Wolfgang Scholmanns

Freitagabend war es

Als ich das Lokal betrat, fiel mir eine hübsche Frau auf. Ich kannte sie flüchtig, hatte im Sommer schon mal, draußen im Biergarten, mit ihr an einem Tisch gesessen. Eine sympathische junge Frau, die, meiner Einschätzung nach, mitte dreißig sein könnte. Sie war groß, mindestens einenmeterundsiebzig und hübsch gekleidet. Das Haartrug sie offen, sodass es ihr bis über die Schultern reichte. Ihr Blick war ein wenig ernst, vielleicht auch traurig und es schien, als sei sie ein wenig nervös. Einige junge Männer, Stammgäste in diesem Lokal, tauchten plötzlich auf und nahmen die Plätze neben ihr ein. Mittlerweile hatte der Kellner mir ein Bier gebracht und wir quatschten ein wenig. Während dieses Gespräches hatte ich, aus dem Augenwinkel heraus beobachtet, dass Marion, so hieß die junge Frau, sich bückte und ihre Tasche aufhob. Ich wusste was jetzt geschehen würde. Sie würde zu mir kommen, sich neben mich setzen und sich mit mir unterhalten wollen. Und so war es dann auch.

„Hallo, ich komme mal zu dir. Das blöde Gequatsche von denen da drüben muss ich jetzt nicht haben. In der Zeitung habe ich gelesen, dass letzte Woche, auf der Frankfurter Buchmesse, Bücher von dir vorgestellt wurden. Erzähl doch mal, wie es da war.“ Sie wollte abgelenkt werden, irgendetwas verdrängen was sie belastete, traurig machte. Bestimmt diese Beziehungsgeschichte.

An dem Abend, draußen im Biergarten, hatte sie mit Klaus, einem gemeinsamen Bekannten von uns, darüber gesprochen, dass das enge Band, das sie und ihren Freund einst fest zusammengehalten hatte, sich nun löste. Mich hatte sie nun als Gesprächspartner ausgesucht, gerade mich, den Dichter und Denker, der sich so oft, inmitten des Trubels seiner Alltagswelt, nach friedvoller Stille sehnt. Na ja, ich hatte selbst schon einige „spannende Abenteuer“ in Sachen Liebe hinter mir, war oft enttäuscht worden, hatte selbst enttäuscht und war durch diese ganzen Geschichten Frauen gegenüber ein wenig vorsichtiger geworden. Trotzdem war mir ihre Nähe angenehm.

„War ganz nett in Frankfurt. Menschen ohne Ende, Bücher ohne Ende in riesigen Messehallen. Fast eine Stunde habe ich gesucht, bis ich den Stand meines Verlages gefunden hatte. Dann sah ich es plötzlich. Schön sah es aus, mein Buch, das ich mit soviel Freude und Erinnerungen geschrieben hatte. Es wurde frontal präsentiert und stach sofort ins Auge. Ein wenig stolz war ich schon, als ich dann daraus vorlas, einige Leute stehen blieben und interessiert zuhörten. Na ja, hab dann später noch in anderen Hallen herumgeschnüffelt und mir dann noch ein wenig Frankfurt angesehen. Ist schon beeindruckend, so eine große Stadt,  diese riesigen Häuser, das Theater, der Bahnhof und das was sich auf den Strassen so abspielt. Eine wilde Verfolgungsjagd konnte ich beobachten, Jugendliche, die sich aufs heftigste prügelten, Prostituierte die sich anboten, Glücksspiel, Junkies und Kiffer, hier war alles vertreten.“

Sie hörte mir zu, doch ihr trauriger Blick veranlasste mich dazu, das Thema zu wechseln. Vielleicht hatte ich die Möglichkeit ihr ein wenig zu helfen. Meine Lebenserfahrung, der buddhistische Weg den ich betreten hatte, all diese Erfahrungen und natürlich die Fähigkeit der Empathie, hatten mir schon manchmal dabei geholfen, Menschen, die in schwierigen Situationen steckten, wieder ein wenig ins Leben zurückzuholen. Schön war`s dann immer wenn sie mir irgendwann sagten: „Das Gespräch mit dir hat mir total gut getan.“

„Sag mal Marion, du machst einen niedergeschlagenen Eindruck. Immer noch wegen……..?“

„Ja, und es wird immer schlimmer“, unterbrach sie mich. „Es ist, als wären wir durch einen Tunnel gegangen, an dessen Ende uns eine völlig andere Zeit empfangen hat. Alles ist so fremd und ich träume mittlerweile schon davon. Anfangs war es noch so, als seien es nur dumme Traumbilder doch mir wurde immer deutlicher, dass diese Traumbilder Realität sind.“

„Tut mir leid, dass du in so einer schwierigen Situation steckst. Die Parapsychologie, als Randgebiet der Psychologie, bezeichnet solche Träume als prospektive also vorausschauende Träume. Sie geht davon aus, dass diese Träume Unheil bringende Situationen zeigen, die dem Träumer als Warnungen dienen sollen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass solche Vorkommnisse in einer Beziehung einen nicht mehr zu flickenden Riss verursachen und ein eventueller Neuanfang immer auf bröckelndem Fundament steht.“

  1. Nicht gerade rücksichtsvoll, die Vorgehensweise die ich da an den Tag, bzw. Abend legte, wird manch einer denken. Aber sollte ich die Hoffnung in den Vordergrund stellen, sie wieder bei ihr aufleben lassen, sodass beim nächsten Niederschlag die Wunden noch größer werden? Nein, das wäre genau der falsche Weg. Diese dummen, oberflächlichen Sprüche wie, lass mal den Kopf nicht hängen, auch das geht vorüber; kommt Zeit kommt Rat; wird schon werden oder, das ist nur so eine Phase, die macht jeder mal durch, sollten die „tollen Ratgeber“ lieber für sich behalten.

Um Gottes Willen, sollte dieses zufällige Zusammentreffen nicht in eine therapeutische Sitzung ausarten und ich wechselte auch hier bald wieder das Thema.

„Kleine Hände hast du“, sagte ich zu ihr. Sie lachte, „Kleine Füße habe ich auch, Schuhgröße siebenunddreißig. Das ist bei einer Körpergröße von hundertsiebzig Zentimetern schon erstaunlich, oder?“  „Stimmt, aber irgendwie niedlich.“ Ich glaubte zu spüren, wie im Laufe des Abends ein Regenbogen seine bunte Brücke zwischen uns stellte und sich das Flattern der Schmetterlinge in meinem Bauch bemerkbar machte. Auch hatte ich das Gefühl, dass Marion sich bei mir wohl fühlte aber…..

 

Uns gegenüber saß ein Typ, den ich schon des Öfteren hier in der Kneipe gesehen hatte. Gelangweilt saß er vor seinem Bier und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Manchmal blickte er auf, rückte seine Brille zurecht, sah zu uns herüber und grinste. Ich hatte das Gefühl, dass Marion und er sich kannten denn ich bemerkte, dass sie ihn auch manchmal angrinste. Das ist ja auch weiterhin nichts Schlimmes. Auch als ich von der Toilette kam und sah, dass er sich auf den freien Hocker, der neben Marion stand, niedergelassen hatte und die zwei in ein Gespräch vertieft waren, war das für mich vollkommen in Ordnung. Was mich jedoch erstaunte war die Tatsache, dass ich nun völlig ignoriert wurde. Ich trank noch ein Bier und verabschiedete mich. Ach so, ein kurzes „Tschüss“ durfte ich noch mit auf den Nachhauseweg nehmen.

Unterwegs musste ich schmunzeln. Früher hätten mich so eine Ignoranz und Rücksichtslosigkeit verletzt. Heute denke ich, dass es mir nicht zusteht das Tun und Handeln anderer Menschen zu verurteilen. Mir geht`s gut, denn ich habe mich von einigen Dingen gelöst, bin genügsamer geworden, finde Stille und Ausgeglichenheit durch Meditation und spiritueller Disziplin.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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