Bettina Forst

Cocoloco und der Dieb

„Hast du schön gehört?“, krächzte Cocoloco, der Papagei. Cocoloco hatte es sich in seiner Hängematte gemütlich gemacht und schaukelte hin und her. Im Sommer wohnte Cocoloco immer im Garten und schlief auf seiner Hängematte zwischen den zwei Apfelbäumen. Im Winter war es ihm draußen allerdings zu kalt. Sobald die erste Schneeflocke fiel, zog er um und wohnte drinnen im Haus bei Conny und ihrem großen Bruder. Da hatte Cocoloco es schön warm, und er liebte sein Plätzchen am Kamin. Aber jetzt war es endlich Frühling geworden, und Cocoloco schaukelte zufrieden in seiner Hängematte.

 
„Was soll ich gehört haben?“, fragte die kleine Blaumeise und nippte an ihrer Tasse Tee. Blaumeise und Cocoloco trafen sich jeden Tag zu einem Plauderstündchen. Blaumeise trank stets Tee, und Cocoloco nuckelte an seinem Strohhalm. Der Papagei trank lieber einen Cocktail aus Ananas, Mango und Kokosnussmilch.
 
Cocoloco erzählte, dass er gehört hatte, wie Conny ihren großen Bruder gefragt hatte, ob er nicht ihr goldenes Armband irgendwo gesehen hätte. Ihr schönes nagelneues Armband war weg! Etwas später hatte der Papagei ein Telefongespräch mitgehört. Er hatte gehört, wie Conny mit ihrer Freundin telefonierte. Ihre Freundin vermisste auf einmal ihre Kette mit dem kleinen goldenen Anhängerherzchen. Dann berichtete Cocoloco noch, dass auch nebenan die Nachbarin ihren goldenen Ehering nicht mehr wiederfand. Er war einfach verschwunden.

„Das ist ja seltsam“, meine die Blaumeise und tunkte nachdenklich einen Krümelkeks in ihre Tasse Tee. Cocoloco nickte mit seinem Kopf und krächzte: „Das ist verdächtig, verdächtig.“ Plötzlich hörten sie großen Lärm im Haus. Sie erkannten die aufgeregte Stimme von Connys großem Bruder: „Meine Taschenuhr! Man hat mir meine alte goldene Taschenuhr gestohlen!“ Der Bruder lief durch die ganze Wohnung, zog alle Schubladen auf und wühlte in seinem Rucksack, aber er konnte die Taschenuhr nirgends finden. Sie war wie vom Erdboden verschluckt.

Cocoloco kannte die Uhr. Die goldene Taschenuhr hatte der große Bruder von seinem Ururgroßvater geerbt. Wenn man den Taschendeckel öffnete, klimperte die Uhr ganz leise eine hübsche Melodie. „Was für eine Melodie?“ fragte die Blaumeise. Und der Papagei flötete das Liedchen: „Pipa-pipa-pipapi“. „Ach, wie schön“, zwitscherte die Blaumeise und sang mit.
 
„Das Lied heißt ‚Für Elise’ und ist ein ganz berühmtes Lied“, brummte die kluge Eule, die sich soeben auf einem Apfelbaumzweig niedergelassen hatte und sich zu den beiden gesellte. Die kluge Eule war sehr weise und wusste viel. Sie hatte ihren Kopf immer in Bücher gesteckt und viel gelesen. Am liebsten las die Eule Märchen und Detektivgeschichten. Außerdem hatte sie eine Schwäche für Klaviermusik. Sie hätte so gerne so gut Klavier gespielt wie Beethoven, aber so klug sie auch war, irgendwie kam sie mit den vielen schwarzen und weißen Tasten nicht klar. Es klang immer schauderhaft, wenn die kluge Eule Klavier spielte. „Das ist die reinste Katzenmusik“, beklagte sich jedes Mal die Blaumeise und hielt sich die Ohren zu.
 
Auf einmal, da - was war das? Da spielte doch Connys Taschenuhr. Cocoloco, die Blaumeise und die Eule horchten auf. Das war doch die berühmte Melodie! Es kam von irgendwo aus den Bäumen, nicht weit vom Apfelbaum, aber so sehr sie auch versuchten, etwas zu erkennen und zu erspähen: Sie sahen nichts. Aber eins war klar: Der Dieb musste ganz in der Nähe sein.
 
War es wirklich nur ein Dieb? Oder waren es mehrere? „Vielleicht sind es ja vierzig Räuber“, piepste die Blaumeise ängstlich, „wie bei Ali Baba, und dann geht es uns an den Kragen.“ Der Papagei, die Blaumeise und die Eule waren sich einig, dass sie sehr klug und vorsichtig vorgehen mussten, wenn sie die Räuberbande stellen wollten. Aber wie? Cocoloco kaute nachdenklich an seinem Strohhalm, die Blaumeise rührte unaufhörlich mit dem Teelöffel in der Teetasse, und die kluge Eule runzelte ihre Stirn und grübelte.
 
Alle dachten angestrengt nach. Cocoloco dachte an seinen Großvater. Sein Großvater war ein echter Piratenpapagei gewesen, der sich vor nichts fürchtete. Auch vor vierzig Räubern hätte sein Opa keine Angst gehabt. Schließlich war sein Großvater, den alle „Captain Flint“ nannten, ein ganz berühmter Papagei. Ja, sein Großvater war schon bei der Schatzsuche auf der berüchtigten Schatzinsel dabei. Und als Cocoloco noch ganz klein war, durfte er mit Opa Captain Flint sonntags raus zum Segeln. Das war eine Schaukelei auf den Wellen! Einmal wäre er fast um ein Haar über Bord geflogen! An all die Abenteuer auf hoher See dachte Cocoloco, als er in seiner Hängematte schaukelte.

Die Blaumeise dachte, es wäre besser, die Polizei zu holen. Es wäre sicher besser, nicht auf eigene Faust auf Verbrecherjagd zu gehen. Gerade in dem Moment, als die Blaumeise den Schnabel aufmachen wollte, da raunte die kluge Eule mit ihrer tiefen Stimme: „Ein altes Sprichwort sagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Cocoloco und die Blaumeise verstanden nicht, was die Eule mit dieser geheimnisvollen Botschaft wohl sagen wollte. Die Eule warf beiden einen verschwörerischen Blick zu und senkte ihre Stimme: „Wir werden dem Dieb und seinen Kumpanen eine Falle stellen. Da sie alles stehlen, was glänzt und funkelt wie Gold, werden wir sie mit falschem Gold in eine Falle locken.“  
 
Den Dieben eine Falle stellen? Ja, das war eine gute Idee und ein kluger Vorschlag. Aber wo sollten sie das Falschgold hernehmen? „Woher nehmen, wenn nicht stehlen?“, krähte Cocoloco. Aber auch darauf wusste die kluge Eule eine Antwort. „Wir brauchen kleine goldene Schokoladeneier. Die sind schön mit Goldpapier verpackt und glitzern und glänzen wie echtes Gold“, sagte die Eule. Cocoloco hatte seine goldenen Schoko-Eier, die er zu Ostern unter seinem Apfelbaum gefunden hatte, schon längst aufgegessen. Auch die Blaumeise hatte der Versuchung nicht widerstanden und ihre goldenen Schokoladeneier schon lange vernascht. Aber die kluge Eule hatte bestimmt noch ein Schokoladenei. Die Eule räusperte sich, hüstelte etwas verlegen und schwieg.
 
„Aber ich habe noch ganz viele goldene Schokoladeneier!“, rief plötzlich eine Stimme aus dem Apfelbaum. Es war Eichhörnchen. Es huschte flink den Apfelbaumstamm hinunter und setzte sich zu Cocoloco, der Blaumeise und der klugen Eule. Das Eichhörnchen legte sich nämlich immer große Vorräte für den Winter an, und so hatte es auch die Schokolade gut versteckt. Welch ein Glück! Und schon flitzte das Eichhörnchen los, um die goldenen Schokoladeneier zu holen. Es lief an der hohen Tanne empor bis nach ganz oben in den Tannenbaumwipfel, aber, oh Schreck, da waren nur Haselnüsse. Das Eichhörnchen überlegte kurz, und dann hüpfte es behände von Ast zu Ast zur grünen Birke. Sie hatte den wertvollen goldenen Schatz ganz bestimmt dort versteckt. Aber nein! In der grünen Birke fand sie nur Kastanien und Eicheln. Und im Kirschbaum lagen nur Erdnüsse.

„Denk mal in Ruhe nach“, ermahnte sie die kluge Eule, „vielleicht hast die die goldene Schokolade ja sicher in einem Tresor verwahrt“. „Oder in einer Höhle“, flötete die Blaumeise, „wie bei Ali Baba“. Da fiel es dem Eichhörnchen blitzartig ein. Genau! Sie hatte die Schokolade in der alten knorrigen Eiche in einer Wurzelhöhle versteckt und den Eingang zur Wurzelhöhle gut mit Tannenzweigen und Moos getarnt.Also liefen sie schleunigst zur alten Eiche. Das Eichhörnchen entfernte die Tannenzweige, legte das Moos beiseite, und alle folgten Eichhörnchen in die Wurzelhöhle. Nur die Blaumeise nicht: „Ich bleibe lieber hier und passe auf, ob jemand kommt.“
 
Was sahen sie da? Vier Mäuse-Minis spielte mit einem großen goldenen Schokoladenei Fußball, drei Mäuse-Minis hielten einen Schläger in den Händen und spielten mit einem Schokoei Minigolf, zwei kleine Mäuse spielten mit den Eiern verstecken, und eine kleine Mini-Maus warf drei goldene Schoko-Eier hoch in die Luft, fing sie geschickt wieder auf und begann, mit drei Eiern gleichzeitig zu jonglieren.
 
Cocoloco plusterte sich auf, schimpfte und krächzte furchterregend, das Eichhörnchen zeigte seine spitzen Zähnchen, und die kluge Eule kniff die Augen zusammen und blickte die Mäuse streng an. „Wir haben uns die Schokoladeneier nur ausgeliehen. Wir wollten sie auch wieder zurückbringen“, beteuerten die verschreckten Mäuse-Minis und hätten sich am liebsten ganz schnell wieder in ihr Mauseloch verkrochen. „Na gut, na gut“, sagte Cocoloco großmütig, „aber die Schokolade gehört dem Eichhörnchen, und das nächste Mal fragt ihr erst einmal, ob ihr damit spielen dürft.“ Das versprachen die kleinen Mäuse. „Wir brauchen jetzt die goldenen Eier, um die vierzig Räuber zu fangen“, erklärte Cocoloco. Die Mini-Mäuse gaben Eichhörnchen die goldenen Schokoladeneier zurück und spitzten ihre neugierigen Ohren. Da erzählte Eichhörnchen ihnen die ganze Geschichte.
 
Jetzt konnte es endlich losgehen. Gemeinsam hatten sie sich einen schlauen Plan ausgedacht. Die Mini-Mäuse bezogen ihren Wachposten in den Mäuselöchern rund um den Apfelbaum. Das Eichhörnchen bewaffnete sich mit einer Ladung Erdnüsse oben in der Baumkrone, und die Blaumeise verkroch sich mit Connys Handy im Geäst, damit sie im Notfall schnell die Polizei verständigen konnte. Cocoloco legte die goldenen Schokoladeneier vorsichtig in seine Hängematte. Dann versteckten er und die kluge Eule sich zu beiden Seiten der Hängematte. Wenn die Räuber kamen, würden sie die Diebe - schwuppdiwupp - blitzschnell in der Hängematte fangen und fesseln. Das war ihr Plan. Jetzt waren alle mucksmäuschenstill und warteten.

Sie brauchten gar nicht lange zu warten. Da kam leise und lautlos angeflogen: die diebische Elster. Sie setzte sich auf einen Ast, sah sich verstohlen um, ob jemand sie sehen konnte, und stürzte sich dann jäh kopfüber auf die goldenen Schokoladeneier in der Hängematte. Und schon prasselten die Erdnüsse von oben auf die Elster ein, war sie von den Mini-Mäusen umzingelt, kreischte der Papagei und warfen sich Cocoloco und die kluge Eule auf den Dieb. Die diebische Elster war gefangen. Aber wie sah sie aus! Die Kette mit dem goldenen Anhängerherzchen baumelte um ihren Hals, am Finger trug sie den goldenen Ehering der Nachbarin, an der Hand Connys goldenes Armband und im Gefieder hatte sie die goldene Taschenuhr vom großen Bruder versteckt.
 
„Gib das alles her! Der Schmuck gehört dir nicht!“, riefen sie und nahmen der diebischen Elster die ganze Beute wieder ab. „Wie konntest du nur den ganzen Schmuck klauen?“, verhörte die kluge Eule den diebischen Vogel.
 
Der Verschluss von Connys Armband war kaputt, und so hatte Conny das Armband verloren, ohne es zu merken. Ihre Freundin hatte die Goldkette beim Spielen einfach draußen auf der Wiese vergessen und liegen gelassen, und die goldene Taschenuhr war dem großen Bruder beim Radfahren aus der Hosentasche gefallen. Nur wie es dazu kam, dass die Nachbarin ihren goldenen Ehering verlieren konnte, blieb allen ein Rätsel. Denn einen Ehering trägt man immer, Tag und Nacht und legt ihn nicht ab.

Also hatte die diebische Elster den ganzen Schmuck nicht wirklich gestohlen, sondern nur gefunden. Aber richtig korrekt war es doch nicht. Die Blaumeise sagte vorwurfsvoll: „Du hättest dir doch denken können, dass das Armband, die Kette, die Taschenuhr und der Ring jemandem gehören.“ „Und die Schokoladeneier in der Hängematte? Die gehören mir!“, rief das Eichhörnchen ziemlich wütend. „Papperlapapp“, antwortete die diebische Elster schnippisch, „wer auf seine Sachen nicht besser aufpasst, ist selber schuld“ und flog laut lachend von dannen.
 
Cocoloco schlug wild mit den Flügeln und krähte ihr hinterher: „Lass dich hier bloß nicht mehr blicken! Wir wollen dich hier nicht mehr sehen! Nie mehr!“ Dann ließ er sich mit einem tiefen Seufzer in seine Hängematte fallen und sagte zufrieden: „Geschafft. Wir haben den Schmuck gefunden. Der Fall ist gelöst. Das muss gefeiert werden.“
 
Für die Feier backte Conny einen Erdbeerkuchen, die Freundin brachte ihren selbst gemachten Kartoffelsalat mit, der große Bruder grillte Würstchen, und die Nachbarin kümmerte sich um die Getränke. So feierten alle bei Musik und Tanz bis in Nacht. Auch die kleinen Mini-Mäuse durften ausnahmsweise einmal so lange aufbleiben. Das Eichhörnchen stopfte sich die Backen voll mit all den Leckereien, und die Blaumeise tanzte und hüpfte herum, bis ihr vor Müdigkeit die Augen zufielen. Die kluge Eule spielte mit der goldenen Taschenuhr, klappte den Deckel immer wieder auf und zu und lauschte andächtig der schönen Melodie. Cocoloco plapperte den ganzen Abend, erzählte von seinen Abenteuern auf See und fiel um Mitternacht schließlich müde und erschöpft in seine Hängematte. Was für ein aufregender Tag.

© Bettina Forst, bettinaforst@web.de
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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