Rüdiger Wulf

Im Allgemeinen noch ziemlich düster

Dortmunder Leben um 1850

Eine Collage aus – zuweilen leicht bearbeiteten – Kindheitserinnerungen und anderen Texten des Dortmunder Journalisten und Schriftstellers Karl Prümer (1846-1933)

 

Am 15. August des Jahres 1844 heiratete unser Vater im 32. Jahre seines Lebens die Tochter eines verstorbenen Ratsherrn der Stadt Dortmund. Sie war am 4. Mai 1824, einen Tag vor dem Tode ihres Vaters, geboren. (1)

Hoffnungsfreudig, trotz aller Mühen und Sorgen, zog das junge Paar ins Pfarrhaus, das erst wenige Jahre vorher erbaut war. Es lag nach Westen hin an der Klettergasse, die nach Jahr und Tag durch die fiskalische Weisheit in Kleppingstraße, zur Erinnerung an eine alte, längst ausgestorbene Patrizierfamilie, umgetauft wurde, obgleich der ältere Name viel zutreffender gewesen wäre.

Denn das Durchschreiten der Gasse, mangels jeglicher Beleuchtung in der Stadt, erforderte eine nicht unbedenkliche Kletterei, bei der spießbürgerlichen Unsitte, in den Gassen auch noch Düngerfälle und Mieten für Futterrüben und dergleichen anzulegen, ganz unbekümmert um die Schädel und Gliedmaßen oder den Geruchsinn der Mitbürger.

Denn hoch erhaben über diese zarte Rücksichtnahme stand den biederen, aber ziemlich rauborstigen Alten das Wohlbefinden ihres Borstentieres, das übrigens Westfalens Ruhm in die fernsten Länder getragen hat. (1)

Die Reinlichkeit ließ überhaupt viel zu wünschen übrig. Vor zahlreichen Häusern lagen noch die Düngerhaufen. Bei der vorgeschriebenen Straßenreinigung am Samstag galt es, allen Schmutz und Abfall einfach dem Nachbarn zuzuschieben und es diesem zu überlassen, für die weitere Fortschaffung Sorge zu tragen.

An den Düngerstätten befanden sich auch die Aborte, oder sie hingen als hölzerne Verschläge zwischen den Häusern. Und da in den engen Gassen zwischen den Häusern keine Senkgruben anzubringen waren, so staute sich hier der Unrat, bis ein mächtiger Regen ihn zerteilte und in die niedrig gelegenen Stadtteile trieb. (4)

 

Als die einst so mächtige Reichs- und Hansestadt zu einem armseligen Ackerstädtchen herabgesunken war, zogen allabendlich in der Weidezeit die Kühe von der Gemeinweide in die Stadt. (2)

Als noch der weitaus größte Teil des Mauergürtels die einst so wehrhafte Stadt umzog und mit dem Ackerbau auch die Viehzucht blühte, war es eine Freude für jung und alt, zu sehen, wenn abends durch verschiedene Tore der Stadt das prächtige Weidevieh seinen Einzug hielt.

Vornehmlich waren es die Öster- und Westerviehgasse, die heutige Weißenburger- und Schützenstraße, und die Borgpforte (das Burgtor), durch die es die Bauerschaftshirten trieben.

An den Toren der Stadt standen dann Kuhmägde und Burschen, welche ihre „Schwatte“, „Rauhe“, „Bleß“ oder „Bünte“ in Empfang nahmen.

Aber eine Anzahl Kühe musste „ungeleitet nach Hause gehen“. Und sie konnte es, wenn auch ihr Begriffsvermögen, wie überhaupt das der Tiere im allgemeinen, von dem der anmaßenden Menschheit wesentlich unterschätzt zu werden pflegt.

Drollig schaute es aus, wenn bei einem solchen Einzug in die Stadt an den Nebenstraßen eine Kuh nach der andern aus dem Trop schied und ohne jeglichen Laut und Abschied abbog, ihre Weidegenossen ihrem Schicksal überließ und ihrem Stall zustapfte, an dessen Tür sie einen Trompetenton erschallen ließ, der soviel heißen sollte, wie: wird’s nun bald?, und die Hausfrau, ihre Pflegemutter, einen dienstbaren Geist herbeirief, der ihr die Stalltür öffnete. (4)

Hierbei versäumten es die Tiere selten, dem Stoffwechsel seinen Tribut zu bringen, zum Leidwesen der Anlieger, die noch für die Straßenreinigung selbst zu sorgen hatten. (2)

 

Bis über die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts hinaus trug die jetzige Rheinische Straße die Bezeichnung „vor dem Westentore“, hieß die Sedanstraße (heute Brinkhoffstraße): Westerviehgasse, die Weißenburger Straße: Österviehgasse, die Hohestraße: „vor dem Wißstraßentor“ und im weiteren Verlauf des Weges: Chaussee oder Weg nach Brünninghausen, die Märkische Straße: Chaussee nach Hörde, die Kaiserstraße: „am Weg nach Körne“, die Bornstraße: „vor dem Kuckelken Tor“, die Münsterstraße: „an der Borgchaussee“, die Steinstraße: „auf der Borgmärsch“ usw. (3)

Außerhalb der Wälle stand noch kein einziges Wohnhaus. Von der Stadt und namentlich von den Wällen aus, die zahlreichen Bürgern und ihren Kindern zu Spaziergängen dienten, konnte man noch weithin ins gesegnete Land des Hellwegs und auf die wogenden Kornfelder schauen.

Wohltuender Abendfrieden herrschte noch in dem kleinen Städtchen, zeitweilig unterbrochen von dem Gequake der Frösche, das aus den zahlreichen Teichen und Wassergräben des Nordens drang. (4)

Die Weiden lagen nördlich der Stadt. Im Osten und Süden, beziehungsweise im Westen, fanden sich vorwiegend Korn-, Kartoffel-, Futterrüben- und Flachsfelder, aber auch, unweit der Wallmauern, Gartenstücke.

Letztere waren vereinzelt eingefriedet und auch wohl mit einem sogenannten „Lusthüsken“, einem kleinen einräumigen Bau, versehen, worin die Leute Schutz gegen die Unbillen der Witterung suchten, Gartengerät unterbrachten, aber auch kleine Familienfeste feierten, bei Kaffee und „Banket“, d.h. bei Brezeln und Zwiebäcken. (4)

 

Die Stadt mit ihren altersgrauen Wallmauern, Türmen, Bastionen war längst von ihrer einstigen Höhe herabgesunken zu einem kleinen Ackerstädtchen mit großen Höfen und einer Einwohnerzahl von ungefähr 7.800 Einwohnern. Einer kannte den andern und wusste Bescheid von dessen Freud und Leid und nahm teil daran. (1)

Im allgemeinen war es noch in den Straßen der Stadt und in den Köpfen der Menschen ziemlich düster. Noch durcheilten nächtlicherweile Spukgestalten die Straßen und Gassen der Stadt. Und wenn um 9 Uhr die Betglocke im Turm der Reinoldikirche läutete, wagten manche Bürger, aus Furcht vor Gespenstern, nicht mehr aus dem Hause zu gehen und krochen ins Bett und ließen den Mond am Himmel stehen und die stille Welt besehen.

Und im Jahre des Heils 1845 war es, als der Magistrat, in der Erkenntnis, dass man sich, mangels des wohlfeilen Mondlichtes, bei einem abendlichen Spaziergang durch die stockdüsteren Gassen mit Leichtigkeit den Schädel einstoßen, in eine Straßenpfütze stürzen, oder über einen Düngerhaufen schießen konnte, der noch recht ländlich-sittlich manchem Hause vorgelagert war, folgende Bekanntmachung erließ:

Um zu erfahren, ob die Straßenbeleuchtung in der Stadt wirklich die gewünschte allgemeine Teilnahme findet, wird eine Subskriptionsliste zur Deckung der Kosten für die erste Anschaffung von Laternen und das Aufhängen derselben umhergeschickt werden, indem aus der Kämmereikasse nur die Kosten für Öl und Unterhaltung der Laternen übernommen werden können. Die verehrte Bürgerschaft wird aufgefordert, reichliche Beiträge hierfür zu zeichnen, damit die in mehrfacher Hinsicht so wünschenswerte Straßenbeleuchtung zustande kommen möge usw.

Und der Straßenbeleuchtung bedurfte die Stadt dringend, denn eine Anzahl Straßen oder Gassen war nicht gepflastert und wies nur Springsteine auf, mit deren Hilfe die manchmal äußerst morastige Straße nur passierbar war. Aber wehe dem, der in der Dunkelheit den Stein verfehlte, ausglitt und in den Morast schlug.

Die Honoratioren ließen sich nächtlicherweile, namentlich bei Aufführungen und Konzerten, durch einen dienstbaren Geist mit einer großen, sogenannten Visitenlöchte (Laterne) das Geleit geben, der die Steine beleuchten, auch wohl die gnädige Frau auf den Armen durch die schmutzigen, morastigen Straßen tragen musste.

So sah unsere Vaterstadt aus, als unser Elternpaar ins Pfarrhaus von St. Marien zog. (1)

Der Aufruf an die Bürgerschaft um Beihilfe für Beschaffung von Straßenlaternen war nicht erfolglos verhallt: Im Jahre 1846 erhielten die Dortmunder die ersten Straßenlaternen. Sie hingen zwischen zwei hölzernen Pfählen an einer Kette, konnten mittels einer Kurbel herabgelassen und wieder emporgewunden werden.

Das Öllicht in den Laternen war zwar noch Jahre lang außerordentlich kümmerlich, jedoch wesentlich heller als das einer glühenden Zigarre. Auch langte es, zu verhindern, dass sich die Leute in seiner unmittelbaren Nähe vor den Bauch liefen, während dies, entfernt von ihm und bei mangelndem Mondlicht, häufig geschah. (1)

 

Am 23. Mai des Jahres 1846 wurde es im Pfarrhause von St. Marien lebendig. Eilfertigen Fußes erschienen die Hebamme Frau Th. und auch Doktor K., und mit deren Hilfe wurde, unter lautem Protest des Objekts, ein Wesen zutage gefördert, das seinen Vater vollständig aus dem Text brachte und das ihm gleich bei seiner Ankunft, wie auch später oft genug noch, sehr ungelegen kam, besonders wenn es sich mit metallischen Ansprüchen trug.

Zunächst schneite es nämlich mitten in die Vorbereitungen zu einer Predigt hinein. Aus diesem Umstande wurde nun geschlossen, dass sich der neue Ankömmling von Anfang an als Quertreiber erwiesen habe, wenn er auch in der allgemein gebräuchlichen Weise den Weg ins Dasein nahm.

Trotz der Unruhen, die das neue Wesen, unser Erstgeborener, ins Pfarrhaus brachte, herrschte dort schon bald ein stilles Glück.

Einige Tanten zogen aus dem Umstand, dass der Neugeborene beinah in die Predigt hineingeschneit war und als Vorfahren mehrere Geistliche gehabt hatte, den Schluss, dass er dereinst sicherlich auch ein Pfarrer werden und seine Stimme von der Kanzel ertönen lassen würde, wie er sich lauthals hatte vernehmen lassen, als er widerwillig in die diesseitige Außenwelt befördert war. Allein diese Propheten-Tanten wurden, welches vorab schon bemerkt werden kann, vom Schicksal gründlich enttäuscht. (1)

 

Es herrschte noch tiefe Stille in der Wochenstube, das in Öl schwimmende kleine Nürnberger Nachtlicht erhellte sie nur spärlich. Allein auch das nur gering erleuchtete Fenster veranlasste die Vögel der Minerva, die Eulen, wenn sie nächtlicherweile unsere alte Scheune verließen und ihren lautlosen Rundflug machten, beim Anblick des spärlich erhellten Fensters einen schrillen Schrei auszustoßen, wobei ihnen flatternde Fledermäuse das Geleit gaben, und der alte Bezirksnachtwächter Wilhelm Flasche, ausgerüstet mit Spieß und Laterne, seinen Wächterruf erschallen ließ:

Hört ihr Herren und lasst euch sagen, / Die Glocke hat schon zehn geschlagen. / Bewacht das Feuer und das Licht, / Dass diese Nacht kein Schaden geschicht, / Und lobet Gott den Herrn.

Auch tutete er nach diesem Wächtersang in sein wenig gebogenes Horn, so laut, dass die Katzen erschrocken über das Pfanndach fuhren.

Unser Neugeborener aber schlief den Schlaf des Gerechten und ließ die Sterne auf alle Müden scheinen. Als dann, nach wenigen Wochen, die Mutter wieder hinlänglich genesen und gekräftigt war, fand seine Taufe statt, wobei er die Vornamen Franz Karl empfing. (1)

 

Ein wunderlicher Kauz war der Bezirksnachtwächter Wilhelm Flasche. Er war vom hohen Rat mit der nächtlichen Überwachung des östlichen Stadtviertels betraut. Seines Amtes waltete er auch nach besten Kräften. Nur wenn er sich durch die Freigiebigkeit der Wirte, in deren Häusern er Feierabend bieten musste, eine akute Alkoholvergiftung zugezogen hatte, trat seine Frau als Assistentin für ihn ein, schnallte sich den Säbel um, nahm das Horn zur Hand und blies die Stunden ab.

Und wenn die alten Spießer nur den Hornruf hörten, waren sie befriedigt und zogen sich im Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit die Nachtmütze über den Kopf und ließen den Mond am Himmel stehn und die stille Welt besehn.

Im Stundenabblasen überbot aber der Mann wesentlich seine Ehehälfte. Zum Leidwesen all derer, die sich nur eines leichten Schlafes erfreuten, aber zur Freude der Spitzbuben, für welche diese Hornrufe eine Mahnung waren, sich möglichst frühzeitig auf und davon zu machen, um zu gelegener Zeit ihr dunkles Handwerk fortzusetzen.

Zu den Unzufriedenen, welche durch das laute Blasen des Nachtwächters Flasche fast regelmäßig im Schlaf gestört wurden, gehörte auch die in einem kleinen Hause an der Ecke der Olpe und der Klettergasse wohnende Frau B.

Und sie hatte wohl Ursache dazu, denn der ziemlich langbeinige Flasche blies der Frau fast ins Fenster der kleinen Schlafstube.

Als dies eines Nachts wieder der Fall war, sprang die verärgerte Frau aus dem Bett, riss das Fenster auf und schimpfte, dass es die ganze Nachbarschaft hören konnte: „Käl, wann du dat verdammte Blosen nit drangiest, geit ek di dat ganze Nachtgeschirr op’n Kopp. Nu sin’k et ower läid, also miärk di dat, nu wäißt du Beschäid.“

Diese fürchterliche Drohung veranlasste Flasche zwar, bei seinem nächtlichen Rundgang in respektvoller Entfernung vom Bereiche der Wiedertaufe zu bleiben, dafür ließ er aber von der Ecke des benachbarten Pfarrhofes aus nunmehr seine Hornrufe noch in wesentlich verstärktem Maßstabe ertönen. (3)

Aber was wurde nicht auch alles von dem armen Nachtwächter für seine 30 Taler Jahresgehalt verlangt! Das ganze Jahr sollte er, überflogen von Eulen und Fledermäusen, die noch in vielen Scheunen Altdortmunds reichlich Unterschlupf fanden, durch die fast stockdüsteren Straßen ziehen, die noch mit Düngerhaufen und anderen Störungen des freien Verkehrs belegt waren, sollte sich mit Werwölfen und anderen Spukgestalten herumschlagen, die noch bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts in den Köpfen der Bürger lebten. (2)

In jener Zeit trieb noch der Werwolf in der Klettergasse sein Unwesen, irrte der gespenstische Knüppelhund mit tellergroßen Augen durch die nächtlichen Gassen, der dem Wanderer einen heillosen Schrecken einjagte und immer mehr wuchs, so dass er schier in die Räume des Oberstocks zu schauen vermochte, um endlich wieder zusammenzuschrumpfen zu seiner natürlichen Gestalt, wenn die Geisterstunde ihr Ende erreichte. (1)

Der Glaube an den Wer- oder Mannwolf, der in Westfalen auch Büxenwolf genannt wurde, hat sich in Dortmund bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erhalten. Man glaubte, dass er den Leuten bei einem abendlichen oder nächtlichen Gang durch die Straßen der Stadt hinterrücks auf die Schulter spränge und der Überfallene ihn so lange tragen müsse, wie es dem Werwolf gefiel.

Nach der Aufzeichnung eines Chronisten gab es eine Stelle auf der Brückstraße, an der wiederholt solche Überfälle von einem Werwolf stattgefunden hätten, weswegen jene Stelle lange Zeit nächtlicherweile gemieden worden sei.

Es hieß hier auch, dass der Werwolf in Herden einfalle und auch auf Menschen losgehe. Ferner: würde ein Werwolf verwundet oder getötet, so fiele sofort der Zauber von ihm ab und er erschien alsdann als verwundeter oder toter Mensch. Dem Namenanruf hielt er auch nicht stand, sondern erschien dann als nackter Mensch. (4)

 

Die Spitzbuben, Einbrecher und Raufbolde sollte der Nachtwächter selbstredend in erster Linie den Bürgern vom Halse halten, während sich diese, die Zipfelmütze über den Kopf gezogen, in ihren Bettungeheuern ausruhten und den Mond am Himmel stehen und die stille Welt besehen ließen.

Weiter sollten sie den Schutzengel spielen für die Bürgersleute, sofern sich diese mal eine akute Alkoholvergiftung zugezogen hatten und mit ihren stotternden Beinen nur mühselig und bisweilen gar vergeblich gegen die Anziehungskraft der Erde ankämpften.

Und welches war ihr Lohn, wenn sie nach mancherlei Kreuz- und Querfahrten der Gattin die feuchtfröhliche Ehehälfte ans Herz legten? Eine Gardinenpredigt, die selbst die neugierige Nachbarschaft aus den Betten rief und sie ans Fenster lockte, hatten sie mit anzuhören und konnten dabei froh sein, wenn auch über sie nicht noch ein Hageldonnerwetter niederfuhr.

Durch üble Erfahrungen belehrt, verzichteten übrigens die Nachtwächter später gern auf jegliche Belohnung für nächtliche Samariterdienste und liefen Hals über Kopf davon, wenn sie ihr „Paket menschlicher Unbeholfenheit“ ans Haus gestellt und die „Gnädige“ aus dem Bett geklopft oder geschellt hatten, um nicht eine Wiedertaufe aus der Höhe an sich zu erfahren. (2)

 

Unser Nachbar Mallinckrodt lud unsern Vater ein, gleich nach der feierlichen Eröffnung der Köln-Mindener Bahn (1847) die erste Fahrt von Dortmund nach Hamm mit anzusehen. Dabei waren viele Leute zur Stelle. (1)

Zahlreiche Köpfe sah man über die alte Stadtmauer schauen, um das „Ungeheuer“, Lokomotive genannt, zu erblicken. Dabei veranlasste die Angst manche Bürger, sich nicht hinter der schützenden Wallmauer hervorzuwagen, anstatt den „Drachen“, der ganze Länder durchraste und in unheimlicher Schnelligkeit Menschen und Tiere, Kohle und Eisen und allerlei andere Waren durch die Lande trug, aus nächster Nähe zu betrachten oder gar der ersten Probefahrt beizuwohnen. (4)

Später wurde noch erzählt, dass Landleute, aus Furcht vor der Lokomotive, in wilder Flucht davon gelaufen seien. (1)

Allein auf einen großen Teil des städtischen Publikums hatte doch das Erlebnis der Eisenbahnfahrt einen nachhaltigen Eindruck gemacht und die Erkenntnis gefestigt, dass mit der Dampfmaschine allen Menschen der größte Revolutionär der Weltgeschichte erstanden sei. (1)

Die Einsichtigen erhofften von der Einrichtung der Eisenbahn eine neue Blüte für die Stadt und verbanden damit die Hoffnung, dass mit der Inbetriebsetzung der Eisenbahn auch ihre eigenen Grundwerte steigen würden.

Die kurzsichtigen Spießer dagegen, deren Losung lautete: Die Stadt den Städtern, wetterten gegen die Eisenbahnen, wie es ihre engherzigen Vorfahren schon getan hatten, als sie sich mit Hand und Fuß dagegen gewehrt hatten, dass eine Verkehrsstraße, eine Chaussee, die Stadt berührte, weil sie fürchteten, dass eine solche viel „fremdes Volk“ in die Stadt brächte. (1)

Die alten Dortmunder freien Reichsstädter hatten sich dagegen gewehrt, dass die neu anzulegende Staatsstraße die Stadt berühre. Infolge dieser Weigerung sah sich die Landesregierung veranlasst, die Staatsstraße über Brünninghausen zu führen und ebendaselbst auch die Poststation hin zu legen.

Die Dortmunder waren fortan gezwungen, sofern sie verreisen wollten, ihr Gepäck nach Brünninghausen schaffen zu lassen und dafür zu sorgen, dass sie auch selbst dorthin kamen. Ebenso mussten Postsendungen für sie von dort abgeholt werden, sofern sie nicht durch die Thurn und Taxissche Reichspost ankamen, welche in Dortmund ein Postamt besaß. (2)

Im Jahre 1847 stand dann der Bahnhof ziemlich vollendet da und wurde mit der Eröffnung der Köln-Mindener Strecke eingeweiht. Eine kleine, man kann sagen erbärmliche Holzbude dabei bildete anfänglich das „Postgebäude“, welches sich aber immer noch Jahre lang als geräumig genug erwies, um den zuständigen Postbeamten und den eingelieferten Briefen und Paketen genügenden Raum zu lassen. (2)

 

Und wieder kam der Storch ins Pfarrhaus und brachte den zweiten Jungen im Aprilmonat 1849, zwei Jahre später erschien der dritte im März 1851, in der Adventszeit des Jahres 1853 der vierte, und endlich im Juni des Jahres 1856 der fünfte.

Nun vermutete man, dass der Storch so viel Einsehen gehabt hätte, seine zappelnden und zweibeinigen Geschenke in andere Häuser zu bringen, die auch Verlangen nach Nachwuchs hatten. Allein, dass die Störche ihren eigenen Kopf haben, mussten schon manche einsehen. Im Januar 1858 brachte er auch noch ein Mädchen. Außerdem hatte der Storch noch zwei Mädchen abgeliefert, die aber schon im zarten Kindesalter von uns gingen, zum großen Leidwesen der Mutter. Sie mochte keines der Kinder entbehren, und jedes hatte ihr doch Sorge genug gemacht. (1)

 

Ein bedeutungsvoller Tag für unseren Erstgeborenen war der Tag seines Eintritts in die Volksschule gewesen. Entgegen andern Kindern begrüßte er diesen als eine Erlösung. Mit Sorgen und Bangen hatte er in der Studierstube des Vaters gesessen, um schon in etwa in die Geheimnisse der Schriftzeichen eingeweiht zu werden, dabei aber den Mangel im Kopf am Nacken büßen müssen, weswegen er Veranlassung nahm, in kindlicher Torheit darüber nachzudenken, womit die Deutschen es verdient hätten, mindestens zweierlei Schriftzeichen zu üben und die Niederdeutschen insbesondere auch zweierlei Sprachen lernen zu müssen, die schon der Verkehr im eigenen Lande erforderlich machte.

Ein altes niederdeutsches Wort sagt nun mit Recht: „Wat dem Äinen sine Ule is, is dem andern sine Nachtigall.“ Unserem Ältesten war also der Eintritt in die Volksschule die Nachtigall, den meisten anderen in Bezug auf Stillsitzen und die hochdeutsche Sprache die Ule.

Und dieser Umstand blieb für den Lehrer um so mehr ein Übel, da die hochdeutsche Sprache, in der er unterrichten und seine Pflegebefohlenen zur Tugend leiten sollte, zu damaliger Zeit den Abc-Schützen wenig oder gar nicht bekannt war. (1)

 

Im Pfarrhaus herrschte, wie fast durchweg in allen Bürgerhäusern, klein oder groß, eine peinlich genaue Hausordnung. Das Frühaufstehen bedingte schon der Anfang der Schule. Und im Winter war das keine leichte Sache.

Heizungen in Schlafzimmern kannte man selbst bei einer Kälte von 20° Reaumur (25° Celsius) nicht. Dabei waren die Fenster häufig fest mit Eisblumen bedeckt, und das Waschwasser wies eine dicke Eisdecke auf, die gewöhnlich mit dem Stiefelknecht aufgeklopft werden musste.

Und was für Betten hatten wir! Den Luxus einer Sprungfedermatratze erlaubte sich keiner. Unsere Unterlage war ein Strohsack mit einem Schlitz darin. Dahinein fasste das Mädchen beim Bettenmachen und lockerte das Stroh und warf es nach längerem Gebrauch in den Düngerfall und holte frisches aus der Scheune, wobei es ihr häufig geschah, dass sie mit dem Stroh auch eine Maus ergriff und sie mit in den Strohsack steckte.

Das Tier erwies sich dann als bedenklicher Störer der nächtlichen Ruhe, verkroch sich auch wohl ins Kopfkissen, sodass wir Jungen es wiederholt mit aller Gewalt vor den Eckpfosten hauen mussten, um so das Tier zu töten und endlich die nötige Nachtruhe zu haben. (1)

Man brauchte nur die Ungetüme von Betten zu sehen, in denen man sich vorkam, wie eine Maus unter einem Mehlsack, um die Arbeit zu würdigen, die schon das Bettenmachen verursachte.

Teilweise standen noch kleine Treppen an den Bettstellen, die das Ersteigen erleichterten. Und zum Schutz gegen das Abrutschen des Oberbettes war zwischen der Bettstelle und dem Unterbett eine Art großer hölzerner Zirkel eingeschoben. (1)

 

Blicken wir zurück in die Tage unserer Altvordern, so sehen wir, dass sorgsame Mütter für ihre Töchter, selbst wenn diese noch in den Kinderschuhen gingen, schon darauf bedacht waren, für eine angemessene Aussteuer zu sorgen. Allerdings bezog sich das in erster Linie auf die Leinenaussteuer. Und diese hing wieder mit der Flachsaussaat und der Spinnerei im häuslichen und nachbarlichen Verkehr zusammen.

Namentlich sorgte die Mutter für die Beschaffung guten Bettwerks für die auszustattende Tochter. Ein großer Sack oder deren mehrere bildeten die „Sparkasse“ für die Federn der Gänse und andern Federviehs, das noch auf den meisten Höfen zu finden war.

Aber beim Füllen der Bettkissen wurde bei den Alten des Guten zuviel getan, und darin war ihr Vorbild nichts weniger als nachahmenswert. Denn die Betten erwiesen sich nicht selten als wahre Ungeheuer, und die Kissen und Pfühle, womit sie ausgestattet waren, hätten hingereicht, um noch drei oder vier Betten normaler Größe damit auszustatten. (4)

 

Das einzige, was sich die Leute gegen die größte Kälte leisteten, war, dass sie eine Art gestielte und durchlöcherte, metallene Doppelpfanne nahmen, sie mit glühenden Holzkohlen füllten und diese zwischen Unter- und Oberbett herschoben, um das Bett wenigstens etwas vorzuwärmen. (5)

Denn fast nirgends war es Brauch, die winterlichen Schlafstuben zu erwärmen. „Sie wollten sich nicht verwöhnen“ sagten die guten Alten. Dabei war ihre Nachtruhe alles andere als ein Verwöhnen.

Die oft schwer verdaulichen Speisen am Abend, dazu das dicke Bettwerk ließen recht häufig einen gesunden und ruhigen Schlaf nicht zu. (1)

Da schlug sich der eine gar zwei Dutzend Kartoffeln oder etliche Pfannekuchen in den Magen, der andere einen Teller voll Großbohnen oder etliche Teller Erbsensuppe, der dritte wagte sich sogar an einen oder zwei dicke Buchweizenpfannekuchen, an fette „Pannhase“ und Schwarzbrot und an dergleichen Magenblei mehr.

Und mit einer solchen Ladung im Magen krochen die Leute schon um 9 Uhr, wenn die Betglocke läutete, in die vierschrötige Ruhestätte. In dieser lagen ihnen noch mehrere Pfund Federn auf dem Leibe. Wie es dabei um ihren Schlummer bestellt war, kann sich jeder leicht ausmalen, und auch, dass das Sandmännchen dabei seine liebe Last hatte, den Müden einzuschläfern. (5)

Aber daran, dass sie keinen gesunden, ruhigen Schlaf fanden, waren die Alten selbst nicht schuld, nicht die Belastung im Magen oder auf dem Körper, wie sie irrigerweise meinten, sondern die Seelen ihrer Feinde, der böse Alp, der Mar oder Nachtmar, der in der niederen Mythologie eine hervorragende Rolle spielte.

Die Alten meinten, aus dem schlafenden Körper ihrer Feinde und anderer Übelgesinnten entweiche heimlich die Seele und betätige sich als Druckgeist und ritt auf ihrem Körper und drücke ihn. (1)

Der Nachtmar erschien den Schläfern im Traum, teils in menschlicher, mehr noch in tierischer Gestalt, etwa als Ungeheuer, oder in Gestalt eines Wolfes, Hundes oder einer Katze, je nach Art des Alptraums, und setzte sich dem Schläfer auf die Brust.

Der Volksglaube ließ den Nachtmar imstande sein, durch die unscheinbarsten Öffnungen, insbesondere durch ein Schlüsselloch nächtlicherweise in das Schlafzimmer zu dringen und sich in der Weise auf die Brust des Schläfers zu setzen, dass er weder Luft zum Atmen bekommen konnte, noch die Fähigkeit besaß, nach Hilfe schreien zu können.

Bezüglich des Nachtmars glaubten die Leute, dass, wenn sie durch Alpdruck geängstigt, noch schleunigst das Schlüsselloch zustopften, der Geist nicht mehr entweichen könnte und er sich bei Eintritt des Tageslichts in seiner natürlichen Gestalt als Mensch zeigen müsse. (4)

Um nun diesen Druckgeist fernzuhalten, verstopften die Alten das Schlüsselloch am Schlafzimmer oder stellten die Schuhe „verkehrt“ unters Bett und ahnten nicht, dass der böse Traumgeist nur aus dem vollen Magen und dem Kissenwulst kroch. (1)

 

Zum Reinigen oder Waschen bedienten wir uns eines Stückes Kernseife, in Ermangelung dieser nahmen wir auch braune Seife oder gesiebte Ofenasche. Allein, es war keine kleine Aufgabe für uns, sich in diesem eiskalten Wasser zu waschen, das sich manchmal wieder mit Eis bezog, während wir die erste Eisschicht schon zerhauen hatten. Nur bei ganz außergewöhnlicher Kälte, wobei uns die Finger so steif wurden, dass wir sie kaum noch krumm machen konnten, nahmen wir unsere sieben Sachen auf den Arm und rannten damit die Treppe hinunter und zum Herd in der Küche, um dort die Kleider anzuziehen. (1)

 

Unser erstes Frühstück bestand aus sogenanntem Stuten, einem Gemenge aus Weizen- und Roggenmehl. Es war ein Gebäck, das die Mutter selbst verarbeitete und zum Bäcker sandte, dazu gab es Schwarzbrot.

Die Nachfahren nannten es Pumpernickel, aber diesen Namen führte es im Lande selbst nicht, erst von Fremden ist er eingeführt. Woher der sonderbare Namen entstanden ist, weiß niemand, da er, wie schon bemerkt wurde, nicht bodenständig, sondern „Importware“ ist. (1)

Das bisweilen dreißig Pfund schwere Roggenbrot von braun-schwärzlicher Farbe gab uns allzeit eine kräftige Nahrung. Und wenn es schon dem Hausvater keine leichte Arbeit war, das Brot zu verdienen, so war es ihm erst recht nicht leicht, das mächtige Brot kunstgerecht zu schneiden, denn dazu gehörten kräftige Arme und Fäuste.

Die Brust mit einem Lederschurz bewaffnet, ging der Brotschneider an die Arbeit und schnitt fein säuberlich mittels eines großen Brotmessers die mächtigen Schnitten. Wer täglich diese Arbeit für eine zahlreiche Familie tat, wusste schon, was Arbeit war. Und das Mädchen, welches sich außerstande fühlte, diese Arbeit zu leisten, durfte nicht eher heiraten, als bis sie das Brotschneiden gelernt hatte.

Schon zum Kneten des Brotteiges gehörten kräftige Arme, so dass auch darauf das Wort der Schrift Bezug haben konnte: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen! (5)

 

Zahlreiche unserer Volksschulkameraden bekamen morgens und nachmittags nur Schwarzbrot mit Rübenkraut bestrichen. (1)

Wenn Schüler nicht gerade einer der wenigen Honoratiorenfamilien enstammten, bestand ihr Morgenbrot aus einem „Köppken Getreide“, d.h. aus gebranntem Roggen mit Zichorien und Milch. Dazu gab es eine gehörige Schnitte Schwarzbrot, bestrichen mit Runkelrübenkraut, oder etwas Schmalz. Letzteres war allerdings so dünn gestrichen, als sei eine Schnecke übers Brot gekrochen.

Nur an außergewöhnlichen Tagen pflegten die Mütter etwas Übriges zu tun, und dann bekamen die Jungen noch obendrein eine Schnitte Weißbrot von einem „Herdstuten“ oder einer „Rüggemicke“ (Roggenbrot). (1)

 

Wie überall in der Stadt, war auch bei uns ein höchst einfaches Mittagsmahl die Regel – viel Gemüse, wenig Fleisch. (1) Auf sechs Gabeln voll Gemüse gab es eine Gabel voll Fleisch. (5)

Und von letzterem gab es dreiviertel des Jahres eingepökeltes oder geräuchertes, ebenso nur zeitweilig frisches Gemüse; weit überwiegend war der Genuss von in Tonnen oder Steinkrügen eingemachtem Gemüse aller Art.

Der alte Grundsatz: Fleesch wat, Gemeise satt wurde auch bei uns streng befolgt. Ebenso war es Haus für Haus eine Selbstverständlichkeit, dass von der Jugend gründlich durchgegessen wurde. Worte wie „das mag ich nicht“ gehörten zu den größten Seltenheiten. (1)

 

Der Nachmittagskaffee durfte auch nicht fehlen. Freilich, was man heute unter Gasthof-Kaffee versteht, hatte mit dem Getränk von anno dazumal nur mäßige Ähnlichkeit. Und mit Recht erbat sich einer meiner Brüder eine zweite oder dritte Tasse mit den Worten: „Mutter, gib mir noch ‘n Köppken Getreide.“

Allein, wer der Meinung sein sollte, dass uns dies Getränk weniger gut geschmeckt hätte als unser heutiger Kaffee, würde sich in einem wesentlichen Irrtum befinden. Denn unsere Mutter verstand es, das Getreide gut zu brennen und es durch selbstgezogene Zichorie so schmackhaft zu machen, dass wir gar kein Verlangen danach hatten, ein anderes Getränk zu genießen. Jedenfalls war es uns zuträglicher als der reine Kaffee.

Beim Abendessen spielte diese Art Kaffee auch eine Hauptrolle, ebenso eine Pfanne voll „Scheiben“ (Kartoffeln, in Scheiben geschnitten, etwas gesalzen und teilweise gedämpft, teilweise gebraten), die in der Regel mitten auf den Tisch gesetzt wurde, und aus der jeder zulangte. Diese Scheiben waren, aus Sparsamkeitsrücksichten größtenteils, gedämpft und nur der Teil, der mit dem Fett am Boden der Pfanne nähere Bekanntschaft machte, war gebräunt, beziehungsweise angebraten.

Mit Vorliebe suchte dann die Jugend und auch wohl das Alter die sogenannten „Bräunchen“ aus der Pfanne zu erwischen, allein, derartige Versuche wurden dadurch hintertrieben, dass der Eigennützige oder das Leckermaul einen mit dem Gabelgriff auf die Finger bekam und auch die Zurechtweisung hören musste: „Näi, nicks do, ümmer vüörfauts, niäm auk de Dümpers!“ (Nein, nichts da, immer vor Fuß, vor dir weg, nimm auch die gedämpften, d.h. die weißen oder gelben.)

So lebten wir alle Tage. (1)

 

Für den größten Teil aller Bewohner war der Martinstag ein Festtag erster Klasse, denn an ihm wurde das bürgerliche Erntefest gefeiert. Das Getreide befand sich unter Dach und Fach, längst schon erklangen die hölzernen Glocken, die Dreschflegel, auf der Tenne; die Kartoffeln waren eingekellert, und die sorgsame Hausfrau hatte die Wintervorräte: Bohnen, Stielmus, Sauerkraut u.a. in Töpfen und Fässern. (1)

Beati possidentes! (Glücklich sind die Besitzenden!) sagte die sorgsame Hausfrau, wenn das Getreide auf dem hochgegiebelten Hausdach geborgen lag, das Sauerkraut, das Schnippelbohnengemüse, das Stielmus in den Fässern im Keller ruhte, und sie von Zeit zu Zeit den Stein von den hölzernen Ruhestätten der Gemüse wälzen konnte.

Ein Gefühl der Wohlhabenheit überkam sie, wenn sie ihren wohlgefüllten Kartoffelkeller betrachtete, auch ihre Wurzel- oder Möhren- und Sellerievorräte besichtigte, die mit einem bescheidenen halbdunklen Kellerwinkel vorliebnehmen mussten.

Gehörte sie noch mit zu denen, „die es sich leisten konnten“, bargen ihre Vorratskammern auch noch eingemachte Gurken, Preiselbeeren, Heidelbeeren und Essigpflaumen, sowie Hutzeln, d.h. gedörrte Apfel- oder Birnenschnipsel, dazu kamen noch gedörrte Pflaumen. (5)

Ab und zu hing um den Martinstag herum schon ein Schwein an der Leiter, mit einer Mohrrübe im Maul, umjubelt von den fröhlichen Hinterbliebenen.

Das Vieh war von den Weiden getrieben, manches Stück schon geschlachtet und eingepökelt. Auch die alten Wirte hatten sich schon verdient gemacht und ihren Stammgästen, sogleich nach Eintrieb des Viehes von der Gemeindeweide, nach altem, guten Gebrauch, ein Pfefferpotthast-Essen aus fettem, gedünstetem und stark gewürztem Rind- oder Ochsenfleisch herrichten lassen. (1)

Pfefferpotthast ist eine Art fettes Rind- oder Ochsenfleisch, welches in kleine Stücke geschnitten und unter Beigabe von Spunder, d.h. Euter, und reichlicher Zutat von Zwiebeln, Lorbeerblättern und Pfeffer gesotten wurde und ein äußerst fettes und kräftiges Fleischgericht abgab. Wichtig war es dabei, auch das richtige Stück, nämlich Rippen- und Bruststück, auszuwählen und es in größeren Mengen zu kochen, um es recht kräftig zu gestalten. Aus diesem Grunde war es auch nicht gut möglich, für den gewöhnlichen Hausgebrauch einen besonders kräftigen Pfefferpotthast herzustellen. (2)

Es wurde bereits erwähnt, dass, wenn überhaupt, meist nur geräuchertes, gesalzenes oder gepökeltes Fleisch im Pfarrhaus und auch anderwärts in Stadt und Land auf den Tisch kam. Etwas anders war es, wenn – meist um die Weihnachtszeit – das Tier geschlachtet wurde, das mithalf Westfalens Ruhm zu begründen, der grunzende Vierfüßler.

Zu dieser Zeit konnte es geschehen, dass der Volksschullehrer Entschuldigungszettel wie diesen bekam: „Unser Fritz konnte gestern die Schule nicht besuchen, da er mit wursten helfen musste.“

Des Schlachttages Festlichkeit krönte auch bei uns eine gehörige Pfanne voll Scheiben, um welche sich, wie ein Bild des Friedens und der behäbigen Wohlhabenheit, eine mächtige Wurst wand, die selbst einem Griesgram noch die Stirn glätten konnte.

Und wenn ein solcher Schlachttag, wie üblich, wenige Tage vor Weihnachten stattfand, prangten auf dem festlichen Mittagstische am Weihnachtstage Schweinsrippen mit Kohl und Bratkartoffeln. Dann hielt der Magen Kirmes. (1)

Du lieber Himmel, was leisteten bei solchen festlichen Gelegenheiten die westfälischen Mägen! Und wie könnte man sich heute noch denken, dass es damals ein geflügeltes Wort gab, welches lautete: „Eene Gos (Gans, Martinsgans) is ’n spassigen Vuogel, för eenen te vüel, för twee te wennig.“ (1)

Aber wie einfach war sonst auch die landesübliche Sonntagskost, denn sie bestand fast ausnahmslos aus „frischer Suppe“, d.h. Fleischbrühe, und aus ausgekochtem Rindfleisch mit Kartoffeln und Zwiebeltunke. Vielleicht vervollständigte noch eine Essiggurke das Mittagessen.

Und dann sagten wir doch allesamt zufrieden: Gesegnete Mahlzeit! (1)

 

Unter Dach und Fach entwickelte sich in der Häuslichkeit das Leben wesentlich anders als auf freier Flur. Auch dort schlug die Jugendlust noch ihre Purzelbäume, aber den jungen Wildlingen war doch mehr und mehr die Kandare angelegt, also dass sie nicht mehr so frei und ungebunden wie die Füllen über die Wiese jagen konnten.

Das häusliche Leben und die Schulstube verlangten beide ihr Recht. Da gab es keine Seitensprünge, besonders wenn wir unter der Zuchtrute der Studierstube standen.

„Hier führet man die Jugend zur Gottesfurcht und Tugend,“ deklamierte ein jüngerer Bruder, „nur schade,“ setzte ein älterer hinzu, „dass der Weg immer über den Hosenboden geht.“ (1)

 

Es war ein Tag des Fürchtens und Bangens, als ich mit einem neuen Gesangbuch und mit der Krone des Tages, einem schwarzen Anzuge, zur Kirche ging. Es galt meiner Prüfung vor der Konfirmation.

Wie ich vom biederen Schneidermeister ausstaffiert war, so sahen sie alle aus, die Konfirmanden masculini generis, so dass wir alle recht gut für Söhne einer Familie hätten durchgehen können.

Die Beinkleider waren vom Schneider auf eindringliches und energisches Verlangen der Eltern gleich so hinlänglich gemacht, dass sie uns nicht allein den Bauch mit warmhielten, sondern auch der Brust noch einen wesentlichen Schutz boten, namentlich darum, dass sie uns beim Wachstum des Körpers noch ausreichende Dienste leisten konnten. Viele von uns bekamen nur zweimal im Leben einen neuen Anzug, nämlich bei der Konfirmation und bei der Hochzeit.

Übervorsichtige Eltern gaben sogar bei Bestellung der Konfirmationskleidung dem Schneider obendrein den Auftrag, auch noch in die Hosenbeine Falten zu nähen, welche bei späterem Wachstum der Knaben aufgelassen wurden.

Auch die Anfertigung der Röcke geschah mit der weitgehendsten Fürsorge. Ein solcher Rock konnte ohne Schwierigkeiten im Rücken breiter gemacht werden, der Kragen war ziemlich groß, damit er erforderlichenfalls noch Flicken für „Offenherzigkeiten“ abgab, und die Ärmel waren so lang, dass sich derjenige, der den Rock trug, meist mit dem Anblick der äußersten Fingerspitzen begnügen musste, wenn er es nicht vorzog, die Ärmel umzukrempeln.

In dieser Art Kleidung sahen manche Jungen aus wie das Kölner Hänneschen, wenn es im Traueranzuge die silberne Hochzeit oder den dreißigjährigen ehelichen Krieg feiert, aber daran ließ sich nun mal nichts ändern. Niemand mochte gerne dem andern gegenüber als Verschwender gelten und mit dem durch das Alter geheiligten Gebrauch brechen. Zudem hatte bei uns das Pariser Modejournal nichts zu befehlen, sondern nur das Nützlichkeitsprinzip. (5)

 

Als wir die Sekunda des Gymnasiums besuchten, wurde uns die hohe obrigkeitliche Erlaubnis zuteil, in nähere Beziehung zu dem schönen Geschlecht zu treten, insofern wir an der Tanzstunde teilnehmen durften.

Dass den jungen, ungeleckten Bären mit ihren gebrochenen, lieblichen, germanischen Bassstimmen, denen gleich, die schon zur Zeit der Cimbern und Teutonen die Römer erschreckten, Gelegenheit gegeben wurde, sich bessere Umgangsformen anzueignen, erschien Eltern und Lehrern gleich notwendig.

Unser Tanzlehrer lehrte uns, wie wir uns vorschriftsmäßig auf unsere vier Buchstaben zu setzen, wie wir unsere Füße und Beine zu halten hätten und welche Stellung man den Armen geben müsse. Er unterwies uns, dass es nicht wohl anständig sei, ein Bein über das andere zu schlagen, denn dadurch käme der Mensch leicht in den Verdacht, ein Flickschneider zu sein.

Wir mussten durch den Tanzsaal schreiten, würdevoll und gemessen wie der Storch durch den Salat, wenn er Nahrung sucht, lernten Komplimente machen, wobei einzelne meiner Mitschüler zusammenklappten, als wollten sie ihren Schuhen einen Kuss geben, und ihre Arme herunterfielen wie die Signalflügel auf den Eisenbahnstationen.

Und endlich ging es im Dreitakt an die ersten Anfänge der Tanzkunst. Wir lernten Galopp, Schottisch, Walzer, Polka und Polka-Mazurka und den Biedermeiertanz: Menuett.

Und als wir uns die Hühneraugen abgetreten, uns durch Rippenstöße gegenseitig tüchtig zugesetzt und uns auch noch weidlich an den Bocksprüngen unseres Tanzmeisters ergötzt hatten, der, während er die Fiedel strich, seine Sprünge machte, nahte wiederum ein großer Tag. Die Erwartung war groß. Auf der Tagesordnung stand: Erster gemeinsamer Tanz der Damen und Herren.

Und der Tag und die Stunde erschien. Die „Herren“ schoben sich schüchtern und eckig durch die Türe des Tanzsaales wie ein Delphin durch die Meereswelle. Die „Damen“, welche nur truppweise erschienen, traten kecker auf.

„Man“ äugte verstohlen hin und her, und ich hätte gerne gewusst, welche Schöne mich als Musterknaben betrachtete.

Zur Feier das Tages waren drei Kerzen mehr angezündet. Der Musikant prangte in etwas schäbiger Eleganz in seinem glanzvollen Bratenrock und begann schon seine Violine zu stimmen: g, d, a, e. Da klopften die Herzen einige Takte rascher.

Mit gemessenen Schritten nahte der Tanzmeister und hatte zur Feier des Tages seinen Sonntagsnachmittags-Ausgehrock angezogen.

Unterdessen ließen wir weiter „unsere Aeuglein um und um geh’n“, bis wir mit uns selber einig waren, welche Dame das Tänzlein mit uns wagen sollte.

Nun erklangen die Worte: „Meine Herren, ich bitte zu engagieren.“

Sogleich schritt ich, auf dem geraden Weg der Tugend, auf „meine“ Dame los, wobei ich schon vier Schritte vor ihr meine Verbeugung machte, die auch durch einen kunstgerechten freundlichen Knix erwidert wurde.

Diese Vorsicht übte ich, weil ich bemerkte, dass sich mein Nachbar an meine Steuerbordseite schob und mich aus dem Kurs zu bringen drohte, weswegen ich – und auch wohl mit Recht – vermutete, dass er auf denselben Leuchtturm lossteuerte, wie ich.

Die Fiedel erklang, der Tanz begann.

Die Herren hielten die Damen so weit von sich ab, als hätten sie es mit Hülskrabben (Stechpalme, Ilex) oder Brennesseln zu tun, sie selbst aber nahmen dabei Stellungen ein, als hätten sie Ladestöcke verschluckt und dabei hielten sie den Kopf so hoch, als wollten sie an der Decke des Tanzsaales Astronomie studieren. Nun ja, es will alles gelernt sein.

Der erste Tanz, ein bedeutsames Ereignis unseres Lebens, versank hinter dem letzten Fiedelstrich. Und hinter ihm kamen noch zahlreiche Frage- und Ausrufungszeichen und Gedankenstriche, die nicht Ovids ars amandi, sondern die praktische Betätigung der ersten Liebe verursachte, welche nur kurze schriftliche Abhandlungen verlangte und stets dem mündlichen Verfahren den Vorzug gab.

Wie schade, dass die erste und reinste Liebe nur ein schöner Traum bleibt, dem Schicksal, Gesellschaft und das verfluchte Einmaleins ein jähes Ende bereiten. (5)

---

Mit dem „verfluchten Einmaleins“ hatte der Schüler Karl Prümer wohl weniger Probleme, dafür jedoch umso mehr mit der Schulordnung des altehrwürdigen Dortmunder Gymnasiums. Er verließ die Schule ohne Abschluss, machte eine Buchhändlerlehre in Elberfeld, gründete in Dortmund eine Buchhandlung mit Verlag und Druckerei, die er später wieder verkaufte, gab vorübergehend eine Zeitschrift, später eine Zeitung heraus und betätigte sich schließlich als Dichter und Schriftsteller – auf vielerlei Gebieten, aber vor allem auf dem Gebiet der Heimatliteratur, gern auch in plattdeutscher Sprache. Prümer war Mitarbeiter zahlreicher Zeitschriften und Zeitungen – so auch der „Dortmunder Zeitung“, in deren Samstagsausgaben er in den 1920er Jahren die „Bilder aus Alt-Dortmund“ veröffentlichte, die heute noch eine unerschöpfliche Fundgrube für Dortmunder Heimathistoriker oder andere an der Stadtgeschichte Interessierte bilden.

Die in unserer Collage verwendeten Texte enstammen den 1923 unter dem Titel „Aus sonniger Jugendzeit im Pfarrhaus“ veröffentlichten Kindheitserinnerungen Karl Prümers (1), den Sammelbänden seiner „Bilder aus Alt-Dortmund“ – Band 1 von 1925 (2), Band 2 von 1926 (3) und Band 3 von 1929 (4) – sowie den humorvoll-romanhaft unter dem Titel „Als wir noch jung waren“ verarbeiteten Erinnerungen an die Kindheit in Dortmund aus dem Jahre 1912 (5).
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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