Rüdiger Wulf

Der Schmetterling

Es war ein Trauermantel! Verblüfft schaute Kathi das Tier an. Was hatte diesen seltenen, schönen Falter ausgerechnet hierher, in die Dünen der Insel Juist verschlagen? Mit vorsichtigen Bewegungen, um den Schmetterling nicht zu erschrecken, zog sie die Kamera aus der Tasche.

Ein Trauermantel, dachte sie, das passte ja. Mit ihrer Trauer wollte sie endlich fertigwerden. Hier auf Juist. Mit der Trauer um eine Beziehung, die so vielversprechend, ja romantisch begonnen hatte und dann so hässlich endete.

Langsam ging sie in die Hocke, nahm den Schmetterling ins Visier. Noch hielt er still. Sie drückte leicht auf den Auslöser, die Kamera stellte sich scharf. Der Falter spreizte die Flügel, als wüsste er, worum es ging. Kathi schoss gleich vier, fünf Bilder, um sicherzugehen, dass eines gelungen war. Dann flog der Trauermantel fort. Kathi erhob sich wieder.

 

Was machte diese junge Frau da? Fred hatte sie schon früher bemerkt. Sie mochte ungefähr in seinem Alter sein und schien auch allein unterwegs. Er hatte sie wahrgenommen, ihr aber keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt.

Fred war noch ziemlich angeschlagen vom gestrigen Abend. Sie hatten tüchtig gefeiert, den Beginn ihres Wochenendes auf Juist – er und seine Clique von der Uni, die er zum Teil schon seit der Schulzeit kannte. Am Morgen, nach dem Frühstück, hatten sie sich erst einmal getrennt. Die meisten wollten den Ort erkunden, etwas einkaufen. Fred hatte sich allein auf den Weg gemacht. Er brauchte etwas Ruhe und ein bisschen Wind um die Nase. Da war ein Spaziergang durch die Dünen zum Strand genau das Richtige.

Was trieb die Frau da?

Sie war in die Hocke gegangen, am Rand des Weges, etwa fünfzig Meter vor ihm. Ging es ihr nicht gut? Hatte sie ein Problem? Fred beschleunigte seine Schritte. Dann sah er die Kamera. Sie fotografierte. Er ging wieder langsamer, um sie nicht zu stören.

 

Kathi erhob sich, machte einen kleinen Ausfallschritt nach hinten, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, trat dabei jedoch in eines der vielen Löcher des ungepflasterten Sandweges und knickte um.

Au verdammt, ein stechender Schmerz fuhr ihr durch den Fuß. Diese elenden neuen Sandalen! Todschick, aber vernünftig laufen konnte man darin nicht. Die Eitelkeit hatte mal wieder über die Vernunft gesiegt.

Sie versuchte noch einmal aufzutreten. Wieder dieser stechende Schmerz. Sie ließ sich auf den weichen Sandboden fallen.

 

Was war das nun wieder?

Fred sah, wie die Frau zu Boden ging, dabei zwar im Sitzen landete, aber mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er lief zu ihr. „Kann ich Ihnen helfen?“

 

Ja, das konnte er. Indem er sie stützte, bis sie hinkend und bei jedem neuen Versuch, den lädierten Fuß doch noch zu benutzen, laut aufstöhnend ihre Unterkunft erreichte. Und da sie auch Probleme hatte, die Treppe hinaufzukommen, begleitete er sie bis ins Zimmer.

Unterwegs hatten sie schon festgestellt, dass sie, wie der Zufall spielt, an der gleichen Uni studierten: er Physik, sie Biologie. Und jetzt bemerkten sie auch sonst noch einige Gemeinsamkeiten, die schließlich dazu führten, dass Kathi und Fred ein Paar wurden, gleich nach dem Studium heirateten und wenig später einen Sohn bekamen, den sie Leonard nannten – nach dem berühmten kanadischen Rockpoeten Leonard Cohen, den sie beide sehr verehrten.

 

Leonard hatte nie erfahren, wann und wo sich seine Eltern kennengelernt hatten. Erst auf der Feier zu ihrer Goldenen Hochzeit im vergangenen Jahr hatte Fred erzählt, dass es auf Juist gewesen sei, auf einem Dünenweg, auf dem Kathi umgeknickt war.

„Wegen dieser elenden neuen Sandalen, todschick, aber vernünftig laufen konnte man darin nicht.“, hatte seine Mutter Freds Erzählung unterbrochen. „Und dann bist Du plötzlich aufgetaucht und hast ganz höflich gefragt: ‚Kann ich Ihnen helfen?‘ Wie ein Kavalier der alten Schule …“

Verschmitzt hatte sie seinen Vater angelächelt, dem die letzte Bemerkung offenbar etwas peinlich war, so dass er zügig weiter erzählte.

„Ich habe sie dann gestützt, weil sie mit dem verstauchten Fuß nicht auftreten konnte. Und weil es schon zwölf Uhr durch war, als wir bei ihrer Unterkunft ankamen – wir hatten für den Weg, der sonst knapp zehn Minuten dauerte, eine halbe Stunde benötigt –, hatte die Apotheke schon geschlossen, in der ich den Verband holen sollte, mit dem sich Kathi den Knöchel verbinden wollte – zum Arzt ging sie auch damals schon nur im äußersten Notfall … So hatten wir viel Zeit, uns etwas kennenzulernen …“

 

Dann war Fred zum eigentlichen Anlass seiner kleinen Rede gekommen: Zur Goldenen Hochzeit hatte sich Kathi von ihm eine Bank gewünscht – eine Parkbank auf der Insel Juist, wie dort schon etliche standen, gestiftet von Menschen oder für Menschen, die sich besonders mit der Insel verbunden fühlten.

Auf dem kleinen Metallschild an der Rückenlehne würden Kathis und Freds Namen stehen, dazu die Worte „Zur Erinnerung“ und das Datum des Tages, an dem sich die beiden kennengelernt hatten.

Und was das Beste war: Die Kurverwaltung hatte zugesagt, die Bank genau dort aufzustellen, wo Kathi damals auf dem Dünenweg zu Fall gekommen war … und man hatte nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass der Weg heute ordentlich gepflastert sei …

 

Leonard war dann im Frühjahr ein paar Tage auf Juist gewesen, auch um sich die Bank seiner Eltern einmal anzusehen und ihnen ein Foto davon nach Hause zu schicken. Die Tage auf dem autofreien Eiland mit dem endlos langen Strand hatten ihm gut getan. Sein Team arbeitete jetzt wie besessen an diesem Projekt, das nach so vielen Jahren kurz vor der Vollendung stand.

 

Leonard war Physiker wie sein Vater. Doch das Projekt, an dem sie arbeiteten, hätte sein Vater – wenn er ihm denn davon hätte erzählen dürfen – für ein Hirngespinst gehalten. Etwas für Spinner und Fantasten, nicht für seriöse Physiker.

Eine Zeitmaschine …! Mit der man in die Vergangenheit reisen konnte …!! So ein Unsinn, hätte Fred vermutlich gesagt. Reine Fantasie! Doch Leonard gehörte zu dem Team, das die Fantasie wahrgemacht hatte, ja, er war sogar dessen Kopf.

 

Und nun stand der erste Test an. Unter realen Bedingungen. Die Jungfernfahrt sozusagen. Doch wer sollte als Erster reisen? Und wohin?

Auch bei diesen Fragen hatten Leonards Kolleginnen und Kollegen ihm – als dem Kopf des Projektes – den Vortritt gelassen.

Und er hatte sich entschieden. Er selbst würde der Erste sein. Der Erste, der den Triumpf genießen würde – der Erste aber auch, der das nicht unbeträchtliche Risiko auf sich nahm. Schließlich steckte die Sache noch voller Unwägbarkeiten, die man unmöglich alle voraussehen und dafür Vorsorge treffen konnte.

 

Aber wohin sollte die Reise gehen?

Zuerst war es nur ein Gag gewesen, den Leonard in die Runde geworfen hatte, als das Team eines Abends – kurz nach seinem Trip nach Juist – noch beim Bier zusammengesessen hatte. Warum nicht mal Mäuschen spielen, als sich seine Eltern kennenlernten …?

Doch dann hatte sich die Schnapsidee irgendwie festgesetzt. Hatte er begonnen, das Für und Wider abzuklopfen.

Ihr Institut lag an der Nordseeküste, ziemlich abgelegen, unweit von Emden … und von Juist. Da ihre Maschine zwar zeitliche Distanzen, aber keine räumlichen, überwinden konnte – mit ihr also nur Reisen durch die Zeit, nicht aber von Ort zu Ort möglich waren –, spielte die Entfernung zwischen dem Institut und dem Zielort der Reise schon eine nicht unbedeutende Rolle.

Und auch die zeitliche Distanz von gut fünfzig Jahren, die es zu überwinden galt, war eigentlich optimal. Schließlich wollte man beim ersten Test nicht gleich in einer Zeit landen, in der der Reisende Gefahr lief, sofort aufzufallen, wenn nicht alles bis ins Kleinste vorbereitet war, jedes Detail genau stimmte: Kleidung, Sprache, Benehmen …

Sich in der Zeit vor gut fünfzig Jahren halbwegs unauffällig unter die Leute zu mischen, die ihm begegnen würden, traute sich Leonard noch problemlos zu. Und ein paar passende Kleidungsstücke aus dieser Zeit würden sich gewiss auch noch finden lassen.

Wichtig war im übrigen, dass vor fünfzig Jahren auch das Gebäude, in dem sich jetzt ihr Institut befand, schon existierte. Wie Leonard herausfand, hatte es zum fraglichen Zeitpunkt zwar eine Weile leergestanden, doch genau das war sogar von Vorteil – war doch unter diesen Umständen kaum zu befürchten, dass ihn jemand beobachten würde, wenn er „landete“.

 

Leonard begann sich mit den Details zu befassen.

Wann waren an diesem Tag Fähren zur Insel gefahren? Wann hatte es die Möglichkeit zur Rückfahrt gegeben? Um nicht das Risiko, entdeckt zu werden, zu vergrößern, wollte er auf keinen Fall auf der Insel übernachten.

Aber das brauchte er auch gar nicht. Am Vormittag hatte eine Fähre die Insel so zeitig erreicht, dass er mühelos seinen „Termin“ würde wahrnehmen können. Und schon am frühen Nachmittag war ein Schiff in die Gegenrichtung gegangen. Geradezu ideal auch diese Konstellation. Leonard war begeistert.

Was man allerdings nicht von der Kleidung sagen konnte, die ihm eine Kollegin besorgt hatte. „Retro“, wie sie sagte, „im Stil der 1990er Jahre, aus dem angesagtesten Modegeschäft Emdens“. Leonard schüttelte nur den Kopf. Die Kollegin hatte sich schließlich alle Mühe gegeben.

Sie war es auch gewesen, die auf dem Dachboden ihrer Großeltern die alte Schatulle mit den Geldscheinen entdeckt hatte: D-Mark-Scheine, ohne die er die Fahrt mit der Fähre nicht würde bezahlen können. Und eine kleine Reserve für Notfälle brauchte er auch noch. Wie gut, dass die Großeltern seiner Kollegin sich irgendwann nicht mehr an ihre Schatulle für Notfälle erinnert hatten.

 

Leonard zog das Foto, das er von der Bank seiner Eltern gemacht hatte, aus der Tasche und verglich es mit der Dünenlandschaft, die jetzt vor ihm lag. Im Hintergrund erkannte er ein paar alte Gebäude wieder. Ja, das musste die Stelle sein … Hier würden sich in wenigen Augenblicken Kathi und Fred, seine Eltern, zum ersten Mal begegnen.

Er suchte sich einen Platz, an dem er unbemerkt warten konnte.

Als Erste sah er seine Mutter, Kathi. Langsam kam sie näher, immer wieder mal innehaltend, um den Blick über die Dünen schweifen zu lassen oder eine der zahllosen Rosenblüten am Wegesrand zu betrachten und daran zu schnuppern.

Dann entdeckte er auch seinen Vater, Fred. Zuerst tauchte nur hin und wieder ein Kopf zwischen den Hügeln auf. Doch Leonard erkannte ihn sofort. Er sah genauso aus wie auf den ersten Bildern im Fotoalbum seiner Eltern.

Fred schien im gleichen Tempo unterwegs zu sein wie Kathi, die etwa fünfzig Meter Vorsprung hatte und sich jetzt der Stelle näherte, an der es passieren würde …

 

Vorsichtig schob Leonard eine Rosenranke beiseite, die ihm den Blick auf Fred versperrte. So vorsichtig, wie er sich schon die ganze Zeit verhalten hatte, seitdem er aus der Maschine gestiegen war.

Nächtelang hatte das Team darüber diskutiert, wie wichtig es sein würde, keine Spuren in der Vergangenheit zu hinterlassen. Schon die kleinste Veränderung konnte unabsehbare Folgen für den Gang der Geschichte haben.

Leonard ließ den Rosenzweig wieder los und konzentrierte sich ganz auf Kathi, die nurmehr drei, vier Schritte entfernt war. Wann würde sie ins Stolpern kommen?

 

Die Rosenranke glitt, nachdem Leonard sie losgelassen hatte, lautlos zurück an ihren Platz im Gebüsch – lautlos, aber mit einer Luftbewegung, die ausreichte, einen Schmetterling zu stören, der sich auf einem benachbarten Zweig niedergelassen hatte.

Es war, wie Leonard aus dem Augenwinkel wahrnahm, ein schönes Tier und – wenn er sich recht erinnerte – sogar ein seltenes Exemplar. Seine Mutter, die Schmetterlinge liebte, hatte immer auch all die Namen gewusst …

Trauermantel! Richtig, so hatte sie diesen Falter genannt … der sich nun eilig in Richtung des nahegelegenen Wäldchens davonmachte.

 

Kathi wäre wohl höchst erstaunt gewesen, einen Trauermantel ausgerechnet hier in den Dünen von Juist zu entdecken. Erstaunt und begeistert. Und sie hätte gewiss versucht, ihn zu fotografieren. Wenn sie ihn denn noch zu Gesicht bekommen hätte …

So aber setzte sie ihren Spaziergang fort. Bis zu dem kleinen Café, das sie gestern entdeckt hatte. Den jungen Mann aber, der fünfzig Meter hinter ihr durch die Dünen ging, bemerkte sie nicht einmal.

Und so wurden sie natürlich auch kein Paar, Kathi und Fred. Und sie heirateten nicht, und sie setzten auch keinen Nachwuchs in die Welt, den sie Leonard nannten. Leonard wurde nicht geboren, konnte daher auch nicht Physik studieren, keine Zeitmaschine entwickeln, um mit ihr in die Vergangenheit zu reisen …

… und er konnte dort natürlich auch keinen Schmetterling aufscheuchen …

 

Da der Falter aber nicht verscheucht wurde, konnte Kathi ihn am Wegesrand entdecken, in die Hocke gehen, um ihn zu fotografieren, und beim Hochkommen umknicken – was dazu führte, dass sie einen hilfsbereiten jungen Mann kennenlernte, der Fred hieß …

und der Vater ihres Sohnes wurde, den die beiden Leonard nannten, nach dem berühmten kanadischen Rockpoeten Leonard Cohen, den sie beide sehr verehrten.

Dass Leonard später Physiker wurde und an einer ganz erstaunlichen Erfindung beteiligt war, braucht an dieser Stelle wohl nicht mehr erwähnt zu werden … ebensowenig wie seine folgenschwere Begegnung mit einem Schmetterling, die dazu führte …

… aber das hatten wir ja schon. Und irgendwann muss auch Schluss sein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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