Eva Königseder

kleiner Käfer

kleiner Käfer
 

Mit zittrigen Knien stehe ich vor dem großen, grauen Hochhaus. Ich fühle mich im Schatten des Hauses klein und unbedeutend, doch im Vergleich zu dem kleinen Marienkäfer, der sich gerade auf meine Wange setzt, bin ich groß, stark und selbstbewusst. Ich greife vorsichtig mit einem Finger nach dem kleinen Insekt, doch noch bevor ich ihn auf meinen Fingernagel setzen kann, fliegt er fort. In diesem Moment wird mir klar, dass auch dieser kleine Käfer mich zu etwas Unbedeutsamen macht. Er ist frei, kann fliegen wohin auch immer es ihn treibt. Er hat keine Existenzängste, keinen Liebeskummer, keine Regeln. Er lebt einfach vor sich hin, erkundet die Welt. Manchmal gibt er einem Menschen das Gefühl, bedeutsam zu sein, kurz später zerstört er diese Gefühle wieder, lässt die Menschen in Selbstzweifel versinken und macht sich aus dem Staub.
Ich schiebe meine Marienkäfer-Fantasien zur Seite und beginne, mich wieder mit dem Wichtigen zu beschäftigen. Nachdem ich tief durchatmete, drücke ich vorsichtig den Knopf der Klingel. Mir ist klar, dass sobald jemand die Tür öffnet, meine Chancen zur Flucht verfliegen, wie der kleine Käfer.
Durch die Fernsprechanlage ertönt ein kratziges Geräusch, welches ich als Stimme identifiziere, also trete ich in den genau so kahlen, viel zu großen Flur des mehrstöckigen Wohnblocks. Wie ferngesteuert hüpfe ich die Stufen der breiten Treppe nach oben in den ersten Stock. Hinter der ersten Glastür rechts am Flur befinden sich zwei Wohnungen. Die erste davon ist die, die ich aufsuche. Ich schwinge mit zu viel Kraft die Glastür auf, sodass sie mit voller Wucht gegen den Türstopper knallt. Der dumpfe Aufprall lässt mich zusammenzucken. Er erinnert mich an einen Schuss. Allein der Gedanke an einen Schuss macht mich noch nervöser als ich ohnehin schon bin. Wieso denke ich in der Situation überhaupt über Schüsse nach?
Kopfschüttelnd, ärgerlich, aber immer noch ängstlich stelle ich mich vor seine Wohnungstür. Der „Herzlich Willkommen“-Schuhabstreifer lässt mich ein wenig herunterkommen. Es beruhigt mich, endlich wieder gewohnte Gegenstände um mich zu haben. Auch der vertraute Geruch des viel zu scharfen Putzmittels weckt wage Erinnerungen an die vergangene Zeit in diesem Haus, in mir.
Vorsichtig, beinahe zu leise, klopfe ich an der Holztür. Es dauert gefühlt Stunden, bis ich endlich Schritte höre. Je näher sie auf mich zu kommen, desto aufgeregter werde ich. Ich war so damit beschäftigt, den Weg hierher zu finden, dass ich gar nicht daran gedacht habe, wie ich es ihm eigentlich sagen möchte. Ich nehme die Schritte nun ganz nah an der Tür wahr. Seine Hand greift wahrscheinlich gerade nach der Türklinke, mein Herz bleibt stehen. Ich will losrennen, mich nicht mehr umdrehen, einfach nur weg von dieser Wohnung, doch ich bleibe wie angewurzelt stehen. Die Tür beginnt sich langsam zu öffnen. Mein Herz geht von Stillstand zu Presslufthammer über, ich erleide beinahe einen Herzinfarkt, meine Gedanken spielen verrückt, meine Handflächen schwitzen. Der Spalt wird immer größer, ich kann die erste Hälfte seines muskulösen Körpers schon erkennen. Mir stockt der Atem, was mache ich hier? Warum bin ich nicht einfach zu Hause geblieben? Die Tür öffnet sich ganz, sein Gesicht wird sichtbar. Ich verspüre dasselbe Gefühl wie damals, als ich zum ersten Mal vor seiner Tür stand, der einzige Unterschied ist, dass er mich damals erwartete. Heute bin ich nur hier, da er auf keine meiner vielzähligen Nachrichten mehr reagiert. Sein Gesichtsausdruck verfinstert sich schlagartig als er mich sieht. Ohne ein Wort zu sagen, stehe ich da und sehe ihn an. Ich schaffe es nicht einmal, ein einfaches HALLO herauszubringen. Ich erkenne, dass man mir meine Unsicherheit ankennt, weil sein Gesichtsausdruck auf einmal bemitleidend wird. Als ich nach zehn Sekunden immer noch nichts sage, nickt er wortlos und schließt die Tür wieder. Ich ärgere mich zutiefst, wieso schaffe ich es immer wieder, ihn so zu verärgern? Warum kann ich ihm nicht einfach sagen, was mir auf dem Herzen liegt? Ich erinnere mich wieder an den Marienkäfer. Wie würde er reagieren? Er wäre mit Sicherheit nicht so schüchtern wie ich es bin. Er würde zu seinen Gefühlen stehen, selbstbewusst und tapfer aussprechen, was er fühlt. Kurz bevor die Wohnungstür ins Schloss fällt, drücke ich meine schwitzige Handfläche dagegen. „Warte“, flüstere ich, „Ich muss dir etwas sagen!“. Er öffnet die Tür wieder, ich atme tief durch, erinnere mich an den kleinen, tapferen Käfer. „Ich liebe dich“. Meine Stimme zittert mehr als mein Körper, dafür erleichtern mich die drei magischen Worte so sehr, dass mein Herzschlag wieder normales Tempo annimmt. Ich schaffe es nur kurz, in sein Gesicht zu sehen, seine Antwort dauert viel zu lange. Mir ist klar, dass ich ihn damit nicht berühren konnte. Er hat mir schon vor langer Zeit gesagt, ich soll nicht mehr in sein Leben treten, hat mir damit das Herz gebrochen, dennoch habe ich es nicht geschafft, seine letzte Bitte einzuhalten. Er atmet laut auf. „Ich liebe dich viel mehr“, antwortet er. Er lächelt. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich sehe ihm in die Augen, stelle fest, dass er es offenbar ernst meint. Dann lächle ich auch, erschöpft und matt, aber immerhin. Wahrscheinlich habe ich das alles nur diesem kleinen, nichts ahnenden Marienkäfer zu verdanken. Er zeigte mir, dass es auf die Perspektive ankommt, aus der ich mich sehe. Ich sollte mich einfach immer mit dem roten Käfer vergleichen, er ist zwar bloß einer von Vielen, kann aber groß und bedeutsam wirken!
Max nimmt mich in die Arme. Ich rieche sein Aftershave, spüre seine muskulösen Arme um meine Taille, ich fühle mich wohl und geborgen. Mein Leben ist mit ihm vollständig.

Danke kleiner Käfer!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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