Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 5 Ein Kätzchen für nur einen Tag

„Du Anna“, die Omi geht nächste Woche in den Wald um Kräuter zu sammeln. Sie hat gesagt wir könnten mitgehen, wenn wir wollten. Ich gehe auf jeden Fall mit, denn ich finde es total interessant, was man von ihr alles lernen kann.“

„Ich komm auch mit, aber zu den Fischreusen und dem ganzen Drum und Dran kannst du demnächst alleine gehen. Ich finde das ekelig.“ Die Mutter musste lachen, denn Anna hatte ihr von ihrem morgendlichen Erlebnis erzählt.

„Musst ja auch nicht überall dabei sein, Anna. Das, was dir nicht gefällt, lässt du eben aus. Ansonsten scheint es dir doch bei dieser Omi auch ganz gut zu gefallen, oder?“

„Ja, es ist schön dort und die Kätzchen kennen mich jetzt auch schon. Ich glaube, die eine mag mich ganz besonders, denn letztens ist sie zu mir auf die Bank gesprungen und hat sich auf meinen Schoß gelegt.“

Die Mutter schwieg und sah ein bisschen nachdenklich und traurig aus. Nach einem tiefen Seufzer sagte sie: „Ach wisst ihr Kinder, als ich so alt war wie ihr, kam eines Tages unsere Nachbarin zu Besuch. Meine Mutter hatte sie zu einer Tasse Kaffee eingeladen und die beiden unterhielten sich über dieses und jenes. Irgendwann erzählte die Nachbarin, dass ihre Katze fünf Junge zur Welt gebracht hätte, und sie nun jeden Tag ein paar Minuten damit verbringen würde, den Kleinen beim Spielen zu zusehen. Ich wurde neugierig und fragte, ob ich mal kommen dürfte, um mir die Kätzchen anzusehen.

„Na klar, ich geh sowieso jetzt und wenn du möchtest, kannst du mitkommen.“ Ich blickte die Mutter fragend an.

„Geh nur mit, aber sei zum Abendbrot wieder zurück.“ sagte sie lächelnd. Wir mussten nur auf die andere Straßenseite laufen, um den kleinen Bauernhof der Nachbarn zu erreichen und so hatte ich schon bald eines dieser kleinen Wollknäuel auf dem Arm. Es schnurrte ganz leise was ein Zeichen dafür war, dass es sich wohlfühlte. Den anderen Kätzchen schenkte ich gar keine Beachtung mehr, sondern widmete mich nur diesem einen Tierchen. Bis auf die Pfötchen war es pechschwarz und das gefiel mir.

„Das wäre doch der richtige Spielkamerad für dich“, sagte die Nachbarin, die lächelnd hinter mir stand. „Ich schenk sie dir, aber du musst noch ein paar Wochen warten, bis du sie mitnehmen kannst. Sie ist noch zu jung und wird noch von der Mutter gesäugt.“

Ich war total glücklich, lief sofort zu meiner Mutter und erzählte ihr davon.

„Na, dann hast du ja bald jemanden, um den du dich kümmern kannst. Wenn du das Kätzchen so fürsorglich behandelst wie deine Puppe, wird es dir bald nicht mehr von der Seite weichen.

“Ja, Mutter, ich werde immer ganz lieb zu ihm sein und mich gut um ihn kümmern.“

„Um ihn?“

„Ja, ich habe mir gedacht, ich nenne ihn Panter weil er, bis auf seine weißen Pfötchen, pechschwarz ist.“

Ich lief jetzt jeden Tag zum Bauernhof, um Panter zu besuchen. Er wurde immer zutraulicher und schon nach einigen Tagen lief er mir immer hinterher. Ich musste an Mutter denken und an das, was sie zu mir gesagt hatte. Ich meine das mit dem „nicht mehr von der Seite weichen“, wisst ihr?“ Dann kam der Tag, wo ich ihn mitnehmen durfte. Voller Stolz und Freude stellte ich Panter meiner Mutter vor. Sie nahm ihn sofort auf den Arm und meinte, dass er ein besonders schönes Tierchen sei.

„Na dann zeige unserem neuen Familienmitglied doch mal sein neues Zuhause und stelle ihm ein wenig Wasser und etwas zu Fressen an seinen Platz.“

Sie setzte Panterchen auf den Boden und musste lachen, als er zu mir hoch sah als wenn er sagen wollte: “Nun geh schon los und zeig mir alles. Ich kenn mich doch hier überhaupt nicht aus.“

Zunächst einmal setzte ich ihn in sein Körbchen. Das hatte mein Vater aus einem alten Wäschekorb hergestellt. Er hatte die obere Hälfte abgetrennt, und den dadurch entstandenen stachligen Rand mit weichem Filz beklebt. Mutter hatte mir eine alte Decke gegeben, die Panterchen als weiche Schlafunterlage dienen sollte. Nachdem er sein neues Bettchen gründlich untersucht hatte, wollte er spielen. Er legte sich auf den Rücken und sah mich erwartungsvoll an. Immer wenn ich mit meiner Hand in die Nähe seines Bauches kam, sprang er aus dem Korb hinaus, drehte eine Runde um den Tisch und legte sich dann wieder rücklings ins Körbchen. Das ging so eine ganze Weile, bis mein Vater zur Tür rein kam. Panterchen erschrak und rannte durch die offene Tür auf den Hof hinaus. Ich lief ihm nach, aber er war spurlos verschwunden.

„Mach dir mal keine Sorgen, mein Kind“, sagte Vater. Er wird schon wiederkommen. Vielleicht ist er ja auch zu seiner Mutter und seinen Geschwistern gelaufen. Schau da doch mal nach.“ Schnell lief ich zu dem gegenüberliegenden Bauernhof, schaute mich in der Scheune um und fand aber nur Panters Geschwister und seine Mutter vor, die es sich im Heu gemütlich gemacht hatten und schliefen. Enttäuscht lief ich wieder hinaus und ging ein Stück die Straße hinunter, um ihn vielleicht doch noch irgendwo zu entdecken. Plötzlich blieb ich stehen, denn mitten auf der Straße lag ein schwarzes kleines Wollknäuel. Tränen liefen mir übers Gesicht, denn ich wusste, dass dieses schwarze Tierchen, das hier von einem Auto überrollt auf der Straße lag, mein Panterchen war. Zitternd hob ich ihn auf, ohne zu merken, dass die blutige Wunde an seinem Kopf mir meine Bluse versaute. Ist mir auch egal gewesen. Auf einmal hörte ich meinen Vater rufen.

„Hast du ihn gefunden?“

Als er näher kam und sah was geschehen war, nahm er mich samt Panterchen auf den Arm und ging mit mir nach Hause. Unterwegs versuchte er immer wieder tröstende Worte zu finden wusste aber, dass in solch einer Situation nicht zu helfen war. Als meine Mutter uns sah, liefen auch ihr die Tränen übers Gesicht. Sie sagte, dass ich bestimmt eines von den anderen Kätzchen bekommen würde und sie unsere Nachbarin gleich danach fragen würde. Ich schüttelte weinend den Kopf.

„Nein ich will keine andere. Ich will gar nichts mehr.

Das Abendbrot fiel an diesem Tage aus. Meine Mutter blieb, bis ich eingeschlafen war, bei mir am Bett sitzen, hielt meine Hand fest und sagte immer wieder:

„Morgen sieht die Welt wieder ganz anders aus.“

Das war natürlich nicht so. Die Welt sah farblos aus. Ich hatte mich doch so gefreut, Panterchen jetzt ganz für mich allein haben zu dürfen und nun war er tot. Meine Mutter und ich begruben ihn unter der alten Birke, die vor unserem Garten stand und stellten ein kleines Holzkreuz, das mein Vater am Vorabend noch angefertigt hatte, auf sein Grab.“

Anna und Frank sahen, dass die Augen der Mutter ganz feucht geworden waren, weil sie in Erinnerung an das damalige Ereignis doch ziemlich traurig geworden war. Sie gingen zu ihr, nahmen sie in den Arm und Anna sagte:

„Ich kann ja mal die Omi Dorfhexe fragen, ob sie dir eines von ihren Kätzchen schenkt.“ Jetzt musste die Mutter lachen.

„Wie lieb von dir, aber ich habe euch doch und das ist mein schönstes Geschenk. Außerdem stell dir vor, wie traurig die Katzen der Oma wären, wenn sie getrennt würden.“

„Stimmt!“ sagte Anna. Daran habe ich gar nicht gedacht.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Oma Dorfhexe - Eine kleine Geschichte vom Niederrhein von Wolfgang Scholmanns



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