündischen Respekt vor seinem ‚Optio‘ doch äußern musste.
‚Ich hoffe, elender Barbar, Du begreifst jetzt, dass wir bei den Legionen keinen Kameraden zurücklassen; wir sind nämlich zivilisiert!‘
Der Sohn des Hildebrand lächelte hintergründig. (…)

Dank der Führung Hadubrands und dem Durchhaltevermögen der Truppen des Varus, die erst am dritten Tag der Schlacht vollständig vernichtet wurden, durchquerte die Gemeinschaft des Ringes der Nibelungen (…) – huch, ich bin schon wieder bei einer anderen Geschichte. Also von vorne: …durchquerte die Zweckgemeinschaft den germanischen Urwald ohne gravierende Schwierigkeiten. Tempestas und sein germanischer Führer hatten es bisher für richtig befunden, dem Gebot misstrauischer Klugheit zu folgen und sich nicht namentlich vorzustellen. So titulierte man sich gegenseitig mit ‚Barbar‘, ‚Römer‘/‘Herr‘ und ‚Knabe‘/‘Stultus‘. An Ausrüstung verfügte man neben Proviant und dem ‚verschlankten‘ Marschgepäck, noch über die jeweiligen Seitenwaffen und einem Wurfspeer pro Mann. Entgegen der Befürchtungen am Anfang der unerwarteten Reise, erwies sich Fidelis als recht nützlich und machte nicht allzu viel Unsinn. Widerwillig gab Titus -inzwischen von den Folgen der Gehirnerschütterung weitgehend befreit- dem vermeintlichen Günstling der Fortuna bei geeigneter Gelegenheit zu verstehen, dass er ihn ‚lieber als einen starken Maulesel‘ dabeihätte, worauf der schwer beladene Stultius vor Freude fast weinte.
Die Mittagssonne beschien am fünften Tag nach ihrem Aufbruch die ungleiche Gruppe, die sich nun bei besserem Wetter durch nicht ganz so unwegsames Gelände bewegte.
‚Nicht so träge, Stultus, das muss schneller gehen!‘
‚Ja Herr!‘
Zwar hatte das Gepäck des zum Maultier beförderten Legionärs, obwohl zumindest Hadubrand den ‚römischen Fraß‘ nicht goutierte, durch regelmäßige Mahlzeiten abgenommen, jedoch strapazierte das nächtlich Wachehalten schon arg die Kondition des Trägers. Der Germane und der römische ‚Herr‘ kamen nämlich überein, die Nachtwache zu dritteln. Trotz einiger Zweifel hinsichtlich der vigilanten Fähigkeiten seines Untergebenen, ließ Tempestas den Fidelis seinen Part übernehmen, sodass Stultius sein Ochsen gleiches Tagewerk immer recht unausgeschlafen begann. Der Sohn des Hildebrand sah sich zwar ungern von dem ‚Knaben‘ den größten Teil der Nacht bewacht, mischte sich aber nicht in innerrömische Angelegenheiten ein.
‚Herr, darf ich dem Barbaren eine Frage stellen?‘
Der Angesprochene betrachtete belustigt den unter seiner Last schwankenden Bittsteller und beschloss, sich etwas komödiantische Zerstreuung zu gönnen.
‚Ausnahmsweise, Du Ausbund philosophischer Weisheit.‘
‚Unwissender Barbar, sage mir, warum haben Deine Verwandten, die grausamen Wölfe, uns noch nicht angegriffen?‘
Tempestas grinste breit, da die intellektuelle Qualität dieser Frage durchaus seinen Erwartungen entsprach, während der quasi zum ‚Werwolf‘ Deklarierte den Fragesteller mit unbeweglicher Miene ansah.
‚Knabe, Wölfe sind klüger als mancher Mensch, der einfältige Fragen stellt. Diese Tiere greifen den Menschen nicht an, außer sie sind wirklich am Verhungern und suchen sich einfachere Beute.‘
Stultius setzte gerade zu einer Erwiderung an, als Titus geistesgegenwärtig beschloss, das Ganze noch zu verfeinern.
‚Mithras schütze uns, die Wölfe kommen!‘
Der Lastenträger, vom Entsetzen überwältigt, gab ein quiekendes Geräusch von sich und strauchelte dermaßen, dass er es fertigbrachte, eine kleine Böschung, die rechts von den Wanderern befand, herabzufallen und rücklings zwei Meter abwärts zu landen.
Der gelungene Scherz löste bei dem Witzbold einen Heiterkeitsausbruch aus, der ihm förmlich die Tränen in die Augen trieb, während Hadubrand die Szenerie leicht schmunzelnd betrachtete.
‚Stultus, Du wolfstötendes Fanal an Tapferkeit, Dein männliches Auftreten hat die Monstren wohl verschreckt; die fressen Dich dann eben an einem anderen Tag.‘
Derweil jammerte das Opfer feinsinnigen Humors vor unterdrückten Schmerzen.
‚Stultus, oh Du miles gloriosus, Du wärst besserer ein elender Komödiant als Legionär geworden.‘
‚Wir sollten uns hier nicht aufhalten!‘
So sehr die Situation Tempestas auch erheiterte, so hatte der Barbar zweifellos recht.
‚Also los, auf geht’s. Stultus, Du faules Stück, Du hast Dich genug ausgeruht!‘
‚Ja Herr, ich (…)‘
Fidelis, der sich versuchte befehlsgemäß aufzurichten, fiel mit einem Schmerzensschrei in seine horizontale Lage zurück.
‚Bei Jupiters Schwanz, willst Du Dich wohl erheben, Du faules Aas!‘
Der Erheiterung der besorgten Führungskraft wich allmählich einem gewissen Unwillen, der durch die renitenten Jammerlaute seines Untergebenen angestachelt wurde.
‚Stell Dich nicht so an, Du weibischer Kerl (…)‘
‚Halt Römer, mit dem Jungen stimmt etwas nicht!‘
Titus, der sich anschickte zu motivierenden Züchtigungen überzugehen, hielt nun wirklich inne, während der Gegroundete eingeschüchtert nur noch leise Stöhnlaute von sich gab.
Hadubrand begab sich gemächlich zur Unfallstelle und versetzte unvermittelt dem lädierten Träger einen leichten Fußtritt gegen den rechten Unterschenkel, in dessen Folge sich der Lärmpegel deutlich erhöhte.
‚Der Knabe hat sich offensichtlich das Bein gebrochen!‘
Trotz der störenden Schmerzensschreie verstand Tempestas den Germanen relativ gut, wartete jedoch mit seiner Antwort bis der Hintergrundlärm sich allmählich legte.
‚Bedauerlich, dann müssen wir ihn wohl zurücklassen. Barbar, Du schnappst Dir jetzt unseren Proviant!‘
Das Exempel brüderlicher Liebe unter Waffenbrüdern deutete auf das Marschgepäck, das sich unweit des Gestürzten befand.
‚Nein Römer, das kannst Du nicht machen!‘
Fidelis begriff allmählich trotz seiner Schmerzen die kameradschaftlichen Intentionen seines ‚Herrn‘.
‚Bitte Herr, höre auf den Barbaren. Du kannst mich doch nicht liegenlassen!‘
Hadubrand betrachtete den Flehenden mit einem gleichgültigen Blick.
‚Der Knabe ist mir einerlei, aber ich werde das Gepäck nicht alleine tragen!‘
‚Also gut, Du treuloser Wilder, wir teilen das Gerödel dann eben auf!‘
Der Germane nickte zufrieden, nahm die Bagage auf und begab sich zu seinem nun einzigen Reisegefährten.
‚Römer, Du solltest den Jungen vielleicht töten. Das wäre gnädiger, als der Tod, der ihn hier erwarten wird!‘
Inzwischen kehrte nach dem unvermeidlichen aller Illusionen ein Funken von Verstand in den Geist des Todgeweihten.
‚Ihr verdammten Hunde! Ich schwöre, dass ich mich rächen werde und wenn ich Ozeane der Zeit dafür überqueren muss! Ihr Schweine(…)‘
Tempestas, der schon nahe daran war, den Rat des Germanen zu beherzigen und dem es gelegen kam, den einzigen Zeugen seiner Desertion zu beseitigen, zögerte.
‚Vielleicht schafft unser Stultus es doch, mit dem Leben davonzukommen?‘
‚Ausgeschlossen, wahrscheinlich werden ihn die Wölfe holen!‘
‚Du hast doch gesagt, die haben Angst vor Menschen?‘
‚Er ist verletzt, alleine und eine leichte Beute.‘
Zufrieden grinste Tempestas seinen fluchenden Kameraden an.
‚Räche Dich nur, toter Mann. Du wirst hier elend verrecken, so wie es ein Narr wie Du verdienst. Hättest Du Feigling nur eine Spur von Mumm, würdest Du Dich selber töten!‘
‚Wenn es Götter gibt, dann werden sie für Gerechtigkeit sorgen (…)‘
Fidelis verstummte und stöhnte gedämpft, da die Schmerzen die Wirkung des Adrenalins überwogen.
‚Wenn es Götter geben würde, Du Idiot!‘
‚Wir sollten aufbrechen, es ist hohe Zeit! Das Gepäck teilen wir später auf.‘
Wieder einmal stimmte Tempestas seinem germanischen Begleiter, der sich bereits auf den Weg machte, widerwillig zu. Mit einem dreckigen Lachen drehte er dem geliebten Kameraden den Rücken zu und folgte dem Sohn des Hildebrand.
Fortuna jedoch verschonte ihren Günstling vor den Wölfen und gab ihm einige Stunden später einen relativ schnellen Tod durch einen hungrigen Bären. (…)

‚Wir sind da!‘
Seit der unglücklichen Begebenheit mit dem Dritten im Bunde waren einige Tage, die aber ohne nennenswerte Ereignisse verliefen, ins Land gegangen. Der überlebende Römer -missgelaunt, weil er nun die halbe Nacht Wache halten und obendrein seinen Teil der Ausrüstung schleppen musste- malte sich mit Genugtuung aus, wie er den menschenschinderden Barbaren nach Erreichung des Ziels von seinen Kameraden niedermetzeln oder -besser und einträglicher- persönlich als Sklaven an eine Gladiatorenschule verscherbeln würde. Als Belastungszeugen seiner Fahnenflucht fürchtete Tempestas seinen Begleiter nicht, da das Wort eines Barbaren natürlich nichts galt und er sich bereits eine schöne Geschichte von der Zenturie, die sich laut Aussage ihres verblichenen Kommandeurs sich Richtung Rhein durchschlagen und Verstärkung holen sollte, ausgedacht hatte. Ein wahres Epos, das an Heldentum und Tapferkeit die Thermophylen noch übertraf. Vielleicht beförderte man ihn gar zum Zenturio, denn seine Vorgesetzten liebten derartige Märchen und Helden wurden nach des Publius Quintilius Varus Untergang dringend benötigt.
Unsanft aus den Gedanken an eine glorreiche Zukunft gerissen, bemerkte der zukünftige Heros Roms, dass er unmittelbar vor einem seit Jahren aufgegebenen Legionslager befand.
‚Haben die Götter Deinen Verstand nun endgültig verwirrt, Du unwissender Wilder?‘
Einen ausreichenden Sicherheitsabstand einhaltend, grinste Hadubrand seinen Gefährten gar wölfisch an.
‚Hier, Römer, trennen sich unsere Wege. Nicht weit von hier fließt der ‚große‘ Fluss, den ihr Lupia nennt. Wenn Du ihm nach Westen folgst, kannst Du in einigen Tagen Deine Leute erreichen. Du solltest aber vorsichtig sein, denn einen Tagesmarsch flußabwärts, befindet sich das Lager, von dem aus euer Heer aufbrach und wo Dir nun der sichere Tod droht!‘
Der geneigte Leser möge wissen, dass auf dem Gebiet der heutigen Stadt Haltern (am See) das Hauptquartier der rechtsrheinisch stationierten Legionen lag. Unmittelbar nach der ‚Varus-Niederlage‘ wurde die Siedlung aufgegeben und von den aufständischen Stämmen dem Erdboden gleich gemacht.
‚Treuloser Barbarenhund, das ist Dein Eid also wert!‘
Geschäftsmäßig nahmen Tempestas und Hadubrand ihre Kampfpositionen ein.
‚Ich habe Dir römischen Bastard nur geschworen, Dich zu einem eurer Lager und zum großen Fluss zu führen. Ich versprach Dir nicht, dass ich Dich zum Rhein bringen und das Lager mit deinesgleichen belegt sein würde.‘
Ohne Sympathie, aber mit widerwilligem Respekt, blickten die Kontrahenten sich an.
‚Barbar, Du bist schon ein gerissener Hund!‘
‚Und Du, Römer, bist ein eiskalter Hurensohn!‘
Einvernehmlich, jeweils das Gesicht dem Gegner zugewandt, verließen die Gegner vorsichtig den Ort, um sich außer Sichtweite in entgegengesetzte Richtungen zu entfernen.So endete ihr erstes Zusammentreffen. (…)

In unterbewusstem Einverständnis, dem Gegenüber ins Antlitz blickend, entfernten sich Ogon Skhvatka und Himmelssturm langsam voneinander; aber leider gab es da noch den dritten Mann.
Unterleutnant Vernus' Pridurok hatte trotz seiner schweren Verletzung den ‚Fritz‘ aufs Korn genommen, der Sergeant Skhvatka gegenüberstand. Bevor er jedoch zum Schuss kam geschah unglaubliches: Beide entfernten sich langsam voneinander!
Pridurok, überzeugter Stalinist und ehemalige, niedere Führungskraft des Komsomol konnte es nicht fassen, dass der treue Ogon mit dem Feind kollaborierte. Er hatte einst sogar seinen eigenen Vater beim NKWD denunziert, weil der sehbehinderte Hilfskoch das obligatorische Stalinbild rechtslastig aufhing; eine abscheuliche, konterrevolutionäre Tat, die normalerweise mit sofortiger Erschießung geahndet wurde. Da der elende Bösewicht mit freundlicher Hilfe eines menschlich gesonnen Folterknechts dann schließlich sein Zeichen unter ein Geständnis malte, dass ein brandgefährlicher Agent des Secret Service sei, der durch solch antisowjetische Agitation die Konterrevolution auszulösen und obendrein den Genossen Stalin irgendwie zu ermorden gedachte, begnadigte ein menschlich gesonnenes Gericht den Kartoffel schälenden ‚James Bond‘ lediglich zu einem lebenslangen Aufenthalt in einem GULAG am Polarkreis.
Entschlossen betätigte Vernus' Pridurok den Abzug seines PPSch-41 und streckte mit einem Feuerstoß den Deutschen nieder. Ogon wiederum, schrak überrascht zusammen, fing sich aber schnell wieder und lächelte sogar, als ihn eine zweite Maschinenpistolengarbe tötete. Kurze Zeit später verstarb der heldenhafte Unterleutnant glücklich in dem Bewusstsein, dass er seine Pflicht gegenüber seinem göttlichen Tyrannen getan hatte.
So vollzog sich das Karma.

Carola, der 'alten Chaise', gewidmet.
Allen Historikern unter uns sei versichert, dass dies einfach nur Fiktion ohne Anspruch auf Authentizität ist.
So wünsche ich unbelastet von Fakten ein unbeschwertes Lesevergnügen.
Cheerio
JU

 

Als Leseprobe, mit Nonsense 2_D veröffentlicht.Qayid Aljaysh Juyub, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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