Johann Hayer

Die Frau im Regen 2

2. Kapitel – Montagvormittag
Der Mann war unrasiert und schlecht gelaunt. Es war halb acht Uhr morgens an einem Montag. Normalerweise lag er um diese Zeit noch im Bett, vor allen Dingen an diesem Tag. Aber sein Auftraggeber, war eindeutig gewesen. Er musste den Körper der Frau bergen, und zwar so früh wie irgend möglich. Bevor ihn jemand fand. Nun halb acht erschien ihm „so früh wie möglich“ und deswegen raste er jetzt die Straße entlang. Die Musik im Auto dröhnte. Noch ein paar hundert Meter, dann würde die Abzweigung kommen, die er nehmen musste.
Schon von Ferne sah er die Polizeiautos. Mehrere davon standen am Straßenrand, außerdem ein LKW und ein Krankenwagen. Geistesgegenwärtig beschleunigte er den Wagen wieder und fuhr vorbei. Nach zwei weiteren Kurven blieb er am Straßenrand stehen. Nachdenklich nahm er sein Handy heraus und informierte seinen Auftraggeber.

***

Paul wachte auf. Wo ist Melanie? Langsam richtete er sich auf, warf die Decke zur Seite und schwang die Beine herum. Benommen tastete er nach dem Wecker. Warum hat das blöde Ding nicht geläutet. Abgeschaltet. Moment mal, ich habe ja für heute Urlaub genommen.
Langsam kam er zu sich und versuchte die Fakten des gestrigen Abends zu sammeln und in chronologische Reihenfolge zu bringen. Also, ich bin auf dem Heimweg gewesen, habe eine Anhalterin mitgenommen, habe mit ihr geschlafen, hatte einen phänomenalen Orgasmus und dann dieser Filmriss und der Traum. Von der Ebene, von den zwei Sonnen, der Brücke und dem alten Mann mit dem Bart und dem Speer. Dann wachte ich auf und sie war weg. Ich habe nach ihr gesucht, aber sie war weg, einfach weg. Dann bin ich nach Hause gefahren.
Entschlossen stand er jetzt auf. Kaffee! Nackt ging er los. Der Aschenbecher im Wohnzimmer quoll über, die Luft war schlecht. Er öffnete die Balkontür und machte sich auf den Weg in die Küche.
Er war immer noch nicht richtig da, alles lief ohne sein Zutun ab, wie in Trance.
Es folgte sein morgendliches Ritual.
Filterpapier einlegen.
Kaffeedose holen.
Einfüllen.
Einschalten.
Waschen.
Rasieren.
Aufwachen.
Zurück in die Küche. Der Kaffee war fertig. Immer noch nackt schenkte er sich etwas in eine Tasse, ging ins Wohnzimmer, setzte sich in einen Sessel und schaltete das Radio ein.
Wenn er etwas essen wollte würde er wohl Frühstücken gehen müssen da er, wie immer, nichts zu Hause hatte. Scheiß Single-Leben.
Geistesabwesend lauschte er der Stimme im Radio.

„... bittet die Polizei um ihre Aufmerksamkeit: Heute gegen sechs Uhr morgens entdeckte ein LKW-Fahrer am Waldrand in der Nähe von Kirchdorf bei München die Leiche einer jungen Frau. Sie war blond, schlank, eins siebzig groß, etwa zwanzig Jahre alt und bis auf einen roten Slip unbekleidet. Sie wies keine äußeren Verletzungen auf. Wer kennt die Frau? Hinweise...“

Mit einem Mal war er hellwach.
Das war doch genau die Stelle, an der sie gewesen waren. Und die Beschreibung, das konnte eigentlich nur, ja das musste Melanie gewesen sein. Und jetzt sollte sie tot sein.
Wenn er nur nicht eingeschlafen gewesen wäre. Was war da passiert und was war in dieser verdammten Zigarette?
Paul hatte plötzlich keine Lust auf den Kaffee mehr. Zu früh für einen Whisky? Egal. Ich muss nachdenken, Alkohol hilft dabei.
Er machte sich einen Drink stellte das Glas neben den Kaffee, der jetzt langsam kalt wurde.
Den Gedanken zur Polizei zu gehen verwarf er so schnell wie er wie er gekommen war.
Ich brauche jemand mit dem ich darüber reden kann. Jemand der mich nicht sofort für verrückt hält, jemand der mir die Sache vielleicht sogar glaubt.
Er trank etwas und fühlte dankbar die angenehme Wärme in der Kehle.
Wer nur?
Als das Glas leer war füllte er es nochmal und komplettierte das Ganze mit einer Libertad. Mit Whisky und Zigarillo wurde er ruhiger.
Wo anfangen? Beim Joint vielleicht. Es war bestimmt kein normaler Joint gewesen. Obwohl, allzu viel verstand er nicht davon, wie er sich eingestand. Er konnte sich nicht mal mehr erinnern, wann er zum letzten Mal einen geraucht hatte.
Vielleicht als Student? Was war eigentlich mit der Kippe passiert? Die Frau hat sie ausgedrückt und dann? Gut, in dem Augenblick hatte er an alles Mögliche gedacht, nur nicht daran. Der Filter müsste eigentlich noch da sein. War da ein Filter dran? Das war doch meistens nur ein Stück Karton, oder? Und wenn, war noch was davon da, jetzt? Unwahrscheinlich! Erstens hat es geregnet und zweitens hatte die Polizei bestimmt nach Spuren gesucht und alles mitgenommen was da gewesen war. Die Kleider der Frau hatten sie allerdings auch nicht gefunden.
Er entschloss sich auf den inzwischen kalten Kaffee zurückzugreifen. So komme ich nicht weiter. Ich muss das Problem analysieren, ich brauche mehr Informationen und jemanden mit dem ich darüber reden kann!

***

Die Tasse war leer und er war hungrig. Er stand auf und ging sich anziehen. Jeans, weißes Hemd, Krawatte, wozu eigentlich, wahrscheinlich Macht der Gewohnheit, waren schnell gefunden. Als er den Schlips band wusste er wen er fragen konnte, Klaus! Der hatte nie einen Schlips getragen, was war das damals für eine Diskussion gewesen als sie ins Spielcasino gehen wollten, sie waren nach Baden-Baden ... Genau! Klaus! Den kann er fragen. Den ewigen Kiffer, der immer nur tat, wozu er gerade Lust hatte ...
Froh, endlich einen kleinen Schritt weiter gekommen zu sein zog er sich fertig an und fuhr die kurze Strecke zur Türkenstraße.
Frühstücken konnte er später immer noch. Wann hatte er Klaus zum letzten Mal gesehen? Das musste auch schon einige Zeit her sein, bestimmt ein Jahr oder so. Na egal, sie waren immer gute Freunde gewesen. Mit wem wohnte er eigentlich. Er glaubte sich da an irgendeinen Typen erinnern zu können, Klaus war bi, mal hatte er einen Freund, mal eine Freundin. Ob er inzwischen einer regelmäßigen Arbeit nachging? Dann wäre er jetzt wahrscheinlich nicht zu Hause.
Angekommen fand er nach kurzer Suche sogar einen Parkplatz in der Nähe. Der Hauseingang war offen und eilig hastete er die Treppen zum dritten Stock hinauf. Vor der Wohnungstür stehend läutete er. Nach einer Weile, er wollte bereits noch mal auf den Knopf drücken, hörte er wie sich Schritte langsam näherten, Klaus öffnete. Erstaunlicherweise war er bereits angezogen.
„Hallo Klaus.“
„Hallo Paul.“
Die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Paul war jetzt verlegen. Wie sollte er anfangen? Gott sei Dank erwartete der andere keine Erklärungen. Er wirkte ziemlich neben der Spur, dass er schon wach war, war merkwürdig genug.
„Komm rein.“
„Danke. Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt?“ Idiot, er ist doch schon angezogen schalt er sich in Gedanken.
„Nein, nein, ist schon OK, ich war heute schon unterwegs...“
Da seine Gedanken nur um sein Problem kreisten und wie er es Klaus vermitteln sollte, vergaß er dessen Antwort so schnell wie er sie gehört hatte.
Klaus bedeutete ihm einzutreten. „Wir gehen am besten ins Wohnzimmer.“ Paul folgte ihm durch den langen Korridor zu einer Tür am anderen Ende des Flurs. Nachdem sie hindurch gegangen waren meinte Paul im ersten Moment in ein vollkommen dunkles Zimmer zu treten, aber nach einigen weiteren Metern gewahrte er einen von rechts kommenden Lichtschein. Die halb zugezogenen Vorhänge eines Fensters sorgten für ein schummriges Halbdunkel. Die anderen Fenster waren mit schweren Gardinen verhüllt. Paul hörte ein leises Plätschern, das auf einen Springbrunnen schließen ließ, konnte aber nur eine Ansammlung von Topfpflanzen erkennen, die eine ganze Ecke des Zimmers einnahm. Leise Musik war zu hören. Klaus wandte sich nach links und deutete auf eine riesige Couch im Biedermeierstil. „Setz dich!“
Der Tisch war mit einem Konglomerat aus Aschenbechern, Zigarettenpapier, Tabak und in Alufolie eingewickeltem Haschisch bedeckt. Klaus wischte die Sachen beiseite und fragte: „Willst du was trinken? Wasser, Cola, Kaffee?”
„Kaffee wäre super, aber Wasser tut’s auch.“
Klaus brummte etwas, dass nach OK klang und verließ den Raum.
Paul sah sich um. Der Fernseher in der linken Ecke war mit einer dichten Staubschicht überzogen und wurde von einem übervollen Aschenbecher gekrönt. Vor ihm an der Wand mit den verdunkelten Fenstern standen zwei riesige Lautsprecher. Klaus war also noch immer der große Musikfreak. Ehe er seine Musterung fortsetzen konnte kam der allerdings schon wieder mit einer Flasche Mineralwasser und zwei Gläsern zurück. Das ging aber verdammt schnell, dachte Paul, offenbar gibts keinen Kaffee.
„So, hier ist erst mal das Wasser. Weißt du, als ich vorhin in der Küche war ist Caro, ... Moment, kennst du eigentlich Caro schon?“
„Nein. Als ich das letzte Mal hier war warst du, glaube ich, mit so einem Typen zusammen, ...“
„Ach ja. Das war Stefan mit dem ich damals zusammengelebt habe. Nein, also jetzt bin ich seit Januar mit Caro sozusagen liiert. Caro Graf heißt sie. Studiert Philosophie im was weiß ich wievielten Semester. Weißt du Paul, ich habe früher häufiger gewechselt, du weißt schon. Aber, letztes Sylvester ich war da auf einer Party bei, bei ... na wie hieß er doch gleich, bei ... na egal, also auf jeden Fall da habe ich sie gesehen. Mann ich war weg. Und dann ist sie kurz darauf bei mir eingezogen und seitdem wohnen wir zusammen. OK, was wollte ich eigentlich sagen ..., ach ja, also, ich kam in die Küche und stelle fest, dass Caro auch schon wach ist. Sie fragt mich wer da sei und ich sag ihr halt, Paul, ein alter Freund, und sie gleich, OK, dann mach ich für uns drei Kaffee’ und ich super, ... weißt du, es ist schon irre, sonst steht sie nie vor drei Uhr nachmittags auf, gut, wir kommen auch nie vor fünf, halb sechs morgens ins Bett, aber egal, es hat mich halt überrascht ...“
Paul war erstaunt. Klaus, der sonst nie länger als zwei Wochen mit jemandem zusammen gewesen war, war sesshaft geworden. Wahrscheinlich das Alter!
„Find ich großartig. Ich bin schon neugierig wie sie aussieht.“
„Ha,“ jetzt kommt Klaus ins Schwärmen. „Einfach super. Schlank, wahnsinnig schlank, lange Beine, knackiger Po, kleine, feste Brüste, lange blonde Haare ...“
In diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Frau im Morgenmantel brachte ein Tablett mit Kaffeekanne und drei Tassen herein und unterbrach dessen Schwärmerei.
Melanie! Die Ähnlichkeit war verblüffend, es schien fast, als ob die beiden Zwillinge wären. Wieder ein neuer Gedanke. Wenn sie jetzt auch noch lila Augen hat. Aber das konnte er in dem vorherrschenden Dämmerlicht natürlich nicht feststellen.
„Hi.“
Klaus stand auf, nahm ihr das Tablett ab und wandte sich an Paul.
„Darf ich vorstellen: Caro Graf. Paul Ritter.“
Sie blickte zu Paul. „Hi, Paul.“
„Hallo!“
Sie küsste Klaus zärtlich auf die Wange. „Guten Morgen Liebling,“ schnurrte sie dabei, „ich gehe mich erst mal duschen, ich bin noch gar nicht richtig da.“ Im Weggehen drehte sie sich noch mal um und winkte ihnen zu.
„Danke für den Kaffee,“ rief Paul ihr hinterher, aber da war sie schon draußen.
„Na, wie findest du sie, Paul?“
„Also abgesehen davon, dass sie fantastisch aussieht …“ hier zögerte Paul. Wie sollte er jetzt den Übergang finden Dann fuhr er fort: „Also ich will es kurz machen. Ich werde dir gleich die Geschichte erzählen, die mir gestern passiert ist und die Hauptfigur meines Abenteuers gleicht deiner Caro bis aufs Haar.“ So jetzt war es vom Tisch.
„Moment mal,“ warf Klaus ein, „Caro war gestern den ganzen Abend zu Hause.“ Offenbar hatte er das in den falschen Hals bekommen.
„Nein, nein,“ winkte Paul ab, „so habe ich es nicht gemeint. Es sind bestimmt zwei verschiedene Personen.“ Ganz bestimmt, denkt er, denn Melanie war schließlich tot.
„Es ist einfach nur der Zufall, dass ich eine Frau kennenlerne, dich nach über einem Jahr wiedersehe und du mit einer Frau zusammenlebst, und beide sind etwa gleich alt, haben dieselbe Haarfarbe ... na. das Ganze ist doch sehr unwahrscheinlich.“ Paul redete, als wenn er nicht nur Klaus, sondern auch sich überzeugen müsste.
„Es ist einfach nur dieser unwahrscheinliche Zufall, der mir zu denken gibt, diese Chance von eins zu zehntausend für diese Übereinstimmung. OK, dann fang ich einfach von vorne an und du hörst zu, einfach nur zu und dann reden wir über die Probleme, die ich habe.“
Klaus schenkte ihnen Kaffee ein. „Zucker?“
„Ja, bitte.“ Und dann begann Paul zu erzählen. „Ich war auf einem Seminar in Rosenheim und befand mich auf dem Heimweg. Ich habe nicht die Autobahn genommen, sondern bin über die Landstraße gefahren ...“
Paul erzählte die Geschichte von dem Erlebnis mit der Anhalterin, dem Sex, dem Traum, dem Verschwinden Melanies und der erfolglosen Suche. Klaus hörte aufmerksam zu.
„Und heute Morgen dann das. Ich steh auf, schalt das Radio ein und da kommt eine Meldung, dass genau an der Stelle, an der ich mit Melanie war, heute früh die Leiche einer Frau, auf die die Beschreibung von ihr genau passt, gefunden wurde. Klaus, es sieht so aus, als wäre sie tot.“
Klaus sah ihn entsetzt an. „Paul, das ist ja furchtbar. Und du warst ganz sicher, dass es Melanie war, deren Leiche da gefunden wurde?“
Paul nickte. „Absolut. Na, sagen wir 99%“
„Paul, das, das…“ er suchte nach Worten, „ich weiß nicht was ich sagen soll.“ Dann, nach einer Weile fügte er hinzu, „Paul, wie kann ich dir helfen?“
„Klaus, nachdem ich das Ganze ein wenig verdaut hatte, kamen die Fragen.“ Er sah ihn ernst an. „Was ist da gestern passiert? Was habe ich geraucht? Bin ich übergeschnappt. Ich brauche jemanden dem ich das erzählen konnte. Jemand der mich ernst nimmt. Jemand wie dich. Ich will deine Meinung hören.“
Klaus nickte beipflichtend. „OK. Gehen wir das ganze nochmal durch. Zunächst mal kann ich dir versichern, dass ich dir glaube, wobei die Betonung auf DIR liegt.“ Sorgfältig schien er jedes seiner Worte abzuwägen als er langsam fortfuhr. „Vom logischen Standpunkt aus betrachtet klingt die Geschichte unglaublich. Eine Frau, die im Regen steht und trocken bleibt. Und dann der Traum nach dem Sex. Also, du hast mit ihr geschlafen, dann kam der Orgasmus, und dann bist du… ausgestiegen? Du warst auf, sagen wir mal, einer anderen Welt? Und dann kam Zeus. So was habe ich noch nie gehört. Fantasien ja, gut, aber du sagst, du bist dabei richtig weggetreten. Nein, das versteh ich nicht, ich weiß nicht wo ich das einordnen soll. Vielleicht solltest du nochmal rausfahren, obwohl, die Aussicht dort auf die Bullen zu treffen und Fragen beantworten zu müssen ist nicht gerade prickelnd. Hast du dort irgendwelche Spuren hinterlassen?“
„Ich glaube nicht. Obwohl mir vier Stunden fehlen. Klaus, was glaubst du könnte in der Zigarette gewesen sein? Haschisch?“
„Das weniger, du hast nur eine geraucht, das reicht bei Marihuana nicht umso wegzutreten. Klar, es enthemmt, wirkt aphrodisierend, aber, nein das war’s bestimmt nicht. Du hast doch vorher sonst nichts genommen, oder?“
„Nein, außer natürlich ein paar Whisky, aber das war eine gute Stunde vorher.“
Laut vor sich hindenkend sprach Klaus weiter:
„Vielleicht war es Opium, das könnte hinkommen, besonders was das Erotische dabei betrifft, aber dein Traum passt nicht ins Bild. Ich tippe eher auf irgendein Halluzinogen. Das würde auch es vielleicht erklären.“
„Du meinst so was wie LSD,“ warf Paul ein.
„Ja, nur Acid wird nicht geraucht. Meskalin passt eher, nur dauert es länger bis die Wirkung eintritt, außerdem, wenn du es rauchst ist es zu schwach. Aber warte mal. Da gibts noch was. Genau! Weißt du was es gewesen sein könnte? Aztekensalbei!”
„Aztekensalbei? Das habe ich noch nie gehört.“
„Wundert mich nicht. Ist bei uns nicht so gebräuchlich. Kommt aus Mexiko und ist hauptsächlich in den USA verbreitet, und natürlich in Amsterdam. Also Aztekensalbei oder Wahrsagesalbei wie er auch genannt wird, der botanische Name ist übrigens Salvia Divinorum.“ Klaus war ganz begeistert von seinen fachlich fundierten Äußerungen. „Es enthält unter anderem Salvinorin A und ist das wohl stärkste natürlich vorkommende Halluzinogen. Schon ein Milligramm hat eine extreme Wirkung. Es wird normalerweise gekaut, aber man kann es auch inhalieren oder rauchen. Du bist schnell drauf und der Trip dauert so um die zehn Minuten. Die Wirkung ist unterschiedlich, Visionen von zweidimensionalen Oberflächen, Kindheitserinnerungen. Körpergefühl und manchmal Identität sind weg. Irgendwie überlappen sich die Realitäten. Man glaubt, dass man zur gleichen Zeit an mehreren Orten ist.“
„Auf Pauls Stirn begannen sich Schweißperlen zu bilden. Seine Hände fingen an zu zittern. Flashback?

***

Lippen … Zungen … Arme … Körper … Fingernägel … Haut … Blut … Blut … Körper … eine endlose blaue Grasebene … vollkommene Stille … wolkenloser Himmel mit zwei Sonnen …ein bärtiger Mann mit einem Speer … die Macht.

***

Pauls Erschrecken schien Klaus nicht zu bemerken. „Ich glaube, ich dreh mir erst mal einen Joint, dann kann ich auch besser nachdenken.“ Er sah zu Paul rüber dessen Gesicht jetzt schneeweiß war. „Paul, Menschenskind Paul wie siehst du denn aus? Geht’s dir nicht gut?“
Paul trank einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse zurück und atmete tief durch. Das Zittern in seinen Händen ließ langsam nach. „Geht schon wieder. Mir war auf einmal ein bisschen übel.“ Er versuchte ein Lächeln zustande zu bringen. „Ich habe heute noch nichts gegessen, wollte nachher eigentlich frühstücken gehen ...“
Klaus wirkte irritiert. „Tja, vielleicht solltest du wirklich was essen.“
„Ich bin schon wieder OK. Eins noch. Abgesehen von dem Joint. Da sind noch die Augen, die lila Augen. Hast du schon mal lila Augen gesehen?“
„Lila Augen? Was ist daran Besonderes. Caro hat sie auch, jedenfalls wenn sie will ...“
„Wie, wenn sie will?“
„Na ganz einfach, das sind Kontaktlinsen. Hast du noch nie davon gehört? Das ist doch jetzt in. Du willst andere Augen? Kein Problem. Nimm sie, und du kannst jede Farbe haben, die du möchtest. Es gibt sogar fluoreszierende und welche mit Motiven. Das ist heute nichts Besonderes mehr.“
Daran hatte Paul nicht gedacht. Fast schon zu einfach. „Klaus, weißt du, Melanie hatte auch lila Augen, ich dachte das ist irgendeine, sind irgendwelche ...“ er verstummte, suchte nach Worten, wusste im Moment nicht weiter.
„Aliens?“ ergänzte Klaus ironisch.
„Ja, irgend so etwas... “ Klaus ruhige Stimme ließen Paul die Ängste mehr und mehr als Produkte seiner Einbildung erscheinen. Er kam sich vor wie ein kleines Kind, das seiner Mutter einen Alptraum von Geistern und Dämonen geschildert hatte aus dem es gerade erwacht war und dem bei der Schilderung die Absurdität mehr und mehr bewusst wurde.
„Weißt du was Paul, wir gehen zusammen frühstücken. Was hältst du davon?“ Und bevor Paul antworten konnte fügte er noch rasch hinzu, „Pass auf, während ich meine Tüte baue, gehst du und siehst wie weit Caro ist ich krieg nämlich langsam Hunger. Ich weiß da auch ein nettes Kaffeehaus in der Nähe, da kann man bis 18 Uhr frühstücken.
Paul sah Klaus entgeistert an. „Du meinst wirklich, ich sollte ...“
„Zieh ab, das Bad ist die zweite Türe links, Caro schließt nie ab, kommt dann, wenn ihr fertig seid.“
Paul stand langsam auf. Vor der Badezimmertür angekommen hörte er das Rauschen des Wassers und entschied, dass es sinnlos sein würde anzuklopfen. Er machte die Tür vorsichtig auf und ging hinein.
„Klaus?!?,“ erklang Caros Stimme.
„Nein, ich, ich bin’s. Paul.“ Er war unsicher. Was für ein saublöder Vorschlag von Klaus! „Klaus meinte wir könnten zusammen frühstücken gehen, also, wenn du, na wenn du eben ... “.
„Oh Paul, das ist nett, das du kommst, ich bin gerade fertig geworden. „Cremst du mir bitte den Rücken ein?“ Die Dusche wurde abgeschaltet, Sie schob den Vorhang beiseite und kam heraus. Wassertropfen glitzerten auf Brüsten, Bauch und …. Er fühlte sich ertappt und lenkte seinen Blick schnell nach oben, suchte die Augen, blickte hinein, hinein in die LILA Augen. Trägt man die Kontaktlinsen auch beim Duschen? Paul war verwirrt.
Caro sah ihn herausfordernd an und hielt ihm die Hand hin. „Gib mir bitte das Handtuch, es hängt gleich neben dir.“
Paul reichte es ihr. „Bitte.“
Sie begann sich sorgfältig abzutrocknen. „Willst du mich noch länger anstarren oder mir endlich den Rücken eincremen.“
Der letzte Satz ließ einen Schalter in Pauls Gehirn umspringen. „Sorry, was wolltest du?“
„Ich würde es jetzt eigentlich ganz gerne mit dir treiben,“ Caros Stimme klang verführerisch, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie sah ihm in die Augen und sagte dann eindringlich, wie hypnotisierend: „Klaus kommt jetzt nicht. Außerdem wäre es ihm auch egal, wir haben eine offene Beziehung. Nimm mich.“ Langsam kam sie auf ihn zu.
„Nein!“ Paul war sich klar darüber was er wollte, beziehungsweise was er JETZT auf keinen Fall wollte. „Nein, Caro, ich möchte nicht, nicht jetzt, nicht in diesem Augenblick, ich kann nicht ...“
„Kein Problem. Aber mein Rücken? Den machst du doch wenigstens, oder?“ Wieder dieses Lächeln. Paul verstand es nicht. Melanie! Caro stand vor ihm. Sie glich Melanie auf unvorstellbare Weise.
„Paul,“ flüsterte Caro, „Paul. Ganz ruhig.“ Sie strich vorsichtig über seine Haare, hauchte ihm zärtlich einen Kuss auf die Lippen. „Vergiss Melanie.“
Heiß heute.
Abrupt drehte Caro sich um. „Mein Rücken, bitte. Die Creme ist beim Waschbecken.“
Paul holte die Bodylotion und ließ etwas davon in seine Hand fliesen. Vorsichtig als könnte die Berührung seiner Hände ihren Körper verschwinden lassen verteilte er die zähflüssige Masse auf ihrem Rücken, massierte sie sorgfältig ein.
Hätte er in diesem Augenblick in ihr Gesicht sehen können, wäre er von dem zufriedenen Ausdruck wohl überrascht gewesen.
„OK, fertig. Ich warte draußen auf dich.“ Er unterdrückte den Wunsch ihr einen Klaps auf den Po zu geben und ging zurück ins Wohnzimmer. Ich brauche einen Whisky.
Klaus zog an seinem Joint.
„Caro kommt gleich.“
„Schön.“
Musik erklang im Zimmer.
Paul setzte sich Klaus gegenüber und starrte vor sich hin.
Dann zog er sein Handy heraus. „Stört’s dich, wenn ich mal kurz bei mir in der Firma anrufe?“
„Kein Problem.“
Paul wählte die Nummer und wartete.
„Kannst du die Musik kurz etwas leiser machen?“
Stille. Klaus hatte die CD gestoppt.
Mandy, die Teamassistentin, war am Apparat. Mandy ist Sicherheit. Aber nicht blond und bestimmt keine lila Augen. Und erst recht keine Kontaktlinsen. Mandy das ist Realität. „Hi Mandy. Sorry, mir geht es seit gestern nicht gut. Ich bin vom Seminar nach Hause gekommen und hab mich mies gefühlt. Entweder bin ich überarbeitet oder hab irgendein Virus erwischt.“ Das war gut. „Was meinst du, kann ich noch ein paar Tage länger Urlaub machen.“
Klaus hörte nicht was Mandy antwortete, bemerkte nur das Paul zustimmend nickte und offenbar ganz zufrieden mit der Antwort war.
„Bis einschließlich Mittwoch, ja das ist super.“ Er bat sie noch das Ganze von Dieter, dem Chef, absegnen zu lassen und versprach ihr hoch und heilig, spätestens am Mittwoch zum Arzt zu gehen, wenn es nicht besser wurde. Und auf jeden Fall nochmal Bescheid zu geben.
Paul war erleichtert und legte das Handy auf den Tisch.
Klaus schaltete die Musik wieder ein.
Caro betrat das Zimmer. Sie hatte Jeans und ein T-Shirt an. Nicht rot, weiß. Paul atmete erleichtert auf.
„Ich bin soweit.“
„OK,“ sagte Klaus, drückte die Kippe aus und stand auf. „Ich brauche zehn Minuten.“ Er verließ das Zimmer. Paul und Caro waren allein.
„Weißt du Caro, das vorhin, das hat nichts mit dir zu tun. Du siehst echt großartig aus. Richtig geil. Aber, weißt du, ich, ich war, nein eigentlich bin ich immer noch nicht so recht in Stimmung, ich habe Probleme.“
„Vergiss es,“ Caros samtene Stimme hüllte ihn ein. „Ich versteh schon. Denk dir nichts dabei. Jeder ist mal nicht so gut drauf.“
Ein Gedanke macht Paul nachdenklich. Woher kannte Caro Melanies Namen? Den hatte er ihr doch noch nicht gesagt.
Klaus kam zurück. „Los, gehen wir essen, ich habe Hunger wie ein Pferd.“
Es war inzwischen halb drei geworden.
„Ja. Heiß heute,“ sagte Paul. „Wir nehmen meinen Wagen, dann sind wir gleich da.“
Draußen hatte es angefangen zu nieseln.

Fortsetzung folgt!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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