Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe - Die erste Begegnung Teil 2

„Ach, der Duft von meinen Pilzen und Kräutern, die ich hier draußen zum Trocknen aufgereiht habe. Ja, es riecht vielleicht ein wenig seltsam, wenn der Trocknungsprozess eintritt, aber da ich den Geschmack dieser Wald- und Gartenkräuter das ganze Jahr über genießen möchte, muss ich diesen, für empfindliche Nasen üblen Geruch, nun mal in Kauf nehmen.“

An dem kleinen Tor, das zum Garten führte, spielten zwei kleine Kätzchen im warmen Licht der Sonne.

„Oh wie niedlich“, sagte Anna und lief langsam auf sie zu, um sie zu streicheln.

„Das sind meine beiden Racker, Peter und Paul. Ich habe sie vor einem halben Jahr unter der Hecke am Wegesrand entdeckt. Bestimmt hat sie jemand dort ausgesetzt. Ich habe sie aufgezogen und wie ihr seht, fühlen sie sich hier wohl. Bin auch ganz froh darüber, so habe ich jemanden, dem ich meine Freuden und meine Sorgen mitteilen kann. Die Beiden hören auch meistens gut zu und was noch wichtig ist, sie geben keine Widerworte.“ Bei diesen Worten mussten die alte Dame und auch Anna und Frank lauthals lachen.

„Wohnen sie ganz alleine hier, haben sie keinen Mann?“ wollte Anna wissen. „Sei doch nicht so neugierig“, meckerte ihr Bruder.

„Lass sie nur“, sagte die alte Frau. „Nein, einen Mann hatte ich nie. Ich habe bis vor zwanzig Jahren mit meiner Mutter hier gelebt. Sie wurde so wie auch ich von den Kindern des Dorfes Kräuterhexe genannt. Das lag wohl daran, dass sie so eine große Nase hatte, um ihren Kopf immer ein schwarzes Tuch trug und je nach Jahreszeit große Körbe voll mit Beeren, Pilzen oder Kräutern aus dem Wald schleppte. Dann war auch noch unser alter Kater Felix ständig bei ihr und saß manches Mal, wenn sie ein Nickerchen auf der alten Bank machte, auf ihrer Schulter. Von den Beeren und Kräutern bereitete sie die leckersten Marmeladen und Säfte zu, wusste aber auch um ihre Heilkräfte und so diente manches Kräutlein dazu, Heilsalben oder auch Tees herzustellen.

Die lange Hakennase habe ich von ihr geerbt, trage auch manchmal ein Kopftuch und das Sammeln von Beeren und Kräutern ist Tradition in unserer Familie. All diese Dinge erweckten bei den Kindern wohl den Eindruck, meine Mutter und auch ich seien Hexen. Aber mich kümmert`s nicht. Es sind halt Kinder, die ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Vor zwanzig Jahren ist die Mutter gestorben und hat mir dieses kleine Anwesen hinterlassen. Findet ihr eigentlich auch, dass ich etwas Hexenartiges an mir habe?“

Die Kinder schüttelten den Kopf und Anna sagte: “Es ist wunderschön hier bei Ihnen und wir mögen es, wenn Sie uns aus Ihrem Leben erzählen.“

Frank nickte zustimmend und fragte sie dann: „Gehen Sie auch manchmal zum Rhein und lassen sich dort den Wind um die Nase wehen? Unsere Mutter, die hier in der Nähe aufgewachsen ist, erzählt oft davon, dass sie in ihrer Jugendzeit mehrmals die Woche einige Stunden am Rheinufer verbrachte und der Wind ihr die schönsten Geschichten erzählt hätte. Sie war oft sehr traurig darüber, dass sie damals ihr Dorf verlassen musste und so überraschte unser Vater sie vor einiger Zeit damit, dass er in ihrer alten Heimat ein kleines Häuschen gekauft hätte und wir bald dort einziehen würden“.

Die alte Frau blickte zum Himmel und schmunzelte: „Ja der Wind, manchmal erzählt er von den Bildern, die hinter dem Horizont liegen. Von großen Städten, vom wilden Meer und von Seen, auf denen Segelboote fahren in denen verliebte Pärchen dem Sonnenuntergang entgegen gleiten. Früher saß ich auch manchmal dort und lauschte seinen wundersamen Klängen aber heute ist die Zeit, die ich am Fluss verbringe, mit Arbeit verbunden. Ganz ohne Geld überlebt man nicht und deshalb lege ich des Abends meine drei Reusen in den Fluss. Manchmal, wenn ich sie dann morgens herausziehe, wimmelt es in ihnen vor lauter Fischen aber an manchen Tagen bleiben sie auch leer. Egal, ob der Fang nun gut oder schlecht ausgefallen ist, die Fischer machen meistens das Wetter dafür verantwortlich oder erfinden irgendwelche anderen Geschichten die dann erklären sollen, warum der Fang entweder erfolgreich oder schlecht war. Ja, liebe Kinder, so verdiene ich mir mit dem Verkauf von Fischen noch ein Zubrot. Ich habe einen kleinen Kundenstamm, Leute aus den umliegenden Dörfern und auch ein paar Gasthäuser, die ich regelmäßig mit Fisch beliefere. Viele lieben auch meine Beerensäfte und Kräutertees und so habe ich schon mein Auskommen.“

„Welche Fische fangen Sie denn hier?“ wollte Frank wissen.

„Ach, weißt du mein Junge, das ist unterschiedlich. Mal sind es Barsche, ein anderes Mal sind`s Aale und immer sind die Weißfische wie Brassen, Rotaugen und eine Menge anderer dieser Grätentiere dabei. Ich sag deshalb Grätentiere, weil die Weißfische voller Gräten stecken. Sie verderben so manchem Fischliebhaber den Appetit, denn man muss schon gut aufpassen, dass einem beim Verzehr keine davon in den Hals gerät.“

„Wir essen auch total gerne Fisch“, sagte Anna. „Da wo wir früher gewohnt haben, gab`s einen Fischmarkt. Einmal in der Woche fuhr unsere Mutter dorthin. Wir freuten uns schon immer auf die leckere Fischmahlzeit. Jetzt wo wir Sie kennengelernt haben, wissen wir ja, wo wir demnächst unsere Fische kaufen können.“

„Na dann habe ich ja schon wieder neue Kundschaft hinzugewonnen“, sagte die alte Frau und lachte. „Ich habe auch einen Räucherofen, denn einige meiner Kunden lieben den zarten Rauchgeschmack. Morgen ist es wieder so weit, da werde ich einige Portionen Barsche und Aale räuchern. Dort hinten an dem Holzschuppen steht er.“

„Der ist aber groß“, stellte Frank fest. „Da können Sie ja `ne Menge Fisch auf einmal drin räuchern."

„In dem Schuppen haben Sie bestimmt das Holz gelagert, das sie fürs Räuchern benötigen, stimmt`s?“ fragte Anna.

„Ja, mein Kind. Der Schuppen ist voll gestopft mit trockenem Buchenholz und getrockneten Wacholderzweigen. So ein Wacholderzweiglein dem Räuchervorgang beigefügt, gibt den Fischen das gewisse Etwas“, schmunzelte die alte Dame.

„Dann kommt doch morgen so um die Mittagszeit, wenn eure Eltern es erlauben. Ich werde euch dann mal eine Kostprobe meiner Räucherkunst servieren.“

„Oh ja gerne“, sagten die beiden und bedankten sich für die freundliche Einladung.

Es war schon spät geworden und das Abendbrot würde bald auf dem Tisch stehen, deshalb verabschiedeten sich die Kinder von dieser freundlichen Hexe. Morgen würden sie ihrer netten Einladung folgen und sie auch sonst bestimmt noch viele Male besuchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Oma Dorfhexe - Eine kleine Geschichte vom Niederrhein von Wolfgang Scholmanns



Anna und Frank ziehen mit ihren Eltern in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sie die alte Dame kennen lernen, die die Dorfkinder oftmals mit dem Namen "Oma Dorfhexe" betiteln.

Bei ihr lernen sie, wie man mit Reusen fischt und die Fische räuchert, sie gehen mit ihr Pilze sammeln und lernen sogar, wie man mit Heilkräutern umgeht.

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