Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 6 Erste Erfahrung mit Kräutern

Der Dienstag kam und da wollte Mutter ja die Omi Dorfhexe besuchen. Die Kinder hatten ihre neue Freundin auch schon vermisst. So beschlossen sie, nach dem Frühstück zu ihr zu gehen.

Das Wochenende hatten sie bei ihrer Großmutter verbracht, die in der zwanzig Kilometer entfernten Stadt wohnte. Mit der Eisenbahn waren sie dort hingefahren, zum ersten Mal ganz alleine. Am Samstag war die Großmutter mit ihnen in den Zoo gegangen und am Sonntag überraschte sie die Kinder mit einem gemeinsamen Kinobesuch.

„Wenn ihr gleich zu der Omi Dorfhexe geht, erinnert sie bitte daran, dass ich heute um fünfzehn Uhr zu ihr komme, ja.” sagte die Mutter.

“Machen wir.” antwortete Anna, nahm ihren Bruder an die Hand und sie machten sich auf den Weg zur Oma Dorfhexe.

“Hoffentlich geht es Omis Rücken wieder besser.” sagte Frank. Wenn nicht, gehen wir lieber wieder, denn beim letzten Besuch hatte ich den Eindruck, dass sie sich nur wegen uns die Mühe mit dem Räuchern gemacht hat.”

Plötzlich hörten sie lautes Hundegebell. Aus dem hohen Adlerfarn, das den Saum des vor ihnen liegenden Waldes schmückte, schoss ein Hase, der, verfolgt von einem braunen Jagdhund, um sein Leben rannte. Er blieb jedoch Sieger. Der Hund gab schon nach kurzer Zeit auf, er hatte wohl festgestellt, dass er diesem hakenschlagenden Langohr im Wettlauf unterlegen war.

“Der hat aber Glück gehabt,” sagte Anna, die auf einmal ganz blass geworden war.

“Ja, war ganz schön knapp. Du siehst aus als sei dir der Schreck noch tiefer in die Glieder gefahren als diesem Hasen. Dein Gesicht ist kreidebleich geworden.”

“Brauchst gar nicht so zu lachen. Mir tat das Häschen eben Leid.”

“Ist ja gut, Schwesterlein. Der Hase lebt und der Hund steht immer noch da am Waldesrand und ärgert sich darüber, dass ihm ein leckere Hasenbraten entwischt ist“.

“Kann schon sein aber jetzt komm, lass uns weitergehen.”

Als sie den Wald betraten fiel Frank auf einmal ein, dass die alte Dame um diese Uhrzeit auch noch bei ihren Reusen sein könnte.

“Sehn wir ja dann!” sagte Anna. “Wenn sie nicht zu Hause ist, gehen wir zum Rhein.”

Aber alles kam anders. Als sie eine Weile den Waldweg entlang geschlendert waren, sahen sie auf einmal eine Gestalt, die in gebückter Haltung Pilze oder Kräuter zu schneiden schien. Neben ihr stand ein Korb und die Kinder wussten natürlich sofort, dass diese Person nur ihre Omi Dorfhexe sein konnte. Geschwind gingen sie zu ihr und begrüßten sie mit einer herzlichen Umarmung.

“Das ist aber schön, euch wiederzusehen.” lachte die alte Frau. “Da könnt ihr mir ja gleich den Korb nach Hause tragen.”

“Haben Sie immer noch Rückenschmerzen?” wollte Frank wissen und zog dabei ein Gesicht, als ob er derjenige wäre, der die Schmerzen hatte.

“Ist schon viel besser geworden, mein Junge. Ein paar heiße Bäder mit ein wenig Lavendelöl als Badezusatz haben mich wieder so einigermaßen fit gemacht. Ab und zu zwickt es noch hier und da, aber ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. So, ich glaube, dass ich nun genügend Kräuter gesammelt habe und damit über den Herbst und den Winter komme. Wenn ihr möchtet, könnt ihr mir gleich beim Sortieren helfen und ich erkläre euch dann, was es mit den einzelnen Kräutern auf sich hat.”

Erfreut stimmten die Kinder zu, denn es war immer so spannend und interessant, was die Omi alles wusste. Frank nahm den Korb und stellte fest, dass er wesentlich leichter war als einer dieser Körbe, in denen sie letzte Woche die Fische transportiert hatten.

“Kräuter wiegen ja auch fast nichts”, sagte er zu sich und folgte dann seiner Schwester und dem Dorfhexchen, die schon langsam vorgegangen waren. Zu Hause angekommen stellte er den Korb auf die alte Holzbank. Anna, deren Blick wohl auf der Suche nach den beiden Kätzchen war, diese aber nirgendwo zu sehen waren, setzte sich nach einer Weile auf einen großen Holzklotz, der auf der anderen Seite der Bank, vor dem Tisch stand.

Oma Dorfhexe war in ihr Häuschen gegangen und kam jetzt mit drei Gläsern Brombeersaft wieder heraus.

“Ihr habt doch bestimmt Durst Kinder, stimmt`s?”

“Oh ja, sagte Frank, und Anna fragte noch: “Ist das wieder der leckere Saft, den Sie uns letztens gegeben haben?”

“Ja, ich weiß doch, dass er euch so gut schmeckt“. Eine Weile saßen sie noch plaudernd zusammen, und die Kinder erzählten der Omi Dorfhexe von ihrem Wochenenderlebnis bei der Großmutter.

„Da habt ihr ja ein paar schöne Tage in der Stadt gehabt. So, aber jetzt wollen wir uns mal an die Arbeit machen und die Kräuter sortieren. Die Sonne ragt noch nicht über die Baumwipfel des Waldes und da ist es noch angenehm, hier draußen zu sitzen.“ Sie stellte noch drei kleine Körbchen auf den Tisch, wo die Kräuter nach sorgfältiger Begutachtung und Reinigung einsortiert werden sollten.

„Drei verschiedene Sorten von Kräutern habe ich geschnitten. Dieses hier, mit den blauen Blüten, ist das Leberblümchen. Ein lustiger Name, finde ich. Es kommt recht häufig vor und oft wächst es in solcher Vielzahl, dass manche Stellen des Waldes wie blaue Teppiche aussehen. Getrocknet und als Tee zubereitet, hilft es bei Leber- und Gallenleiden.“ Sie legte es in eines der drei Körbchen und zeigte den Kindern jetzt eine Heilpflanze, die lange schmale Blätter hatte und aus deren unscheinbaren Blüten jeweils vier lange Fäden heraushingen.

“Das ist der Spitzwegerich. Ich habe ihn da vorne am Waldesrand gefunden. Im Wald selbst wächst er nicht, sondern an den Waldrändern oder auch auf Wiesen. Wenn man seine Blätter zerquetscht und sie auf Wunden oder Ekzeme legt, heilen diese ziemlich schnell und als Tee zubereitet, hilft er bei Husten oder auch bei Blasen- und Nierenleiden.“ Nach dieser Erklärung landete jetzt auch der Spitzwegerich in einem der drei Körbchen.

“Was Sie nicht alles wissen”, sagte Anna.

“Ach Kinder, ich habe euch doch erzählt, dass ich dies alles von meiner Mutter gelernt habe. Übrigens habe ich die Wirkung dieser Heilpflanzen schon oft am eigenen Leibe erfahren. Bei Erkältungskrankheiten, Magen- und Darmverstimmungen oder auch, wie ich euch vorhin schon erzählt habe, Rückenschmerzen oder sonstigen Wehwehchen, haben mir schon so manches Mal die Heilkräfte dieser Kräuter geholfen. Wenn man allerdings richtig krank ist, ist es schon besser, wenn man einen Arzt besucht, denn gegen alle Krankheiten helfen sie natürlich nicht.”

“Meine Mutter gibt uns, wenn wir erkältet sind, auch immer Tee zu trinken und dann müssen wir immer warm eingepackt im Bett liegen und fangen kräftig an zu schwitzen.” Die Omi lachte.

“Das ist dann bestimmt Linden- oder Holunderblütentee. Sind so alte aber wirksame Hausrezepte, die heute immer noch sehr beliebt sind.“

“Übrigens“, sagte Frank, „unsere Mutter kommt ja heute um fünfzehn Uhr. Da sollten wir Sie noch mal dran erinnern.“

„Ich habe es nicht vergessen, mein Junge. Einen Kuchen habe ich heute Morgen auch schon gebacken. Den lassen wir uns dann heute Nachmittag alle zusammen schmecken. So, nun zeige ich euch noch eine Pflanze, die ihr bestimmt kennt. Das hier ist die Pfefferminze. Seht her, sie hat Blätter, die vorne ganz spitz zugehen, und da wo die Blätter aus dem Stiel wachsen, bilden sich in den Monaten Juni bis August kleine violette Blüten. Das aus ihr gewonnene Minzöl hilft bei Kopfschmerzen und der Tee aus den getrockneten Blättern hat schon so manchen von Koliken oder Bauchkrämpfen geplagten Patienten geholfen.

Wenn ihr gut aufgepasst habt, könnt ihr ja jetzt den Rest der Kräuter in die kleinen Körbchen sortieren. Ich muss noch mal ein heißes Lavendelbad nehmen, denn mein Rücken schmerzt nun doch wieder ein wenig. Vielleicht hätte ich mit dem Kräuterschneiden noch warten sollen bis er wieder ganz in Ordnung ist.“

„Nehmen Sie nur Ihr Bad“, sagte Anna und guckte ganz mitleidig. „Wir haben ja jetzt jeweils eines dieser Kräuter als Muster und da sehen wir ja wo sie einsortiert werden müssen.“

Während die Omi nun ihr Bad nahm, sortierten die Kinder fleißig die Kräuter ein.

„Mir macht das richtig Spaß“, sagte Frank zu seiner Schwester.

„Wenn die Mutter nachher kommt, zeigen wir ihr, was wir heute alles gelernt haben“.

„Vielleicht kennt sie die Kräuter ja auch“, entgegnete Anna. „Sie hat doch mal erzählt, dass sie früher Kamilleblüten und so gesammelt habe und ihre Mutter davon Tee gemacht hätte.“

„Kann schon sein.“ murmelte Frank.

Es dauerte gar nicht lange, da hatten sie auch das letzte Kräutlein in den Korb gelegt. Oma Dorfhexe kam auch bald und war ganz erstaunt darüber, dass die Kinder schon fertig waren.

„Na dann werde ich mal schauen, ob ihr auch alles richtig einsortiert habt.“ „Prima“, sagte sie nach einer Weile. „Habt ihr sehr gut gemacht. Seid mir eine große Hilfe. Ich finde es total schön, dass ihr ein solches Interesse zeigt. Hätte nie geglaubt, dass Kinder sich für solche Hexensachen interessieren. Als ich Kind war, hat es mich ganz oft genervt, mit der Mutter in den Wald zu gehen, um Kräuter, Beeren oder Pilze zu sammeln. Na ja, für euch ist das alles noch neu und mit der Zeit werdet ihr vielleicht das Interesse daran verlieren. Aber was man einmal gelernt hat, dass vergisst man nicht so schnell. Irgendwann könnt ihr die Erfahrungen, die ihr bei mir gemacht habt, vielleicht brauchen.

Ich binde die Kräuter jetzt noch schnell zu kleinen Sträußchen zusammen und hänge sie dann zum Trocknen an ein schattiges Plätzchen. Danach können wir zusammen essen. Ich hab gestern Abend eine große Schüssel Kartoffelsalat gemacht, weil ich geahnt hatte, dass ihr heute kommen würdet.“

„Oh, lecker“, freuten sich die Kinder. „Den essen wir total gerne.“

„Nach dem Essen ruht die Omi sich dann noch ein bisschen aus, denn das tut meinem Rücken bestimmt gut. Ihr könnt dann ja draußen mit den Kätzchen spielen oder euch ein wenig an den Rhein setzen und die Schiffe beobachten. Wenn eure Mutter dann kommt, setzen wir uns alle in die Stube. Draußen ist es mir zu warm.“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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