Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 3 Köstlichkeiten

Köstlichkeiten

Als Frank und Anna am nächsten Morgen aufwachten, freuten sie sich schon auf den Räucherfisch, den ihnen die alte Frau heute Mittag auftischen würde. „Mmh“, machte Frank. „Räucherfisch ist eine Delikatesse. Ich durfte, als ich mal mit Mutter auf dem Fischmarkt war, ein Stückchen Räucheraal kosten. Der war so lecker, dass ich am liebsten den ganzen Aal verspeist hätte.“

„Ich weiß“, sagte Anna. „Ich habe bei Oma auch schon einmal ein Stückchen Räucherfisch gegessen und mir hat es auch so gut geschmeckt.“

“Guten Morgen meine Lieben", hörten sie ihre Mutter rufen. Wascht euch und putzt eure Zähne. Das Frühstück wartet und ihr habt ja auch heute noch etwas vor.“ Die Beiden beeilten sich, sie hatten schon großen Appetit und die Mutter hatte bestimmt Brötchen gebacken. Als sie alle gemütlich am Frühstückstisch saßen und es sich schmecken ließen, sagte die Mutter, dass sie diese alte Dame gerne einmal kennen lernen würde. Die Kinder sollten ihr ausrichten, dass sie in der nächsten Woche mal zu ihr kommen möchte.

Nach dem Frühstück kümmerten Anna und Frank sich noch um den Abwasch, räumten ihr Zimmer noch ein wenig auf und machten sich dann auf den Weg zu der lieben Dorfhexe. Es war noch ein wenig Zeit bis zum Mittag und so beschlossen sie, sich noch ein bisschen ans Rheinufer zu setzen, um sich die vorbeiziehenden Kähne anzusehen. Vielleicht würden sie auch das Lied des Windes vernehmen, das von Bildern erzählen sollte, die hinter dem Horizont liegen würden. Schon bald hatten sie das Rheinufer erreicht, gingen den kleinen Hügel, der mit Butter- und Schlüsselblumen geschmückt in der Sonne leuchtete, hinunter und ließen sich unten am Wasser nieder.

„Heute ist gar kein Wind“, stellte Anna fest. „Schade, ich hätte doch so gerne sein Lied gehört.“

„Das kannst du immer noch, Schwesterlein“, lachte ihr Bruder. „Wir haben jetzt jederzeit die Möglichkeit, den Rhein zu besuchen und wenn dann der Wind weht, wird er dir bestimmt das Lied von den Bildern hinter dem Horizont singen.“ Er musste heimlich schmunzeln, denn so ganz glauben konnte er diese Geschichte mit dem Wind, der von fernen Gegenden erzählt, nicht.

„Ohne Wind ist es aber auch schön hier und sieh mal, was man hier unten für tolle Steine findet.“ Er hob einen glänzenden Kieselstein auf, der die Form eines Herzens hatte. „Hier, schenke ich dir, damit du nicht traurig bist.“ Anna strahlte.

„Ist der aber schön. Den stecke ich mir in die Tasche und er soll mich immer begleiten. Das ist jetzt mein Glücksbringer.“

„Kleine Schwestern sind doch ziemlich schnell zu trösten“, stellte Frank fest und richtete dann seinen Blick auf die schnaubenden Kähne, die gegen die Strömung des Rheins ankämpfen mussten.

Eine Weile saßen sie so da und beobachteten die Schiffe, bis Anna plötzlich fragte: „ Riechst du auch diesen Rauch? Ob es der Räucherofen von der Oma ist?“

„Kann schon sein“, antwortete Frank. „Sind ja nur ein paar Schritte bis zu ihr. Komm wir gehen los, vielleicht wartet sie schon auf uns.“

Nach ein paar Minuten hatten sie das Anwesen der alten Frau erreicht. Hier roch es diesmal wirklich gut, nicht nach diesen Pilzen und Kräutern, die während ihres Trocknungsprozesses doch ein unangenehmes Düftchen verbreiten. Der milde Duft des knisternden Buchenholzes setzte sich durch und erfüllte die Luft mit einem rauchigem Geruch. An einem Gestänge, das vor dem alten Holzschuppen stand, baumelten schon einige noch dampfende Fische, die den Räuchervorgang hinter sich hatten. Oma Dorfhexe war gerade damit beschäftig eine neue Ladung Barsche in den Ofen zu verfrachten, als sie das Kommen der Kinder bemerkte.

Lachend begrüßte sie die Zwei und sagte: „ Schön, dass ihr gekommen seid. Ist zwar noch ein bisschen früh, aber ihr könnt mir ja noch ein wenig zuschauen.“

„Können wir Ihnen nicht helfen?“ fragte Frank.

„Nein, das muss ich schon alleine machen. Ihr würdet euch noch verbrennen, denn es ist gar nicht so einfach, die Fische in den heißen Ofen zu befördern. Selbst ich erfahrene Räuchertante ziehe mir immer noch Verbrennungen zu. Das sind für heute sowieso die letzten, die geräuchert werden. Sie müsse noch ein Stündchen im Ofen bleiben. Ich werde mich ein wenig zu euch setzen und ihr erzählt mir davon, was eure Eltern dazu gesagt haben, dass ihr heute zum Essen bei einer wildfremden Frau eingeladen seid."  Eines der Kätzchen war auf die Bank gehüpft und machte es sich auf Annas Schoß bequem.

„Wie zutraulich sie ist. Ihr Fell ist total kuschelig“, freute Anna sich. „Ich möchte auch eine Katze haben.“ Frank unterbrach sie. “Also, wir sollen Sie von unserer Mutter grüßen. Sie möchte Sie kennenlernen und würde in der nächsten Woche gerne einmal zu Ihnen kommen.“

„Ja, schön“, sagte die Omi. “Ich freue mich.“ Die Sonne hatte mittlerweile ihren höchsten Punkt erreicht und die alte Frau schlug vor, dass die Kinder sich in die Stube setzen sollten, denn dort sei es kühler. Sie würde gleich nachkommen und ein paar Räucherdelikatessen servieren.

„Aber, wenn ich jetzt aufstehe, ist das Kätzchen bestimmt traurig. Es fühlt sich doch so wohl bei mir“, meinte Anna.

„Setz sie nur zu ihrem Bruder auf den Boden. Der wartet nämlich schon auf sie.“ Anna hatte gar nicht bemerkt, dass die andere Katze schon eine ganze Weile unter dem Tisch saß und sehnsüchtig zu ihr hoch blickte. „Hallo kleines Tierchen“, sagte sie. Möchtest du auch gerne gestreichelt werden oder möchtest du lieber mit deiner Schwester spielen? Fühlst dich wohl ein bisschen vernachlässigt, oder? Hier hast du deine Schwester zurück.“

Anna setzte das Kätzchen zu seinem Bruder auf den Boden und musste lachen, denn die beiden Racker, wie die Oma ihre Katzen nannte, wälzten sich sofort spielerisch im Sand und rasten dann quietschvergnügt auf dem Hof hin und her.

„So nun aber ab in die gute Stube. Ihr habt doch bestimmt schon einen riesigen Appetit“, schmunzelte die alte Frau. Sie ging vor und öffnete die Tür. „Das ist mein kleines Reich“, sagte sie. Die Kinder staunten nicht schlecht, als sie das Häuschen betraten. Wie eine Puppenstube war es hergerichtet. Wunderschöne alte Möbel mit den schönsten Schnitzereien zierten die Stube und an den Wänden hingen Landschaftsbilder, deren Motive die herrliche Landschaft des Niederrheins erkennen ließen. In der Ecke neben einem der kleinen Fensterchen stand ein reichlich verzierter, alter Kaminofen, der bestimmt schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatte. Über dem Tisch hing an einer kupferfarbenen Kette eine korbartig geflochtene Lampe, die, so erzählte das Dorfhexchen, ihre Oma noch hergestellt hatte.

„So, nachdem ihr ja nun meine alte Stube begutachtet habt, nehmt mal hier am Tisch Platz.“ Sie stellte ein paar Teller auf den Tisch, legte Besteck dazu und verschwand dann für einige Zeit in der Küche.

„Erinnert mich ein bisschen an Omas Wohnung“, sagte Anna. „Die alten Möbel und so, weißt du?“

„Ja stimmt, aber hier ist es viel gemütlicher, finde ich.“ Mittlerweile war die alte Dame zurückgekehrt, hatte ein Körbchen mit Brot auf den Tisch gestellt und sagte den Kindern, dass der letzte Räuchervorgang jetzt beendet wäre und sie die Fische aus dem Räucherofen nehmen müsse.

„Wartet einen Moment, es wird nicht lange dauern.“ Währenddessen sahen die Kinder sich noch ein wenig in der Hütte um. Das Räumchen neben der guten Stube war die Küche. Sie war winzig klein. Über dem Kohleherd hingen an einem Brett die verschiedensten Kochutensilien wie Schneebesen, Kochlöffel, Suppenkelle usw., von denen die Griffe alle mit Blumenmotiven bemalt waren. In der Ecke stand ein kleines Holzschränkchen dessen Vitrinenaufsatz wunderschönes und bestimmt auch uraltes Porzellan enthielt. Auf einem Regal, das an der Wand befestigt war, befanden sich allerhand kleine Gefäße.

„Da sind bestimmt Kräuter und Gewürze drin“, flüsterte Anna.

„Kann wohl sein“, meinte Frank. Geklapper an der Tür machte die Kinder auf die Rückkehr der Oma aufmerksam und schnell setzten sie sich wieder auf ihre Plätze. Den Eindruck erwecken, dass sie neugierig seien, wollten sie ja nicht. Omi hatte eine Art Schüssel in den Händen, aus denen der Duft mild geräucherter Fische strömte.

„So, jetzt werden wir uns mal über diese Köstlichkeiten hermachen“, sagte sie lächelnd. „Drei Aale und zwei Barsche habe ich mitgebracht. Habt ihr euch inzwischen ein wenig in meinem Häuschen umgesehen?“ grinste sie.

„In der Küche waren wir kurz!“ stotterte Frank.

„Na macht doch nichts,  fühlt euch bei mir wie zu Hause. Greift zu, die Fische sind noch warm und dann schmecken sie besonders gut.“ Sie legte jedem ein Stück Aal auf den Teller und zeigte ihnen dann noch, wie man die Haut von diesem Fisch ablöst. „Die kann man nicht mitessen, sie ist zäh und bitter“, sagte sie. „Nehmt ein Stück Brot dazu, dann ist er bekömmlicher. Geräucherter Aal ist nämlich sehr fett und ihr sollt euch ja nicht den Magen verderben.“

„Mmmmh ist das köstlich“, kam es wie aus einem Munde. „Sind die Barsche auch so lecker?“

„Schmecken etwas anders aber sie sind auch ein Gaumenschmaus für jeden, der gerne Fisch mag. Liebe Kinder, wir haben ja gar nichts zu trinken. Da muss ich aber mal schnell in die Küche und uns Gläser und Saft holen.“

Schon bald war sie mit drei Gläsern und einer Kanne zurück. „Jetzt kostet mal von meinem selbst gemachten Beerensaft. Er wird euch bestimmt schmecken. Ich habe ihn nach einem Rezept meiner Mutter hergestellt.“ Sie schenkte den beiden von dem Saft ein und las in ihre Augen, dass er ihnen gut schmeckte.

„Boaaah so einen leckeren Saft haben wir noch nie getrunken“, sagten Frank und Anna. „Dürfen wir noch etwas haben?“

„Na klar, meine Lieben. Freue mich doch, dass es euch so gut schmeckt.“ Sie füllte die Gläser nach und setzte sich dann wieder auf ihren Platz.

Jetzt wurden die geräucherten Barsche zerlegt. Sie nahm ein Messer und schnitt die Barsche an der Rückenseite der Länge nach ein. Dann klappte sie die eine Seite um, so dass zwei Hälften entstanden. In der einen Hälfte befand sich noch das Rückgrat mit dem ganzen Grätenzeugs. Sie entfernte es gekonnt, legte jedem eine Barschhälfte auf den Teller und sagte: “Ich hoffe, es sind keine Gräten mehr drin. Passt aber trotzdem auf.“ So verschwand eine Barschhälfte nach der anderen in den Bäuchen der drei Feinschmecker.

„Erster“, sagte Frank nach ein paar Minuten, denn er hatte seinen Teller leer gegessen.

„Ich kann nicht mehr“, flüsterte Anna ihm zu. „Möchtest du den Rest noch haben?“

„Nee Schwesterlein, in meinen Bauch passt nichts mehr rein!“

„Lass nur“, sagte die Gastgeberin. Ich schaff es auch nicht, alles aufzuessen. Die Reste geben wir den Katzen. Sollt mal sehn, wie die sich darüber freuen werden. Die Hauptsache ist, es hat euch geschmeckt und ihr seid satt geworden.“

Sie legte die Reste in ein Schälchen und stellte es vor die Tür. Die beiden Kätzchen, die träge in der Sonne lagen, bemerkten sie sofort und erkannten, dass sie ihr Futternäpfchen mitgebracht hatte. Geschwind kamen sie herbei und machten sich über die leckere Mahlzeit her.

„Na das schmeckt euch, was?“, lachte die Oma. „So, liebe Kinder, ich lege mich jetzt ein Stündchen hin. Bin schon seit fünf Uhr auf den Beinen und die Müdigkeit überkommt mich so langsam. Wenn ihr möchtet, könnt ihr morgen dabei sein, wenn ich die Fischreusen aus dem Rhein ziehe. Ist bestimmt interessant für euch und da ihr ja Ferien habt, könnt ihr ja früh aufstehen, denn um sechs Uhr geht es los.“

„Ja, gerne“, antwortete Frank. „Wir werden unsere Mutter bitten, dass sie uns zeitig weckt.“ Dann verabschiedeten sie sich und bedankten sich noch für das leckere Essen. Die liebe Omi nahm beide in den Arm, gab jedem ein Küsschen auf die Wange und sagte: „Ist das schön, zwei so nette Kinder kennengelernt zu haben. Kommt gut heim. Ich freue mich schon auf morgen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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