Wolfgang Scholmanns

Wege hinter Gittern

Ein dumpfes Geräusch, ein Rasseln . Hinter ihm schloss sich das schwere Anstaltstor. Zwölf Jahre hatte er hier verbracht, zwölf Jahre hinter Mauern und Stahltüren.

Er ist ein anderer Mensch, nicht nur wegen der langen Haftverbüßung. Während seines langen Aufenthaltes im Knast, hatte er sich mit dem Thema Buddhismus auseinandergesetzt.

Ein Zellengenosse, der schon bald an Krebs erkrankt in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, schenkte ihm ein Buch, das die Weltansicht des Buddhismus beschrieb. Eine, na sagen wir mal religiöse Bewegung, die in den letzten Jahrzehnten weltweit soviel Interesse erregt und so starken Zulauf gefunden hat, wie keine andere. Jahre war es nun her, das mit dem Banküberfall. Er hatte auf den Kassierer geschossen, als dieser den Alarmknopf betätigen wollte. Damals war er nicht mehr Herr seiner Sinne. Die Arbeitslosigkeit hatte ihn in die Alkoholsucht getrieben, Schulden wuchsen ihm über den Kopf und er wusste nicht mehr ein noch aus. Prügel wurde ihm angedroht, wenn er nicht bald seine Schulden zurückzahlen würde. Man wollte ihm die Hütte anstecken usw. Sogar seine Frau wurde beschimpft. Sie trennte sich bald von ihm, nahm den Sohn mit zu ihrem neuen Lover. Na ja, konnte er ihr nicht mal übel nehmen.

Schnell hatte man ihn gefasst, eine Stunde nach der Tat. In der alten Gartenlaube hatte er sich versteckt, mit der mageren Beute von fünftausend Euro. Hier hatte er seine Saufexzesse praktiziert. Klar, dass er hier zu finden war. Ein ehemaliger Arbeitskollege hatte ihn aus der Bank laufen sehen, der Polizei dann auch Auskunft gegeben.

Ein hartes Urteil, das der Richter sprach aber schließlich war der Kassierer, von dem Schuss aus der alten Militärpistole, tödlich getroffen worden.

„Es ist Grün, mein Herr“, machte ihn eine alte Dame auf das Ampelsignal aufmerksam.

„Oh, vielen Dank, aber ich warte noch.“

Kopfschüttelnd sah sie ihn an, ging dann weiter.

„Mit dem stimmt irgendetwas nicht,“ plapperte sie vor sich her.

Zwölf Jahre, zwölf Jahre war hier sein Zuhause, hier hinter den dicken Mauern. Wer würde draußen auf ihn warten? Sein Sohn würde ihn nicht kennen und seine Frau …. .

Eine möblierte Wohnung hatte seine Schwester für ihn freigemacht, teilte sie ihm schriftlich mit. Ihrem Mann gehörte das alte Sechsfamilienhaus wo er schon einmal gewohnt hatte. Das war übrigens der einzige Brief von ihr, den er in den zwölf Jahren bekommen hatte.

Ein bisschen Geld hatte er im Knast verdient. Eine Schreinerausbildung hatte er dort gemacht und später in der Produktion gearbeitet. Sie stellten Fußbänke, Tische und noch ein paar andere Möbel her. Er hatte es bis zum Vorarbeiter gebracht.

„Der Schlüssel zur Wohnungstüre liegt unter der Fußmatte“, hatte die Schwester noch mitgeteilt. „Von den alten Mietern wohnt keiner mehr in dem Haus. Russische und polnische Familien sind hier vor einigen Jahren eingezogen. Die kennen Dich nicht, wissen also auch nichts von dem Raubüberfall.“

Die Gesichter der Hochhäuser, in der Nachbarschaft, sind anonym, wie eh und je. Hier, in dieser Millionenstadt, verlaufen sich die Geschehnisse, als wären sie nie gewesen. Einerseits von Vorteil, andererseits ein Trauerspiel. Die Menschen sind sich fremd, schließen die Augen vor der Nächstenliebe und schweigen.

Was ihn wundert, dass die Wohnung sauber ist. Ein paar Kleinigkeiten stehen im Kühlschrank und auf dem Küchentisch liegt ein Brief.

„Habe Deine Bude geputzt und auch ein paar Sachen eingekauft. Kann Dich erst in drei Wochen besuchen. Wir fliegen nach Florida, in den Urlaub. Machs gut und sieh zu, dass Du Arbeit bekommst.

Gruß von Deiner Schwester Lea.“

Er legte den Brief auf den Tisch zurück, schmiert sich zwei Brote und macht sich lang, auf der braunen Ledercouch. Sein Sohn hatte früher, wenn er so auf der Couch lag, auf Vaters Bauch gestrampelt und ihn vollgesabbert. Dieses kleine Menschlein. Acht Monate alt war er, damals.

Leben ist Leiden. Der Mensch begehrt und begehrt und ist nie zufrieden mit dem, was er gerade hat.

Das hatte er im Buddhabuch gelesen und lange über diese Passage nachgedacht. Buddha hat Gott nicht personifiziert, ihm nicht, wie im Christentum und anderen Religionen, Gestalt und Farbe gegeben. Für ihn ist Gott Gesetz, eine immaterielle Kraft. Wer diesem Gesetz folgt, belohnt sich, denn er tut sich Gutes. Die Verantwortung liegt bei dir – ob du ihm folgst oder nicht.

Schwerer Tobak! Sein Leben lang war ihm alles Mögliche suggeriert worden. Du musst ehrgeizig sein, etwas erreichen. Sei ruhig ein wenig rücksichtslos, das sind andere schließlich auch. Auf dem Weg, zur sogenannten Reife, zeigt die Entwicklung viele falsche Pfade in unser Blickfeld.

Diese revolutionäre Veränderung aber, da war er sich sicher, ist der Weg zur Wahrheit. Buddha sagt:

„Ein Mensch, der versteht, genießt einfach da zu sein. Der Moment ist ihm genug. Er lässt sich nicht durch nicht von Gedanken über den Weg hindern. Derjenige, der begehrt, wird im Leid vergehen. Nie ist ihm etwas genug. Die Freude am Erreichten wird vergehen und er wird mehr und mehr begehren – um sich zu erfreuen. Er schmückt den Moment mit Vergänglichkeit und schwimmt bald schon im Leid der Gier.“

Vor fünf Jahren, hatte er mit Meditation begonnen. In Büchern las er über Sitzhaltungen, Atemtechniken und Konzentrationsübungen. Nach einer Weile intensiver Übung, schaffte er es sogar, im Lotussitz zu meditieren. Anfänglich bereitete ihm diese Übung gewaltige Schmerzen aber, er war hart gegen sich selbst und so spielten Sehnen, Bänder und Gelenke sich bald auf diese ungewohnte Sitzhaltung ein. Sein Zellengenosse sah ihn manchmal seltsam an, wenn er so, in dieser Haltung, bis zu fünfundvierzig Minuten, verharrte. Er wollte es schaffen, Wunsch und Begierde überwinden, sich zumindest einschränken. Er beschließt, die Vergangenheit, Erinnerung sein zu lassen. Sie ist ein Teil von ihm, er hat sie gelebt, allerdings mit seinem damaligen Bewusstsein.

Zwei Wochen, nach seiner Haftentlassung, bekommt er von seinem Arbeitsvermittler ein Stellenangebot. Eine Schreinerei, die unweit seines Wohnortes liegt, sucht zwei Facharbeiter. Der Inhaber fragt nicht nach Papieren, lässt ihn eine Woche zur Probe arbeiten und ist begeistert von seinen Fähigkeiten. Er bekommt den Job, wird auch dort, nach einiger Zeit Vorarbeiter.

Heute st er der Wahrheit näher gerückt, will sie leben, mit neuem Bewusstsein. Zur Erleuchtung wird es nicht reichen, aber er hat den Weg betreten und wird ihn, so gut er kann, weitergehen.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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