Rüdiger Wulf

Der Garten am Waldrand

Eine Geschichte mit Goethe und Shakespeare zu beginnen, ist sicherlich keine schlechte Wahl. Vorausgesetzt, man legt Wert darauf, als gebildet und belesen – und auch dementsprechend klug – zu gelten. Ohne es tatsächlich sein zu müssen. Denn wer Geschichten schreibt, hat auch Nachschlagewerke zur Hand. Oder googelt einfach ein bisschen. Also lassen Sie sich besser nicht allzu sehr davon beeindrucken, wenn unsere Geschichte mit Goethe und Shakespeare beginnt … Andererseits … war es ja nun tatsächlich so, dass sich der Held unserer Geschichte gerade mit Goethe und Shakespeare beschäftigte, als die Geschichte anfing … genauer gesagt: mit Goethes „Erlkönig“ und dem „Sommernachtstraum“ von Shakespeare. Aber der Reihe nach. Schließlich müssen wir unseren Helden ja erst einmal kennenlernen.

Sebastian Schäfer war Buchhändler, besser gesagt: Buchhändler gewesen … bis der Laden, in dem er gut dreißig Jahre gearbeitet hatte, in Konkurs gegangen war. Und auch da hatte er noch Glück gehabt – war er doch alt genug gewesen, um in Rente zu gehen. Allerdings … ein, zwei Jahre später hätte die Rente, die er bezog, natürlich noch etwas besser gereicht … Und so war er dann auch ganz dankbar gewesen, als man ihm den kleinen Job angeboten hatte. Noch dazu diesen Job, der für ihn wie gemacht schien: eine Literatur-AG zu leiten – am Gymnasium, das nur zehn Minuten Fußweg von seiner Wohnung entfernt lag.

Die Sache hatte auch von Anfang an funktioniert. In der Arbeitsgemeinschaft hatte er es ja nicht mit Desinteressierten und Gelangweilten zu tun, wie die Lehrerinnen und Lehrer im Deutschunterricht. In der freiwillligen AG saßen nur Jungen und – vor allem – Mädchen, die sich wirklich für Literatur interessierten. Wenn auch nicht immer für die Literatur, die ihn interessierte … Doch er versuchte einfach, beides unter einen Hut zu bringen: die Begeisterung der Schüler für Horror und Fantasy etwa – und sein Interesse, ihnen die Literatur nahezubringen, die ihm wichtig war. Den „Erlkönig“ von Goethe zum Beispiel.

"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ Den Anfang des „Erlkönigs“ kannte vermutlich fast jeder in Deutschland. Den Titel des Gedichtes würden wohl viele schon nicht mehr kennen. Und warum der „Erlkönig“ „Erlkönig“ hieß, konnte wahrscheinlich kaum noch jemand sagen. Und dabei war genau das für ihn die Geschichte, die ihm als Erstes in den Sinn kam, wenn er an das Gedicht dachte: Dass Meister Goethe hier schlicht und einfach ein Fehler unterlaufen war – oder, um genau zu sein, dass er den Fehler, der Johann Gottfried Herder unterlaufen war, offenbar ungeprüft übernommen hatte. Herder hatte nämlich ein altes dänisches Lied über die Tochter eines Elfenkönigs ins Deutsche übersetzt – und dabei irrtümlich aus dem Elfenkönig einen „Erlkönig“ gemacht. Der daher auch mit den Erlen, den Bäumen also, gar nichts am Hut hatte.

Sebastian war im Wald unterwegs. Seitdem er Rentner war, hatte er sich angewöhnt, jeden Tag … na gut, fast jeden Tag … einen längeren Spaziergang zu machen. Durch den Wald, den er, wenn er flott ging, von zuhause aus in knapp zwanzig Minuten erreichte. Die Wanderungen, die meist zwei, drei Stunden dauerten, hielten ihn fit und gesund und vertrieben trübe Gedanken. „Waldbaden“ nannte man das heute wohl. Sebastian fand dabei die Ruhe, um nachzudenken – zum Beispiel darüber, wie man wohl Dreizehn-, Vierzehn-, Fünfzehnjährigen den „Erlkönig“ – und Meister Goethe! – schmackhaft machen konnte.

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehen?“ Er musste kurz überlegen, wie der Reim weiterging. Ach ja. „Meine Töchter sollen dich warten schön; meine Töchter führen den nächtlichen Reih’n …“ – den nächtlichen Reigen der Elfen nämlich … den also die Töchter des „Erlkönigs“ anführten. Was natürlich die Fantasy-Fans unter den Teilnehmern der Literatur-AG … mit anderen Worten: fast alle … begeistern dürfte. Nur berichtete Goethe leider kaum etwas darüber. Man würde den Text von Herder verteilen müssen. Da Sebastian das Herder-Gedicht aber nicht, wie den „Erlkönig“, auswendig konnte, zog er den Zettel aus der Tasche, den er vorsorglich eingesteckt hatte, und las die markierten Passagen laut vor:

„Da tanzen die Elfen auf grünem Land, Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand. ‚Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier? Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.‘ ‚Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag, frühmorgen ist mein Hochzeitstag.‘ ‚Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir, zwei güldne Sporne schenk ich dir. Ein Hemd von Seide so weiß und fein, meine Mutter bleicht’s mit Mondenschein.‘“

Doch Herr Oluf ließ sich nicht beirren, lehnte sogar einen Haufen Gold ab, den ihm die Elfe für einen Tanz versprach … was ihre Stimmung dann deutlich kippen ließ:

„‘Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir, soll Seuch und Krankheit folgen dir.‘ Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz, noch nimmer fühlt er solchen Schmerz. Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd. ‚Reit heim zu deinem Fräulein wert.‘“

Und daheim kam es dann, wie es kommen musste: Der standhaft gebliebene junge Mann starb, noch ehe er seine Braut heiraten konnte …

Sebastian kam die Szene, in der die Elfe dem jungen Mann, der nicht mit ihr tanzen mochte, einen Schlag aufs Herz versetzte, irgendwie bekannt vor … Dann fiel es ihm wieder ein: In einer alten Sage hatte er davon gelesen – einer Sage aus dem Sauerland. In der Buchhandlung war er unter anderem auch für die „Heimat-Ecke“ zuständig gewesen, den Bereich mit der regionalen Literatur also. Ein „Renner“ in diesem Bereich waren immer die Sagenbücher gewesen – wie der Band mit den alten Geschichten aus dem nahe gelegenen Sauerland, der auch die Geschichte mit den Elfen enthielt: schönen, jungen Frauen in weiten, weißen Gewändern, die im Mondschein Reigen tanzten und dem einsamen nächtlichen Wanderer, der den wilden Reigen nicht mittanzen mochte, einen Schlag aufs Herz versetzten – an dem er dann später starb.

Sebastian musste an die Probe der Theater-AG denken, die er neulich mitbekommen hatte. Mehrere Mädchen aus seiner Literatur-AG gehörten auch der Theatergruppe an. Zurzeit studierten sie gerade den „Sommernachtstraum“ von Shakespeare ein. Wie passend. Tanzende Elfen im Mondschein! Er würde sie bei nächster Gelegenheit mal berichten lassen, was Shakespeare denn so über seine Elfen sagte … die ja, das Tageslicht scheuend, nachts um zwölf zur Geisterstunde ihren Reigen tanzten und – wie war noch gleich die Formulierung? – richtig … im Tanz den Wagen der Hekate zogen.

Hekate! Das war eine griechische Göttin nach dem Geschmack seiner Horror- und Fantasy-Fans: drei Köpfe, drei Gesichter, Schlangen im Haar … zuständig für Zauberei und Gespenster, Hexen und Giftmischerinnen … nachts unterwegs, ihre Fackel schwingend und Schrecken verbreitend … begleitet von heulenden Hunden und Gespenstern … darunter auch die Empusa, die mal als schönes Mädchen und mal als hässliches Gespenst in Erscheinung trat … und natürlich die Lamia, eine Art Vampir, der Blut saugte und Kinder fraß …

Es ging auf 11 Uhr zu. Nur hin und wieder begegnete ihm ein Jogger oder eine Hundebesitzerin. Das war ein Vorzug des Rentnerdaseins, den Sebastian besonders genoss: an einem ganz normalen Werktag durch den fast menschenleeren Wald zu streifen. Ab und zu blieb er stehen und genoss einfach nur das Bild des Sonnenlichts, wie es, durch das Laub der Bäume gefiltert, helle und dunkle Flecken auf den Waldboden zauberte. Für einen 20. Juni war es ungewöhnlich warm. Ihm fiel wieder ein, dass der Mittsommertag in diesem Jahr auf den 21. Juni fiel, also morgen war. Und dann diese Wärme – die gewiss viele ausnutzen würden, um heute Abend tüchtig Mittsommernacht zu feiern. Sein Blick fiel wieder auf die Uhr. Gleich elf …

Von elf bis zwölf Uhr mittags dauerte nach einem alten Aberglauben, der einst auch in Teilen von Westfalen verbreitet gewesen war, die mittägliche Geisterstunde, die bei Gespenstern angeblich fast ebenso beliebt war wie die Stunde vor oder nach Mitternacht. Er konnte sich dunkel an die Geschichte eines Mannes erinnern, der zwischen elf und zwölf Uhr mittags bei der Gartenarbeit plötzlich auf einer Wiese in der Nähe „weiße Jungfern“ gesehen haben wollte, die dort kegelten – mit goldenen Kugeln und Kegeln … Der Mann hatte angeblich eine Kugel, die bei einem Fehlwurf in seiner Nähe gelandet war, an sich genommen … Er war den wütenden Jungfrauen nur entkommen, weil er einen Bach überquerte. Fließendes Wasser durften Geister nämlich, nach altem Glauben, nicht überqueren. Sebastian musste wieder an die Sagenbücher denken – in der „Heimat-Ecke“ seiner Buchhandlung. In der sich jetzt ein Smartphone-Laden befand.

Mittagsstunde. Geisterstunde. Die „Stunde des Pan“ … Sebastian erinnerte sich an die Abbildung des Gottes Pan in einem reich bebilderten Band mit Sagen aus dem alten Griechenland: Behaart war er am ganzen Körper. Wie ein Ziegenbock. Von dem er auch die Augen, die Hörner, den Bart, die Beine zu haben schien. Ein „kleiner, bärtiger Unhold“ wurde er genannt. Im Mittelalter benutzten ihn die Maler als Vorbild – wenn sie den Teufel darstellen wollten …

Pan war der Gott des Weidelands. Und auf den Weiden brach zur Mittagszeit unter den Kühen manchmal eine Panik aus. Unser Wort „Panik“ ist vom Namen des Gottes Pan abgeleitet – ebenso wie der „panische“ Schrecken, der nicht nur Kühe ergriff … zur Mittagszeit. Auslöser war das plötzliche Erscheinen des Gottes. Oder auch sein entsetzlicher Schrei. Den er ausstieß, wenn jemand seinen Schlaf störte. Auch den Mittagsschlaf.

Pan war nicht der Einzige, von dem es hieß, dass er in der Mittagszeit „umging“. An Mittagsgespenster unterschiedlicher Art hat man auch in späteren Zeiten geglaubt, nicht nur in Griechenland. Sebastian konnte sich an mehrere alte Berichte in Sagenbüchern erinnern, in denen von den „weißen Jungfrauen“ die Rede war, die sich mittags zeigten. Manchmal hüteten sie einen Schatz. Manchmal konnte man sie auch beim Spinnen beobachten. Oder beim Baden …

Sebastian fiel die Nymphe ein, die Pan beim Baden beobachtet hatte. Die Nymphen waren weibliche Naturgeister in Gestalt schöner, junger Frauen – für deren Reize Pan sehr empfänglich war. Doch so wenig die fröhlichen Nymphen angeblich einem Liebesabenteuer abgeneigt waren, so wählerisch waren sie auch. Die Nymphe … wie war doch gleich noch ihr Name? Richtig – Syrinx! Die Nymphe Syrinx also flüchtete sich vor den Annäherungsversuchen Pans zu ihren Schwestern, die an einem Fluss lebten. Nymphen lebten als Naturgeister immer in jenem Teil der Natur, für den sie zuständig waren – auf einem Berg, in einem Wald oder einem bestimmten Baum, im Meer oder in einem See, an einer Quelle oder eben in einem Fluss. So wie die Schwestern der Nymphe Syrinx – die ihre Schwester vor den Nachstellungen des Gottes Pan nur dadurch in Sicherheit bringen konnten, dass sie sie in einen Busch Schilfrohr verwandelten … von dem sich Pan dann ein paar Stengel abbrach, um aus ihnen eine Flöte zu basteln … die Panflöte, die in Griechenland auch Syrinx hieß … Sebastian konnte sich noch genau an das Buch mit den antiken Sagen erinnern, in dem er die Syrinx-Sage zum ersten Mal gelesen hatte. Vor allem an die fantasievollen Illustrationen – wie das Bild der tanzenden Nymphen in ihren weißen, weiten, langen Gewändern. Dass man sein Leben riskieren konnte, wenn man ihnen heimlich beim Tanzen zuschaute oder sie sonstwie verärgerte, wusste er allerdings auch noch.

Es war wirklich schon sehr warm. Sebastian ging langsamer, wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn, schaute auf die Uhr. Drei Minuten vor elf … Gleich würde er seine Lieblingsbank erreichen. Besser gesagt: seine derzeitige Lieblingsbank, denn das wechselte schon mal – war es heute die Bank mit dem weiten Blick über die Felder, konnte es morgen schon die Bank am kleinen Teich sein. Oder aber die Bank mit dem Blick auf den verwunschenen Garten … wie er ihn für sich getauft hatte. Das weitläufige Grundstück lag am Rande des Waldes, vom Weg getrennt durch eine leicht abfallende Böschung. Auf der Wiese, die hinter der Böschung begann, zog zunächst eine Gartenbank die Blicke auf sich: eine hölzerne, weiß lackierte Gartenbank, der eine ihrer Latten fehlte, die die Rückenlehne bildeten. Er hatte sie gezählt, es waren dreiundzwanzig Latten, senkrecht in die Rahmenkonstruktion eingefügt. Und eine davon fehlte – was aber das Bild irgendwie nicht störte. Gerade ihr Defekt verlieh der Bank so etwas wie Charakter. Ebenso wie ihr Standort: völlig allein auf der Wiese, mit dem Rücken zum Betrachter, der vom Waldrand aus auf den Garten blickte – von der Bank aus, die gerade Sebastians Lieblingsbank war.

Er setzte sich, schaute kurz nach links und rechts, den Weg entlang, und … gähnte herzhaft. Ohne die Hand vor den Mund zu nehmen, was ihm nur selten passierte. Nur wenn er sich unbeobachtet fühlte. Menschen, die auf der Straße oder in der Bahn ungeniert gähnten, ohne eine Hand vor den Mund zu nehmen, waren ihm ein Gräuel. Er empfand das als unzivilisiert und respektlos anderen Menschen gegenüber. Er gähnte nochmal, machte es sich auf der Bank bequem, streckte die Arme aus, legte sie auf die Rückenlehne, blickte, den Kopf im Nacken, durch das grüne Laub der Bäume in den blauen Himmel. Herrlich! Einen Moment lang schloss er die Augen, nahm die Sonnenstrahlen nurmehr durch die geschlossenen Lider wahr, genoss die einsetzende wohlige Müdigkeit und die Ruhe – die nur ab und zu von einem Rascheln unbekannter Herkunft im welken Laub des Vorjahrs auf dem Waldboden unterbrochen wurde.

Als er die Augen wieder öffnete, fiel sein Blick auf die weiße Gartenbank und … Da war doch etwas. Da bewegte sich doch was … Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich orientiert und den Urheber der Bewegung ausgemacht hatte – den kleinen Bach, der nur wenige Schritte hinter der Bank, aber von hohem Schilf weitgehend verdeckt, den Garten durchquerte. Über den Bachlauf führte ein schmaler Steg aus Holzbohlen zu einer weiteren großen Wiese mit einer Art Säule aus schmiedeeisernem Gitter in der Mitte. Zu sehen war vom Gitter allerdings kaum noch etwas: Die alte Heckenrose, der es einst als Rankhilfe gedient hatte, hatte das Gitter fast völlig überwuchert. Sebastian glaubte, den zu ihm gewehten zarten Duft der unzähligen kleinen rosa Blüten riechen zu können. Aber das war natürlich ganz unmöglich auf diese Entfernung … Etwa fünf, sechs Meter hinter der Heckenrose endete dann die Wiese. Der Garten stieg steil an, und zwischen Sträuchern und Beeten schlängelte sich ein Weg hinauf – zu einem Wohnhaus, dessen Einzelheiten Sebastian von seiner Bank aus aber nicht erkennen konnte.

Er schloss wieder für einen Moment die Augen, konzentrierte sich ganz auf die wenigen Geräusche, die zu hören waren: das Knirschen zweier Bäume, die im leichten Wind aneinander rieben, das Knacken von Holz, vermutlich aus einem jener dürren, bereits abgestorbenen Bäume stammend, von denen es hier ringsum immer mehr zu geben schien. Das Rascheln im Laub konnte eine Maus sein – oder ein Vogel, eine Drossel vielleicht, die nach Würmern suchte. Das rätschende Gezeter, das abrupt die Ruhe störte, stammte von einem Eichelhäher – der sich aber auch rasch wieder beruhigte. Dann wurde es für einen kurzen Augenblick ganz still. Kein Geräusch war mehr zu hören, außer dem leisen Plätschern des Baches. Sebastian öffnete die Augen, blinzelte, fixierte das Schilf, suchte eine Stelle, an der der Bach hindurchschimmerte. Dann wurde sein Blick abgelenkt – von einer Bewegung oberhalb des Schilfes … Etwas Weißes bewegte sich um die Gittersäule mit der Heckenrose …

Die drei Mädchen tanzten. Um den Rosenstrauch herum. In langsamen, schreitenden Bewegungen, die den ganzen Körper einbezogen. Das leichte Wiegen der Oberkörper, scheinbar einer für den Beobachter nicht hörbaren, getragenen Melodie folgend, das anmutig harmonische Mitschwingen der Arme, die schwebenden Schritte – alle Bewegungen erschienen Sebastian irgendwie unwirklich, traumwandlerisch … Dazu passte auch der abwesende Ausdruck auf den blassen Gesichtern der drei … ja, waren es nun Mädchen … oder nicht doch eher junge Frauen … worauf auch die Formen ihrer Körper hinzudeuten schienen, die sich unter den schneeweißen Gewändern deutlich abzeichneten. Wie große Schleier umhüllten die Kleider ihre Trägerinnen. Sichtbar blieben nur die fein gegliederten Hände, die zarten, unbekleideten Füße – und ihre langen, wallenden, weißblonden Haare, die die blassen, aber schön, ja edel geschnittenen Gesichter jetzt in einem schneller werdenden Rhythmus umwehten.

Obwohl Sebastian Gesichter, Hände, Füße der Tänzerinnen trotz der Entfernung erstaunlich gut erkennen konnte, hielt es ihn nicht mehr auf seiner Bank. Er musste näher heran. Vorsichtig stieg er die Böschung hinunter, überquerte langsam und behutsam, die Tanzenden nicht aus den Augen lassend, die Wiese bis zur weißen Gartenbank. Sie schienen ihn nicht bemerkt zu haben. Er umrundete die Bank im Zeitlupentempo, setzte sich, die Tänzerinnen immer im Blick behaltend, auf die leise knarrende Sitzfläche und … plötzlich unterbrachen die Frauen ihren Tanz und blickten in seine Richtung.

Ob sie ihm gewinkt – oder sonstwie ein Zeichen gegeben – hatten, hätte Sebastian später gar nicht mal zu sagen vermocht. Auf jeden Fall fühlte er sich angezogen, angesprochen, aufgefordert, zu ihnen zu kommen. Er erhob sich wieder, folgte dem Bachlauf durch das hohe Gras am Rande des Schilfs bis zu dem kleinen hölzernen Steg. Noch während er ihn überquerte, löste sich eine der weißen Frauen aus dem Kreis der Tänzerinnen. Sie lächelte ihn an und … ja, man konnte ihre Bewegungen nicht anders beschreiben … schwebte auf ihn zu … Erstaunlicherweise war es aber gar nicht mal diese Art, sich zu bewegen, die ihn an der Frau besonders faszinierte, sondern … der Blick ihrer Augen. Dieser hellblauen, die Blässe des Gesichtes noch betonenden Augen, die ihn so intensiv fixierten, dass ihn das seltsame, verstörende Gefühl überkam, sie könne seine Gedanken lesen … und beeinflussen.

„Komm, tanz mit uns!“ … Hatte sie das jetzt wirklich gesagt? Sebastian war sich nicht sicher. Aber im Grunde war es ihm auch egal. Ihm ging es nurmehr darum, ihrer Aufforderung zu folgen, einer Aufforderung, die er irgendwie schon glaubte, seit langer Zeit erhofft, ja ersehnt zu haben … und die keinen Widerspruch duldete: „Komm, tanz mit uns!“

Für ihre zarten und fein gegliederten Hände hatten die Frauen einen erstaunlich kräftigen Händedruck – wie Sebastian feststellte, als der Reigen begann. Dass die Schwestern … sie ähnelten sich so sehr, dass sie einfach Schwestern sein mussten … dass also die Schwestern vorhatten, einen Reigen mit ihm zu tanzen, hatten sie Sebastian wortlos zu verstehen gegeben – nur mit Gesten, die er aber gleich verstanden hatte. Eigentlich erstaunlich. Noch erstaunlicher aber war, dass er sich auf das kindliche Tanzvergnügen sofort eingelassen hatte … Wann hatte er wohl zum letzten Mal Ringelreihen getanzt? Im Kindergarten? Doch diese Gedanken kamen ihm nur kurz und verschwanden gleich wieder, als der Tanz begann … und die zarten Hände seiner Nachbarinnen seine doch viel kräftigeren Finger so fest in den Griff nahmen, dass er eh keine Wahl mehr hatte … als sich ihrem Willen zu beugen.

Zu Anfang waren die Bewegungen noch langsam, so dass er sich auf das hübsche, lachende Gesicht der jungen Frau ihm gegenüber konzentrieren konnte. Ihre hohen Wangenknochen traten ein wenig hervor, ihre leichte Stupsnase machte sie eher noch attraktiver, als dass sie das Bild gestört hätte, das die zart geschwungenen, weichen Lippen abrundeten. Nur die Blässe irritierte ihn … und natürlich diese Augen … Nicht dass sie nicht hübsch gewesen wären, ganz im Gegenteil, ihm gefiel das leicht Katzenhafte, das ihr Schnitt dem Gesicht verlieh, und das helle Eisblau ihrer Pupillen machte sie noch faszinierender, nur … ihre Augen lachten nicht. Sie fixierten ihn zwar intensiv, aber sie lachten nicht wie das übrige Gesicht. Doch für weitere Gedanken über diese Irritation hatte Sebastian keine Zeit mehr.

Die Bewegungen der Tänzerinnen wurden immer schneller, aus dem Reigen wurde ein ausgelassenes Toben – das Sebastian zunächst ebenso viel Spaß machte wie seinen lachenden und fröhlich kreischenden Mittänzerinnen. Doch dann ging ihm allmählich die Luft aus. Aber die Frauen waren nicht zu bremsen. Ja, sie legten sogar noch an Tempo zu … Plötzlich klang ihr Kreischen auch nicht mehr so fröhlich. Ihre Gesichter nahmen, sofern er das in dem wilden Reigen überhaupt noch erkennen konnte, einen wilden, verzerrten Ausdruck an.

Sebastian versuchte, sich loszureißen. Das Ergebnis war jedoch nur, dass der Druck der zarten Hände seiner Nachbarinnen weiter zunahm, kräftiger und unerbittlicher wurde. Am Ende ließ sich Sebastian, schon von heftigem Schwindel erfasst, einfach auf den Boden fallen. Die Frauen mussten seine Hände loslassen und gingen ebenfalls zu Boden. Das war die Chance, die er nutzen musste. Doch ihm war viel zu schwindlig, um sich gleich wieder aufzuraffen. Schon griffen wieder zwei weiße Hände nach seinen Handgelenken. Er schaffte es gerade noch, sich zur Seite zu werfen – was ihn zum Glück auch dem kleinen Steg über den Bach näher brachte. Auf allen vieren gelang es ihm mit letzter Kraft, sich dem erneuten Zugriff zu entziehen und den kreischenden Frauen mit einem Sprung über den Steg zu entkommen. Völlig ausgepumpt blieb er am anderen Ufer liegen.

Er ließ den Bleistift sinken und blickte hinüber in den Garten. Sebastian war jetzt in Sicherheit. Fließende Gewässer duften die Geister ja nicht überqueren. Er legte die Kladde und den Bleistift neben sich auf die Bank. Sein Blick wanderte über das Schilf zur alten Heckenrose. Irgendwie hatte dieser Garten etwas Melancholisches. So, als träume er von vergangenen Tagen … von rauschenden Gartenfesten, die er erlebt hatte … Frauen in leichten weißen Sommerkleidern, die barfuß über die Wiese tanzten … Wie oft hatte er diese Bilder schon vor Augen gehabt? Den Garten besuchte er jedes Mal, bei jedem seiner Spaziergänge durch den Schwerter Wald. Er griff wieder zur Kladde. Der Bleistift rollte davon, fiel auf den trockenen, staubigen Boden vor der Bank. Er hob ihn auf, steckte ihn in die Brusttasche seines Hemdes und öffnete die Kladde an der Stelle, wo er die Postkarte auf eine Seite geklebt hatte. Die Karte aus der Tate Gallery in London, mit dem Gemälde von Johann Heinrich Füßli aus dem Jahre 1793: „Der Traum des Schäfers“. Er betrachtete die Feen, die im wilden Reigen über den Kopf des schlafenden Schäfers wirbelten. Beim Gedanken daran, wie Sebastian zu seinem Nachnamen Schäfer gekommen war, musste er unwillkürlich schmunzeln. Er blätterte weiter, suchte die nächste leere Seite in der Kladde und schloss einen Moment lang die Augen, um sich wieder auf die Wiese zu versetzen, wo Sebastian völlig ausgepumpt liegengeblieben war. Jetzt musste er ihn nur noch wieder aufwachen lassen. Dann war die Geschichte zu Ende.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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