Patrick Rabe

Der richtige und der falsche Bräutigam

Der richtige und der falsche Bräutigam

 

(eine Auslegung der Symbolik der "zwei Wege" anhand des Folksongs "House Carpenter")

 

House Carpenter

 

(as sung by Bob Dylan)

 

(This is a story about a ghost coming back from out the sea, taking his bride away from the house carpenter)

 

"Well met, well met, my own true love
Well met, well met", cried she
"I've just returned from the salt, salt sea
And it's all for the love of thee"

"I could have married a King's daughter there
She would have married me
But I have forsaken my King's daughter there
It's all for the love of thee"

"Well, if you could have married a King's daughter there
I'm sure you're the one to blame
For I am married to a house carpenter
And I'm sure he's a fine young man."

"Forsake, forsake your house carpenter
And come away with me
I'll take you where the green grass grows
On the shores of sunny Italy."

So up she picked her babies three
And gave them kisses, one, two, three
Saying "take good care of your daddy when I'm gone
And keep him good company."

Well, they were sailin' about two weeks
I'm sure it was not three
When the younger of the girls, she came on deck
Sayin' she wants company

"Well, are you weepin' for your house and home?
Or are you weepin' for your babe?"
"Well, I'm not weepin' for my house carpenter
I'm weepin' for my babies three."

"Oh what are those hills yonder, my love?
They look as white as snow!"
"Those are the hills of heaven, my love
You and I'll never know!"

"Oh what are those hills yonder, my love?
They look as dark as night!"
"Those are the hills of hell-fire my love
Where you and I will unite!"

Oh twice around went the gallant ship
I'm sure it was not three
When the ship all of a sudden, it sprung a leak
And it drifted to the bottom of the sea

 

 

Der Zimmermann

 

(In der Version von Bob Dylan)

 

(Dies ist ein Lied über einen Geist, der vom Meer heimkommt, und seine Braut dem Zimmermann wegnimmt)

 

"Wo bist du gewesen, meine einzige Liebe?"

"Wo bist du gewesen?", rief sie.

"Ich bin zurück von der salzigen See,

alles, wegen meiner Liebe zu dir."

 

"Ich hätte eine Königstochter heiraten können,

sie hätte mich gern genommen,

doch ich habe meine Königstochter verschmäht,

alles wegen meiner Liebe zu dir!"

 

"Nun, wenn du dort eine Königstochter hättest heiraten können,

dann warst du sicher schuld.

Denn ich bin verheiratet mit einem Zimmermann,

und ich weiß, er ist ein feiner, junger Mann."

 

"Verschmäh, verschmäh deinen Zimmermann,

und komm, und folge mir.

Ich nehm dich mit, wo das grüne Gras wächst,

zu den Stränden des sonnigen Italien."

 

Da nahm sie ihre drei Babys auf,

und gab ihnen Küsse, eins, zwei, drei,

und sprach: "Passt gut auf euren Papa auf, wenn ich weg bin,

und seid immer für ihn da."

 

Sie segelten dann so schon zwei Wochen,

ich bin sicher, es waren keine drei,

als das jüngste der Mädchen an Bord kam,

und sagte, dass sie Gesellschaft wolle.

 

"Sag, weinst du um dein Haus und Heim,

oder weinst du um deinen Mann?"

"Ich weine nicht um meinen Zimmermann,

ich weine um meine drei Babys."

 

"Oh, was sind das da hinten für Berge, mein Liebster,

sie sind so weiß wie Schnee!"

"Das sind die Berge des Himmels, meine Liebste,

wo du und ich niemals hinkommen werden."

 

"Oh, was sind das da hinten für Berge, mein Liebster,

sie sind so schwarz wie die Nacht!"

"Das sind die Berge des Höllenfeuers, meine Liebste,

wo du und ich eins sein werden."

 

Oh, zweimal fuhr das stolze Schiff am Ufer längs,

ich weiß, es war nicht drei Mal,

als das Schiff ganz plötzlich ein Leck bekam,

und auf den Grund der See hinabgezogen ward.

 

***

 

 

 

Ich beschäftige mich ja schon länger mit der Symbolik der beiden Bräute in der Bibel (der Braut des Lammes und der Hure Babylon), die bereits im Alten Testament in mehreren Varianten vorkommen, und bei der es darum zu gehen scheint, welche man im Leben wählt.

 

Alle Helden der Bibel werden auf die eine oder andere Weise auf diese Probe gestellt. Irgendwann kommt dann ein Versucher (in der Gestalt einer falschen Braut, eines Aufrufs zum Krieg, einer ungünstigen politischen oder persönlichen Entscheidung oder ähnlichem), der einen von der "wahren Braut" wegbringen will.  

 

Diese Geschichte (man nennt sie in der Psychologie die "Heldenreise"), die vom Integrieren aller Seeleninhalte, von der Harmonisierung des Inneren, und von der Heilung von Welt und Mensch handelt, ist im Verlauf der Bibel und auch anderer Heiliger Schriften sehr oft aus männlicher Perspektive erzählt worden.  

 

Ich habe mich oft gefragt, wie eine solche "Heldenreise" wohl aus weiblicher  Perspektive aussehen würde. Also eine Symbolik, die weniger an Krieg, Schlachten und einem kriegerischen Sieg gegen einen Feind orientiert ist , so, wie dies z.B.in der Bhagavadgita der Fall ist (Damit meine ich die Symbolik, und "männlich" und "weiblich" im Sinne der klassischen Metaphorik, nicht als Rollenzuschreibung oder als Behauptung, Frauen würden keine kriegerischen Auseinandersetzungen oder das sich Messen mit einem Feind kennen. In der klassischen Metaphorik steht das Männliche für das aktive und aggressive, das Weibliche für das passive und träge. Aggression und Trägheit werden im gelungenen Fall in der Verbindung der beiden Gegensätze zu Sanftmut - griechisch "praytes" - was eine Stärke und Souveränität ohne Verleugnung des Zarten, Verletzlichen und Kindlichen in uns bedeutet. )

 

Es gibt eine solche Symbolik bereits sehr früh im Alten Testament in der Geschichte von Jakob und Esau, die in einer Versöhnung der beiden ungleichen Brüder mündet, nachdem sie jeweils mit ihren "Schatten" gekämpft haben. Aber auch diese Symbolik ist am männlichen Prinzip orientiert. Die weibliche Symbolik ist diffiziler und andeutungsreicher und erwächst schon aus einer liebevollen Verbindung der beiden inneren Gegensätze.

So konnten bereits die klassischen Dichter in einer Sprache formulieren, die in weniger groben Zügen zeichnet und auch Rücksicht auf das Zarte und Zerbrechliche nimmt. Eine sehr schöne Version einer weiblich orientierten Heldenreise finden wir im indischen Mythos von Sawitri und Satjawat.

 

In dem Song "House Carpenter" (Der Zimmermann) ist dies, wie ich finde, überzeugend gelungen. Er handelt von einer Frau, die sich quasi im letzten Moment noch für den "falschen Bräutigam" entscheidet. Dieser alte Folksong, der von Bob Dylan, Joan Baez und anderen in den 1960er Jahren wieder populär gemacht wurde, hat damals die ganze Szene sehr beschäftigt, auch wenn er vom breiten, an politischen Botschaften interessierten Publikum kaum zur Kenntnis genommen wurde. Alleine nur Bob Dylan und Joan Baez, die ihn oft auch im Duett sangen, dürfte er umgetrieben haben, nur schon wegen Bobs bürgerlichem Nachnamen Zimmerman, und der Tatsache, dass viele der Meinung waren, er vernachlässige seine Freundin Suze Rotolo während der Tour, obwohl sie oft mit dabei war. Eine Auszeit von Suze, in der sie nach Italien fuhr, brachte die drei Freunde zunächst auseinander, weil sie dem Druck des ständigen Geredes, Bob habe mit beiden Frauen etwas, nicht mehr standhalten konnten. Dass dies alles auch Anklänge in dem Song "House Carpenter" fand, veranlasste sowohl Dylan, als auch Baez, ihn zunächst aus ihren musikalischen Programmen zu streichen. Ihnen war wichtig, dass das Publikum diesen Song in der ursprünglichen Bedeutung rezipierte und ihn nicht wegen Bezügen zum Privatleben derer, die ihn sangen, völlig falsch verstand.

 

Es ist ziemlich offensichtlich, dass mit dem Zimmermann in dem Song Jesus gemeint ist, mit dem die betreffende Frau in diesem Lied zusammenlebt. Das heißt also, sie ist Christin und hat Gemeinschaft mit Gott. (in der Symbolik "für Männer" ist entsprechend der Zimmermann oder Jesus die "Braut des Lammes", also stellvertretendes Symbol für den göttlichen Weg).

 

Der alte Bräutigam oder ehemalige Verlobte, der dann zurückkommt und sein Recht geltend macht, ist ein Symbol für den "alten Weg", den "Weg ohne Gott", den "Weg der Sünde" oder die Versuchungen des Leibes, im Sinne von übermäßigem Genuss irdischer Dinge oder der Überlastung des Körpers zu Ungunsten der Seele und des Geistes. Das gilt natürlich in allen drei Fällen. Auch bei der Überbetonung des Geistes oder der Seele gerät der Mensch aus dem Gleichgewicht und nimmt gesundheitlichen Schaden.  Die Überbetonung des Leibes ist jedoch im Christentum die am dringlichsten problematisierte.

 

Wenn man in seinem Leben mit Gott und sich ins Reine gekommen ist und all diese Dinge (also auch die, die in der Trennung von Gott in den Heiligen Schriften als Sünde deklariert werden) in Einigkeit mit sich selber und ohne daraus ein verschämtes Geheimnis zu machen, getan hat, kann einem der dann kommende Versucher nichts anhaben. Wer das Zarte in sich integriert hat, wird niemals der Versuchung erliegen, es im Stich zu lassen, oder es schlecht zu behandeln.

 

Für einen Mann ist dies oft seine Frau, für eine Frau ihre Kinder. Wenn man mit diesen, einem anvertrauten, zarten Wesen, die schwächer sind als man selbst, gut umgehen kann, ist man auch bereit für das "höchste Gut", das Leben als vollständig erwachter und verantwortlich handelnder Mensch, ohne sich dabei künstlich überanstrengen oder verändern zu müssen.

 

Das natürlich, womit man nicht ins Reine gekommen ist, bildet im Folgenden den "Stein des Anstoßes" und es ist dann die Aufgabe, dem entweder weiter zu widerstehen, was aber ab dann kaum noch gesundheitsförderlich sein kann, da es unmöglich ist, weil dies der "Eckstein" ist auf dem die betreffende Persönlichkeit im Grunde beruht, oder es hinzubekommen, sich auch mit diesem Anteil in Liebe zu verbinden. Darum geht es eigentlich. Es ist lediglich der Versucher, der einen in Gestalt einer angstvollen Prägung, des Überichs oder der Verknüpfung von Werten, Moral und Schuld zum weiteren Widerstand gegen dieses zu einem Gehörige aufstachelt, weil man nicht "ja" dazu sagen kann. Das Widerstehen gegen das eigene Wesen ist in sich schon die Sünde, wenn man sich vor Gott offengelegt hat, denn er kennt einen dann sowieso ganz, was auch nichts schlimmes ist, denn er hat uns ganz geschaffen und wollte uns so. Das Entgleisen unserer Eigenschaften und Handlungen entsteht nur durch das Ablehnen und Uneins sein mit ihnen. Es geht aber auch immer um die Frage des Vertrauens, also darum, warum man sich etwas nicht zutraut, etwas nicht tun möchte oder sich für etwas schämt. Gott möchte da in Liebe und ganz behutsam hineinschauen, ohne einen zu verletzen oder zu überfordern.

 

Leider wurde Gott oft als strenger Richter oder unbarmherziger Zuchtmeister, und auch mit Schlägen und Kindesdemütigungen vermittelt. Das hat unter anderem dazu geführt, dass viele Männer und Frauen ihre aggressiven Impulse nur sehr unsicher lustvoll miteinander ausleben können. Damit ist nicht nur Sex gemeint, aber auch.  Wer Zutrauen zu sich selber hat, weil er sich kennt, und nicht in einem Zustand narzisstischer Übersteigertheit handelt, der dazu dient, bestimmte, von einem selbst als "dunkel" angesehenen Anteile vor sich selbst zu verbergen, kann auch seinem Partner das Vertrauen vermitteln, sich gefahrlos fallen lassen zu können.

 

Das sind jene Momente in dem Song "House Carpenter", wenn andere Mädchen zu dem Bräutigam an Deck kommen und ihn um Gesellschaft bitten. (Das ist ein Symbol für die nicht integrierten Seelenanteile der Frau aus dem Song). Dann muss sie das Vertrauen aufbringen, ihn mit den anderen Mädchen zusammen sein zu lassen. Dies ausschließlich sexuell zu interpretieren, wäre viel zu einseitig. Hier geht es um deutlich mehr. Es geht darum, dem Menschen die Seelenanteile, die er vor Gott und sich selber verborgen hat, zu entfremden und zu schauen, ob er mit ihnen in derselben wertschätzenden Weise umgehen konnte, wie mit den Seelenanteilen, die er Gott offenbart hat, bzw. sich selber eingestanden hat.  

 

Diese Prüfung obliegt aber Gott, denn sie dient nicht dazu, den betreffenden Menschen zu strafen oder noch weiter zu demütigen, sondern ihm zu helfen, diese Anteile souverän zu integrieren und ihn zur Einheit mit sich selbst zu bringen. Ein Priester, Pastor, Seelsorger oder Therapeut darf dies nicht, denn er ist selber fehlbar und hat ebenfalls von sich selber ungeliebte Anteile. Wenn es um die höchste Prüfung geht, um das Begegnen des Menschen mit dem unverhüllten und ungeteilten Gott, ist gewollt therapeutische Hilfe sogar äußerst schädlich, denn jeder Therapeut und jede Therapeutin "will" etwas, und "meint" etwas. Gott will und meint aber nur den betreffenden Menschen, mit dem er eins sein möchte. Die Angst, Gott könnte einem etwas antun, was man selber nicht will, ist unbegründet, denn Gott ist eins mit einem selber (im Grunde sogar ganz man selber). Es ist lediglich problematisch, wenn Menschen von außen diese regulierende Funktion übernehmen wollen, vielleicht sogar noch in "Objektivität", "professioneller Distanz" oder gar dem Glauben man sei als Behandler, Therapeut oder Geistlicher "leer", "von sich selbst befreit" oder "clear".

 

Das ist ein folgenschwerer Irrweg, denn man kann einem Menschen weder in Distanz noch in Selbstleere helfen, sondern nur, indem man mit ihm mitfühlt, ihm nahekommt und sich mit ihm verbindet. Ebenso, wie eine emotionale Störung nur durch eine emotionale Verbindung geheilt werden kann, kann auch ein Defizit im sexuellen oder triebhaften Bereich nur durch Verbindung mit Sex und Trieb und durch konkretes Ausleben heilgemacht werden. Was einem im Innern zur Verfügung steht, kann einem von außen nicht schaden. Was man in sich kennt und bejaht, kann man auch an anderen nicht als so bedrohlich erleben, dass man Angst davor haben müsste. Oder wie Jesus es im Thomasevangelium sagt: "Das, was ihr habt, wird euch retten, wenn ihr es in euch selbst hervorgebracht habt; falls ihr jenes nicht in euch habt, wird das, was ihr nicht in euch habt, euch töten."  (Siehe die Erklärung in Fußnote 1 unter diesem Text) Im Leben geht es nicht darum, Dinge und Anteile von sich loszuwerden, sondern, sie leben zu lernen, ohne sich und andere zu schädigen. Ein Nichts oder eine Leere kann kein Heilwerden erzeugen und ein "Nein" zu sich und anderen erzeugt einen Widerstand. Ein "Ja" und ein mutiges, freudiges Ausprobieren lässt einen ganz werden und lädt andere dazu ein, einem berechtigter Weise zu vertrauen.

 

Dass das Schiff im Song "House Carpenter" erst zwei Wochen segelt, als die Prüfung beginnt und es zwei Anläufe nimmt, um das Ufer zu erreichen, und nicht drei, ist ein Anzeichen dafür, dass hier im Bewusstsein der noch nicht zur Harmonie gelangten und noch miteinander ringenden und konkurrierenden Dualität gehandelt wird und nicht in der Einheit der drei Ebenen (Körper, Seele, Geist, bzw. Vater, Sohn und Heiliger Geist bzw. Mutter, Tochter und Trieb). Dazwischen, als störende Kraft, stehen immer der Satan, der Antichrist und der falsche Prophet, also das, was man an sich und anderen nicht mag und als seinen Hauptgegner betrachtet, die Gefühle, die man in sich nicht händeln und zuordnen kann, weil man sie nicht liebt, und die Eingebungen des Geistes, die einen auf falsche Fährten locken.

 

Sie führen dazu, dass man den "Bock zum Gärtner" macht, den Spalter zum Stifter der Einheit, den Kriegstreiber zum Friedensbringer, und dass man den "Nikolaus" statt des "Christkindes" verehrt. Nicolaos ist griechisch und heißt zu deutsch "Sieg des Volkes über den König". Der historische Nikolaus war ein Bischof, der sich für die Armen einsetzte. In der Symbolik von Advent und Weihnachten steht er allerdings dafür, dass unreife Menschen einen Bischof höher setzen als den Papst, einen Untergebenen höher als den Chef, ein Organ höher als den vollständigen Körper, der vom Kopf her gelenkt und vom Herzen geführt wird

und für das Außerkontrollegeraten eines Menschen, wenn Grausamkeit gegen sich selber in ihm die Oberhand gewinnt. Der Nikolaus kommt am 6. Dezember ,drei Wochen vor Weihnachten, und ist dann noch ein "Knecht Rupprecht", also ruppiger Knecht , der sich nicht benehmen kann, und der erst in der Begegnung mit dem Kind, dem er nicht mit der Rute eine runterhaut, zum gütigen Santa Claus (dem heiligen Claus) wird, den die Kinder so lieben und der ihnen das mitbringt, was sie sich wünschen.

 

Während Nico-Laos "Sieg des Volkes" bzw. "Sieg der in sich geteilten oder mit sich selber uneinigen Individuen" heißt, bedeutet Claus "der in sich Geschlossene" im Sinne von "der in sich Vollendete" , "der mit sich selber Stimmige", "der mit sich Einige". Dies ist keine Absage an oder Warnung vor einem echten Kommunismus oder Sozialismus, noch die Behauptung, dies würde nur in einem autoritären Gottesstaat oder in einer Diktatur, wie NPD oder AfD sie sich vorstellen, möglich sein, zumal auch die Ähnlichkeit von Jesu Ideen und dem Zusammenleben der Menschen in den ersten Gemeinden, wie sie in der Apostelgeschichte und den Briefen des Neuen Testamentes geschildert werden (Stichwort Ecclesia), viel zu auffällig ist. Es geht um die Einigkeit und das Friedenmachen mit sich selber, die nicht auf Resignation, Selbstbeschneidung, Verzicht oder Fatalismus beruht, sondern auf Selbsterkenntnis, Selbstbejahung, Selbstliebe, dem unverfälschten Ausleben seiner gesamten Persönlichkeit, und der daraus resultierenden Erkenntnis der eigenen Unperfektheit, der Traurigkeit, der Möglichkeit des Scheiterns, der inneren und äußeren Not und des Wunsches nach Nähe, Geborgenheit und Liebe, die zu der Fähigkeit, sich im anderen zu erkennen, und mit anderen mitzufühlen führt. Sich dies als linear ablaufenden Prozess vorzustellen ala "Erst lass ich es krachen, dann bereue ich es furchtbar, dann lass ich mich taufen und dann kann ich alles, darf aber nie wieder etwas falsch machen." wäre völlig verkehrt. Wer ja zu sich sagt, hat alle diese Fähigkeiten, weil er lebt und sich nicht von Energien und Wünschen in sich abschneidet. Dann strahlt er auch Frieden aus, ohne ständig "peacig" drauf zu sein, nie wütend zu werden, oder jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Es bedeutet einen Menschen, der auf seinen Bauch, sein Herz und sein Gefühl hört und nicht gegen sie agiert, aber seine Entscheidungen mit dem Kopf trifft. (Siehe das"Ein Leib und mehrere Glieder-Beispiel" von Paulus im 1. Korintherbrief, das ich in Fußnote 2 aufführe.)

 

Dies (die/der In sich Vollendete) ist auch die tiefere Bedeutung der Namen Claudia und Claudius. Der Schriftsteller Akif Pirinci verhohnepiepelt diesen Namen in seinem Katzenroman "Felidae" äußerst spitzfindig, aber zur Handlung des Buches passend, zu "Claudandus", was "der Verschlossene", also "der nicht zugängliche" oder "der Schweigsame" statt "der in sich Geschlossene" heißt. In "Felidae" heißt der Bösewicht so, ein Kater, der nach furchtbaren Quälereien in einem Tierlabor zu einem psychopathischen Mörder wird, der aber auch unter dem Namen Pascal dem Katzendetektiv Francis dabei hilft, den Fall aufzuklären, immer in der Hoffnung, dass Francis rechtzeitig genug hinter alles kommt, um ihn noch zum Guten zurückbekehren zu können. Als Francis erkennt, was Pascal vor allem an dem Namen "Claudandus", den ihm seine Peiniger gegeben hatten, so verletzt hatte, nämlich dass er ihn als "der Zugenähte" interpretierte, ist es aber schon zu spät. Pascal versucht, auch Francis zu töten. Als Francis ihn im Kampf besiegt, sind seine letzten Worte jedoch "Auch ich war einmal -  gut..."  

 

Ich nehme an, Pirinci versuchte unter anderem, mit seinem Roman die Irritation über die Person Jesu Christi in der muslimischen Welt darzustellen, die ja nicht nur diese und ihn als Deutschtürken betraf und betrifft, sondern die auch unzählige Agnostiker und Atheisten beschäftigt und sogar viele Christen und erst recht Juden irre macht. Gerade für gläubige und religiöse Menschen ist es ja nicht so ganz unwesentlich, ob jemand ein Messias und Friedensbringer, oder der Teufel ist, der alle ins Verderben reißt. Gerade auch die Figur des Nikolaus und die Weigerung der Kirche, den Sinn dieses Mythos deutlicher zu erklären, sowie die korrekte Bedeutung von dem lateinischen Wort "Claudius" offenzulegen, brachte viele Nicht- "Eingeweihte" zu recht mächtig auf. Bereits im Volksmund war es ja ein beliebter Scherz, aus "Santa Claus" "Satan Claus" zu machen, und ihn mit Coca-Cola-Werbung zu assoziieren. Und natürlich war sein Aussehen der landläufigen Vorstellung von Gott als altem Mann mit weißem Bart auch ziemlich naheliegend. Man fühlte sich im Land der Christen da nicht so gut aufgehoben, zumal Jesus im Koran eben "nur" ein Prophet ist und man merkte, dass viele Christen diese ganze Symbolik selber nicht verstanden. Ähnlich wie Xavier Naidoo ist auch Akif Pirinci in die rechte Ecke gestellt worden, ohne überhaupt die Dimension seines Anliegens zu begreifen.

 

Ganz genau übersetzt bedeutet der Name "Claudius" oder "Claudia" "der oder die Volkstümliche". Dieses Wort wird aber heute ganz anders aufgefasst, als es früher gemeint war. Heute würde man darunter einen Menschen verstehen, der entweder aus dem einfachen Volk kommt, jemanden, der sich volksnah gibt oder sich anbiedert, jemanden, der einfach, schlicht und ordinär (ordinary = gewöhnlich, normal) oder sogar "schlicht" im altherbebrachten Wortsinne ist, also ein Flittchen, dass auf nuttenhafte Art andauernd mit billigen Methoden Männer verführt.  "Claudius" bedeutet aber ganz genau "das ganze Volk" bzw. "das in Gott geeinte ganze Volk" oder "das in sich geeinte Individuum". Die bekanntere Nebenbedeutung dieses Namens (die bzw. der Lahme) bezieht sich auf die Lahmen, die Christus oder ein in seinem Namen vollmächtig und verantwortlich Handelnder wieder gehend und gesund machen kann, bzw. auf den hinkenden und hinter sich hergezogenen Pferdefuß des Teufels, mit dem der unvollendete Nico-Laos oder Knecht Rupprecht identifiziert wird. Deswegen kommt er auch am 6. Dezember, einen Tag vor dem7. Die 7 ist in der jüdischen Mystik die Zahl der Vollendung und Symbol für den Tag, als Gott von der Schöpfung der Welt, die in 6 Tagen geschah, ausruhte. Nikolaus kommt also einen Tag zu früh und ist noch mit einem etwas zu hitzigen Temperament ausgestattet, um Kindern wirklich gerecht zu werden. Ein Kind, das er für nicht brav erachtet, würde er dann eben mit seiner Rute schlagen. Diese Symbolik versteht heute kaum noch jemand und in der "schwarzen Pädagogik" wurde sie leider in ihr Gegenteil verkehrt, nämlich in die strenge Bestrafung von angeblich nicht folgsamen Kindern. Selbst noch die Rute im Nikolausstiefel, in dem das Kind Schokolade, Nüsse und Mandarinen vermutet und sich darauf freut, kann es zutiefst demütigen und ihm das Gefühl geben, etwas falsch gemacht zu haben.) Dass Kinder allüberall auf der Welt den Weihnachtsmann so lieben und ihn sogar als Schokoladenfigur gerne essen, ist ein Bild für Versöhnung, Liebe und Familienglück.

 

Leider passiert es immer noch, dass durch "schwarze Pädagogik", häusliche Gewalt oder Pastoren, die in ihren Weihnachtspredigten den Weihnachtsmann gegen Jesus Christus ausspielen und damit gläubige Kinderherzen zerbrechen, dass Kindern das Vertrauen in die Welt genommen wird. Jesus Christus hingegen hat, bevor er im Tempel von Jerusalem randalierte und die Händler hinauswarf, dieses vielleicht größte seiner Wunder vollbracht. Die Kinder, die seine Jünger schon wegscheuchen wollten, an sich heranzulassen und sie vertrauensvoll zu streicheln. Seine Jünger waren damals der Meinung, dass seine Botschaft, das Evangelium, von Kindern gar nicht verstanden werden kann, und sie fernbleiben müssten, wenn ein Rabbi Dinge zu Erwachsenen sagt. Er aber zeigte ihnen, dass Kinder sehr wohl einen Zugang dazu haben, viel eher als Erwachsene. Denn Jesu Botschaft war und ist die Liebe, und ein Kind, das vertraut, zeigt, dass es liebt. Kindern kann man eine Menge beibringen, aber nichts über Vertrauen und Liebe. Es sind nicht die Kinder, die dies verstehen müssen, es sind die Erwachsenen.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 1. Mai 2020, Hamburg.

 

 

 

 

Fußnote1:

 

Dieses Gleichnis aus dem Thomasevangelium (Logion 71) bezieht sich auf das innere Feuer oder die innere Leidenschaft, mit der man kreativ schöpft, sowie auf die Gaben, die einem von Gott fürs Leben anvertraut wurden. Es bedeutet, dass ab dem Moment, wo man mit seinen Gaben kreativ etwas erzeugt, etwas von einem positiv wirkend in der Welt existiert. Das, was man in Einigkeit mit sich selber und ohne Reue freudvoll in die Welt gibt, ist Licht, die positive Variante des Feuers. Das, was daraufhin als Wirkung zurückkommt, kann einen nicht als negatives, gefährliches Feuer von außen verzehren. (Diese Variante des Feuers nennt die Bibel "Fraß", von Luther irrtümlich mit "Rost" übersetzt.) In der Bergpredigt im Matthäusevangelium spricht Jesus wie folgt davon:

 

"Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten und Rost (Fraß) sie fressen (verzehren) und wo Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost (Fraß) sie fressen (verzehren) und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz."

 

***

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Patrick Rabe:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Essays" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Patrick Rabe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Hölle und Himmel von Patrick Rabe (Gedanken)
Der Weihnachtsstern von Irene Beddies (Wie das Leben so spielt)