Wolfgang Küssner

Nicht ganz richtig im Kopf

Die Ente war wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf, läßt uns Victor von Bülow, vermutlich besser als Loriot bekannt, in seiner Textversion von Peter und der Wolf, einem musikalischen Märchen von Sergej Prokofjew, wissen. Sie (die Ente) streckte dem drohenden Wolf die Zunge raus und lief davon. Haben Enten eigentlich eine ähnliche Neigung wie Hühner, bei nahender Gefahr schnell noch die Straßenseite zu wechseln? Aber das wäre jetzt wohl ein anderes Thema.

Wer als nicht mehr ganz richtig im Kopf eingeschätzt wird, hat so etwas wie Narrenfreiheit. Natürlich keine allumfassende, grenzenlose Freiheit, andere zu foppen, zu nasführen, einen Bären aufzubinden, auf den Arm zu nehmen, anzuschmieren, zu täuschen, zu veralbern oder was auch immer. Doch ein gewisser Spielraum wird den Betroffenen eingeräumt. Es gilt zum einen zu berücksichtigen, dass der Tatbestand, nicht ganz richtig im Kopf zu sein, meistens auf einer angeborenen Geistesschwäche basiert. Unverschuldet. Zweitens gibt es natürlich den Tatbestand, dass Alkohol, Drogen etc. hier ursächlich sind. Unverschuldet? Und drittens ist hin und wieder die sicherlich nicht unberechtigte Frage zu vernehmen, wer ist da eigentlich nicht ganz richtig im Kopf. Unabhängig von der Antwort, bleibt den betrofffenen die begrenzte Narrenfreiheit zunächst erhalten.

Ob einige Frischmarktbetreiber in Rim Muey, im thailändischen Bezirk Mae Sot in der Provinz Loei, ganz weit im Nordosten des Landes, sich mit ähnlichen Gedanken jemals beschäftigt hatten? Unterstellen wir mal, die Händler sind bzw. waren richtig im Kopf, als sie auf die einfache Idee kamen, nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein, um mit dieser Ausgangsposition mehr Profit zu erzielen und dieses auch kurzerhand, oder treffender formuliert, nach Langfinger-Manier, umsetzten.

Die Idee war simpel: Die bei vielen Käufern so beliebten Garnelen, besonders die ganz großen sogenannten Tiger-Prawns, etwas attraktiver für den Umsatz bzw. den Gewinn zu gestalten. Nun, die Überlegung, in den Köpfen der Händler geboren, hieß, die Körper der Garnelen, konkret deren Köpfe, die zwar mitgewogen, aber meistens nicht verzehrt werden, zu verändern. Nicht richtig im Kopf zu sein, heißt bekanntlich – anfangs wurde darauf hingedeutet - meistens weniger funktionierende Masse zu haben, von Wasserablagerungen, Hydrocephalus genannt, einmal abgesehen.

Bei den Garnelen sollte es nun aber nicht weniger, sondern etwas mehr sein, nicht umsonst heißt es doch, einen Mehrwert zu realisieren. Also wurden die Köpfe gefüllt, beschwert, vollgestopft und dadurch lastiger. Nicht unbedingt lustiger für die zahlenden Käufer. Der Ausschlag auf der Waage war für die Händler deutlich sichtbar und somit lustig zu sehen. Wie heißt es so schön: Des einen Lust, des anderen Last. Oder so ähnlich.

Bleistifte wurden eingesetzt. Nein, nicht was der Leser jetzt vielleicht denken mag. Die zu entrichtenden Preise, zu zahlenden Werte, wurde in einen Taschenrechner getippt und präsentiert. Also nicht Bleistifte, sondern Stifte aus schwerem Blei wurden in die Köpfe der Garnelen geschoben. Entlastend sei für die Täter an dieser Stelle angeführt, die Garnelen hatten ihr Leben bereits ausgehaucht, na, muss wohl richtiger heißen, ausgeblubbert. Diese Stifte aus Blei waren etwa 3,8 cm lang und wurden direkt zwischen Abdomen und Brustpanzer in den Körper geschoben. Einen Bleistift mit der Kürze würde man sicherlich nur noch Stummel nennen. Natürlich nicht zum Verzehr gedacht, obwohl erhitztes Blei in früheren Jahren bei besonderen Anlässen für viele Überraschungen gut war. Hier ging es nur um den Verkauf, um den Moment auf der Waage, um den Zeiger und den Preis nach oben zu treiben und dem Kunden zu suggerieren, er habe kräftige, saftige, frische, fleischige, leckere und hochwertige Tiger-Prawns erstanden.

Wer schon nicht ganz richtig im Kopf ist und auf solche Ideen kommt, sollte zumindest soviel Gehirnmasse erübrigen, den präpariertenTieren vor dem Verpacken die Zusatzgewichte zu entnehmen. Es wäre zum einen ökonomischer, die Stifte mehrfach zum Einsatz zu bringen, Materialverschwendung würde vermieden, Kosten so gespart werden; zum anderen könnte der Spuk, sobald aufgeflogen, schnell zur doppelten Belastung, jetzt allerdings für Garnelen und Händler, werden.

An diesem Beispiel bestätigt sich wieder einmal, Genie bzw. Intelligenz (ob die Idee genial oder intelligent war, darüber läßt sich eventuell streiten) und Wahnsinn, oder Bauernschläue, sorry, Fischhändlerschläue (die Prawns wurden dem Kunden mit Bleigewicht verkauft und ausgehändigt) liegen vielleicht nahe beieinander; sind aber doch zweierlei. Die Idee mag oberflächlich betrachtet vielleicht gut erscheinen, die Umsetzung war einfach blöd. Waren sich die Händler so sicher? Waren sie bereits einem Mehrwert-Rausch erlegen?

In den Einkaufstaschen wanderten die Tiere mit ihrem Ballast vom Frischemarkt in die häusliche Zubereitung. Der Betrug fiel auf. Die eingeschaltete Polizei wusste von weiteren Fällen zu berichten. Nicht immer war es ein Bleizusatz. In diversen anderen Situationen waren die Waagen, zu Gunsten des Verkäufers natürlich, manipuliert.

Ob ein Weglaufen à la Ente vor den Ordnungshütern als Alternative noch möglich war, wissen wir nicht. Leider ist auch nicht überliefert, ob die ach so schlauen Händler, von der Polizei arrestiert, noch den Mut der kleinen Ente aus Peter und der Wolf hatten, den Uniformierten frech, tollkühn die Zunge herauszustrecken. Wie dem auch sei. Die Verkäufer hatten von Loriot und seinem Text vermutlich nie gehört. Die Garnelen waren jedenfalls an ihrer postumen körperlichen Veränderung, sprich Belastung im Kopf, Gewichtszunahme, unschuldig. Es sind wohl die Händler, denen man getrost und ohne Zweifel attestieren kann, nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein.

Mai 2020

© 2020

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gwyrn und Axtkämpfer Saxran auf erotischer Wanderung zwischen den Welten - Erotischer Fantasy-Roman von Doris E. M. Bulenda



Ich hätte nie im Traum daran gedacht, dass ein Besuch auf einer Faschingsparty solche Konsequenzen haben könnte. Eingeplant hatte ich eine Menge Spaß, gern auch frivoler Art. Meine Freundin schleppte mich häufig auf Veranstaltungen, wo auch in der Horizontalen die Post abging. Doch was bei diesem Fasching passierte, war jenseits des Erklärbaren. Irgendein als Magier verkleideter Partybesucher beschwor lustigerweise germanische Götter. Und dann stand ER plötzlich vor mir, ein Typ mit Axt, er wirkte ziemlich desorientiert und nannte sich Saxran. UND er war attraktiv. Ich schnappte ihn mir also. Nicht nur die Axt war recht groß an ihm. Hätte ich allerdings damals schon geahnt, was das noch für Konsequenzen haben würde… Saxran war absolut nicht von dieser Welt, und seine Welt sollte ich bald kennenlernen. Sie war geprägt von Unterwerfung, Schmerz, Lust und jeder Menge Abenteuer.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Wolfgang Küssner hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Turtle zum Turteln von Wolfgang Küssner (Sonstige)
Gedanken nach einem Erlebnis von Margit Farwig (Tiergeschichten)
Ein außerirdisches Wesen von Margit Kvarda (Fantasy)