Wolfgang Hoor

Auf der Suche nach dem ganz großen Glück

Auf der Suche nach dem ganz großen Glück

Damals war ich zehn, hatte beschlossen nicht mehr für die Schule zu lernen und mein Glück im Spiel zu suchen. Eigentlich in scheinbar ganz einfachen, scheinbar ganz harmlosen Spielen mit vielen Kindern zusammen: Bei „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ oder bei „Räuber und Gendarm“ konnte man im Spiel versinken und erst am Abend wieder in die Erwachsenenluft eintauchen, wenn man nach Hause kam. Dass auch die kindliche die Spielewelt gar nicht ganz so harmlos war, habe ich an einem Dienstagmorgen entdecken müssen auf dem Weg zu der ungeliebten Schule und dem ungeliebten katholischen Schulgottesdienst.

Nein, ich wollte den Schulgottesdienst nicht schwänzen. Ich hoffte, ich würde ihn ohne eine Ohrfeige überstehen. Einige katholische Lehrer waren auch in diesem Gottesdienst, achteten wie die Höllenhunde auf jeder noch so kleine Abweichung vom vorgeschriebenen Verhalten und stürzten sich, Ohrfeigen verteilend, auf jeden Missetäter, den sie von ihrem Platz aus erreichen konnten. Ich wagte nicht zu schwänzen, weil das Auge Gottes alles sah. Wahrscheinlich wusste das Auge Gottes auch schon längst, dass ich einige Hausaufgaben nicht hatte, aber das war ja etwas anderes als der Schulgottesdienst. Die Hausaufgaben hatten nichts mit dem Haus Gottes zu tun.

Es waren nur noch einige hundert Meter zur Kirche, als ich auf dem Ludwigsplatz, über den der Weg zur Kirche führte, eine merkwürdige Ansammlung von Jungen in meinem Alter entdeckte. Sie schrien fast wie auf dem Fuballplatz und gingen einer Beschäftigung auf dem Boden nach, die ich nicht sofort identifizieren konnte. Sie schrien Namen und schrien „hepp, hepp, hepp“ und sangen „Mia sinn Saabricka unn spiele Klicka …“ Ja, und der Karnevalsschlager verriet es, sie spielten das Klickerspiel, das ungeheure Emotionen auslösen kann. Der letzte „Klickerer“, der die letzte Kugel ins Loch schnippt, darf alle Kugeln in Besitz nehmen, die im Loch sind, und wenn elf oder zwölf – so groß schätzte ich die Gruppe ein – mitspielten, war der Gewinner um elf oder zwölf Murmeln reicher.

Ich war fasziniert. Ja, ich hatte auch schon ein paarmal Klicker mitgespielt, aber ich war schlecht im Klickern und hatte fast immer zu den Verlierern gehört. Aber eine Stimmung, wie sie hier auf dem Ludwigsplatz herrschte, hatte ich noch nie erlebt. Ich näherte mich der Gruppe, um wenigstens ein paar Minütchen zuzuschauen und mich von den Emotionen anstecken zu lassen. Und da wusste ich plötzlich, wer die Klickerer waren. Es waren meine katholischen Klassenkameraden, die den Schulgottesdienst schwänzten und statt der Kirchenlieder ihre profanen Gesänge in den frühen Morgen hinausschrien.

Dieter, mein Banknachbar, hatte mich als erster erkannt. Halb belustigt, halb freudig rief er: „Ist das wahr, schwänzt du echt den Schulgottesdienst?“ – Ich wollte nein sagen, ich wollte mich erklären, aber Dieter rief es schon den anderen zu: „Guckt mal, wer auch zu den Gottesdienstchwänzern gehört. Der Wolfgang! Der Wolfgang schwänzt!“ Es gab ein brüllendes Gelächter, das Unglaube und Begeisterung zum Ausdruck brachte. Und der Martin rief: „Wir fangen mit der Runde neu an. Jeder holt seine Klicker. Der Wolfgang spielt mit.“

„Ich hab keine Klicker“, sagte ich. „Ich kann nicht mitspielen.“ – „Wir leihen dir welche“, hörte ich einige Stimmen, aber da ließ sich Bruno vernehmen: „Der Wolfgang hat doch reiche Eltern. Der kann sich doch ein paar Murmeln leisten!“ Und er holte seinen Murmelbeutel raus und ließ ein paar wunderschöne Glaskugeln in seine Handfläche rollen: im Inneren mit herrlichen Mustern und Farben geschmückt. Ich war sofort hingerissen. Zu Hause gab es keine Glaskugeln, und bisher hatte ich nur mit Tonkugeln gespielt. „Aber ich habe kein Geld dabei!“ – „Du willst kein Geld dabei haben? Das glaub ich dir nicht. Wieviel Bände ‚Karl May‘ hast du dir schon gekauft? Du wirst doch ein paar Glaskugeln bezahlen können.“

Jetzt rückten sie alle dicht an mich heran. „DU hast kein Geld? In der Tasche ist doch dein Geldbeutel zeig doch mal her.“ Ich fing an zu schwitzen. Das wurde jetzt alles sehr unangenehm. Ich hatte nämlich Geld dabei, aber nicht, um mir einen Karl-May-Band, sondern um Schulhefte und Schulmaterial zu kaufen. „Deine Tasche ist doch von deinem Geldbeugel ganz dick. Zeig doch mal.“ – Und dann log ich, dass ich es vergessen hätte und dass ich natürlich richtig mit eigenen Klickern mitspielen möchte. Und also kaufte ich dem Bruno vier Glasklicker ab und zehn Tonmurmeln und erst viel später, als ich in einem Spielwarengeschäft nach den Preisen für Murmeln fragte, erfuhr ich, dass Brono mich total übers Ohr gehauen hatte.

Aber dann ging‘s los. Die Geschichte mit meinem Geldbeutel war schnell vergessen. Das erste Spiel entwickelte sich unter dem Geschrei und den Gesängen der Klassenkameraden stürmisch. Ich warf meine Tonkugel wie üblich schlecht, alles lief auf Bruno als Sieger zu. Aber dann verfehlte er ausgerechnet mit meiner Kugel, die die letzte war, das Loch und ich hatte keine Mühe, diese letzte Kugel einzulochen. Ich glaube, ich habe mir noch nie in meinem Leben so sehr die Seele aus dem Hals gebrüllt wie nach diesem Spiel. Es hatte zwar keiner eine Glaskugel eingesetzt, aber ich gewann 11 Tonmurmeln dazu. Ich war auf dem Weg zum ganz großen Glück. Ich umarmte Bruno, der mich beschissen hatte, und Dieter, der mich als erster erkannt hatte. Ich war total aus dem Häuschen und ich stellte mir einen ungeheuren Glückstag vor.

Aber dann ging es, wie es gehen musste. Ich war ein sehr durchschnittlicher Spieler, die große Gelegenheit, ein prall gefülltes Klickerloch zu erobern, kam nicht wieder. Ich verlor Spiel um Spiel. Bruno, der sich über meinen Sieg im ersten Spiel immer noch ärgerte, schlug vor, wir sollten nicht mehr eine, sondern zwei oder drei Klicker einsetzen. Und als ich alle Tonklicker verloren hatte, wollte ich aus dem Spiel aussteigen. Aber nun kamen sie alle, die längst gemerkt hatte, dass man meine Kugeln leicht kriegen konnte, umkreisten mich, kamen drohend näher, sagten: „Die Glaskugeln. Du hast noch die Glaskugeln. Wir spielen jetzt mit Glaskugeln. Du willst doch nicht, dass die ganze Schule erfährt, was du für ein Spielverderber bist..“

Als meine vier Glaskugeln verloren waren, ließen sie mich alleine zur Schule gehen, und hinter mir hörte ich ihre höhnischen Gesänge „Mia sinn Saabricka unn spiele Klicka unn stemme Blutwoscht mit äna Hand …“ und ich glaubte, herauszuhören, dass einige mir nachriefen: „Aus demm hamma Blutwoscht gemacht.“ Und so fühlte ich mich an diesem Morgen auch. Ich hatte mich bis zu den Ohrenspitzen blamiert, ich hatte mich ausnehmen lassen, und ich wusste nicht, was ich zu Hause erzählen sollte. Das Geld für die die Schulsachen war weg, ich konnte unmöglich sagen, dass ich dafür Klicker gekauft hatte, und wenn Papa erfahren würde, dass ich den Schulgottesdienst geschwänzt hatte, wäre eine schlimme Tracht Prügel fällig gewesen.

Glücklicherweise kam am folgenden Tag meine große Schwester zu Besuch. Sie war in einem Nachbarort verheiratet und wollte sich von meiner Mutter ein Rezept erklären lassen. Sie sah mir sofort an, dass mit mir etwas nicht stimmte, und sie war die einzige, der ich meine Situation erzählen konnte. Ich tat das, sie sagte bloß: „Da hast du dir aber was eingebrockt“, und strich mir freundlich übers Haar. „Da müssen wir aber dafür sorgen, dass Papa nichts davon erfährt.“ Und dann steckte sie mir das Geld zu, das für die Schulsachen bestimmt war. Ich kaufte die Schulsachen, aber ich hatte wie gesagt beschlossen, das Lernen aufzugeben und mit den neuen Schulsachen fuhr kein neuer Geist in mich hinein.

Klicker habe ich nie mehr gespielt. Die meisten meiner Klassenkameraden waren nicht nachtragend, nur Bruno stichelte und stänkerte, wo er nur konnte. Viel später hörte ich von einem Cousin, der in Spielcasinos ging und da ein kleines Vermögen verspielte, und überall in der Verwandtschaft wurde über ihn getratscht und der Stab gebrochen. Ich sagte dazu lieber nichts. Ich wusste, wie das ist, wenn man einen Augenblick an das ganz große Glück glaubt, und eigentlich kann ich froh sein, dass das erste Klickerglück so schnell zu Ende war.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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