Rüdiger Wulf

Der Gürtel im Feuer

Es muss, wenn ich mich recht erinnere, der zweite oder dritte Tag nach Weihnachten gewesen sein. Grau, etwas regnerisch und kühl – genau das richtige Wetter für einen Parkspaziergang, wenn man ungestört seinen Gedanken nachhängen will. In der halben Stunde, die ich unterwegs war, hatte ich nur einen anderen Spaziergänger getroffen. Ohne Hund, wie ich, erstaunlich. Dann hatte der Regen zugenommen. Aber jetzt schon einkehren? Unschlüssig stand ich vor dem Restaurant. Besser gesagt vor dem nachgebauten Mühlrad, das wohl den Namen des Restaurants erklären sollte: „Buschmühle“. Irgendwann in grauer Vorzeit hatte hier, am kleinen Fluss, eine Wassermühle gestanden.

„Als er, voll Schrecken entfliehend, die schweigenden Felder erreicht hat …“ Erschrocken drehte ich mich um. Der Mann ohne Hund. Halblaut murmelte er vor sich hin. „… heult er hinaus und versucht vergeblich zu reden; im Maule sammelt die frühere Wut sich, und seine gewöhnliche Mordgier richtet sich jetzt gegen Schafe: er freut sich noch immer am Blute. Zotteln werden die Kleider und Schenkel die Arme: ein Wolf ist jetzt er geworden …“

„Ovid“, sagte der Mann, ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte. „Ein römischer Dichter“, fügte er überflüssigerweise hinzu. Ovid war mir bekannt, aber das Zitat, das er da gemurmelt hatte … Ein Mann, der sich in einen Wolf verwandelte? Merkwürdig. Und überhaupt … warum trug er mir das vor? Einem Wildfremden, den er gerade erst kennengelernt – oder besser noch gar nicht kennengelernt hatte.

„Die älteste Werwolfsage, die wir kennen.“ Er sagte das ruhig, fast nachdenklich, jedes Wort deutlich artikulierend, mit einer warmen, eher tiefen, wohlklingenden Stimme. Und er schien genau zu wissen, was er sagte. Also kein Spinner, wie ich einen Moment lang befürchtet hatte.

„König Lykaon von Arkadien – angeblich ein sehr grausamer Zeitgenosse – wurde von Zeus in einen Wolf verwandelt, weil er dem Gott Menschenfleisch als Speise vorgesetzt hatte … Eine Sage aus dem alten Griechenland.“ Er machte eine kurze Pause – fast als müsse er das Gesagte selbst noch einmal überdenken. Eine Eigenart, die mir später noch häufiger auffiel, wenn er sprach.

„Warum erzählen Sie mir das?“

„Wussten Sie …“ Es war das erste Mal, dass er einen Satz mit diesen Worten begann, die ich später so oft von ihm hören sollte. „Wussten Sie, dass es auch in der Buschmühle einen Werwolf gegeben hat?“

„Nein.“ Den Rest der Antwort verschluckte ich. So, wie er mich aus seinen hellen, schon fast wässerig blauen Augen die ganz Zeit über fixierte, traute ich mich einfach nicht, ihm zu sagen, dass mich so ein Quatsch nie interessiert hätte. Die Augen passten irgendwie nicht zu den buschig-grauen Augenbrauen des Mannes, die seinem Gesicht etwas großväterlich Gemütliches verliehen.

„Soll ich Ihnen die Geschichte erzählen? Dazu sollten wir aber besser ins Trockene gehen.“ Er deutete auf den Eingang zum Restaurant. Die Aussicht, ins Warme und Trockene zu kommen, war auch schon ohne den Gedanken an eine heiße Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen verführerisch. Nur warum sollte ich mir dabei die wirren Geschichten eines älteren Herrn anhören, den ich nicht einmal kannte?

„Ja, gern“, hörte ich mich sagen. „Lassen Sie uns reingehen.“

Wir setzten uns an einen Tisch weitab von den wenigen anderen Gästen. Mein Gegenüber bestellte Kaffee wie ich, dazu aber keinen Kuchen, sondern einen Kognak. Auch die jugendliche Bedienung reagierte positiv auf den freundlichen älteren Herrn mit der angenehmen Stimme. Der wiederum zeigte einen Anflug von Eitelkeit, den ich nicht erwartet hätte: Ehe die Kellnerin unseren Tisch erreichte, fuhr er sich noch kurz mit beiden Händen ordnend durch das dichte, widerspenstige Haupthaar in der gleichen Farbe wie die beeindruckenden Augenbrauen.

„Wussten Sie, dass man früher geglaubt hat, die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag sei eine Zeit der Geister, Spukgestalten und Dämonen?“

„Nein.“ Auch das hätte mich nämlich noch vor einer Stunde überhaupt nicht interessiert … Nun aber stellte ich erstaunt fest, dass ich doch sehr gespannt war auf das, was mein Gegenüber mir erzählen würde.

„Man nannte diese Zeit ‚die Zwölften’. Und mancherorts ging man auch davon aus, dass die Werwölfe in dieser Zeit ihr Unwesen trieben.“ Bei den letzten Worten senkte er die Stimme, da die Kellnerin mit den Getränken erschien und offenbar von unserem Gespräch nichts mitbekommen sollte.

„Wussten Sie, dass Westfalen immer schon Werwolfsland war? Alle Ereignisse, von denen ich Ihnen berichten werde, haben sich in Westfalen zugetragen. Sie werden sich wundern!“

Ich wunderte mich jetzt schon – dass ich hier im Parkrestaurant saß und allen Ernstes einem Fremden lauschte, der mir von Werwölfen erzählte …

„Aber kommen wir zur Buschmühle – einer von vielen Wassermühlen an der Emscher übrigens, die bereits im Mittelalter existierten. Und im ausgehenden Mittelalter soll sich ja auch unsere Geschichte zugetragen haben, doch gibt es dafür keine historischen Belege – ebenso wenig wie für den Ritter von Didinghofen, der damals Besitzer der Mühle gewesen sein soll. In der Buschmühle verschwanden, so die Überlieferung, bei Nacht immer die Müllerknechte. Am nächsten Morgen fand der Ritter nur noch eine zerrissene Jacke, einen Schuh, einen zerbeulten Hut oder gar eine Blutlache von ihnen. Niemand wusste, was mit ihnen geschehen war. Doch der Ritter wollte nicht mehr die Verantwortung tragen für das Schicksal weiterer junger Burschen und so schloss er seine Mühle – bis zu jenem Tag, als sich bei ihm ein Müllerknecht meldete, der es partout noch mal versuchen wollte. Der Bursche erwies sich als so hartnäckig, dass der Ritter schließlich nachgab. Noch am selben Abend zog der Knecht dann in die Mühle ein. Er machte Feuer und kochte seinen Roggenbrei, als er es vor der Tür poltern hörte ...“

Hätte der Erzähler beim letzten Satz nicht wieder die Stimme gesenkt, wäre mir gar nicht aufgefallen, dass sich die Bedienung wieder unserem Tisch näherte. Offenbar hatte sie unsere leeren Kaffeetassen und meinen leeren Kuchenteller erspäht. Auf ihre Frage, ob wir noch Wünsche hätten, schüttelte ich bereits den Kopf, als mein Gegenüber auf seinen – noch unberührten – Kognak deutete: „Trinken Sie einen mit?“ Und obwohl Kognak sonst nicht mein Fall ist, sagte ich ja, um die Angelegenheit, sprich: die Unterbrechung der Erzählung, nicht unnötig zu verlängern. Die Kellnerin sammelte das nicht mehr benötigte Geschirr ein und entfernte sich wieder, offenbar trotz der mageren Nachbestellung dankbar.

(Vermutlich hätte mein Gegenüber mit der Art und dem Tonfall seiner Bestellung schon Dankbarkeit geerntet, wenn er nur ein Glas Leitungswasser bestellt hätte.)

„Wissen Sie, was ein Aufhocker ist?“

„Ich kenne wohl einen Barhocker, aber …“ Mein schwacher Versuch, witzig zu sein, scheiterte am falschen Publikum.

„In meiner Familie erzählte man sich früher eine merkwürdige Begebenheit …“ Es folgte wieder diese für ihn so typische Pause, als müsse er selbst erst noch mal über das Gesagte – oder noch zu Sagende – nachdenken. „Es ging um meinen Urururgroßvater … oder war es der Ururururgroßvater? Auf jeden Fall muss sich die Geschichte vor etwa 200 Jahren zugetragen haben. Mein Urahn hatte sich auf dem Heimweg von einer Feier, an der er teilgenommen hatte, verspätet. Sein Weg führte ihn durch den Wald. Oder war es ein Moor? In diesem Punkt war sich die Familie nicht mehr so ganz einig. Nur dass es stockfinster gewesen war, betonten alle, die die Geschichte erzählten. Und dass an dieser Finsternis auch die Laterne, die unser Vorfahr bei sich trug, kaum etwas änderte: mit ihrer Hilfe konnte er gerade mal erkennen, wo er hintrat … und ob er noch auf dem Weg war, der ihn nach Hause führen sollte.“

Die Kellnerin brachte den Kognak. Ich fühlte mich genötigt, dem Spender zuzutrinken, beließ es aber bei einem winzigen Schluck des edlen, für mich jedoch eher gewöhnungsbedürftigen Getränkes. Kurz mit dem Kopf nickend signalisierte ich dann dem Erzähler, mit seiner Geschichte fortzufahren.

„An einem Kreuzweg passierte es dann … Solche Geschichten passierten fast immer an Kreuzungen, an denen mehrere Wege zusammentrafen. Man hielt diese Stellen für besonders gefährlich, was Spuk und ähnliches anbetraf. Daher wunderte sich auch niemand, dass meinem Urahn just an jenem Kreuzweg mitten im Wald – oder im Moor – der Aufhocker begegnete …

Es war, wie gesagt, stockdunkel, und mein Vorfahr hatte gut damit zu tun, auf dem schmalen Pfad zu bleiben. Möglich auch, dass er auf der Feier ein wenig dem Alkohol zugesprochen hatte … In diesem Punkt ist die Familienüberlieferung etwas unklar. Sicher ist jedoch, dass er noch ein Geräusch gehört hat … hinter sich … bevor es losging … Es muss ein Rascheln im Gebüsch gewesen sein. Doch wenn man nachts in der Natur unterwegs ist, raschelt eigentlich immer irgendetwas irgendwo. Wer sich dann gleich zu Tode erschreckt, sollte lieber zu Hause bleiben. Mein Vorfahr jedenfalls war keiner von der ängstlichen Sorte; bei einem Rascheln im Gebüsch schwang er noch nicht gleich seinen Knotenstock. Was er in diesem Falle jedoch besser getan hätte …“

Er griff zum Kognakglas, schaute aus dem Fenster, schien aber das Unwetter, das mittlerweile draußen herrschte, gar nicht wahrzunehmen.

„Das Wesen aus der Dunkelheit hatte nur ein Ziel: Ohne zu zögern sprang es seinem Opfer hinterrücks auf die Schulter, krallte sich an dessen Hals fest und ließ sich von dem ins Taumeln Geratenen tragen. Als der Überfallene versuchte, stehen zu bleiben und das Biest abzuschütteln, drückte es ihm so heftig die Kehle zu, dass ihm der Atem wegblieb. Wohl oder übel musste er seinen Weg fortsetzen – mit dem Aufhocker auf dem Rücken, der zudem noch immer schwerer wurde. Widerstand war zwecklos, führte nur zu noch mehr Quälerei. Aber auch so konnte es nicht mehr allzu lang weitergehen, drohte doch das Opfer jederzeit erschöpft zusammenzubrechen. Dazu jedoch kam es nicht. Plötzlich, wie er gekommen war, war der Aufhocker auch wieder verschwunden. Der Überfallene konnte später nur berichten, dass es sich um ein ‚schwarzes, zottiges Ungeheuer’ gehandelt habe …“

Wieder diese kurze Denkpause. Der abwesende Blick. Der Griff zum Kognakglas. Und schon fixierten mich die Augen wieder. Nein, sie waren nicht wässerig blau. Zumindest nicht in diesem Augenblick. Die Bezeichnung „stahlblau“ traf es eher. Obwohl – oder gerade weil sie mehr über den Blick als über die Farbe der Augen aussagt.

„Es war ein Werwolf. Und er verhielt sich genauso, wie es die Überlieferungen schildern. Werwölfe, die aufhocken, begegnen uns an vielen Orten in Westfalen. Im Sauerland etwa, an der Ennepe oder bei Menden. In Ostwestfalen und im Lippischen unweit von Minden und in der Gegend um Lemgo. Auch in Dortmund und in Hörde treiben sie ihr Unwesen.“

Hatte er gerade „treiben“ gesagt? Ich musste mich verhört haben. Vielleicht lag es am Kognak.

„Wussten Sie, dass man in Westfalen verschiedene Arten von Werwölfen unterscheidet? Da gibt es zum einen den Aufhocker und zum anderen … Aber ich denke, das führt uns jetzt doch zu weit ab. Schließlich möchten Sie ja endlich wissen, wie die Geschichte in der Buschmühle weitergeht. Also …

Das Poltern, das den Müllerknecht hochschrecken ließ, hatte sich angehört, als sei der Brennholzstapel draußen vor der Tür der Mühle umgestoßen worden. Der Knecht legte den Holzlöffel beiseite, mit dem er den Roggenbrei umgerührt hatte. Er stand auf, ging zur Tür und öffnete sie vorsichtig. Es war nichts zu sehen und auch nichts mehr zu hören. Er machte ein paar Schritte in die Dunkelheit. Immer noch nichts. Er blieb eine Weile stehen und lauschte. Nichts rührte sich. Er drehte sich um, wollte zurück in die Mühle gehen. Da sprang es ihn plötzlich von hinten an. Zwei dicht behaarte, kräftige Arme legten sich um seinen Hals, klammerten sich fest, drückten ihm die Kehle zu. Er rang heftig nach Luft, spürte den heißen Atem des Angreifers im Nacken und hatte nur einen einzigen Gedanken im Kopf: Er durfte sich nicht in die Dunkelheit ziehen lassen, denn dann … hatte der Werwolf gewonnen.“

Dass sich genau an dieser Stelle, als der Erzähler eine Kunstpause einlegte, die Kellnerin einschaltete, war offenbar kein Zufall – hatte sie sich doch in letzter Zeit auffällig gründlich um die Sauberkeit und Ordnung auf den leeren Nachbartischen gekümmert. „Möchten die Herren noch einen Kognak?“ Und dabei schaute sie (natürlich!) nur mein Gegenüber an – das wiederum mich fragend ansah: „Möchten wir?“ Was ich, der Vernunft folgend, nur ablehnen konnte. Weiß der Teufel – dem wir noch begegnen werden –, warum ich es dann nicht auch tat.

„Der Werwolf würgt den Knecht, zerrt an ihm, will ihn mit aller Macht in die Dunkelheit ziehen. Der Knecht aber wehrt sich, stemmt sich dagegen mit der vom vielen Säckeschleppen herrührenden Kraft, will unbedingt wieder zurück in die Mühle gelangen … Doch hat er eine Chance? Von Männern, die mit einem Knüppel, einer Peitsche oder gar einem Beil auf den Werwolf einprügeln und ihn so in die Flucht schlagen oder wehrlos machen, berichten verschiedene Überlieferungen. Aber ohne Waffe?“

Männer, die mit Knüppeln, Peitschen, Beilen auf Werwölfe losgingen … Woher kannte der Mann all diese Geschichten? Er musste sich unheimlich gründlich mit dem Thema befasst haben. Aber warum? Nur weil man sich in seiner Familie diese Sage von einer Begegnung irgendeines Vorfahren mit einem Werwolf erzählte? War das alles – oder steckte mehr dahinter? Aber wie konnte ich ihn danach fragen, ohne dass er es mir übelnahm … dass ich seine Erzählung unterbrach, um ein ganz anderes Thema zur Sprache zu bringen … Doch ehe ich dazu kam, meine Frage zu formulieren, hatte er schon eine andere für mich vorgesehen …

„Was drohte dem Müllerburschen eigentlich, wenn er im Kampf mit dem Werwolf unterlag, werden Sie sich jetzt vermutlich fragen. Und ich will Ihnen die Antwort natürlich auch nicht schuldig bleiben. Vom Aufhocken haben wir ja bereits gehört. Aber ist die Gefahr, den Werwolf bis zur Erschöpfung durch die Gegend tragen zu müssen, die einzige, die von ihm ausgeht? Mehrere Überlieferungen sprechen davon, dass das Monster Frauen und Mädchen, denen es aufhockte, das Kleid, den Rock oder den Unterrock zerriss. Nach seiner Rückverwandlung in einen Mann entlarvte man ihn dann anhand von Fäden oder Fetzen der Kleidungsstücke, die sich noch zwischen seinen Zähnen fanden … Davon, dass der Werwolf auch Männern die Kleidung zerriss, war jedoch nirgendwo die Rede. Diese Gefahr können wir also wohl ausschließen. Aber es gab ja nicht nur aufhockende Werwölfe … Von den anderen drohte noch mehr Gefahr. Vor allem wenn man ein Schaf, eine Kuh, ein Kalb oder ein Fohlen war – die wurden nämlich bevorzugt von Werwölfen zerrissen und aufgefressen. Keine Gefahr also für unseren Knecht, wenn nicht … Tja, wenn nicht zuweilen auch mal ein Mensch von einem Werwolf zerrissen worden wäre … Auch diese Überlieferungen gab es, und der Knecht wird sie wohl gekannt haben. Und hatte somit gute Gründe, sich heftig zu wehren.“

Offenbar legte der Mann großen Wert darauf, immer dann seine Erzählung zu unterbrechen und sich seinem Kognak zu widmen, wenn die Erzählung besonders spannend wurde. Dieses Mal hielt uns die Pause aber wenigstens nicht allzu lange auf.

„Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, unser Müllerbursche versucht – mit dem Werwolf auf dem Rücken – wieder in die Mühle zu gelangen. Und er schafft es tatsächlich. Bis zur Feuerstelle schleppt er das schwere Vieh, dessen behaarte Arme seinen Hals umklammern. Er bekommt keine Luft mehr, weiß, dass er nicht mehr lange durchhalten wird, lässt sich auf den Boden fallen, ringt mit dem Untier, krallt sich mit letzter Kraft in das zottige Fell dieser schrecklichen Arme und … merkt, wie der Druck nachlässt. Ein heftiges Aufbäumen noch, und er hat sich aus dem Würgegriff befreit, kann sich wieder etwas bewegen, greift nach der erstbesten Waffe … Es ist der Topf mit dem Roggenbrei. Er langt mit einer Hand in die heiße Pampe und klatscht dem Werwolf die ganze Portion auf die Augen. Das Biest heult auf und lässt seinen Gegner los. Der Müllerbursche nutzt die Chance, springt auf, eilt zum Tisch, auf dem noch das große Brotmesser liegt. Er greift nach dem Messer, packt es, dreht sich blitzschnell wieder um, stürzt sich erneut auf seinen Gegner und schneidet den Gürtel durch, den der Werwolf um den Leib trägt. Dann wirft er den Lederriemen ins Feuer und …“

Dem Erzähler ging einen Moment lang die Luft aus, so hatte er sich in die von entsprechender Mimik und Gestik begleitete Schilderung des Kampfes hineingesteigert – die allerdings trotz ihrer Theatralik nicht so wirkte, als sei der Erzähler wirklich von ihrem Wahrheitsgehalt überzeugt. Im Unterschied zu seinen anderen Erzählungen, bei denen man immer den Eindruck hatte, er nähme das Berichtete selbst für bare Münze, schilderte er zumindest den Ausgang des Kampfes zwischen dem Müllerburschen und dem Werwolf schon fast ein wenig augenzwinkernd, als sei ihm jetzt die Geschichte selbst nicht mehr so ganz geheuer. Umso ernsthafter wirkte er dann jedoch wieder, als er – nach zwei, drei beruhigenden Atemzügen und einem Beruhigungsschluck aus dem Kognakglas – mit seiner Erzählung fortfuhr.

„Einen Moment lang hat der Müllerbursche – zum ersten Mal – Gelegenheit, seinen sich nicht mehr zur Wehr setzenden Gegner zu betrachten. Mehr noch als das kräftige Raubtiergebiss sind es seine Augen, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen. Ungewöhnlich groß sind sie. Und glühend rot wie Feuer. Ungewöhnlich groß ist auch das ganze … ja, soll man sagen Tier …? Es sieht zwar aus wie ein zottiger schwarzer Hund, aber seine Vorderbeine sind immerhin dazu geeignet, einen Menschen zu würgen. Und dazu kann es sich auf seinen Hinterbeinen aufrichten wie ein Mensch. Und hat gewaltige Krallen an den Pfoten … die sich aber jetzt bereits verändern. So wie das ganze Wesen sich verändert. Jetzt, wo ihm der Gürtel abhanden gekommen ist …“

„Moment mal … Sie sprechen da wieder von diesem Gürtel. Um was für einen Gürtel handelte es sich denn da? Wie sah er aus – und vor allem: was hatte es mit ihm auf sich?“

„Im Grunde gibt es zwei verschiedene Arten von Gürteln, die in der Lage sind, Menschen in Werwölfe zu verwandeln. Zumindest in Westfalen. Der eine Gürtel ist aus Leder, der andere gewebt. Vom Teufel gewebt, um genau zu sein.“

„Vom Teufel?“ Ich musste laut lachen.

„Warum lachen Sie?“

„Na ja, ich bitte Sie – vom Teufel … Wollen Sie mir jetzt Kindermärchen erzählen?“

„Wussten Sie“, er griff nach seinem Kognakglas, „dass führende Vertreter der katholischen Kirche den Teufel nach wie vor für eine reale Person halten? Aber wie dem auch sei, kehren wir zurück zu unserer Geschichte … Der Werwolf beginnt sich zu verwandeln. Er schüttelt sich, windet sich, dreht sich im Kreis, fällt dann zu Boden, steht wieder auf und – ist ein ganz normaler Mensch, der sich bedankt bei seinem Bezwinger: Anders als seine Vorgänger in der Mühle, die alle vor dem Werwolf geflohen sind, hat er ihm den teuflischen Gürtel genommen und ihn damit vom Zwang befreit, sich in einen Werwolf verwandeln zu müssen.“

„Müssen sich alle Werwölfe verwandeln? Gibt es nicht auch welche, die sich freiwillig verwandeln?“ Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass ich schon selbst so sprach, als existierten Werwölfe tatsächlich.

„In Westfalen gibt es beides: Werwölfe, die gezwungen sind, sich zu verwandeln, und Werwölfe, die sich freiwillig verwandeln. Von Männern – denn fast immer sind es Männer, Frauen verwandeln sich lieber in Katzen … Von Männern also, die sich freiwillig in Wölfe verwandeln, weil sie Spaß daran haben, Mensch und Tier Schaden zuzufügen, heißt es zumeist, sie seien Teufelsbündner, hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der ihnen die Fähigkeit zur Verwandlung verschafft habe. In den Hexenprozessen wurde männlichen Angeklagten zuweilen der Vorwurf gemacht, in Wolfsgestalt Vieh gerissen zu haben – als Beweis dafür, dass sie mit dem Teufel im Bunde waren. Protokolle oder Erzählungen über solche Prozesse liegen in Westfalen und dem Lipperland zum Beispiel aus Münster, Lemgo, Menden oder dem Örtchen Ergste bei Schwerte vor.“

„Aber“, unterbrach ich, „unser Werwolf in der Buschmühle hat sich ja, wenn ich Sie recht verstanden habe, definitiv nicht freiwillig verwandelt …“

„Richtig. Kommen wir also zum zweiten Typ: den Werwölfen, die sich nicht freiwillig, sondern unter Zwang verwandelten. Böse Menschen sollen auch sie gewesen sein – Sünder, die für ihre besonderen Missetaten verwandelt wurden, verflucht dazu, ruhelos durch die Welt zu irren und die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. In ganz Westfalen trieben sie ihr Unwesen. Aber gehörte unser Werwolf auch dazu? Als er sich brav bei seinem Bezwinger bedankt hat, isst er noch einen Teller Roggenbrei mit und macht sich dann wieder auf den Weg. Nach einem richtigen Bösewicht klingt das nicht.“

„Aber“, warf ich ein, „vielleicht hat ihn die Strafe ja geläutert, ihm das Böse ausgetrieben …“

„Nun, wir wissen es nicht. Und er erzählt auch nichts davon – zumindest in der Überlieferung, die uns vorliegt. Vielleicht ist er auch ein ähnlicher Fall wie der Vogt aus Iburg im Teutoburger Wald, der auf der Jagd nach einem Werwolf in dessen Behausung kam, den Werwolf selbst zwar nicht antraf, aber seinen Gürtel an der Wand hängen sah … Und dann packte ihn die Neugier. Er soll angeblich heute noch als Werwolf unterwegs sein, weil er den Zauberspruch nicht kennt, der ihn zurückverwandeln würde … Vielleicht ist unser Werwolf ja auch zufällig an den Gürtel geraten, hat ihn aus Neugier umgeschnallt und … Wir wissen es nicht.“

Die Pause war länger als sonst. Das Gesagte schien ihn sehr zu beschäftigen. Oder war es gar nicht das Gesagte, das ihn beschäftigte? War es vielmehr das noch zu Sagende, über das er nachdachte? War er sich nicht mehr sicher, was er mir erzählen sollte, mir anvertrauen konnte? Oder durfte? Seine Augen wirkten jetzt wie bläulich schimmerndes Eis. Ihr starrer Blick fixierte mich, und doch – schien er mich gar nicht wahrzunehmen. Einen Moment lang überlegte ich ernsthaft, das Gespräch abzubrechen. Aber er ließ mir keine Chance dazu.

„Was, wenn nun aber der Gürtel gar nicht verbrannt wäre … Wenn der Müllerbursche ihn später vom Feuer unversehrt aus der Asche gezogen hätte … Es gibt da, wie schon erwähnt, eine alte westfälische Überlieferung, dass dieser Gürtel, der zur Verwandlung in einen Werwolf benötigt wird, gar nicht aus Leder sei, sondern gewebt – vom Teufel gewebt. Und der Teufel habe auch dem Gürtel eine besondere Eigenschaft verliehen – die Eigenschaft nämlich, dass er nicht verbrannt werden kann …“

„Aber“, glaubte ich mich zu erinnern, „wurde der Werwolf denn nicht gerade dadurch erlöst, dass der Müllerbursche seinen Gürtel verbrannte?“

„Nein. In der Überlieferung ist bloß die Rede davon, dass der erlöste Werwolf sich dafür bedankte, dass ihm der teuflische Gürtel endlich abgenommen worden sei – was ihn vom Zwang befreit habe, sich verwandeln zu müssen. Von einer Notwendigkeit, den Gürtel auch noch zu verbrennen, erwähnt er nichts.“

Lag es am zweiten Kognak – oder warum sonst hatte ich plötzlich Probleme, der Erzählung zu folgen? Die Sache war doch eigentlich erledigt. Der Gürtel war verbrannt, der Werwolf erlöst – ein Happy End wie in Hollywood … Und nun das. Wenn der Gürtel nicht verbrannt wäre … Wie kam er jetzt darauf?

„Stellen wir uns einmal vor, der erlöste Werwolf hat die Mühle verlassen, der Müllerbursche will sich schlafen legen, schaut noch einmal nach dem mittlerweile heruntergebrannten Feuer und – entdeckt in der Asche den unverbrannten Gürtel … Ihn packt die Neugierde – oder ist es ein innerer Zwang? Wie dem auch sei, er schnallt sich den Gürtel um und …“

„Moment mal! Hatte der Müllerbursche den Gürtel nicht durchgeschnitten?“

„Richtig. So heißt es in der Überlieferung. Und ich habe lange darüber nachgedacht. Hat vielleicht der Teufel dem Gürtel die Fähigkeit verliehen, sich zu regenerieren? Oder konnte der Müllerbursche den Gürtel reparieren, ohne dass der seine Zauberkraft einbüßte? Ein gewebter Gürtel ist ja auch leichter zu reparieren als einer aus Leder.“

„Apropos“, unterbrach ich erneut. „War denn in der Überlieferung nicht auch die Rede davon, dass der Gürtel aus Leder war …?“

„Richtig. Noch so eine Ungereimtheit, über die ich viel nachgedacht habe. Bis ich dann endlich auf die Lösung, oder besser die richtige Frage kam: Wer hat eigentlich von den Ereignissen in der Mühle berichtet? Es gab ja schließlich nur zwei Augenzeugen: den erlösten Werwolf, der bestimmt kein Interesse daran hatte, dass die Opfer seiner Untaten erfuhren, wer der Täter gewesen war, und den Müllerburschen – der schon am nächsten Morgen dem Ritter von den Geschehnissen berichten musste. Es spricht also alles dafür, dass die Überlieferung auf den Müllerburschen zurückgeht. Was dieser aber dem Mühlenbesitzer – und auch gewiss noch vielen anderen – von seinem siegreichen Kampf mit dem Werwolf erzählt hat, muss ja nicht die volle Wahrheit gewesen sein … Sollte er sich, wie ich vermute, in der Nacht noch den Werwolfsgürtel umgeschnallt haben, hatte er schließlich auch allen Grund, kein Sterbenswörtchen davon verlauten zu lassen, was in dieser Nacht wirklich geschehen war …“

„Und was ist Ihrer Meinung nach wirklich geschehen?“

„Nun, da gibt es ja, wie ich schon andeutete, zunächst einmal wieder zwei Möglichkeiten. Möglichkeit Nummer 1: Der Müllerbursche ist einfach nur neugierig. Er bindet sich den Gürtel um und verwandelt sich in einen Werwolf. Möglichkeit Nummer 2: Der Müllerbursche hat gar keine Wahl. Der Zauber ist auf ihn übergegangenen, er muss dem Zwang gehorchen, sich den Gürtel umzulegen. In Ostwestfalen-Lippe gibt es eine Überlieferung, dass der Werwolf seine Verwandlungsgabe weitergeben muss, bevor er stirbt, weil er ansonsten endgültig dem Teufel verfällt. Eine andere Überlieferung – aus der Gegend um Minden – besagt, dass sich ein Werwolf nur befreien kann, wenn er seinen Gürtel verschenkt. Was allerdings zur Voraussetzung hat, dass der Beschenkte den Gürtel freiwillig annimmt … Aber trifft das nicht auch auf unseren Müllerburschen zu …? Genau genommen hat ihn ja niemand gezwungen, den Gürtel zu behalten … Aber das sind Spekulationen, die uns nicht weiterbringen. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass der Müllerbursche, als er sich in dieser Nacht – aus welchem Grund auch immer – den Werwolfsgürtel um die Hüfte legte, aller Wahrscheinlichkeit nach selbst dem teuflischen Zauber erlegen und zum Werwolf geworden ist.“

Die Geschichte war zu Ende. Und so merkwürdig es klingen mag – mein Gegenüber wirkte irgendwie entspannt. Als wäre er froh, die Geschichte los zu sein. War ich der Erste, dem er sie erzählte? Ich, ein völlig Fremder, den er zufällig im Park getroffen hatte. Oder war es gerade die Tatsache, dass wir uns nicht kannten, die ihm wichtig war? Brauchte er jemand, dem er von seinen „Erkenntnissen“ berichten konnte, der ihm aber nicht nahe stand, ihm nicht wichtig war? Bei dem es keine Rolle spielte, wenn er ihn anschließend für verrückt erklärte … Nachdem er ihm seine neue Version einer alten Werwolfsage erzählt hatte, die er aber offensichtlich nicht für eine Sage hielt … Und dabei wirkte er alles andere als verrückt – machte im Gegenteil einen sehr intelligenten, belesenen, kultivierten Eindruck. Auch wirkte er beileibe nicht wie ein Fantast. Warum aber war er dann so überzeugt von dieser fantastischen, völlig abwegigen Geschichte, die er mir erzählt hatte?

Wie würde er auf diese Frage reagieren? Ich würde es erleben – aber erst wenn ich zurück war. Da ich davon ausging, dass seine Antwort länger ausfallen würde, entschuldigte ich mich erst mal, um einem anderen Bedürfnis, das sich allmählich bemerkbar machte, nachzugeben. Seine Augen hatten nichts Bedrohliches mehr an sich, wirkten lediglich belustigt, als er mir zunickte und ich mich erhob, um die Toilette aufzusuchen. Wenn ich geahnt hätte, wie die Sache weiterging, hätte ich das noch nicht allzu dringende Bedürfnis wohl noch eine Weile unterdrückt.

Den Gang vom Gastraum zu den Toiletten nutzten die Eigentümer des Restaurants, um ein wenig von der wechselvollen Geschichte ihres traditionsreichen Hauses zu präsentieren. Alte Zeichnungen, Fotos und Zeitungsartikel dokumentierten das vermutliche Aussehen der alten Wassermühle ebenso wie die imposanten Ausmaße der beliebten Ausflugsgaststätte mit Biergarten aus der Zeit um 1900, die in den 1930er Jahren über 3.000 Gäste aufnehmen konnte, ehe sie im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges unterging und dem Erdboden gleich gemacht wurde. Und dann der Neuanfang Ende der 1950er Jahre: Zur Bundesgartenschau 1959 entstand ein neues Restaurant im Stil der Zeit. Die Zeitungen berichteten schon von den Bauarbeiten. Und einer dieser Artikel war es auch, an dem mein Blick hängen blieb, als ich auf dem Rückweg zum Gastraum war.

Genau genommen war es gar nicht der Artikel selbst, der meine Aufmerksamkeit erregte, sondern das Foto, das zum Artikel gehörte: Ein junger Mann hielt irgendetwas in die Kamera, das sich bei näherem Hinschauen als kleines, offenbar hölzernes Kästchen mit einem Kreuz auf dem Deckel entpuppte. Laut Bildunterschrift war der Mann der „glückliche Finder“ des Kästchens, das bei Ausschachtungsarbeiten im ehemaligen Mühlenteich zutage gefördert worden war.

Ich las auch den Artikel: „Mysteriöser Fund bei Bauarbeiten für die Buga“. Der Finder des Kästchens, so hieß es dort, sei ein offenbar zufällig anwesender Archäologe gewesen. Ein Fachmann also, der sich aber mit Interpretationen seines Fundstücks sehr zurückhielt. Das Kästchen war, so viel stand fest, von nicht sehr kundiger Hand geschnitzt und auch nicht fachgerecht zusammengefügt worden. Bis auf das Kreuz trug es keinerlei Verzierungen, und auch das Kreuz wirkte eilig und mit wenig Geschick in den Deckel geritzt. Da somit jeglicher Anhaltspunkt für eine Datierung fehlte, konnte auch der Archäologe nicht einmal ungefähr sagen, wie alt das Stück sein mochte. Immerhin stellte er aber zur Funktion des Kästchens eine erste Vermutung an: So grob und unbeholfen es gefertigt war, konnte man wohl davon ausgehen, dass es dem Hersteller nicht auf das Aussehen, sondern auf die Funktion angekommen war. Und für das in den Deckel eingeritzte Kreuz konnte die Tatsache, dass es nicht zur Zierde angebracht worden war, eigentlich nur bedeuten, dass ihm eine schützende Funktion zugedacht war: es sollte den Inhalt des Kästchens schützen – aber wovor? Um diese Frage zu beantworten, musste man zumindest erst einmal den Inhalt kennen.

Obwohl ihm das gewiss später die Kritik seiner Fachkollegen einbringen würde, hatte der Archäologe dem Drängen der Umstehenden – und seiner eigenen Neugier – nachgegeben und das Fundstück noch vor Ort geöffnet. Der Inhalt war eine herbe Enttäuschung gewesen für die meisten der Bauarbeiter und Spaziergänger, die dem Archäologen voller Spannung zugeschaut hatten, als er den Deckel vorsichtig entriegelt und aufgeklappt hatte. Kein Gold, kein Silber, keine Edelsteine … Ein Stück Stoff und zwei rostige Eisenteile waren der ganze Inhalt des Kästchens gewesen. Der Stoff war grob gewebt, eine Art Gurt oder Gürtel, den man aufgerollt hatte, damit er in das Kästchen passte. Die Eisenteile waren zum Schluss in die Windungen des aufgerollten Gurtes hineingesteckt worden. Obwohl sie nur zum kleinen Teil sichtbar waren, erkannte man eine abgebrochene Messerklinge und eine altertümliche, aus einem Stück geschmiedete Schere, der eine ihrer beiden Klingen fehlte. Der Archäologe entdeckte dann noch ein paar kleine schwarze Flecken, offenbar von Russ herrührend, auf dem Stoff des Gurtes – mehr war aber auch beim besten Willen nicht erkennbar. Alles Weitere konnte nur im Labor festgestellt werden, in dem das Fundstück über kurz oder lang zur weiteren Untersuchung landen würde.

Der Rest des Artikels interessierte mich nicht mehr – es ging um den Fortgang der Bauarbeiten für die Bundesgartenschau –, denn meine Aufmerksamkeit galt bereits einem zweiten Artikel, der neben dem ersten an der Wand hing und zwei Tage später im selben Blatt erschienen war. Er trug die Überschrift „Mysteriöses Fundstück wieder verschwunden“.

Offenbar war das Kästchen aus einem Bauwagen, in dem man es über Nacht deponiert hatte, gestohlen worden. Der Fund war kurz vor Feierabend gemacht worden, und die Bauleitung hatte nicht so recht wohin gewusst damit. Die Fachleute vom Denkmalamt waren erst am nächsten Morgen wieder erreichbar. Dann erst würde sich auch herausstellen, worum es sich bei dem merkwürdigen Kästchen handelte – um ein wertvolles Fundstück oder wieder nur Abfall, von dem man bereits etlich Kilo aus dem Bett des ehemaligen Mühlenteiches gebuddelt hatte. Dass es sich um ein so kostbares Stück handeln könnte, dass jemand den Bauwagen dafür aufbrechen würde – damit hatte von den Beteiligten offenbar niemand gerechnet.

Doch die Sache wurde noch mysteriöser … Als die Polizei den Finder des Kästchens befragen wollte, stellte sich heraus, dass niemand seinen Namen notiert hatte. Aber es gab ja das Foto in der Zeitung – das jedoch, wie sich herausstellte, nicht den Archäologen, sondern einen der Bauarbeiter zeigte … Es schien fast so, als habe der junge Mann, der sich den Bauleuten als Archäologe vorgestellt hatte, nicht bloß zufällig die Ausschachtungsarbeiten beobachtet … Hatte er gewusst – oder zumindest vermutet –, was man hier finden würde? Und dann das Fundstück an sich gebracht? Nachdem er sorgfältig darauf geachtet hatte, dass er auf keinem der Fotos zu sehen war … Doch das waren nur Spekulationen. Fest stand lediglich, dass der Bauwagen aufgebrochen und das Fundstück entwendet worden war.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte die merkwürdige Geschichte auch ein paar Spinner angelockt, die sich bei der Zeitungsredaktion mit, wie sie meinten, sachdienlichen Hinweisen gemeldet hatten. Einen davon erinnerten die Messerklinge und die Schere an eine alte Sage aus seinem Heimatort Ergste. Dort sollen einst zwei Jungen einen Werwolf besiegt haben, indem sie ihm ein Messer und eine Schere über den Kopf warfen. Der eine Junge hatte das Messer geworfen, der andere die Schere; beide Teile hatten sich über dem Kopf des Werwolfes gekreuzt und mussten dann von ihren Werfern wieder aufgefangen werden. Hätte das nicht geklappt, wären beide Jungen vom Werwolf zerrissen worden … So die etwas wirre Geschichte, die der pflichtbewusste Hinweisgeber auch schon der Polizei erzählt hatte. Weil ihm dort aber nicht die erhoffte Aufmerksamkeit zuteilgeworden war, hatte er sich an die Zeitung gewandt. Genauso wie der Zeitgenosse, den die Tatsache nicht ruhen ließ, dass das gefunde Kästchen einst wohl in den Mühlenteich geworfen worden war. Er zitierte gleich ein Wörterbuch des Aberglaubens, in dem es hieß, Wasser sei das beste Abwehrmittel gegen die Dämonen … Die bösen Geister seien schmutzig, hielten sich mit Vorliebe im Schmutz auf und ließen sich daher mit klarem Wasser vertreiben. Da nun das gefundene Kästchen mit dem Dämonen abwehrenden Kreuz auf dem Deckel ins Wasser geworfen worden sei, sollte sein Inhalt offenbar doppelt vor dem Zugriff der bösen Geister geschützt werden … Als dann am Schluss des Zeitungsberichtes noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass die Polizei auf weitere sachdienliche Hinweise zum Verschwinden des Kästchens hoffe, war das Wort „sachdienliche“ unterstrichen.

Der dritte Zeitungsartikel war verschwunden. Denn dass es drei gewesen sein mussten, erkannte man deutlich an den Umrissen des hellen Fleckes an der Wand, der die gleiche Größe hatte wie die Platten, auf die man die Reproduktionen der ersten beiden Artikel aufgezogen hatte. Nun würde ich nicht mehr erfahren, wie die Geschichte ausgegangen war. Es sei denn …

Der Groschen war zwar etwas spät gefallen, aber jetzt wusste ich, warum der Mann so überzeugt war, dass der Gürtel nicht verbrannt war. Weil er in den 1950er Jahren noch existiert hatte! Und vielleicht heute noch existierte. Ich hatte es plötzlich sehr eilig, zurück in die Gaststube zu kommen …

Unser Tisch war leer. Das heißt, nicht ganz leer … Wo das Kognakglas meines Gegenübers gestanden hatte, lag jetzt ein kleiner Gegenstand aus Metall und daneben ein Stück Papier: der Bon der Kellnerin, wie sich herausstellte. Auf die Rückseite hatte jemand geschrieben „Zur Erinnerung“. Der Gegenstand aus Metall war eine kleine altertümliche Schere, geschmiedet aus einem einzigen Stück Eisen – einem halbkreisförmigen Bügel mit dreieckigen Schneiden an beiden Enden. Wenn man die beiden langen Schenkel zusammendrückte, glitten die Schneiden übereinander und zerschnitten, was sie zerschneiden sollten. In diesem Falle die Stängel von Kräutern, denn es handelte sich um eine Kräuterschere, wie ich sie aus Shops von Museen kannte. Dort verkaufte man sie Besuchern, die zuvor staunend die alten Scheren in den Museumsabteilungen zum Mittelalter oder zur frühen Neuzeit betrachtet hatten. Ein Souvenir, das gleichzeitig nützlich war. Und nun lag eines davon vor mir auf dem Tisch, zur Erinnerung … Und der, der es hinterlassen hatte, wusste offenbar genau, an was es mich erinnern würde – an eine zerbrochene Schere, die aus einem zusammengerollten Gürtel herausragte, in einem hölzernen Kästchen mit einem Kreuz auf dem Deckel …

Ich rannte los. Doch es war zu spät. Draußen war niemand mehr zu sehen, außer einem Hundebesitzer. Und selbst den konnte ich in der beginnenden Dämmerung nicht mehr erkennen. Nur seinen Hund sah ich unverdrossen durch den strömenden Regen traben. Es war ein großer, schwarzer Hund, der es eilig zu haben schien, nach Hause zu kommen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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