Hans Fritz

Boutique Sottwila

Altes Haus

Ja, es gibt ihn noch, den heimeligen Kurzwarenladen, eingepfercht ins bunte Häusermeer der Hauptgeschäftsmeile von Sottweiler, einer Stadt wie sie überall und nirgendwo sein könnte. Wer braucht nicht mal einen Perlmuttknopf, eine Gürtelschliesse, ein Knäuel Wolle für Oma und/oder Katze, ein Eisengarn für die abendliche Nähstunde. Véronique Schertenbeck und Evelyn Plagmonter, die Mittvierzigerin und die Mittdreissigerin, sind die Inhaberinnen des Lädchens mit dem ansprechenden Namen ‘Boutique Sottwila’. Das Geschäft, das die beiden Frauen mit viel Leidenschaft betreiben, könnte, finanziell gesehen, besser laufen. Im Schatten der mit Billigangeboten werbenden grossen Kaufhäuser und Supermärkte ringsum wird Kundschaft immer rarer.

Die ‘Boutique Sottwila’ ist nicht die einzige Institution im völlig liftfreien Gebäude weit fortgeschrittenen Alters. Im obersten, dem fünften Stockwerk, befanden sich einmal drei Appartements, deren eingemietete Bewohner aber schon vor langer Zeit weggezogen sind. Dann gibt es noch ein paar Bürotrakte. Zum Beispiel die Zentrale der PUV, der ‘Partei ultimativer Veganer’. Die machten bei ihrer Gründungsfeier vor drei Jahren von sich reden, als sie im Hinterhof bei Spanferkel vom Grill und Bier vom Fass ausgelassen feierten. Eine Denkfabrik beansprucht sämtliche fünf Räume samt Rumpelkammer im ersten Stockwerk. Über das was da hergestellt und vielleicht sogar vertrieben wird gibt es die wildesten Gerüchte. Véronique dachte einmal an Denksport und fragte nach Rätselmagazinen. «Führen wir nicht, wo denken Sie hin», bekam sie zur Antwort. Und dann gibt es noch die neu eingerichtete Schertenbeck’sche Anwaltskanzlei mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht. Sie wird geleitet von Véronique’s Ehegefährten Oliver.

Doch zurück zur Boutique. Eines Tages betritt der Ernie Quodlinko den Laden. Evelyn, die gerade Véronique abgelöst hat, erkennt in dem Mann den ältesten Sohn früherer Nachbarn. «Ich hätte gerne eine Rolle Zahnseide», trägt er sein Begehren vor. Evelyn verweist ihn höflich aber bestimmt an die Drogerie gegenüber. Da er nicht unverrichteter Dinge gehen möchte, kauft er ein halbes Kilo gelber Wolle für seine Tante, als Geburtstagsgeschenk zum Vierundfünfzigsten. Evelyn reicht ihm zwei ansehnliche Knäuel.

Ein paar Tage später betrachtet Evelyn auf ihrem Nachhauseweg die Auslage eines Juweliergeschäfts. Da stürzt im Laden ein Mann auf das Schaufenster zu. Es ist Ernie. Im gleichen Moment ertönen von irgendwoher Polizeisirenen. ‘Jesses, der Ernie hat da eingebrochen’, fährt es Evelyn durch den Sinn. ‘Womöglich muss ich vor Gericht als Zeugin auftreten, falls es da zu einer Verhandlung kommen sollte’. Véronique gegenüber erwähnt sie den Vorfall mit keinem Wort. Am nächsten Morgen berichtet die Tageszeitung über den Überfall auf ein Juweliergeschäft in der Innenstadt. Die Sache sei insofern glimpflich verlaufen als keine Personen zu Schaden kamen. Die Beute soll nicht sehr gross gewesen sein. Zwei Täter seien bereits verhaftet worden, ein Dritter befinde sich auf der Flucht. Wieder denkt Evelyn an Ernie. Im Unterbewussten traut sie dem Mann so etwas wie unterschwellige kriminelle Energie zu. Sie weiss nur nicht warum. Sie kannte schliesslich die Quodlinkos, die zurückgezogen lebten und kaum ergiebigen Stoff für Vorstadtklatsch lieferten.

 

Jogging und die Folgen

Das Wetter zeigt sich nach trüben Tagen mit häufigen Regengüssen von seiner sonnigen Seite, als Evelyn zu ihrer Joggingtour aufbricht. Véronique leiht ihr ihren nicht mehr ganz neuen VW zur Fahrt zum Waldparkplatz Krummeichen. Sonst fährt sie einen nagelneuen Kombi mit Elektroantrieb. Aber mit diesem Wagen ist Ehemann Klaus tags zuvor zu einer Computermesse aufgebrochen.

Evelyn beendet ihre Tour bei einer Waldhütte, die einmal bessere Zeiten erlebt haben dürfte. Einen hübschen Kontrast bietet die offenbar frisch gebeizte Bank mit hoher Lehne. ‘Gestiftet von der Kreissparkasse’ steht auf einem immerhin noch nicht geklauten Messingschild.

Ein paar Schlucke aus der Plastikflasche, dann geht es im gemächlichen Wanderschritt zurück. Doch nicht den gleichen Weg. Ein grob bekiester Pfad führt zunächst durch einen Fichtenwald. Nach einer guten halben Stunde geht es durch Mischwald. Ist das die richtige Richtung? Evelyn wird von Unruhe gepackt, beschleunigt ihre Schritte und achtet nicht auf die Adlerfarnstauden, die Glockenblumen mit Pfirsichblättern und das hierzulande eher seltene Springkraut mit seinen grossen gelben Blüten. Sie glaubt inzwischen die Orientierung endgültig verloren zu haben. An einer Lichtung angelangt glaubt sie vor Jahren hier gewesen zu sein. Zur Stadt kann es nicht mehr weit sein. Sie könnte mit dem Bus zum Waldparkplatz fahren, wo sie den Wagen abgestellt hat. Ungeschickterweise hat sie ihr Smartphone im Wagen zurückgelassen, sodass sie Véronique nicht erreichen kann. ‘Nur immer gerade aus! Kann nie schaden’, meinte einst Grossvater bei einer Landpartie. Der bemooste Pfad, den sie nun eingeschlagen hat, führt bald über einen Steg, mündet dann in einen breiten zerfurchten Fahrweg. Da ist plötzlich eine Strasse, nicht sehr einladend, aber immerhin asphaltiert. Einen Wegweiser gibt es natürlich nicht. Zur Stadt müsste es nach links gehen. Da nähert sich ein Geländewagen in der Form eines vorzeitlichen Jeeps. Der Wagen hält an. Die Tür der Beifahrerseite wird geöffnet und eine Frauenstimme ruft: «Steigen Sie ein, Sie haben sich wohl, wie schon so viele andere hier, gründlich verlaufen». «Ja, so scheint es», spricht Evelyn. «Fahren Sie zur Stadt?» «Ja ja, jetzt steigen sie Sie schon ein!»

Nach zwanzigminütigem Geplauder erreichen die Frauen den ‘letzten Bauernhof’ von Sottweiler, den Wohnsitz der Frau Berta Nebkenmüller, die das Gehöft seit zehn Jahren im Alleingang versorgt. Ihr Neffe, der sich vor Kurzem bei ihr einquartiert hat, sei als ein beinahe ‘studierter’ Kommunalbeamter für die Arbeit in der Landwirtschaft nicht geschaffen, meint sie. Jetzt bemerkt Evelyn, dass das Nebkenmüller’sche Anwesen ganz in der Nähe des Parkplatzes ist, wo sie den Wagen abgestellt hat. Sie möchte sich mit einem herzlichen Dankeschön von ihrer Retterin verabschieden, doch die überredet sie zu einem Kurzverweil in ihrer guten Bauernstube. Evelyn geniesst den mit viel Hingabe gebrauten Waldfrüchtetee, als ein junger Mann wie aus dem Nichts erscheint. Es ist der Ernie Quodlinko! Er tritt beim Anblick Evelyns einen Schritt in Richtung Flur zurück. «Ja hallo, wir kennen uns doch», ergreift Evelyn das Wort. «Wie, ihr kennt euch?» fragt die Nebkenmüllerin erstaunt. «Ja, ich erkenne meine guten Kunden meist wieder –« «Aha die Wolle?» meint die Tante. «Jaja die Wolle», sagt Ernie und wird nun gegen seine Gewohnheit gesprächig. Er verrät Evelyn ein Geheimnis. «Wissen Sie, Frau –« «Plagmonter –« «Plagmonter, ja. Das Gebäude, in dem sich ihr Geschäft befindet, soll demnächst rückgebaut und für das neu ins Leben gerufene ‘Institut für Marktforschung’ hergerichtet werden. Zu Ihrem grossen Glück, Frau Plagmonter, soll die Boutique lediglich für ein halbes Jahr geschlossen, dann aber neu eröffnet werden. So entschied unser Wirtschaftsexperte, der sich mit seinen spontanen Ideen auch bei manchen politischen Gegnern Gehör verschafft. Er meint so ein Geschäft wie das Ihre würde sich sehr gut in den Gesamtkomplex Marktforschung einfügen». «Das darf ich heute noch meiner Teilhaberin mitteilen –« «Ja, natürlich. Aber die Information haben Sie nicht von mir». «Darf ich Sie noch fragen, was Sie am Fenster des Juwelierladens machten?» «Ah, Sie haben mich beobachtet?» Ernie lacht kurz auf. «Ich wollte ein Zeichen geben, irgendein Zeichen, denn hinten im Lager fand ein Überfall statt». «Aber da kam ja schon die Polizei –« «Ja, zum Glück. Zu meinem Unglück war ich als Kunde Zeuge des Vorfalls und musste endlose Befragungen über mich ergehen lassen». «Und ich dachte später, Sie seien möglicherweise der gesuchte ‘dritte Mann’ –« «Das war einst ein klasse Film», weiss Frau Nebkenmüller, die das Gespräch aus dem Hintergrund belauscht hat.

Véronique meint, nachdem Evelyn sie über das bevorstehende, wohl unabwendbare Schicksal der Boutique unterrichtet hat: «Ich befürchtete schon, dass wir eines Tages als Opfer der Supermärkte auf immer schliessen müssten. Das halbe Jahr Stillstand werden wir überleben, wie ich hoffe». Sie weiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ein paar Monate später die Boutique nach dem Ausbruch einer Pandemie für unbestimmte Zeit geschlossen bleiben muss und für die Geschäftswelt eine Zeit der allgemeinen Unsicherheit anbricht.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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