Wolfgang Scholmanns

Mein Sohn der Karpfenkönig (lange her)

Um fünf Uhr morgenfrüh geht’s los, Sohnemann. Wollen doch mal sehen, ob wir einen Karpfen überlisten können.“

Ich hatte meinem elf Jahre alten Sohn versprochen, ihn in dieser Woche zum Angeln mitzunehmen. Seit zwei Jahren war er nun schon aktiver Angler, hatte beim Wettkampfangeln der Jugendgruppe auch schon den ersten Platz errungen. Weißfische, Forellen oder auch Barsche hatte er schon oft gefangen, aber ein Karpfen würde der ganzen Geschichte die Krone aufsetzen.

Am letzten Samstag hatte er zugesehen, wie ich einen kapitalen Burschen von fast fünfzehn Pfund an Land befördert hatte. Den Kampf zwischen Angler und diesem kräftigen Fisch hatte er gut verfolgt und auch beobachtet, wie ich den Fisch, wenn er die Angel zu sehr strapazierte, durch das Arbeiten mit der Rollenbremse, mal mehr oder mal weniger an die Kandare nahm.

„Boah!“ rief er, nachdem ich den Fisch gewogen und seine Länge gemessen hatte. „So einen möchte ich auch mal fangen.“

„Mit so einem Exemplar würdest du wohl noch Schwierigkeiten haben, aber wir werden in der nächsten Woche mal gemeinsam einen Karpfentag einlegen. Vielleicht geht dir dann einer an den Haken.“ Schnell machte ich ein Foto von dem, durch viertelstündigen Kampf, müde gewordenen Schuppentier und setzte ihn anschließend wieder in den See zurück.

„So, ab zu deinen Artgenossen.“

Mein Sohn staunte. „Warum nehmen wir den nicht mit?“

„Nee, mein Junge, der ist schon zu alt und schmeckt bestimmt nicht mehr. Er kann seinen Lebensabend in diesem wunderschönen See, noch genießen."

„Ja, da hast du auch Recht. Wenn er sowieso nicht mehr schmeckt, wäre es ja Quatsch ihn mitzunehmen. Andere Angler hätten ihn bestimmt mitgenommen. Da kann er froh sein, dass er meinem Papa an die Angel gegangen ist.“

Es war ein wunderschöner Morgen, den wir uns für unser Vorhaben ausgesucht hatten. Der Duft von Linden- und Holunderblüten lag in der Luft und die neugierig über das Schilf hervorschauenden Gesichter einzelner Schwertlilien lachten dem jungen Tag entgegen. Amsel, Meise und Buchfink trällerten ihre fröhlichen Lieder und in der Mitte des Sees paddelte eine Stockentenmutter, mit ihren sieben Kindern. Ein paar Minuten standen wir still am Rand des Gewässers. Am Nordufer sprangen, in unregelmäßigen Abständen, Karpfen.
„Dort werden wir uns niederlassen, mein Junge. Ich hoffe mal, dass wir da einen erwischen. Schon oft habe ich erlebt, dass wenn die Karpfen springen, sie später hungrig sind und an der Stelle, wo sie ihre Sprünge vorgeführt haben, dem Angler häufiger an den Haken gehen, als an anderen Angelplätzen. Verhalte dich aber einigermaßen still, sonst verscheuchen wir sie.“
Leise und vorsichtig baute er nun sein Angelgerät und die dazugehörigen Utensilien an einer Stelle auf, die unmittelbar am Ufer lag. In etwa fünf Metern Entfernung lud ich meinen Kram ab und platzierte den mit einem Kartoffelstück beköderten Haken ungefähr dorthin, wo die Karpfen, vor ein paar Minuten noch, ihre artistischen Sprünge vorgeführt hatten. Mein Sohn, dessen Haken mit frischem Brotteig bestückt war, bot den Schuppentieren den Köder kurz vor der Schilfkante einer uns gegenüberliegenden Insel an.

Die Entenmutter war mit ihren Küken zur anderen Seite des Sees unterwegs. Sie wurden aufmerksam von einem langbeinigen Gesellen namens Fischreiher beobachtet. Um nicht von lästigen, immer näher kommenden Entenkindern und deren Mutter in seiner Ruhe gestört zu werden, zog der es vor, diesen Ort zu verlassen.

Während ich meinen Blick über die Wasseroberfläche wandern lies, fiel mir ein leichtes Zupfen an meiner Pose auf.

„Das sind die kleinen Brassen und Rotaugen. Die Kartoffel ist ihnen zu groß.“, sagte ich zu meinem Sohn. Ich hatte diesen Satz gerade ausgesprochen, da marschierte die Pose meines Sohnes mit hoher Geschwindigkeit zwei bis drei Meter nach rechts und verschwand dann in der Tiefe des Sees.

„Schlag an!“, rief ich. Genau in diesem Moment riss mein Sohn die Angel hoch und setzte einen kräftigen Anschlag.

„Der sitzt, Papa, scheint ein Großer zu sein.“

„Dreh die Rollenbremse ein wenig auf, mein Junge, dann ist der Zug auf die Angelschnur nicht so groß.“

Wenn ein kapitaler Karpfen stramm gehalten wird, kann es passieren, dass die Schnur reißt und er sich mit einem schadenfrohen Lachen verabschiedet. Wäre nicht das erste Mal. Mein Sohn machte seine Sache so gut, dass ich erstaunt auf meiner Sitzkiepe verharrte und ihm zusah. Nach einem zirka zehnminütigen, aufregendem Drill, der sowohl Angler als auch Fisch ziemlich viel Kraft gekostet hatte, gab der Karpfen auf.

„Warte, ich komme mit dem Kescher!“, rief ich meinem Sohn zu. Langsam aber ruhig, brachte er das erschöpfte Schuppentier in Ufernähe.

„Du musst versuchen, ihn über den Kescher zu ziehen, ich hieve ihn dann schon raus.“

Nach einer Weile und mit einiger Mühe, gelang es meinem Sohn endlich, den alten Teichbewohner über den großen Karpfenkescher zu ziehen. Nun lag ein achtpfündiger Spiegelkarpfen vor uns.

„Bravo“, herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten Karpfen. Das ist ja wohl ein großartiges Exemplar.“

Strahlend vor Freude bedankte er sich und sagte : „Den nehmen wir aber mit. Wir laden Oma und Opa zum Karpfenessen ein. Für fünf Personen hat er doch genau die richtige Größe, oder?“

„Ja, selbstverständlich nehmen wir deinen ersten Karpfen mit. Den müssen doch alle bestaunen. Ich weiß noch genau wie es war, als ich damals mit meinem ersten Karpfen nach Hause kam. Er hatte nur vier Pfund, wurde aber trotzdem von allen bestaunt. Ein Foto machen wir aber trotzdem noch. Das kannst du dann später mal deiner Frau und deinen Kindern zeigen.“

Jetzt lachten wir beide, denn bis dahin hatte es noch viel Zeit und uns würde, in den kommenden Jahren, bestimmt noch manch kapitaler Fisch an den Haken gehen.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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