Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 4 Fischfang mit Wollhandkrabbe

Frank wachte sehr früh auf. Es war noch stockfinster und der Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es bis zum Aufstehen noch zwei Stunden Zeit waren.

„Oh, so früh ist es noch. Na dann werde ich noch ein bisschen lesen.“ Er kramte ein Buch und eine Taschenlampe unter dem Bett hervor, und begab sich in die Welt der Piraten. Die Schatzinsel war der Titel des Buches und es war so spannend, dass er es schon zum zweiten Mal las. Die Zeit schritt voran und irgendwann wurde er durch ein Klopfen an der Tür aus seinem Piratentraum geholt.

„Ihr müsst aufstehen Kinder. Es ist jetzt fünf Uhr. Das Frühstück ist gleich fertig.“ Anna hob, noch ganz schläfrig, den Kopf.

„Fünf Minuten noch.“ sagte sie.

„ Ja, aber dann wird’s Zeit.“

„Ich geh mich schon mal waschen und putz mir die Zähne.“

Als Frank mit der Morgentoilette fertig war, stand Anna schon wartend vor der Tür.

„Wie lange brauchst du denn?“

„So lange, bis ich fertig bin.“ sagte Frank lachend. „Ich geh' schon mal in die Küche.“

„Warte aber auf mich. Ich bin auch gleich so weit, dann können wir zusammen frühstücken.“

„Mach ich doch immer“, entgegnete Frank und verschwand in der Küche.

„Heute gibt’s mal keine Brötchen. Ich habe gestern Abend noch ein Brot gebacken und das schmeckt euch ja auch immer so gut“, sagte die Mutter. Mittlerweile war auch Anna eingetrudelt und so konnten sie mit dem Frühstücken beginnen.

„Der Tag verspricht schön zu werden, da könnt ihr die Sachen, die ihr gestern anhattet, noch einmal anziehen, bevor ich sie in die Wäsche stecke. Heute seid ihr aber zum Mittagessen da, sonst bekomme ich euch ja kaum noch zu sehen. Bestellt der alten Dame schöne Grüße und sagt ihr, dass ich am Dienstag um fünfzehn Uhr bei ihr sein werde, wenn sie damit einverstanden ist.“

„Machen wir!“ Frank trank seine Tasse Kakao leer und sagte, mit dem Rest seines Butterbrotes zwischen den Zähnen, zu Anna: „Komm wir müssen los. Es ist schon viertel vor sechs.“ Sie zogen sich die Schuhe an, gaben der Mutter einen Abschiedskuss und marschierten los.

„Passt gut auf euch auf!“

„Da bin ich mal gespannt, welche Fische wir heute ans Tageslicht befördern werden“, grinste Frank. „Vielleicht diese dicken schleimigen Aale, die sich dann um dein Handgelenk schlingen.“

„Hör auf, du willst mich nur ärgern!“ lachte Anna. „Ich fasse die Fische sowieso nicht an. Das kannst du ja machen, wenn du darfst. Ich schätze mal, dass die Omi uns wieder nur zusehen lässt, weil sie Angst hat, dass uns etwas passieren könnte.“

„Kann sein“, murmelte Frank und zeigte mit dem Finger auf das Haus der Oma Dorfhexe. Sie war gerade dabei, Körbe auf einen Handwagen zu laden und bemerkte die Kinder erst, als diese sie mit einem lauten „Hallo“ begrüßten.

„Guten Morgen ihr zwei. Na, habt ihr euch den Schlaf schon aus den Augen gewaschen?“ lachte sie. Ist doch ungewohnt für euch, so früh aufzustehen, oder?“

„Ach das macht uns nichts“, sagte Frank. „Wenn uns so ein tolles Abenteuer bevorsteht, stehen wir gerne früh auf.“

„So, dann müssen wir auch los. Wäre nett, wenn einer von euch die Karre mit den Körben nehmen würde. Ich habe ein bisschen Rückenschmerzen. Bin ja nicht mehr die Jüngste.“ Frank schnappte sich die Karre und los ging es, zum nahe liegenden Rheinufer. „Wozu brauchen Sie denn drei Körbe?“ wollte Anna wissen.

„Ja, weißt du, mein Kind, ich sortiere die Fische schon immer sofort nach dem Fang. Ein Korb ist für die Aale, einer für Barsche und in den anderen kommen die Weißfische und das andere Zeugs.“

„Andere Zeugs?“

„Ja, sind auch schon mal Flusskrebse oder Wollhandkrabben dabei.“

„Kenn ich nicht“, sagte Anna. „Übrigens sollen wir ihnen von unserer Mutter ausrichten, dass sie gerne am Dienstag um fünfzehn Uhr zu Ihnen kommen würde, wenn es Ihnen auskommt.“

„Am Dienstag um fünfzehn Uhr?“ Die alte Frau überlegte kurz und nickte. „Geht in Ordnung. Sagt ihr, dass ich mich darauf freue, sie kennen zu lernen.“

„Ach ja und schöne Grüße sollen wir Ihnen noch bestellen.“

„Vielen Dank!, bestellt schöne Grüße zurück.“

Sie hatten das Ufer des Rheins erreicht und die Oma führte sie zu einer kleinen Bucht.

„Das hier ist eine meiner bevorzugten Fangplätze. Hier fischt unsere Familie schon seit ewigen Zeiten. Meistens sind die Reusen voll, wenn ich sie am Morgen hier rausziehe. Na ja, nicht immer ganz voll, aber es lohnt sich. Mein Großvater hat damals einen kleinen Holzsteg gebaut, der ein paar Meter ins Wasser reicht. So haben wir die Möglichkeit, die Reusen auch mal ein bisschen weiter in den Rhein zu legen, denn die Fische halten sich ja nicht gerade immer am Ufer auf. Ihr könnt schon mal die Körbe auf den Steg stellen. Ich komme gleich nach.“

„Bin mal gespannt, wie das mit dem Einholen der Reusen funktioniert.“ sagte Frank. „Die sind doch bestimmt ganz schön schwer, wenn sie voll sind.“

„Werdet ihr gleich erfahren!“ hörten sie hinter sich die Stimme der Omi. Sie hatte eine Stange in der Hand, an der ein Rädchen montiert war. Die steckte sie in eine am Steg befestigte Hülse, fischte mit einem Stock, den sie unter dem Steg hervorzauberte, im Wasser umher und zog nach einer Weile ein Seil zu sich hoch. Sie legte es auf das an der Stange befestigte Rad und zog und zog, bis endlich ein Drahtkorb an der Wasseroberfläche erschien.

„Scheint nicht allzu viel drin zu sein. Geht ziemlich leicht hoch zu ziehen.“ Nach einem kräftigen „Hau ruck“ landete die erste Reuse auf dem Steg. Sie begutachtete den Fang und stellte fest, dass ihr sieben Aale in die Reuse gegangen waren.

„Drei gute dabei.“ sagte sie. „Der Rest muss noch wachsen.“ Sie schüttete den Inhalt in einen der Körbe, sortierte die vier kleinen Aale aus und setzte sie in die Fluten des Rheins zurück.

 

„So, jetzt sind die anderen zwei an der Reihe.“ So wie die erste, beförderte sie auch die zwei anderen Fischfallen auf den Steg.

„Scheint ja ein bisschen mehr drin zu sein als in der Ersten“, lachte sie, nahm den größten der Körbe und schüttete den Inhalt beider Reusen hinein.

„Pfui, wie das wimmelt.“ Anna schüttelte sich.

„Stell dich nicht so an!“ rief Frank. „Essen tust du sie ja auch.“

„Ich erinnere mich, dass ich, als mein Opa mich zum ersten Mal mit zum Fischfang nahm, auch nicht gerade begeistert von den schleimigen Flussbewohnern war. Nachdem ich des Öfteren mit hier war, machte es mir immer weniger aus und irgendwann brachte er mir dann bei, wie man die Fische schuppt und ausnimmt. Natürlich ist es am Anfang ekelig, aber im Laufe der Zeit gewöhnt man sich dran.“ Sechzehn dicke Aale und zwölf Barsche sortierte sie aus dem großen Korb und nickte zufrieden mit dem Kopf.

„Seht mal, hier ist eine von diesen Wollhandkrabben. Die Krabbe bekam diesen Namen, weil die männlichen Tiere einen dichten Haarpelz an den Scheren tragen. Ihr Rückenpanzer kann bis zu 7,5 cm lang werden und ihre Gesamtlänge soll bis zu dreißig cm betragen können. Auf jeder Körperseite sind vier Beine und wie ihr seht, hat sie kräftige Scheren. Überwiegend ernährt sie sich von Wasserpflanzen, Insekten und Schnecken, aber auch kleine Fische fallen ihr manchmal zum Opfer. Ich habe mal in einem Buch darüber nachgelesen, sonst wüsste ich das auch nicht.“

Anna ekelte sich so sehr vor diesem Krabbentier, dass sie wegschaute. Die Oma bemerkte das natürlich und setzte die Krabbe mit den Fischen, die sie nicht verwerten konnte, zurück ins Wasser. Dann nahm sie das kleine Mädchen in den Arm und sagte:

“Musst keine Angst haben. Ich hab sie wieder ins Wasser befördert. Außerdem hatte sie bestimmt mehr Angst vor dir, als du vor ihr.“ Anna beruhigte sich und schon bald näherte sie sich wieder den Fischkörben. „Nehmen wir die alle mit?“

„Ja, mein Kind, die nehmen wir alle mit. Die kleinen hab ich schon aussortiert. Die Reusen müssen wir auch mitnehmen, denn ich habe einige aufgerissene Stellen an ihnen entdeckt. Werd mal versuchen, sie heute noch zu flicken, damit ich sie dann am Abend wieder auslegen kann.“ Während sie die Reusen zusammenschnürte, verfrachtete Frank schon einmal die Körbe auf den kleinen Handwagen. Für eine der Reusen war kein Platz mehr auf der Karre und so legte die Oma sie sich auf ihre Schulter.

„Ist die nicht zu schwer?“ fragte Anna.

„Ach was, die besteht doch zum überwiegenden Teil aus Luftlöchern“, schmunzelte Oma Dorfhexe. Als sie das kleine Anwesen der alten Dame erreicht hatten, wurden sie schon von den zwei Kätzchen empfangen.

„Die freuen sich schon auf die Fischreste, die ich ihnen gleich nach dem Ausnehmen serviere. Sind ganz verrückt danach.“ Anna schüttelte sich.

„Wir müssen aber jetzt nach Hause. Unsere Mutter möchte, dass wir heute zum Mittagessen da sind.“

Da noch zwei Stunden Zeit bis zum Mittag waren, wusste die Omi schon um den Grund für Annas Verhalten. Sie wollte wohl nicht dabei sein, wenn die Fische ausgenommen werden.

„Ich stelle noch eben mit deinem Bruder die Körbe vor den Schuppen. Wasch dir schon mal die Hände und geh in die Stube.“ Anna nickte und nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte, standen auch Frank und Oma Dorfhexe schon an dem alten Brunnen, um ihre Hände zu reinigen. Als sie dann zusammen am Tisch saßen und Oma ihnen von dem leckeren Beerensaft servierte, sagte Anna leise: „Ich möchte nicht dabei sein, wenn Sie die Fische ausnehmen. Da wird mir bestimmt schlecht.“

„Ist doch nicht schlimm, kann schon verstehen, dass ein kleines Mädel sich davor ekelt.“

„Mir macht das nichts.“ sagte Frank. „Ich bleibe noch ein bisschen und sehe ihnen bei der Arbeit zu.“

„Na gut mein Junge, kannst mir dann später noch helfen die Reusen zu flicken.“ Anna trank ihr Glas leer, gab Omi und Frank noch ein Küsschen auf die Wange und ging, ziemlich schnellen Schrittes, nach Hause.

„Dann wollen wir mal anfangen. Heute ist es zwar nicht ganz so heiß wie gestern, aber es wird trotzdem Zeit mit dem Ausnehmen, damit uns die Fische nicht verderben.“ Frank staunte, wie schnell der alten Dame diese ganze Geschichte von der Hand ging. Bäuche aufschneiden, Eingeweide raus, auswaschen. Dies alles dauerte vielleicht eine halbe Stunde.

„Da guckste, was? Wie schnell die Oma damit fertig ist. Aber wenn man eine Tätigkeit über viele Jahre macht, bekommt man immer mehr Routine und ist dann auch dementsprechend schnell damit fertig.“ Sie gab den Kätzchen noch ein wenig von den Innereien in ihren Futternapf, säuberte alles gründlich und setzte sich dann zu Frank auf die Bank.

„Weißt du, mein Junge, ich flicke die Reusen doch lieber erst heute Nachmittag. Mein Rücken schmerzt und ich werde mich jetzt ein wenig ins Bett legen. Geht halt nicht mehr so wie früher. Lauf du dann auch nach Hause und lass dir mit deiner Familie das Mittagessen gut schmecken.“

„Na gut!“ sagte Frank. Dann will ich mal los. Wünsche Ihnen gute Besserung.“

„Danke, wird schon wieder werden. Vielleicht, wenn ihr Lust habt, können wir ja in der nächsten Woche mal in den Wald gehen. Ich benötige noch einige Kräuter.“

„Ja gerne, ich freue mich. Bei Ihnen kann man so viele Sachen lernen. Das macht richtig Spaß.“ Auch Frank wurde beim Abschied wieder in den Arm genommen und bekam ein Küsschen auf die Wange. Die Oma hatte die beiden Kinder fest in ihr Herz geschlossen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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