Qayid Aljaysh Juyub

Story XX: 1001 Arztbesuche oder Sindbads unheimliche Reise

Oh wertes Publikum, lauschet nun der wundersamen Geschichte von Sindbads letzter Irrfahrt, die ihn in mancherlei Fährnis brachte. Es begab sich also im weit entfernten Land Absurdistan im Jahre 1440 der Hedschra oder Anno Domini 2018, dass ein missliches Geschick den unweitgereisten Reiseverkehrskaufmann Sindbad Albahhar widerfuhr (…)
‚Nun ruf doch endlich beim Doktor an!‘
Schahrasad blickte ihren Gemahl mit besorgter Missbilligung an, der wiederum hatte nach endlosen Versuchen eine halbwegs bequeme Position auf seinem geliebten Sofa gefunden, die ihm nicht ganz so arge Schmerzen verursachte.
‚Sindbad, alte Couch-Grumbeere, Du kannst hier nicht den ganzen Tag faul herumliegen und mich mit Deinem Gejammer nerven! Jetzt lass endlich Deiner gebrochenen Fuß behandeln, damit Du morgen wieder schaffen gehen kannst, Kruzifix! Auch hätte ich doch nur den Schahriyâr geheiratet!‘
Leicht genervt durch das nun seit Stunden andauernde, liebevolle Drängen seiner besseren Hälfte, deren Allüren sich durchaus mit der ‚verständnisvollen‘ Partnerin eines sehr bekannten, antiken Philosophen aus dem alten Athen vergleichen ließen, wagte der eher sanftmütige Ehemann doch tatsächlich einen untypischen Einwand.
‚Der mit seinen vielen Weibergeschichten und vergiss nicht, wie schnell der mit seinen Frauen Schluss gemacht hatte!‘
‚Ach papperlapapp, dem hätte ich schon Geschichten erzählt. Was musste ich mir auch so einen femininen Mann nehmen! Hopp, hier hast Du das Telefon, Du rufst jetzt Dr. Onymous an! Den habe ich extra für Dich herausgesucht, weil der Name so geheimnisvoll klingt und der ist in der Metzgergasse; die zwei Kilometer kannst Du bequem dahin humpeln. Obwohl Du es nicht verdienst, habe ich die in stundenlanger Arbeit für Dich gespeichert. Also los jetzt!‘
Mit einem resigniert fatalistischen Stöhnen ergriff der lädierte Reiseverkehrskaufmann das ihm dargereichte Kommunikationsmittel, da die Empirie bisher reichlich belegte, wie zwecklos seine wenigen Widerstandsversuche gegen die liebevolle Dominanz seiner Gemahlin waren; wie schon die alte Volksweisheit sagt: Bad tempered wife - shitty life.
‚Praxis Dr. A.N. Onymous, guten Tag! Was wollen Sie denn?‘
Erleichtert seufzte der potentielle Patient innerlich auf, während der letzten Stunde in endlosen Warteschleifen wuchs die Ungeduld seiner Frau exponentiell, orchestriert von passenden Unmutsäußerungen.
‚Guten Tag, mein Name ist Sindbad Albahhar. Ich rufe hier privat an …‘
Die leicht mürrisch klingende Stimme der Sprechstundenhilfe, verwandelte sich wie durch eine wundersame Fügung in die schleimige Freundlichkeit eines Gebrauchtwagenhändlers.
‚Herr Albahhar, wie schön Sie zu hören, was kann ich denn für Sie tun?‘
‚Sehr freundlich. Also ich habe mir gestern meinen Fuß gebrochen, weil meine Frau mich versehentlich mit der Leiter umwarf, als ich gerade eine Glühbirne wechseln wollte. Ich war gestern noch in der Notaufnahme, wurde nach 3 Stunden geröntgt und dann nach 2 Stunden mit einem orthpädischen Strumpf als provisorischen Stützverband heimgeschickt. Frau Dr. de la Merde gab mir eine Überweisung und meinte ich möge doch für mein Malheurchen gelegentlich einen Arzt aufsuchen.‘
‚Sie armer Kerl! Machen Sie sich aber keine Sorgen, wir haben hier in der Praxis ganz ausgezeichnete, orthopädische Produkte zu uns angemessenen Preisen. Wollen Sie nicht gleich vorbeikommen!‘
‚Vielen, herzlichen Dank, ich mache mich dann sofort auf die Socken …‘
‚Eine kleine Formalität wäre da noch. Darf ich fragen, lieber Herr Albahhar, bei welcher Krankenkasse Sie genau sind?‘
‚Bei der AKK!‘
‚Wie jetzt, bei der ‚Allgemeinen Kleinbürgerkasse‘? Sind Sie da freiwillig versichert?‘
Die Tonlage der vor falscher Höflichkeit triefenden Sprechstundenhilfe zeigte Anzeichen leichter Verwirrung.
‚Nein, gesetzlich.‘
‚WAS! Also das ist ja die Höhe! Sie haben doch gesagt, Sie wären privat versichert, Sie Strolch!‘
Der erfahrene Seefahrer unendlicher Ozeane familiärer Untiefen, wohl erprobt durch die orkanartigen und tückischen Ausbrüche einer launischen Ehefrau, beschloss, seinen in manchem Unwetter bewährten Kurs einzuschlagen.
‚Entschuldigen Sie vielmals, mein Fehler. Ich habe nur gemeint, dass ich Sie privat, von daheim aus anrufe und nicht von meiner Arbeitsstelle. Vergeben Sie mir!‘
‚Ihre drittklassigen, fadenscheinigen Entschuldigungen können Sie sich sparen! Typisch für solche Leute!‘
Der drittrangige Kassenpatient hatte schon manch übleren Sturm überstanden und umschiffte geschickt auch diese Monsterwoge.
‚Verzeihe Sie mir, ich bin ein solcher Idiot! Vergeben Sie mir meine Dummheit.‘
Derweil folgte das liebende Eheweib den wohlbekannten Manövern ihres abgehärteten Helden der Pantoffel und grinste dazu mit mürrischer Süffisanz. Die gar freundliche Sprechstundenhilfe hingegen verfiel bei derartiger Seemannskunst in eine übelgelaunte Flaute.
‚Na gut, Sie Intelligenzbestie, dann will ich nicht so sein. Die Welt ist eben voller Idioten!‘
Glücklich, diese tückische See überstanden zu haben, versuchte der Herr der sieben Meere den ursprünglichen Kurs einzuschlagen.
‚Vielen, vielen Dank, oh barmherzige Mutter der Vergebung! Dann bin in spätestens einer Viertelstunde bei Ihnen (…)‘
Aber, verehrte Lauschende unserer abenteuerlichen Geschichte, ist das Schicksal manchmal unausweichlich ungnädig. So lief trotz des Sindbads hoher Steuermannskunst das Schiff ärztlicher Betreuung dennoch auf Grund.
‚Einen Augenblick, nicht so voreilig! Ich sehe gerade, dass wir heute leider keinen Termin mehr frei haben; wie schade!‘
Der schlecht verborgene Hohn in der Stimme seiner Gesprächspartnerin konnte den erfahrenen Bären hochemotionaler See nicht beirren.
‚Oh Verzeihung, ich habe mich so gefreut, Ihre renommierte Praxis heute besuchen zu können! Darf ich demütig fragen, wann ich dann zu Ihnen kommen kann? Ich schätze die Mühe, die Sie sich geben, doch äußerst wert; ganz ehrlich!‘
Ihr Zuhörer anspruchslos erheiternder Erzählungen möget erkannt haben, dass des Seefahrers Worte einen gewissen Sarkasmus beinhalteten, den aber jene Gorgonen ähnliche Hilfe der Sprechstunde in ihrer Klugheit nicht ganz erkannte.
‚Sie armer Tropf haben es zwar nicht verdient, aber ich werde sehen, wo ich Sie einschieben kann. Ah, den Müller können wir verlegen, der lebt sowieso nicht mehr lange! Da haben wir es: Am 02.05. um 08:30 Uhr im Jahre des Herrn 2025! Ein echter Premiumtermin für Kassenpatienten, wenn auch nur vorläufig, der kann sich noch nach hinten verschieben.‘
‚Werte Dame, habe ich richtig gehört: 2025?‘
‚Sie brauchen mir nicht zu danken, ich stehe nicht so auf Schleimereien! Wenn Sie mir morgen einen Umschlag mit dem Zeichen Ihrer Wertschätzung vorbeibringen, dann reicht das völlig; aber 50 Euro sollten es schon sein. Und jetzt habe ich genug Zeit mit Ihnen verschwendet!‘
Trotz des beendeten Gesprächs noch ängstlich den Hörer haltend, berichtete Sindbad von seinem gesetzlich versicherten Schiffbruch der angetrauten Urmutter aller Wirbelstürme.
Aber, wertes Publikum, Allah ist barmherzig mit den Elenden! Nur ein Blick unendlicher Verachtung ward dem Schiffbrüchigen geschenkt und zischend weiser Rat.
‚So ein Schlappschwanz! Du rufst jetzt den Aladdin an, der kennt so manchen Arzt und kann Dich mit heißem Reifen wie der Wüstenwind überall hinfahren. Jetzt aber zackig, sonst muss ich mir noch ein neues Nudelholz kaufen, weil Dein Schädel so hart ist!‘
Vielleicht solltet ihr Zuhörer - mit und ohne Leine - wissen, dass manch spottlustiger Athener bemerkte, der schon erwähnte Sokrates habe den Schierlingsbecher sozusagen freiwillig gelehrt, um dem ständigen Gekeife seiner besseren Hälfte zu entkommen; aber das nur am Rande.
Unter dem Basiliskenblick der liebevoll besorgten Gemahlin wählte der hartgeprüfte Bezwinger gefühlsmäßiger Gezeiten mit zitternden Händen die Telefonnummer seines Cousins.
‚Hallo, hier Aladdin Almisbah Alsihriu, An- und Verkauf antiker Leuchtmittel. Sie rufen außerhalb meiner Geschäftszeiten an, die sind nach Vereinbarung zwischen Montag und Freitag. Für eine Terminvereinbarung oder wirklich wichtige Nachricht sprich nach dem Signalton, oh solventester aller geehrten Kunden; ich rufe dann gegebenenfalls an.‘
‚Aladdin melde Dich, hier Sindbad, es ist wirklich wichtig! Ich weiß, dass Du da bist!‘
‚Sindbad, Du altes Wüstenschiff, wo drückt denn der heldenhafte Pantoffel?‘
‚Ich habe mir den Fuß gebrochen und … – jetzt folgt in blumiger Sprache eine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse nebst unterwürfiger Schmeicheleien gegenüber der nudelholzbewehrten, eifrig lauschenden Gattin, die ich euch, geplagteste aller Ehemänner, gerne ersparen möchte – … geliebte Schahrasad meinte, Du, mit Deiner Erfahrung hinsichtlich märchenhafter Krankheiten und dem Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamente, könntest mich zum richtigen Arzt fahren!‘
‚Sage einmal, oh von mancherlei Unglück geplagter Cousin, hört die äußerst verehrte, von überirdischer Schönheit gesegnete Gattin eigentlich das ganze Gespräch per Lautsprecher mit oder habe ich nur mit Dir das Vergnügen?‘
‚Das betrifft nur mich!‘
Den fragend strafenden Blick der Reinkarnation Xanthippens erwiderte der sanfte Sindbad mit einem so treuedoofen Mienenspiel, dass sich das halberhobene Nudelholz wieder senkte.
‚Ach, Du ärmster aller Hunde, hängt Dir Deine abgedrehte Alte wieder im Genick. Ist zwar nicht einfach, für einen Kassenknecht wie Dich etwas zu organisieren, aber Allah liebt die Barmherzigen! Mein Pal, der Ali Baba, war auch gesetzlich versichert und musste sogar 40 Ärzte aufsuchen, bevor man ihn in der Sesamstraße halbwegs anständig behandelte.
 ‚Weißt Du was, ich komme gleich vorbei und hole Dich aus den Fängen Deines Drachen. Ich habe von meinem letzten Auftritt bei Dr. Eisenbart noch ein Paar Krücken, die ich Dir überlassen kann.‘
Der lieblichen Schahrasad Mimik entsprach der einer vielgeplagten Frau, die noch überraschend eine sehr eklige Speise zu sich genommen hatte. Da Sindbad, dem Odysseus gleich ein großer Dulder, aus Selbsterhaltungsinteresse die Gesichtsausdrücke seines holden Eheweibes wohl interpretieren konnte, fiel ihm wahrhaft ein Gebirge vom Herzen, da ihr Antlitz den freundlichsten Ausdruck wiederspiegelte, zu dem die liebreizende Partnerin ihm gegenüber fähig war.
‚Du bist zwar ein Schwächling, aber zumindest hält Deine Familie zu Dir! Aladdin ist wenigstens ein richtiger Mann, der wird’s schon richten. Ach, warum habe ich nicht auf meine Mutter gehört und keinen vermögenden Kerl, der nach Blut, Schweiß und Tränen riecht, geheiratet. Stattdessen muss ich mich in ein unsensibles Weichei verlieben, dessen lächerliche Erbschaft von 300000 Euro nicht einmal für eine Woche in Vegas gereicht hat. Ach, die ich viertplatzierte bei der ‚Miss Bagdad‘ 1998 war, verschwende die besten Jahre meines Lebens mit so einem willensschwachen Taugenichts, der nicht einmal genug Geld herbeischaffen kann, damit ich standesgemäß eine Nacht im Casino Royal am Roulette …‘
So, oh wertes Publikum, tadelte die etwas abgestandene Schönheit aus dem Morgenland mit sanfter Zärtlichkeit - aus ihrer Perspektive - den wohl überlegt schweigenden Gatten, über dessen Haupt das besagte Nudelholz an einem seideneren Faden hing als vor Urzeiten das Schwert über dem berühmten Damokles. Der große Dulder ertrug die kreischende Eloquenz seiner so wenig zufriedenen Ehefrau eine gute halbe Stunde, bis die Türklingel des heftig mit Hypotheken belasteten Reihenhauses ihn von seinem Elend erlöste. Wie ihr, oh angeleinteste aller mit einer Ehe gesegneten Zuhörer, sicher verstehen werdet, beeilte sich der sturmerprobte Sindbad, dem Ruf der Erlösung zu folgen und führte denn auch geschwind den nicht wohl gewachsenen, aber sehr männlichen – zumindest den Schweiß betreffend – Aladdin herein, der gewinnend die nun schweigende Sirene anlächelte.
‚Sei mir gegrüßt, oh Perle des Orients! Es ist immer ein Vergnügen von Deiner großen Schönheit geblendet zu werden!‘
Die inzwischen in die Jahre gekommene, viertklassige Schönheitskönigin kicherte geschmeichelt und blickte wenig aufrichtigen den Charmeur bewundernd an.
‚Oh Aladdin, Du weißt es wirklich, wie man eine Frau behandelt – im Gegensatz zu anderen Leuten!‘
Sindbad ignorierte den anzüglichen Seitenblick, den ihm seine getreue Gemahlin gönnte.
‚Also ich …‘
‚Was Sindbad sagen möchte ist, dass der weiseste aller Ehemänner einmal mehr grandiose Scheiße gebaut hat. Erst hat der sich absichtlich den Fuß gebrochen und findet jetzt nicht einmal einen Doktor. Ach, hätte ich doch nur auf meine Mutter gehört! …‘
Der lampenhandelnde Cousin fühlte sich nun bemüßigt seinerseits seine Verehrerin zu unterbrechen, um den Bemitleideten aus seiner misslichen Lage zu befreien.
‚Sanftmütigste und schönste Rose aller Blumenstöcke von Samarkand, ich unterbreche Dich nur ungern, aber Sindbad erzählte mir bereits die Geschichte. Gerne würde ich auch verweilen, um mich in Deiner Attraktivität zu sonnen, jedoch müssen wir uns beeilen wie ein Sandsturm an einem widrigen Tag im Tibesti, um einen Arzt zu finden. Also Sindbad, mein Lieber, ich helfe Dir jetzt zur Garderobe, damit Du Dir etwas überziehen kannst und dann müssen wir schnell los; die Gehhilfen habe ich dummerweise im Auto vergessen.
‚Natürlich, mein liebster Aladdin. Du bist immer so maskulin fordernd und obendrein noch sensibel, wenn mein Göttergatte doch nur halb so wäre wie Du. …‘
Während die Vettern sich so schnell wie die Möglichkeiten des havarierten Sindbads es zuließen zu ihrem ersehnten Ziel begaben und gemeinsam des Lädierten abgetragenen Mantel unter den unzähligen, modischen Outfits Schahrasads hervorholten, gurrte die wundersam gezähmte Furie weiter wie ein verliebtes Täubchen im Harem des Sultans von Buchara.
‚So, Du berauschenste aller Moschusblüten, Sindbad und ich verschwinden jetzt!‘
‚Was für ein Mann!‘

*

‚Deine Alte hat wirklich keinen Respekt vor Dir, aber was soll man von so einer Irren schon erwarten!‘
Nicht ohne Komplikationen hatten es die Cousins bis in Aladdins auf Hochglanz polierten Pernod Dschinn geschafft und machten sich soeben fahrbereit.
‚Sie war nicht immer so und obendrein eine wahre Schönheit aus einer guten Familie!‘
‚Solange Du Ihre Spielsucht finanzieren konntest, war vermutlich alles in Butter. Klar ist ihr Vater einflussreich und liebt sein Töchterchen schon sehr, aber selbst der klemmte ihr schon vor Urzeiten den Geldhahn ab. Lass es Dir gesagt sein: Die waren damals schon recht froh überhaupt einen Mann für sie zu finden, der zudem nicht unvermögend war.‘
‚Du irrst Dich, wir heirateten aus reiner Liebe!‘
‚Ach Sindbad, Du bist zu gut für diese Welt! Aber zum Geschäft: Ich kenne nur drei Praxen mit offenen Sprechzeiten und bei denen Kassenpatienten überhaupt eine Chance haben. In zweien davon kann ich mich nicht sehen lassen, da diese nachtragenden Vögel wohl noch sauer über die Placebos sind, die ich ihnen als verschreibungspflichtige Medikamente schwarz vertickte; die dritte kann ich Dir wirklich nicht empfehlen! Wir fahren jetzt zuerst zu Dr. Kasim, der behandelt alle Patienten gleich!‘
Wie ihr sicher nachvollziehen könnt, geduldigste aller Märchenfreunde, reisten der eheleidgeprüfte Sindbad und sein verständnisvoller Verwandten durch die stürmischen Wogen des schaurigen Innenstadtverkehrs, wobei des großen Dulders hohe Kunst der Bedienung des Navis und die geschickte Ausnutzung sich bietender Lücken durch den listigen Lampenverkäufers die Gefährten schnell zur ersehnten Destination führten. Angekommen geleitete der treue Aladdin den Verletzten zum Aufzug, um ihn seinem Schicksal mit Hilfe kostengünstiger Gehhilfen entgegengehen zu lassen. Im zweiten Stock angekommen, betrat der über manche Meere des Ungemachs Vielgereiste die Praxis des gerechten Arztes und humpelte beherzt zur Anmeldung.
‚Hallo, mein Name ist Sindbad Albahhar! Ich möchte …‘
‚Ihre Nummer, bitte!‘
Eine recht eindrucksvolle Dame, geschmückt mit einem unübersehbaren Namensschild auf dem die Inschrift ‚Frau Vogel-Rock‘ prangte, sah den unaufdringlichen Fragesteller mit der hungrigen Strenge eines sadistischen Schulmeisters aus früheren Zeiten an, der gedachte, einen seiner Zöglinge so richtig mit der Rute zu züchtigen.
‚Welche Nummer denn?‘
Ein Funkeln beutegieriger Zufriedenheit erstrahlte in den Augen des Vogels Rock.
‚Schon wieder so ein Hypochonder, der hier in die Praxis gespült wird und denkt, er könne sich vordrängeln. Wir haben hier Leute mit gezogenen Nummern, die schon seit fünf Uhr in der Frühe vor unserer Praxis warteten und noch nicht drangekommen sind. Sie sollten sich was schämen!‘
‚Ich habe aber einen gebrochenen Fuß!‘
‚Ach tatsächlich? Wir haben hier unheilbare Dauergäste, die haben immer vor besonders harten Arbeitseinsätzen furchtbare Phantomschmerzen! Jammern Sie also nicht herum! Warum können die sich 100 Nummern auf Vorrat besorgen und Sie nicht? Basta, ohne Nummer läuft hier nichts?‘
Der erfahrene Umschiffer so mancher gewaltigen Klippe begriff, dass er sich in das unvermeidlich Vermeidbare fügen musste.
‚Werte Dame, wo bekomme ich denn ihre Nummern?‘
Ein triumphierendes Grinsen umspielte den Mundwinkler der gewaltig gnadenlosen Kreatur.
‚Wo er die Nummern herbekommt, fragt er? Einerseits ist das geheim und dann sind die uns sowieso vor einem Jahr ausgegangen. Sie Simulant sollten sich aber jetzt entfernen oder soll ich Sie persönlich hinausbefördern? Das wäre mir übrigens ein Vergnügen!‘
Von den letzten Worten der numerologisch ordnungsliebenden Patientenbetreuerin zutiefst überzeugt, zog Sindbad es vor, so geschwind wie ihn aufgrund seines Handicaps möglich war, die ungastlichen Gestade zu verlassen.
So, oh diskriminierteste aller diskriminierten Märchenliebhaber, schleppte sich der doch ein wenig deprimierte Nummernlose zu Aladdin und seinem getreuen Dschinn, um dem wundersam verwunderten Lampenverkäufer seine Abenteuer mit dem Vogel Rock zu berichten.
‚Da hast Du aber Glück gehabt! Frau Vogel-Rock war früher Schlamm-Catcherin und vor ihrer Operation Rausschmeißer in der ‚Eier Bar‘. Die muss noch in guter Stimmung gewesen sein, sonst hätte das Ungeheuer Dir mindestens noch den anderen Fuß gebrochen. Tut mir echt leid lieber Cousin, das mit den Nummern gab es zu meiner Zeit noch nicht. Ich könnte Dir eine besorgen, aber dafür müsste ich meine Connections nutzen und das wird dann einige Tage dauern!‘
‚Sorry Aladdin, aber darauf verzichte ich lieber. Können wir nicht zur zweiten Praxis fahren und kannst Du mir nicht noch etwas von den guten Schmerztabletten verabreichen, die Du mir vor der Fahrt verabreicht hast?‘
‚Guter Stoff, was? Schade, dass die in Absurdistan verboten sind. Ich bedaure guter Vetter, noch eine Ladung und Du bist so bedröhnt wie ein Selbstmordattentäter vor dem großen Knall.‘
‚Ooops, aber ich kann die Schmerzen schon aushalten. Können wir jetzt fahren?‘
‚Also gut! Der nächste auf der Liste ist Dr. Ifrit, zumindest behandelt der auch gesetzlich Versicherte, wenn die in seinen Augen ernsthaft erkrankt sind. Hast Du eigentlich ein Smartphone?‘
‚Nicht mehr! Das musste ich versetzen, um Schahrasads Schulden bei der örtlichen Spielhalle zu begleichen! Warum fragst Du?‘
‚Das bei Dr. Ifrit kann dauern, werter Vetter. Ich habe noch einige ‚Deals‘ zu erledigen und muss dringend meine Lampen polieren. Hier hast Du eines von meinen guten Prepaids. Da sind noch fünf Euro drauf, das sollte reichen. Rufe mich einfach an, wenn du fertig bist oder die Sprechstundenhilfe am Nachmittag die Uhrzeit verkündet.‘
‚Warum das denn?‘
‚Mein lieber Sindbad, das wirst Du schon merken! Aber genug geschwatzt, auf geht’s!‘
‚In einer Beziehung hast Du recht gehabt, mein lieber Aladdin.‘
Der umtriebige Geschäftsmann sah den leidgeprüften Verwandten fragend an.
‚Bei Dr. Kasim werden wirklich alle Patienten gleich beschissen behandelt!‘

*

Also, geehrtes Publikum, reisten unsere Helden schnell wie der Wüstenwind durch den stillen Ozean des Post-Rush-Hour-Verkehrs zum anderen Ende der Stadt, um in einem heruntergekommenen Viertel mit dem diskreten Charme einer Dauerbaustelle vor einem überraschend soliden Plattenbau zu halten. Diesmal geleitete Aladdin den großen Dulder in den zweiten Stock, da dummerweise kein Fahrstuhl vorhanden war und sich des Heilers Praxis eine Etage höher befand. Aus den beschriebenen, misslungenen ‚Schwarzhandelsbeziehungen‘ zu Dr. Ifrit verließ der geschäftstüchtige Lampenverkäufer zu seinem größten Bedauern seinen Cousin, der sich wie eine Dhau mit schwerer Schlagseite in die überraschend modern eingerichtete Praxis schleppte. Dort erwartete ihn eine junge Dame - dem unspektakulären Namensschildchen nach eine Frau B. Krause - am Empfang, die sich sehr angeregt mit einer Kollegin über ihre wochenendlichen, alkoholschwangeren Abenteuer in allerlei freizeitgestaltenden Betrieben der Stadt unterhielt. Nach einer guten Viertelstunde endlich fand der geduldige Dulder zerstreute Beachtung.
‚Ja bitte?‘
‚Einen guten Tag wünsche ich. Mein Name ist Sindbad A …‘
Hier, geneigteste aller geneigten Zuhörer, erzählte der mächtige Seefahrer der sieben Meere des Ungemachs der sichtbar unaufmerksam gelangweilten Sprechstundenhilfe die wundersamen Umstände seines Missgeschicks. Die wiederum ließ ihn reden und bedachte ihn am Ende mit einem sarkastischen Lächeln.
‚Wie interessant! Wie sind Sie denn versichert: Privat oder Kasse?‘
‚Ich bin gesetzlich krankenversichert.‘
Mit einem genervten Seufzen des Überdrusses wandte sich die gastronomieerfahrene Frau Krause ihrer Kollegin zu.
‚Das diese alten, weißen Männer sich immer so wichtigmachen wollen! Schrecklich diese Typen und dann noch solche Klimaschädlinge!‘
Ihr solltet wissen, verwundertste aller verwunderten Lauscher unepischer Geschichten, dass einstmals mit dem ‚alten, weißen Mann‘ skrupellose, mächtige Männer mit einem gewissen Alter in Führungspositionen bezeichnet wurden. Aber viele der unwissenden Bewohner Absurdistans titulierten in ihrer Unbedarftheit bedürftige Ruheständler, die sich für ihre schäbigen Renten krumm und bucklig geschuftet hatten, mit diesem Ausdruck. Da ebenso viele Einwohner dieses merkwürdigen Landes nicht eben mit übergroßer Zivilcourage gesegnet waren, konnten sie bequem ihr Mütchen an dieser recht wehrlosen Gruppe kühlen.
Mit äußerstem Erstaunen betrachtete Sindbad, den man trotz seines hellen Teints bisher eher selten mit einem Eingeborenen verwechselte, die politisch korrekte Sprechstundenhilfe an.
‚Äh, ich stamme aus Basra!‘
‚Ach tatsächlich! Mich interessiert es nicht, aus welchem oberbayrischen Kaff Sie kommen.‘
Da Sindbad sich durchaus bewusst war, dass die Ignoranz in ihrem Lauf weder Ochs noch Esel aufhalten konnten, zog er es vor, sich mit diesem Punkt nicht weiter zu beschäftigen.
‚Was immer Sie meinen! Brauchen Sie jetzt noch mein Kärtchen?‘
‚Okay Boomer, vorlaut wie immer. Du kannst Dir meinetwegen Deine Karte in den A…‘
Ein dezentes Räuspern ihrer ehemaligen Konversationspartnerin unterbrach die sich anbahnende Raserei und ließ die krausige Sprechstundenhilfe in die gewohnt dümmlich zynische Routine zurückfallen.
‚Ach was solls, die sind ja alle so! Nein, wir benötigen Ihr armseliges Kärtchen vorerst nicht! Wir haben ja Ihren Namen und wenn wir Sie wirklich aufrufen sollten, erledigen wir dann die sonstigen Formalitäten. Begeben Sie sich jetzt in den Wartebereich und bleiben Sie da! Eines noch: Ihresgleichen ist eine Toilettenbenutzung wegen der Hygiene nicht gestattet!‘
Durch solch freundliche Behandlung animiert, bewegte sich das falsch eingeordnete Objekt gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in einem rekordverdächtigen Tempo Richtung Wartezimmer, dessen Bezeichnung unübersehbar in güldenen Lettern am Eingang desselbigen prangte. Mit einer für sein Handicap außerordentlichen Geschicklichkeit öffnete Sindbad die Zimmertür und blickte erstaunt in einen äußerst stilvoll eingerichteten Raum. Auch befand in dem prächtigen Zimmer nur ein gut gekleideter, mittelalterlicher Herr, der es sich in einem eleganten Ohrensessel bequem machte und den Eindringling mit verächtlicher Bösartigkeit ansah.
Derweil hatte sich die durch die Schnelligkeit des ‚alten, weißen Mannes‘ erstaunte Sprechstundenhilfe wieder gefangen und stürmte wie ein Zyklon durch das Arabische Meer in Richtung des Ereignisses, um Sindbad, der wie durch ein Wunder die Balance behielt, unsanft vom prächtigen Portal wegzuzerren.
‚Hey Boomer, da darfst Du aber nicht rein! Das ist das Wartezimmer für Privatpatienten, das für Kassenpatienten ist neben dem Pissoir! Ab jetzt! Herr Bormann, der unverschämte Kerl hat Sie doch nicht belästigt?‘
Während sich der Gemaßregelte sich entmutigt anschickte, wie Dhau bei Flaute seinen Kurs zu ändern, durfte er weiterhin der sich entspinnenden Konversation lauschen.
‚Es ist ein Skandal, dass Sie diese Ausländer nicht besser unter Kontrolle haben!‘
‚Ausländer?‘
Bormann schenkte der nun etwas verwirrten Frau Krause ein Lächeln von der Art, die eine intelligente Feministin vermutlich zu einem Tötungsdelikt motiviert hätte.
‚Zerbrechen Sie sich nicht Ihr hübsches Köpfchen, mein schönes Kind, das macht nur hässlich!‘
Das Ziel solch giftig billiger Komplimente kicherte geschmeichelt.
‚Ich muss aber jetzt mit Ihnen schimpfen, Fräuleinchen. Ich warte hier schon eine geschlagene Viertelstunde!‘
‚Oh, das müssen Sie entschuldigen, lieber Herr Bormann, ich bringe Sie sofort zum Doktor …‘
Derweil erreichte Sindbad das überfüllte, spärlich ausgestatte Ziel seiner Reise und durfte zu seiner ungeteilten Freude dem Dialog nicht mehr lauschen. Die billigen Klappsitze waren zwar alle belegt, aber glücklicherweise fand er noch einen bequemen Stehplatz an der fleckigen Wand des Zimmers.
Nach zwei geschlagenen Stunden und der gleichen Anzahl von widerwilligen Patientenaufrufen gelang es dem geduldig Wartenden, sich auf einen der begehrten Plastiksitze zu manövrieren. Derweil hatte auch eine erkleckliche Anzahl von Insassen das Wartezimmer verlassen, um, bedingt durch die verbotenen Latrine, ihre Notdurft außerhalb der Praxis zu verrichten; einmal draußen wurde jenen Unglücklichen das Betreten des Vorzimmers zum Paradies ärztlicher Basisversorgung durch die politisch korrekte Sprechstundenhilfe fluchend verwehrt. Glücklicherweise blieben solche Probleme Sindbad erspart, da sein liebevolles Eheweib es hasste, wenn er die gemeinschaftliche Toilette aufsuchte und seine Blase daher wohl trainiert war. Trotz dieser ‚Abgänge‘ leerte sich der Raum nicht wesentlich, da regelmäßig Neuankömmlinge die ‚Kammer des Schreckens‘ betraten.
So vergingen in der beschriebenen Weise weitere fünf Stunden bis eine merkwürdig heitere Frau Krause den Raum betrat.
‚Also Leute lasst euch sagen, dem Pack hat es jetzt 17:00 Uhr geschlagen!‘
Wie auf Kommando erhoben sich circa die Hälfte aller Patienten und verließen unter den gestrengen Augen Zeitansagerin, die jeglichen Kommentar mit einem drohenden Blick im Keim erstickte, Wartezimmer und Praxis. Nach diesem merkwürdigen Exodus kehrte auch die Aufseherin kichernd den Verbleibenden den Rücken.
Der leicht verwirrte Überquerer mancher Ozeane der Konfusion bedachte die Worte seines Vetters und handelte entsprechend.
‚Ah Sindbad, hat man Dir die Zeit verkündet?‘
‚Ja, aber aus irgendwelchen Gründen ist die Hälfte der Leute abgehauen.‘
‚Klar, die haben schon ihre Erfahrungen mit Dr. Ifrit, aber kümmere Dich nicht darum. Also ich bin in einer Stunde bei Dir, wir treffen uns dann unten.‘
Nachdem sein Cousin das Telefongespräch abrupt unterbrochen hatte, wartete der große Dulder noch eine gute Dreiviertelstunde, ohne dass es noch zu irgendwelchen Patientenaufrufen kam. Schließlich betrat die krausige Sprechstundenhilfe, mühsam ihre Heiterkeit unterdrückend, wiederum das bescheidene Wartezimmer.
‚So, für heute ist Schluss! Ihr dürft jetzt alle nach Hause gehen und meinetwegen morgen wiederkommen. Also raus jetzt!‘
Da, wie schon erwähnt, die personifizierte Barmherzigkeit einen fiesen Gorgonenblick draufhatte und die verbleibenden Insassen in nicht gerade guter, körperlicher Verfassung waren, hielt sich die Empörung der abgewiesenen Patienten in demütigen Grenzen. Sindbad hingegen, froh dieses Abenteuer ohne weitere Blessuren überstanden zu haben, beeilte sich dem Ruf der krausigen Sirene zu folgen.

*

So, mitleidigste aller mitleidenden Zuhörer, wiederfuhr es dem Befahrer unendlicher Ozeane menschlicher Finsternis. Mit Mühen gelang es ihm jene infernalischen Stockwerke bis zum Eingang des Plattenbaus zu überwinden, um einige Minuten später von seinem getreuen Vetter eingesammelt zu werden.
‚Aladdin, warum hast Du mir nicht gesagt, dass nach der Zeitansage nichts mehr läuft?‘
‚Um Dich nicht in Versuchung zu bringen! Ich weiß selber, wie unangenehm und übelriechend dieses Wartezimmer ist, und Du hättest trotz meiner Warnungen auf die Idee kommen können, lieber unten zu warten. Du musst wissen, die Gegend hier ist um diese Uhrzeit echt gefährlich; da bekommst Du locker wegen zehn Euro ein Messer zwischen die Rippen!‘
‚Also Aladdin, bei diesem Dr. Ifrit …‘
‚Brauchst Du mir nicht zu sagen, werter Sindbad! Ich weiß, was da abgeht. Aber zumindest bestand eine kleine Chance, dass Du behandelt wirst!‘
‚Und nun?‘
‚Tut mir echt leid, aber Deine Chancen standen sowieso nicht gut!‘
‚Aladdin, Du hattest noch eine dritte Praxis erwähnt?‘
‚Du willst doch nicht ernsthaft zu Hannes Schinder, dem Kopflosen? Das kann ich Dir wirklich nicht antun! Der Typ zieht Dir das Fell über die Ohren, bevor Du zwei Worte mit ihm gewechselt hast. Außerdem sind dessen Behandlungsmethoden gefährlich bis lebensbedrohlich!‘
‚Du kannst Dir nicht vorstellen, was Schahrasad mit mir anstellt, wenn ich es wage, unverrichteter Dinge zurückzukehren!‘
Mit einem verständnisvollen Blick barmherzigen Mitleids nickte der gute Vetter bedachtsam.
‚Also gut! Ich habe da vielleicht eine Idee, die funktionieren könnte! Gut, dass seine Geldgeilheit die Faulheit dieses Kerls übertrifft; der hat nämlich bis 20:00 Uhr geöffnet! Also dann zum alten Schinder Hannes‘
So, oh sehnsuchtsvoll das Ende erwartendes Publikum, reisten die Gefährten mit dem eilfertigen Dschinn bis ans Ende ihrer kleinen Welt, das sich in Form eines Villenvorortes darstellte, um des ‚Kopflosen‘ schicke Behausung zu erreichen.
‚Da sind wir, guter Sindbad! Dieses Mal komme ich aber mit!‘
Schnell erreichten die Cousins massiven Eingang, einem Portal gefertigt aus edelstem Ebenholz, der kleinen, aber feinen Villa. Ein güldenes Schild verkündete ebenda: ‚Selbst diplomierter Professor der Heilkunst Hannes Schinder, Großmeister des hermetischen Ordens. Möge der solvente Kunde dreimal klingeln! Asis und Bettler seien gewarnt vor dem schröcklichen Cerberus, dem hungrigen Haushund!‘ Listig grinsend betätigte Aladdin die güldene Klingel, während sein vorsichtiger Vetter ihn zweifelnd ansah.
‚Was ist, wenn der seinen Hund auf uns loslässt?‘
‚Keine Sorge, für einen Köter oder sonstige Sicherheitsmaßnahmen ist der Typ viel zu knickrig. Lasst dich nicht täuschen, der Aufwand, den Du hier siehst, dient nur dazu, um den einfältigen Kunden einzuschüchtern. Dem kann man dann besser die Kohle aus der Tasche ziehen!‘
‚Wer da, was ist Euer Begehr zu solch unchristlicher Zeit.‘
Der Lampenhändler beugte sich leicht vor und gab seine Antwort in die altertümliche Gegensprechanlage, die sich oberhalb der Klingel befand.
‚Sesam öffne Dich!‘
‚Ah, das Passwort für Premiumkunden! Herzlich willkommen ihr Mühseligen und Beladenen, die ihr euch am Quell des heilsamen Reichtums laben wollt!‘
Nachdem sich die Tür öffnete drangen die Gefährten durch einen höhlenartigen Gang direkt bis zum prächtigen Behandlungszimmer des Schinder Hannes vor, um von dem daselbst enttäuscht gemustert zu werden.
‚Steht an der Tür nicht klar und deutlich, dass Penner unerwünscht sind. Könnt ihr überhaupt die 100 Euro Eintritt bezahlen?‘
Strahlend lächelnd wandte sich Aladdin seinem Cousin zu.
‚Sindbad, erledige Du das doch!‘
‚Aber Aladdin …‘
‚Hole einfach Deine Brieftasche hervor!‘
Verwirrt tat der große Dulder wie geheißen und kramte sein leeres Portemonnaie hervor, das allerdings durch allerlei nutzlose Quittungen und Einkaufszettel prall gefüllt aussah. In des großen Heilers Augen blitzte ein fast nagetierhaftes Glitzern.
‚Aber, aber, meine Herren! Den speziellen Eintritt für besonders wertvolle Kunden von 150 Euro dürfen Sie auch später bezahlen! Es war nur der äußere Eindruck, der mich stutzend gemacht hat!‘
‚Du kannst jetzt Deine Brieftasche einstecken, bester Sindbad. Professor Schinder, mein Vetter hat sich dummerweise den Fuß gebrochen, was können Sie mir denn empfehlen?‘
Das Glitzern steigerte sich nun zu einem habgierigen Funkeln!
‚Oh, ich habe da eine Biotranzendenzkur für wenige tausend Eurochen oder Geistheilung per Handauflegen zum Discountpreis von nur 10000, aber bitte in Gold oder Schweizer Franken. Da gibt es…‘
‚Das reicht, Schinder Hannes! Begreifst Du jetzt, Sindbad!‘
Der listenreiche Lampenverkäufer wandte sich nun eindringlich dem empört schnaufenden, hermetischen Großmeister zu.
‚So, Du Scharlatan, ich soll Dich von meinem Freund Ali Baba grüßen. Der fragt sich, ob er Dich vielleicht wieder besuchen soll? Weißt Du, ich kann ihm das ausreden. Es kommt dabei nur auf Dich an!‘
Zitternd fiel der räuberische Hermetiker förmlich in sich zusammen, wobei sein Gesicht die Farbe einer frisch gekalkten Wand annahm.
‚Die Herren haben mich missverstanden, natürlich ist das alles für Freunde von Herrn Baba gratis!‘
‚Allah ist mit den Bescheidenen und ich will auch nicht lange hier verweilen! Du hast doch maßgefertigte ‚Aircast Walker‘? Solltest Du jedenfalls haben, ansonsten wird wohl Ali ein ernstes Wort mit Dir reden müssen! Welche Schuhgröße hast Du Sindbad?‘
‚43!‘
‚Also dann Größe 43, bitte!‘
‚Kommt sofort, die Herren!‘
So motiviert tauchte der Schinder Hannes schon nach wenigen Minuten mit dem gewünschten Produkt - eine Art orthopädischem Stiefel für gebrochene Fußgelenke - auf.
‚Soll ich dem Herrn Sindbad den Aircast noch anlegen? Mache ich wirklich gerne!‘
Der zufriedene Lampenverkäufer schüttelte verneinend sein Haupt.
‚Nein danke, ich möchte nicht, dass sich mein Vetter den Fuß noch amputieren lassen muss. Das machen wir doch lieber selber! Komm Sindbad, es ist Zeit zu gehen!‘
Also verließen der weitgereiste Überwinder des Meeres der Ungewissheit und sein treuer Verwandter die Räuberhöhle und machten sich auf den wenig gefahrvollen Rückweg in bekannte Gewässer. Das getreulich, voller Ungeduld wartende Weib Sindbads vergab ihm zähneknirschend die lange Abwesenheit, da sie durch den Verkauf des Gatten Aircast mindestens einen halben Tag in der örtlichen Spielhalle ihrem zu Laster frönen gedachte; end well – all well.
So endet die fantastische und gefahrvolle Reise Sindbads des durch die stürmischen Ozeane des Gesundheitssystems Absurdistans. Möge Allah euch, wertes Publikum, vor derartigen Irrfahrten behüten
.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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