Barbara Dvoran

Das Geheimnis im Moos

Ich nehme stark den Geruch von Moos wahr und greife mit meiner linken Hand darauf. Das Gefühl dieser Berührung auf der Handoberfläche fließt weiter durch meinen gesamten Körper, wir sind für einen Moment miteinander verbunden und ich erfahre sein Geheimnis.

     Ein Mann kam an diesen Ort, der nicht aus der Gegend war. Er war nicht besonders groß, aber kräftig, mit modernen Wanderschuhen und Sportausrüstung bekleidet und er ging raschen Schrittes einen schmalen Waldweg entlang. Nach einigen Minuten tauchte eine junge Frau hinter ihm auf, auch sie schien hier fremd und aus der Stadt zu kommen. 

    „Jetzt warte, wieso gehst du so schnell? Ich komme nicht mehr nach!“, rief die Frau, doch er ignorierte sie und ging weiter. „Halt! Ich sehe dich fast nicht mehr! Warte, was ist eigentlich los?“ 

    Der Mann drehte sich zur Hälfte um, stemmte seinen rechten Arm gegen die Hüfte und sah sie verächtlich an. „Na, deine Kung-Fu-Stunden sind wohl doch nicht so hilfreich? Hauptsache teuer! Null Kondition, wie immer.“ „Was?? Was hast du? Florian, bitte, bleiben wir kurz stehen, sag mir, was los ist.“

    Der Mann ging plötzlich auf sie zu, er konnte sich nicht länger beherrschen. Er hatte gedacht, die geplante Wanderung würde ihn ein wenig beruhigen. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen und sie nicht ansehen. Er packte sie fest am Arm, die Frau zuckte zusammen: „Was los ist? Als du heute Morgen wie immer stundenlang im Bad warst, im Hotel, das ich zahle, habe ich die Nachrichten gesehen. Du weißt genau, welche - die von deinem spanischen Liebhaber!“ Seine Augen traten hervor und sein Gesicht wurde böse im Schatten des Baums. „Na, Becca, wo hat er dich abgeschleppt? Bei eurem unnötigen Madrid-Wochenende?“ „Florian ...“, Rebecca hatte ihn noch nie so erlebt. Sie bekam Angst.
    „Ja, ein Mann hat mir geschrieben, das heißt  nicht, dass ich etwas mit ihm habe!“ – „Und deshalb hast du ihn auch verheimlicht!“ – „Ich habe ein Privatleben!“ 

    Rebecca unternahm den Versuch, Florian zu beruhigen, indem sie die linke Hand auf seinen Arm legte. Sie wollte sich aus dem harten Griff lösen, der zu schmerzen begann. Doch es war sinnlos, sein Körper reagierte nicht. Er schien aus fremdem, hartem und unnachgiebigem Stoff zu sein. 

    „Florian, ich bin ehrlich, das weißt du, du kennst mich. Vielleicht war sogar Chemie da mit ihm und ich wollte dir wahrscheinlich nichts davon erzählen. Aber das kann passieren, jedem! Ich habe nichts gemacht, ich entscheide mich immer für dich. Du kennst mich. Beruhige dich! Bitte ...“

    Doch Florian spürte, wie die Wut in großen Wellen in ihm hochkam. Wie damals als kleines Kind, als sein Vater auf ihm saß, ihn zu Boden drückte und Florian machtlos war. Machtlos gegen die Schläge. Der Vater war lange nicht so kräftig wie Florian jetzt, aber er, er war damals doch nur ein kleines, schwaches Kind gewesen. Diese Art von Wut hatte Florian nach all den Jahren nicht mehr erwartet, doch nun war sie wieder da. 

    Mit einem großen Schritt setzte er nach vorn, um seine Freundin am Hals zu packen, sie sollte endlich aufhören zu reden. 

    Es war niemand sonst im Wald und der Vogelgesang verstummte.

Das Moos beruhigt mich, meine Atmung wird langsamer, ich merke, dass ich gekeucht habe. Ich sehe, wie ein dünnes Rinnsal Blut über meine Hand auf das Moos fließt. 

    Ich habe gekämpft. Ich habe mich verteidigt, alles ging so schnell, es war fast wie im Training. Schnelle, feste Tritte wie im Reflex. „Noch einmal, so fest es geht! Go!“, glaubte ich, meinen Trainer zu hören. Und dann die Faustschläge. 

    Meine Knöchel bluten, doch das weiche Moos lindert den Schmerz. Den Schmerz, für den ich dankbar bin. 

    Denn ich bin am Leben. Denn ich bin sie.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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