Wolfgang Hoor

Eine Geschichte von Liebe, Scham und Verrat

Eine Geschichte von Liebe, Scham und Verrat

  1. Eine vielleicht vergessene Erinnerung

Ach ja, natürlich tue ich dir den Gefallen, mein lieber Bruder Robert. Du bist jetzt fünfzig geworden, leider immer noch solo, obwohl du Frauen und besonders Kinder so magst! Du bittest mich, ich soll dir was aufschreiben, was sich mir aus unserer gemeinsamen Kindheit besonders eingeprägt hat. „Ich habe viel vergessen!“, schreibst du, „Vielleicht verstehe ich mich besser, wenn ich von Dir, liebe Ria, höre, was du von meiner Kindheit noch weißt.“ Ach Robert, vielleicht mutest du dir mit diesem Wunsch eine Menge zu. Du bist heute ein gemachter Mann, ein angesehener Künstler, der viel Anerkennung dafür bekommt, dass er die Zeit seiner Kindheit als heile Welt beschreibt. Du schwärmst von einer Zeit, in der die Kinder noch Kinder sein konnten. Und weil du den Glanz dieser heilen Welt in deinen Zeichnungen und Gemälden zum Ausdruck bringen kannst, darum glauben dir die Leute.

An die 50iger Jahre im 20. Jahrhundert erinnere ich mich ganz anders zurück. Da bin ich zusammen mit dir in einer Lehrerfamilie aufgewachsen. Unser Vater war schon in Pension und schwärmte von der guten alten Zeit, die mit der Abdankung des Kaisers zu Ende gegangen sei. Damals waren die Straßen bei uns am Stadtrand von Saarbrücken noch leer, Spielflächen gab es überall und es gab die Bandenkämpfe der Kinder aus verschiedenen Vierteln. Diese Kämpfe waren grob. Da wurden Gefangene gemacht und die Kämpfe endeten fast immer mit blauen Flecken und Schürfwunden, und meistens riefen sich beide Banden danach als Sieger aus. Eigentlich wollten sie mich in der Max-Bande als Mädchen nicht dabei haben, aber ich war mit 14 Jahren so stark wie die stärksten Jungen, und am Ende gehörte ich sogar zu den am meisten gefürchteten Bandenmitgliedern, die die Gefangenen bestrafen und verdreschen durften. Ich war im Verdreschen besser als die meisten Jungen, darum nannten sie mich die lebende Schuhsohle. Auf diesen Spitznamen war ich damals stolz.

Du, lieber Robert, bist 3 Jahre jünger als ich. Im Vergleich zu mir warst du zart besaitet. An unseren Bandenkämpfen hattest du kein Interesse und auch sonst hast du Spielmöglichkeiten bevorzugt, die eher Geschicklichkeit als Kampfkraft erfordern. An der Teppichstange konntest du die verrücktesten Sachen, du bist ein ausgezeichneter Rollschuhläufergewesen und auch sonst hast du dich gerne im Laufen und Springen erprobt. Da warst du zwar nicht der Beste, weil du kleiner als die meisten warst, die mit dir wetteiferten. Aber du bist ein verträglicher Typ gewesen, du hast die Jungen und Mädchen bewundert, die besser waren als du, und Streit und ganz besonders Grobheiten hast du gehasst. Ich hab‘ damals manchmal über dich den Kopf geschüttelt und manchen meiner Freunde nicht erzählt, dass du mein Bruder bist. Aber ich hab‘ dich gemocht, du warst ein Bilderbuchbruder.

Zu Hause warst du für Papa der Junge, der einfach kein Junge werden wollte. Papa forderte von dir, was er an mir tadelte. „Die Ria sollte sich endlich mal aus den groben Spielen mit den Jungen zurückziehen. Die kann bei den anderen noch so angesehen sein und das große Wort führen, ein Junge kann sie nicht werden. Aber du, Robert, du kannst noch einer werden. Ein richtiger Junge muss kämpfen und sich durchboxen, muss bei den anderen respektiert werden, weil er tapfer ist, und wenn es im Bandenkampf mal Dresche gibt, weil nicht jeder der Stärkste sein kann, dann ist das keine Katastrophe, sondern eine Lehrstunde für die Zukunft." Wenn Papa uns seine Vorträge über das richtige Junge- oder Mädchensein hielt, ist er meist gut gelaunt gewesen, und darum hörten wir brav zu, nickten mit den Köpfen und freuten uns, dass er sich so viel Zeit für uns nahm.

Wenn Papa nicht gut gelaunt war, kriegtest du das ab, Robert. Ich war ein Mädchen, mir würden sowieso schon meine Flausen vergehen, sagte Papa, wenn später mal der richtige käme, und außerdem brauchte er mich ja, weil ich mehr Einfluss auf dich hatte als er, und ich konnte dich manchmal wirklich aus der Schusslinie hieven, wenn es brenzlig wurde. Dass man einen Jungen am besten mit Schlägen auf den Po zur Raison bringt, das hat er in seinem Lehrerseminar mit den Lehren aus der Kaiserzeit gelernt und daran hielt er sich. Und wenn Papa schlecht gelaunt war, fand er immer einen Grund, dich zu schlagen. Dann hattest du in deinem Hausheft zu schlecht geschrieben oder Wörter durchgestrichen, oder du hast, als Papa dir was erklären wollte, nicht richtig zugehört, oder du hast ein zu heiteres Gesicht gemacht, als dich Papa ernsthaft ermahnt hat. Es gab tausend Gründe für Papa, und ein– oder zweimal in der Woche bist du immer über Papas Beine geflogen. Richtig schlimm sind die Schläge nicht gewesen, die du gekriegt hast. Du hast vielleicht vier oder fünf mit der Hand auf die stramm gezogene Hose gekriegt. Das ging fast immer schnell vorbei, aber die Schreierei, die die Schläge begleitete, war schrecklich. Darum ist für dich trotzdem so eine kleine Tracht auf den Hintern fast immer eine kleine Katastrophe gewesen, und wie dankbar warst du mir, wenn ich dich danach getröstet habe.

Hast du das noch gewusst, was ich dir eben erzählt habe? Und erinnerst du dich noch an die große, schlimme, üble und gewalttätige Tracht Prügel, die ich mein Leben lang nicht vergessen kann? Dass sich da etwas Schlimmeres entwickeln könnte als üblich, war eigentlich nicht abzusehen. Papa wiederholte, wie ein richtiger Junge sein muss, und du sahst vor dem Fenster in den Bäumen einem Eichhörnchen zu, das die tollsten Sprünge und Kapriolen schlug, und da musstest du lachen. Und dieses Lachen endete in einer Katastrophe. Papa packte dich, legte dich über die Tischkante und dann schlug er dich mit einem Rohrstock. Das muss er auch im Lehrerseminar gelernt haben. Er setzte ganz gezielt einen Schlag neben den anderen, ich kann es bestätigen, weil ich später deinen Po gesehen habe, nie schlug er zweimal auf die gleiche Stelle. Die roten Striemen saßen genau parallel, einer neben dem anderen. Am Ende hast du ungehemmt geweint, und Papa sagte: „Ein Junge weint nicht, wenn er den Hintern versohlt kriegt." Ich weiß nicht, wieviel Schläge du bekommen hast. Es war entsetzlich. „Kümmere du dich jetzt um ihn", sagte Papa dann zu mir. „Ein bisschen Salbe wird ihm gut tun."

Ich führte dich in dein Kinderzimmer. Du warst ganz niedergeschlagen, du zogst dir deine Hosen aus und hast dich halbnackt aufs Bett gelegt. Ich hab‘ dir die Salbe auf deinen geschundenen Hintern aufgetragen. Du hast die Zähne zusammengebissen, weil du gewusst hast, dass das nachher gut tun würde. Als ich damit fertig war, hast du mir dein Gesicht zugedreht. „Ist das wirklich so schlimm gewesen?", hast du mich dann gefragt. „Ich hab doch nur dem Eichhörnchen zugeschaut.“ Ich hab mich zu dir aufs Bett gesetzt und dich gestreichelt. Ein Blick auf deinen misshandelten Po hat in mir Wut und Hass hochgespült. „Nein", sagte ich, „du bist überhaupt nicht schlimm. Du bist ein Junge, der Respekt verdient hat.“ - „Es tut soooo weh. Nicht nur der Po, sondern irgendwas da drinnen, da, verstehst du das?" Du hast über seine Brust gestrichen. „Ja, das verstehe ich." Dein Lächeln wurde heller. „Du kannst einen so schön trösten", sagtest du. „Ohne dich würde ich das alles nicht aushalten." – „Vielleicht kann ich Papa mal davon überzeugen, dass er dich nicht mehr schlagen soll." Du erhobst mühsam den Oberkörper. „Meinst du, dass Papa mich eines Tages auch ohne Schläge mal anerkennen könnte?" – „Eines Tages werde ich es bei ihm durchsetzen, verlass dich drauf!" - „Danke, Ria. Du bist so gut zu mir." Ich nickte. Du hast mich umarmt, wir drücken uns ganz lange.

Dann stand ich auf und ging. Ich war aufgewühlt. Ich hatte dich jetzt, nachdem ich dich getröstet hatte, soooo lieb. Ich ging ins Wohnzimmer. Papa hatte den Rohrstock wieder an die Wand gehängt. „Ach Ria", sagte er. „Du bist ein großes Mädchen und verstehst mich bestimmt. Manchmal denke ich, ich sollte Robert anders behandeln. Aber ich weiß nicht wie. Hast du einen Rat für mich?“ Ich wurde rot. Jetzt war DER Augenblick. Ich wusste, dass ich jetzt hätte sagen müssen: Ach, Papa, er ist längst ein richtiger Junge. Du musst ihn nicht schlagen. Aber dann dachte ich daran, dass es soooo schön war, ihn nach einer Tracht Prügel zu trösten, und ich sagte: „Ich glaube, den Rohrstock braucht er immer noch.“ Und da schaute mich Papa ganz ganz seltsam an und sagte: „Was haben sie aus dir in der Max-Bande gemacht, Ria? Ich dachte immer, du als Mädchen könntest dich besonders gut in deinen Bruder einfühlen.“ Und ich hätte vor Scham, dass ich meinen Bruder verraten hatte, in den Boden versinken können.

Das also ist mein Bericht lieber Robert, und die Scham über den Verrat, den ich damals empfunden habe, empfinde ich immer noch.

 

 

  1. Noch eine vielleicht vergessene Erinnerung

Ja liebe Ria, du holst mir Erinnerungen zurück, von denen ich nichts mehr weiß. Jetzt verstehe ich erst eine andere Erinnerung, die etwas mit deiner Scham und deinem Verrat damals zu tun haben könnte. Wir sind damals, es war kurz vor meiner Versetzung in die Klasse sieben, nachts ins Wohnzimmer geschlichen und haben den Rohrstock geklaut. Wir haben ihn in Stücke zertreten und in einer fremden Mülltonne entsorgt. Papa hat das am nächsten Tag sofort gemerkt. Er hat uns beide forschend in die Augen geschaut. Wir haben nichts gesagt, und das Sensationelle war: Er hat auch nichts gesagt. Später hatte ich einen Klassenkameraden, der damit angab, dass ihn sein Vater immer wieder windelweich schlage. Dem sagte ich: Mein Vater hat mich nie geschlagen. Glaubst du, dass du dich wirklich richtig erinnerst, Ria?

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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