Jürgen Skupniewski-Fernandez

Traum - Seelenwanderung

Oftmals fällt es uns sehr schwer, Dinge zu deuten, die in Traumphasen aus der Tiefe mit so viel Lebendigkeit steigen, dass es teils unmöglich ist sie in diesem besagten Moment von der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Surrealistisch anmutende, wechselnde Sequenzen fließen ineinander. Lebende und bereits Verstorbene mischen sich unter die Szenen. Der Träumende ist meist Beobachter des sich vor ihm Abspielenden. Nur selten sieht er sich als Objekt in farbigen oder schwarz-weißen, aufeinander folgenden Bildern.

 

Traumerlebnis – was geschah:

 

Die Tiefen des Unterbewusstseins ließen nicht lange auf sich warten. Er sah sich relaxt ausgestreckt auf einem Sofa liegen, ein Buch in der Hand und lesen. Er hatte das Gefühl, dass Körper und Seele getrennt voneinander agierten. Der denkende Geist, sein denkender Geist, wurde zum Beobachter seiner selbst.

Hinter dem Sofa stand ein antiker Ohrensessel. Er mochte diesen wohl sehr, denn im Raum hing plötzlich das Jahr seiner Entstehung: 1720.

Er hob seinen Kopf und schaute über sein Buch hinweg auf die geöffnete Tür eines gegenüberliegenden Zimmers. Da saß in der Ferne ganz deutlich zu erkennen, eine hagere Frau. Sie lächelte, ihr Gesicht strahlte jugendliche Frische aus. Sie sah zu ihm hinüber, stand auf und ging direkt auf den antiken Sessel zu.

Sie drückte das darauf liegende Kissen zurecht und setzte sich zufrieden hinein. Es regte sich eine leichte, protestierende Unzufriedenheit in ihm. Er war mit ihrer Sitzplatzauswahl im historischen Möbel nicht einverstanden. Aber diese legte sich sofort, da sein denkender Geist ihn ermahnte, wie dumm diese Einstellung doch war.

 

„Du warst solange fort? Wäre es nicht besser gewesen direkt nach Hause zu gehen. Man wird doch auf dich warten?“

„Nein“, antwortete sie. „Ich bleibe erst einmal eine Woche hier und werde anschließend nach Hause fahren“.

Es war seine, vor Jahren verstorbene Tante, die da vor ihm saß, mit strahlendem und jugendlichen Gesicht und der Aura einer alten Dame.

Er erhob sich vom Sofa.

„Komm“, sagte sie, „Lass uns gehen. Ich werde dir erzählen, wo ich solange gewesen bin“.

„Ja gleich“, erwiderte er und ging auf eine Türe zu. Als er sie öffnete, stockte ihm der Atem. Das Zimmer lag im tiefen Dunkel, aber in der Mitte stand ein großer Keramiktopf mit einer blühenden Pflanze. Sie leuchtete im tiefen Rot, sodass sich um die Pflanze ein Strahlenkranz bildete. Sie war ca. 150 cm hoch. An ihren Zweigen breiteten sich leuchtende Blätter aus. Es waren nur Blüten zu sehen und sie alle hatten die Form eines Ahornblattes. Gleichzeitig kam es ihm vor, als ob jedes einzelne Blatt glühte und transparent war. Er hatte noch nie so eine schöne Pflanze gesehen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Er verließ das Zimmer und traf auf seinen Bruder.

„Komm, schau dir das an. Hier wächst die schönste Blume der Welt. Du musst sie dir anschauen“.

Er öffnete zum zweiten Mal die Tür. Doch was war geschehen. Die Pflanze war eingegangen. Nur der kräftige Stiel blieb übrig und die Pflanze stand förmlich im Wasser.

„Zu Tode ertränkt“, sagte sein Bruder. „Da kann man nichts machen, das kommt vor“.

Er ließ den blattlosen, kräftigen Stiel stumm durch seine Hände gleiten und war traurig und enttäuscht, dass er dieses blühende Wunder niemanden zeigen konnte.

„Komm, lass uns gehen“, sagte seine Tante und schon standen sie auf einem unbewohnten Gehöft. Da lag einiges an Gerät herum. Teilweise unter halb offenen Dächern, Überreste von Zivilisationsschrott. Seine Tante redete und redete, sie hörte gar nicht auf zu erzählen. Sie sprach auch noch dermaßen schnell, dass er nicht in der Lage war, ihr überhaupt zu folgen, geschweige etwas zu verstehen.

„Du musst ihr zuhören, dich konzentrieren“, wies ihn sein denkender Geist an.

„Ja aber das versuche ich doch. Sie spricht zu schnell und sie quatsch zu viel“, bemerkte er beiläufig.

Sie verließen das Gehöft und gingen, gesäumt von Bäumen, Pflanzen und hohen Gräsern, einem schmalen Pfand entlang.

Sie erreichten einen kleinen Platz. Am Ende stand ein Haus. Seine Tante verließ ihn daraufhin und er blieb alleine vor der Haustür des Hauses zurück. Er bemerkte sofort, dass die große schwarze Haustüre einen Spalt weit geöffnet war. Durch diesen drang ein gelbes warmes Licht ins Freie. Erinnerungen an etwas Angenehmes wurden in ihm geweckt. Er drückte die Türe vorsichtig auf und schaute in einen, von wohligem Licht, durchfluteten Raum voller Menschen, die ihm irgendwie bekannt vorkamen; er sie aber nicht einordnen konnte. Da schaute ihn ein junger Mann an. Er trug einen schwarzen Talar oder war es doch ein Anzug?

In dem Moment ging ein Ruck durch seinen Körper. Er schnellte zurück und wollte die Tür schließen. „Kirche?“, fragte er sich und drehte sich um, um davon zu eilen. Doch alle Personen aus dem Raum drängten auf den Platz. Unter ihnen dieser junge Mann. Sein Haar war schwarz und er trug einen Scheitel. Die Gesichtshaut war aufhellend klar und seine Augen schauten ihn wohlwollend an. Er hatte das Gefühl, dass ihn die Person anzog. Er dachte: „Ich werde dich wohl nicht erreichen“, obwohl etwas Vertrautes sie verband.

 

Er verließ die Menschenansammlung. Ein befestigter Weg führte an einem Fluss entlang. Eine aus verrotteten, roten Ziegeln, bestehende Mauer begrenzte die gegenüberliegende Seite. Er kam zu einer gemauerten Treppe. Als er die erste Stufe betrat, da richtete sich vor ihm plötzlich etwas auf. Der Rücken eines Tieres mit graubraunem Fell erschien. Es stellte sich auf die Hinterläufe und seine Vorderläufe streckte es in die Höhe. Es wimmerte vor Schmerzen.

Er schaute auf den Rücken des Tieres. „Ein Esel vielleicht?“, dachte er. In dem Moment zog das Tier seine Läufe zusammen und krümmte sich auf die Stufe in eine Seitenlage. Er beobachtete verwundert das Geschehen. Da verwandelte sich das leidende Tier in ein Kind, in einen Jungen, ca. zehn Jahre alt. Das Kind lag vor ihm und trug einfache, grobe Wollkleidung. Sie hatte die Farbe eines verschmutzten Lammes, gelblich mit braunen Flecken.

„Ich bin schwach, ich habe keine Kraft und Schmerzen. Ich kann mich ohne Hilfe nicht mehr richtig fortbewegen“, schluchzte es.

„Komm, ich helfe dir. Mach dir keine Sorgen, ich begleite dich“, und bückte sich, nahm es an den Armen und richtet es auf. Es waren noch einige Stufen zu bewältigen, als eine Gruppe von Kindern mit Fahrrädern hinter ihnen auftauchte. Ein selbstbewusstes Mädchen löste sich von der Gruppe, schob ihr Fahrrad die Treppe hinauf und steuerte mit dem Reifen auf den kranken Jungen zu.

„Los, mach den Weg frei, wir wollen hier durch!“, forderte es ihn auf und machte Anstalten ihn beiseite zu drängen.

„Siehst du nicht, dass er sehr krank ist und Hilfe braucht! Nur weil er arm und schmutzig ist, hast du kein Recht, dich ihm gegenüber so zu verhalten. Du solltest dich was schämen! Es gibt nur diesen einen Weg nach oben zur Straße. Also warte, bis ich mit ihm nach oben gestiegen bin“. Er saß das Mädchen mahnend und zugleich freundlich an. Da blieb es stehen und schwieg betroffen. Ein Junge drängelte sich mit seinem Fahrrad vor und blickte abfällig auf das Mädchen.

„Der soll uns den Weg frei machen, dieser Schmutzfink, aber schnell!“ Das Gesicht des Jungen war von dieser frechen und provozierenden Art mit aufgesetztem Siegerlächeln. Verständnis war von ihm sicher nicht zu erwarten. Er versuchte, dem Jungen ein Mitgefühl abzuringen. Doch dieser zeigte nicht den Anschein von Empathie, sondern forderte nur.

Da rutschte ihm die Hand aus und er gab diesem frechen Burschen eine kleine Ohrfeige.

Der schaute ihn daraufhin grimmig an: „Na warte, das wirst Du noch bitter bereuen“, schnaufte er.

Jetzt plagte ihm das schlechte Gewissen: „Ich hätte ihm wohl die Ohrfeige nicht geben dürfen. Da kommt wohl einiges auf mich zu. Na ja, wenn dem so ist, dann soll es so sein“.

Er wandte sich dem kranken und schwachen Kind zu, nahm es an die Hand und stieg die Treppe hinauf zur weiterführenden Straße.

 

Dicht hinter ihnen tauchte abermals die Fahrradgruppe auf. Sie folgte ihnen auf den Fersen.

„Was wollt ihr von uns?“, fragte er in die Gruppe hinein und blieb mit dem Jungen stehen. Er hielt die Hand des Kindes fest in seiner Linken. Sie war warm und weich und man spürte die Schwäche des kranken Knaben.

Schon wieder dieser freche Bursche von vorhin. Er stieg vom Rad und schob es vor sich her. Zwischenzeitlich war er zu einem Jugendlichen herangereift.

„Du wirst es noch bereuen“, wiederholte er abermals. „Was willst du mit diesem Armseligen, lass ihn los. Komm mit uns!“, forderte er auf.

„Nein“, antwortete er, „dieses Kind braucht meine Hilfe, aber ich kann dir meine andere Hand reichen. Ich kann mit euch beide gehen, wenn du willst“.

Er legte die Hand des Jugendlichen in seine rechte Hand und hielt sie fest. Sie war kräftig und entschlossen, das spürte man sofort. Der Jugendliche dachte gar nicht daran, zu teilen, und versuchte ihn vom kranken Jungen loszureißen.

Daraufhin löste sich aus seiner linken Hand die Hand des kranken Kindes und es fiel zu Boden.

Erschrocken blieb er stehen und wandte sich dem Kind zu, das hilflos in seiner verschmutzten Wollkleidung auf dem Rücken lag.

Er schaute zu ihm hinab: „Oh mein Gott, seht ihr denn nicht, dass er stirbt!“ Dann brach er in Tränen aus. Sein ganzer Körper bebte vor Trauer und Schmerz. Weinend wandte er sich an die Fahrradgruppe: „Er stirbt, könnt ihr es nicht erkennen“. Er schluchzte wie ein kleines Kind und sah, wie die anderen Kinder Tränen in den Augen hatten oder aus Scham und Hilflosigkeit verstummten.

 

Es war die Seele, die das Aufgestaute und Angesammelte von sich wusch, um den Cache zu entleeren.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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