Ann-Kathrin Schaub

Lass uns Reden

„Lass uns wann anders nochmal reden“, sagte ich zu ihm. Mein Tonfall klang ziemlich ernst. Er sah mich an. Skeptisch und so, als würde er mir nicht glauben, dass das etwas an der Situation ändern würde. Er schwieg und ich trank den letzten Schluck meines Cappuccinos, der nur noch aus dem übrig gebliebenen Milchschaum bestand. Mittlerweile war der Schaum kalt. Wie lange saßen wir eigentlich schon hier, in diesem überfüllten Café? Wie lange schwiegen wir uns schon an? Ich hatte das Zeitgefühl verloren. „Ich zahl schon“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen und zeigte auf die beiden Tassen, die auf unserem Tisch standen. Ich nickte abwesend. Wie war es eigentlich dazu gekommen, dass wir uns so auseinandergelebt hatten? Er zog einen zehn Euro Schein aus seinem braunen Ledergeldbeutel. Eigentlich ergänzten wir uns ziemlich gut. Er war der Ruhige, ich die Quirlige. Als wir uns das erste Mal getroffen hatten, dachten wir beide, wir könnten die ganze Welt erobern. Wir waren auf einer Wellenlänge. Mehr als das. Wir waren wie Bonny und Clyde. Nichts konnte sich uns in den Weg stellen. Nun saßen wir in diesem Café, ganz nüchtern und nicht mehr so frei, wie früher. Etwas hatte sich verändert. Oder hatten wir uns verändert? Der Weg, den wir eine Zeit lang gemeinsam gegangen waren, begann sich zu gabeln. Jetzt lag es in unserer Hand, welche Richtung wir einschlagen würden. „Stimmt so“, sagte er und bekam von der Kellnerin ein nettes Lächeln geschenkt. Ich runzelte die Stirn. „Vier Euro Trinkgeld?“ Er zuckte mit den Schultern. „Wieso denn nicht? War doch nett, die Kellnerin.“ Er sah ihr nach. Wieder runzelte ich die Stirn und spürte einen leichten Stich, Richtung Herzregion. Das war ziemlich unangenehm. Wie würde es erst sein, wenn wir endgültig getrennte Wege gehen würden? Wie würde es sein, mit einem anderen zu schlafen? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich wüsste, dass er mit einer anderen schlafen würde? Mit dieser Kellnerin zum Beispiel. Gedankenverloren sah ich sie an. Unattraktiv war sie nicht. Ich versuchte mich in die Situation hineinzuversetzen. Er und ich wären Geschichte. Er und die Kellnerin kamen sich nahe. Je intensiver ich es mir vorstellte, desto absurder fühlte es sich an. Nicht befreiend, sondern komisch. Vielleicht sollte ich wirklich mal eine „Pro und Contra-Liste“ schreiben, so wie es meine Mutter immer gesagt hatte: „Kind, bei schwierigen Entscheidungen ist es wichtig, sachliche Argumente zu haben.“ Ja. Recht hatte sie, aber trotzdem lächerlich. Immerhin ging es hier um etwas viel Größeres, als um eine schwierige Entscheidung. Sie war verdammt schwer. „Ich bring dich noch nach Hause“, sagte er und stand auf. Ich nickte. Zu schnell. Ohne nachzudenken. Als wir das Café verließen, regnete es. Vielleicht ein Zeichen, dachte ich und es kam mir wie die bittere Ironie des Lebens vor. Keiner von uns hatte einen Schirm dabei und die schweren nassen Regentropfen fielen erbarmungslos auf unsere Körper. „Wie denkst du darüber?“, fragte er und verzog das Gesicht. Er hasste Regen. Ich auch. Etwas, dass uns verband. Aber wer mochte eigentlich Regen? Gab es wirklich Menschen, die Regen mochten? Wahrscheinlich. Ich steckte die Hände in meine Manteltasche und seufzte. „Ich weiß nicht. Es hat sich viel verändert.“ „Hm“, sagte er und sah mich von der Seite an. Schweigend gingen nebeneinander her. Zum Glück wohnte ich nicht weit weg. Zu Fuß dauerte es fünfzehn Minuten. Die fühlten sich gerade dreimal so lange an. „Willst du noch mit rauf?“, fragte ich unsicher, als wir vor der Haustür standen. Er zögerte, ich knickte ein. „Ja, vielleicht eine blöde Idee.“ Ich kramte meinen Haustürschlüssel aus der Tasche und wurde traurig. Das musste er doch auch spüren. Diese Traurigkeit. Diesen Kloß im Hals. „Vielleicht können wir aus später auch jetzt machen“, antwortete er und lächelte gequält. Seine nassen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Ich verstand erst nicht, worauf er anspielte, doch dann fiel es mir wieder ein. Reden. Es ging um’s Reden. Aus „Lass uns wann anders nochmal reden“ sollte also „Lass uns jetzt nochmal reden“ werden. Der Kloß in meinem Hals wurde größer und trotz der winterlichen Kälte wurde mir heiß. „Ok“, sagte ich und schloss die Tür auf. Wir stiegen die hölzernen Treppen nach oben, die bei jedem Schritt laut knarrten. „Die sollten sich überlegen, ob sie hier einen Aufzug einbauen“, meinte er atemlos, als wir im fünften Stock ankamen. Ich musste lachen, genau das dachte ich mir auch immer. „So unsportlich bist du doch gar nicht.“ „Man wird älter“, entgegnete er und grinste. Schon faszinierend, wie schnell sich Gefühle ändern können. Von Traurigkeit zu Freude innerhalb von fünf Stockwerken. Ich liebte diesen Altbau mit seinen Treppen. Treppen waren wunderbar. In meiner kleinen Einzimmerwohnung legten wir die nassen Klamotten ab. Ich war froh, zuhause zu sein. Mit ihm. Wir setzten uns auf mein altes Sofa und schwiegen. Es war ein schweres, erdrückendes Schweigen. Kaum auszuhalten. Langsam fuhr ich mit meiner Hand über das weiche Sofapolster und zeichnete unsichtbare Muster hinein. „Ich…“ begann er und sofort drehte ich mein Gesicht zu seinem. Was würde er jetzt sagen? Mein Herz schlug plötzlich schneller. Ich spürte Angst. Würde er jetzt alles beenden? Einfach so? Mit wenigen Worten? Oder gar keinen? Vielleicht sollte ich den Anfang machen. Den Anfang vom Ende. Mein Mund öffnete sich. Ich konnte nicht. Kein Laut kam über meine Lippen. Sein Blick traf meinen und er lächelte verschmitzt. Unsere Gesichter näherten sich. Ein Kuss. Vorsichtig und sehr sanft. Ich war erleichtert, dass wir nicht mehr reden mussten. Es fühlte sich gut an, ihn zu küssen. Seine Hand ging unter mein T-Shirt. Ziemlich schnell landeten wir im Bett. Es war wie früher, nur anders. Sollte das nun das letzte Mal gewesen sein? Wir lagen Arm in Arm nebeneinander, ich lauschte seinem Atem, der langsam immer ruhiger wurde. Nach einer Weile zündete ich mir eine Zigarette an. „Du rauchst ja immer noch“, stellte er fest, aber es klang nicht wirklich wie ein Vorwurf. „Ja“, sagte ich kurz und knapp. Dann schwiegen wir. Es war kein erdrückendes Schweigen mehr. Wir spürten beide, dass das Thema noch offen war. Er übernahm die Initiative. „Wie…soll es weitergehen?“ Ich sah ihn an und hatte keine Antwort auf seine Frage. Im Moment wollte ich auch keine finden. „Lass uns wann anders nochmal reden“, sagte ich und wir mussten beide lachen.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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