Barbara Dvoran

Abschied von Paris

„Alts iz geven a shpil.”  „Was? Du sprichst schon wieder Jiddisch!” – „Ja, weil ich mich aufrege. Alles war nur Show, nicht echt, mon chéri.“

„Das kann nicht sein. Ich kenne ihn, das würde er nicht tun. Was weißt du schon?!“

     „Würde, würde, c'est trop tard! Er hat es schon getan und du bist dagestanden und hast geträumt. Er hat dich … du weißt, mon amour, wie man sagt… ge-…“.  „Das reicht!“ Die beiden sitzen auf dem Bett, schweigen und sehen einander an. Rita blinzelt und zeigt auf den goldenen Spiegel hinter Lor, in den beide blicken, ohne sich zu erkennen. „Antoine sagt, Liebe ist, in die gleiche Richtung zu schauen.“  

     Draußen weht ein eisiger Wind und ein wütender Mann schreit heiser auf Französisch. Seine Stimme dringt gebrochen und kalt durch das Fenster.

     Rita streicht die Kleidung auf dem Stoß glatt und sieht zu Lors Koffer. Der Mann fährt sich mit seiner großen Hand über das unrasierte Gesicht und sagt kraftlos: „Es hilft nichts, so oder so. Ich muss zurück nach Wien, ich bin schon viel zu lange hier in dieser Stadt, dieser Stadt der Dekadenz, der Ausschweifungen, der der … amour fou. Elegant, von wegen! Dass ich nicht lache! Überall, wo ich auch hinsehe dieser Abschaum, Fleischeslust, Verführung und Verrat. Und dabei essen sie Crêpes, die Franzosen, alles voll Zucker, Schokolade, bunter Streusel, alles in Zuckerguss. Schöne Worte und abscheuliche Taten, pfui!“ Lor legt seine bleiche Stirn lautlos auf den Nachttisch. All sein Blut scheint seinen Körper verlassen zu haben.

„Geh jetzt, mon chéri, ich werde dich erwarten. Du kommst zurück, wie immer. Das ist deine Welt! Du bist süchtig nach dem Zucker. Was nutzen dir deine Verhältnisse, deine guten, meine ich, nicht die viel besseren, die der Liebe, wie unseres, deine gute Schule. Dumm bist du und träumst, vertraust einem dahergelaufenen Crétin. Pah! Komm, wir gehen! Ich muss auch.“

     Die Geliebten verlassen kurze Zeit später das Hotelzimmer, vor dem Hotel küssen sie sich lange und leidenschaftlich. Lor geht zu Fuß zum Bahnhof, den Koffer schleift er achtlos hinter sich her. „Je suis perdu, ja, ich bin verloren!“, sagt er zum nächstbesten Passanten, der die Schultern hochzieht und eine italienische Geste macht.

Lor legt seinen Koffer auf die Ablage in seinem Abteil und zwängt sich auf den freien Sitz. Er greift in die Innentasche seines Jacketts und zündet sich eine Zigarette an. Der junge Mann gegenüber beobachtet ihn. „Möchten Sie?“, fragt er ihn. Der Franzose nimmt eine Zigarette und sagt verzückt: „Merci! Merci, Monsieur!“ Beide rauchen und sehen hinaus, wo es nichts zu sehen gibt, weil sie noch am Bahnhof stehen, außer den Bahnsteig und eine in die Jahre gekommene stark geschminkte Frau mit großen karierten Taschen, die irgendjemandem lustlos winkt. „Wo fahren Sie hin?“, fragt der junge Mann in gutem Deutsch mit französischem Akzent und zieht an seinem Kragen. „Wien und Sie?“ „Budapest. Ich werde meine Schwester und meine… ähm… ihre Kinder besuchen.“ – „Nichten und Neffen?“ – „Oui, merci. Nische und Neffan, ja?“ Lor räuspert sich und ist erleichtert, als sich die Bahn in Bewegung setzt. Der junge Mann lächelt ihn an und mit langen, eleganten Fingern zieht er eine metallene Kette aus seiner Tasche. Ihr großer Anhänger ist eine Art rundes Kreuz mit künstlerischen Gravuren an der bauchigen Vorderseite und glattem Rücken, der die Verschweißung zeigt. So würde der Schlüssel eines geheimnisvollen Kults aussehen, denkt Lor. „Für meine Schwester, Hely, als Geschenk aus Marais! Gefällt sie Ihnen?“ – „Darf ich?“ – „Ja, bitte.“ „Schön, eine außergewöhnliche Kette.“ Der junge Mann lacht und nickt verlegen. „Oh mein Name! Delphin Ethan Lomour.“ – „Lor Kohl. Eigentlich Eduard Lorenz Kohl.“ Die beiden Männer beugen sich nach vorne und schütteln einander fest und lange die Hände. Delphin schlägt sein Buch auf, liest ein paar Seiten, lacht und sieht zu Lor. Delphin verändert seinen Blick: „Die Frauen, was? Was für eine Leidenschaft! Sie haben eine, die Sie lieben, ja? Ich wünschte, ich auch, aber ich liebe so viele, ich bin so ein... wie sage ich das? Hallodri? Verraten Sie mir, was ist das Schönste bei der Begegnung mit ihr? Das Liebesspiel, ja? Die Lust davor?“ Lor sieht aus dem Fenster und fährt mit dem Daumen seine Wange entlang, als würde er Farbe wegwischen. „Wenn sie über das, was ich sage, lacht.“ Delphin nickt eifrig: „Danach werde ich suchen, oui! Was ich immer gesucht habe, ist das Begehren, aber es ist fatal. Immerfort begehren. Und während ich sie in meinen Armen halte, sehne ich mich schon nach meiner nächsten Eroberung.“

     Der junge Mann liest weiter. Nach einigen Seiten sieht er zu Lor, der den Kopf hängen lässt, und sagt: „Sie sind ein guter Mensch. Seien Sie ganz beruhigt. Die Reise macht Platz für das Gute, Sie verstehen schon. Man kann sich nur finden, wenn man sich zuvor verloren hat.“ Aber Lor schläft bereits, seinen Kopf an das beschlagene Fenster gelehnt, und er träumt von Paris im Schneesturm.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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