Barbara Dvoran

Im Nebel

Vor meinen Augen verschwimmt alles. Ich denke an Manasse, der uns vergessen macht. Gott mache dich wie Ephraim und wie Manasse.

Manasse, hör mich an, mach, dass ich vergesse!

Ich schließe die Augen. Um nicht zu sehen, nicht zu warten, nicht ich zu sein und nicht zu sein.

Manasse wurde gedankt. Dafür, dass er für die tragischen Ereignisse stand. Dafür, dass er sie uns zur gleichen Zeit, im gleichen Wirken, auch vergessen ließ. Vergessen, bewusst vergessen. Und Joseph gab dem Erstgeborenen den Namen Manasse (=der vergessen macht): Denn Gott hat mich vergessen lassen all meine Mühsal und das ganze Haus meines Vaters.

Gott selbst kann nicht vergessen.

Wie kann er sich dann erinnern, ohne vergessen zu haben?

Ich bin hier, bei dir. Nur du musst dich erinnern.

Doch es ist zu spät, dich zu mir zu holen. Ich habe Sehnsucht nach dir, deinem Geruch, deinem Haar, deiner Umarmung, deiner Zuversicht. Deiner Nähe. Vor mir, neben mir, bei mir. In mir.

Ich weiß nicht, ob es dich wirklich gibt. Ob es dich je gegeben hat.

All meine Worte. Kleine, große, schwache und starke, dichte und dünne. Sie sind leer, nutzlos, wenn sie nicht von dir gehört werden. Denn ich spreche nur mit mir. Und meine Antworten werden mich enttäuschen.

Mit der Schulter versuche ich, meine Tränen wegzuwischen. Doch sie werden mehr. Ich gehe über das Feld neben der Landstraße, ohne zu wissen, wohin und wozu.

Feuchte, kalte Erde ist rauchig schwarz aufgewühlt. Stille um mich herum. Ich bleibe stehen. Nach einigen Sekunden, Minuten – oder waren es Stunden –, in denen ich nach vorne blicke, bemerke ich die Abenddämmerung. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Glück beginnt bestimmt dort, wo man die Zeit vergisst. Unglück? Vielleicht dort, wo sie nicht mehr gebraucht wird.
     Es tut gut, die Kälte zu spüren. Etwas zu spüren. Ich greife in die Jackentasche und ziehe aus der weichen Packung eine Zigarette, schlucke, um Luft zu bekommen, und zünde sie an. Nach über einem Jahr.

Wie früher. Weißt du noch?

Während ich den blauen Rauch langsam ausblase und ihm beim Aufsteigen nachschaue, sehe ich etwas. Etwas Lebendiges.

Ein großer, im Nebel grauer, Hase sitzt aufrecht auf dem Feld, als wäre er Teil der Landschaft – und sieht mich an. Ich sehe zurück. Er rührt sich nicht. Ich bleibe still, denke an all das, das vorgefallen ist.

Das Zuerst, das Danach, das Dazwischen und das Nicht. Ich halte inne, werde plötzlich ganz ruhig. Tränen fließen über meine Wangen, heiße Tränen, leise Tränen. Und er sitzt. Schaut. Manasse. Mein Hase. Gibt Hoffnung, wo keine mehr ist.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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