Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 7 Das Lied des Windes

Während Oma Dorfhexe ihr Mittagsschläfchen hielt, hatten sich Anna und Frank auf den Weg zum Rhein gemacht.

„Lass uns zu dieser kleinen Bucht gehen, wo die Omi immer ihre Reusen auslegt. Da können wir uns auf den Holzsteg setzen“, sagte Frank. Anna war einverstanden.

„Heute haben wir auch ein bisschen Wind und wenn wir uns still verhalten, werden wir vielleicht sein Lied hören.“

„Ach Schwesterlein, ich glaub nicht an diesen Quatsch. Wie soll der Wind singen können? Er kann wohl pfeifen aber singen ...?“

„Blödmann, die Mutter und Oma Dorfhexe lügen nicht. Du brauchst ja nicht hinhören, aber lass mich bloß zu Frieden und quassle mir nicht die ganze Zeit die Ohren voll.“ Frank musste lachen, drehte sich aber so, dass seine Schwester es nicht bemerkte.

„Na ja, ich wünsche dir, dass er dir sein Lied singt, aber sei nicht enttäuscht, wenn er es nicht tut. Er wird ja nicht ständig singen und vielleicht hat er bestimmte Zeiten, zu denen er sein Liedchen vorträgt.“

Anna antwortete nicht. Sie war ärgerlich darüber, dass ihr Bruder ihr den Spaß verderben wollte. Sie setzte sich, weit ab von ihm, an eine Stelle des Steges, wo sie glaubte, dem Wind am nächsten zu sein. Frank lief am Ufer entlang, stocherte mit einem Stock in den Kieselsteinen herum und wenn er ein besonders schönes Exemplar gefunden hatte, steckte er es in seine Hosentasche. Ab und zu drehte er sich um und hielt Ausschau nach seiner Schwester. Die saß dort, wie mit dem Steg verwachsen, und wartete darauf, dass der Wind ihr von fernen Ländern erzählen würde.

Der schien jedoch eher Lust daran zu haben, ein paar dicke Wolken auf die Reise zu schicken, denn er nahm an Stärke zu und man sah auf der gegenüberliegenden Rheinseite, wie sich eine dunkle Wand auftürmte. Frank rief Anna zu: „Es gibt gleich Regen, lass uns schnell zur Omi gehen.“ Entweder hatte Anna ihn nicht verstanden, oder seine Worte einfach ignoriert. Sie blieb sitzen und drehte sich nicht einmal um. Erst als ihr Bruder den Steg betrat, blickte sie in seine Richtung.

„Anna hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Es wird gleich regnen und wir sollten lieber gehen.“

„Du kannst ja gehen, ich bleibe noch. Bin doch nicht aus Zucker wie ihr Jungs.“

„Oh, ganz schön schnippisch heute, das kleine Schwesterchen“, lachte Frank. „Aber du hast Recht. Ich bleibe auch. Kann ja sein, dass die Wolken gar nicht zu uns herüberkommen. Ich habe mal gehört, dass sie manchmal an einer Seite des Flusses hängen bleiben. Warum weiß ich zwar nicht, aber warten wir es mal ab.“

So kam es dann auch. Der Fluss ließ die Wolken nicht hinüber und nach einer Weile lösten sie sich sogar auf. Die Sonne lachte wieder und die Temperatur stieg gewaltig an. Auch der Wind hatte der Sonne den Tag überlassen und war mit dem Fluss in Richtung Holland gezogen.

Anna war inzwischen aufgestanden und hatte den Steg verlassen.

„Bestimmt, weil kein Wind mehr da ist“, schmunzelte Frank heimlich.

Das dreimalige Schlagen der Kirchturmuhr machte sie darauf aufmerksam, dass sie sich auf den Weg machen mussten. Den leckeren Kuchen wollten sie ja nicht verpassen und die Mutter würde bestimmt auch schon bei der Omi eingetroffen sein.

„Komm!“ sagte Frank,“ lass uns aufbrechen, sonst bekommen wir nichts mehr vom Kuchen ab.“

„Als ob die beiden uns nichts übrig lassen würden. Meinst du, die schaffen es, den Kuchen ganz alleine aufzuessen?“
„War doch nur ein Scherz. Was ist denn heute nur los mit dir? Kannst auch mal wieder ein bisschen netter zu deinem Bruder sein.“

„Aber nur, wenn du auch nett zu mir bist und mir nicht immer den Spaß verdirbst.“

„Versprochen.“ sagte Frank, der sie eigentlich gerade fragen wollte, ob sie das Lied des Windes denn gehört hätte. Er ließ es, um des lieben Friedens Willen und nahm seine Schwester an die Hand. Außerdem, wenn es so gewesen wäre, hätte sie ihm bestimmt davon erzählt.

Von weitem sahen sie schon das Fahrrad der Mutter in der Sonne blinken.

„Siehst du?“ sagte Anna. „Mutter ist schon da.“

„Aber bestimmt noch nicht lange“, entgegnete Frank. „Kann ja erst ein paar Minuten nach Drei sein.“

Als sie den kleinen Hügel hinunter gingen, bemerkten sie, dass Omi Dorfhexe vor der Türe stand. Sie winkte ihnen zu und rief: „Eure Mutter ist schon da, meine Lieben. Beeilt euch, aber bevor ihr in die Stube kommt, wascht noch eure Hände.“

Als die Kinder das Häuschen betraten, waren sie ganz erstaunt darüber, wie schön die Omi den Tisch gedeckt hatte. Ein drei-flammiger Kerzenleuchter zierte seine Mitte und von einer silbernen Platte leuchtete ein mit Kirschen belegter Kuchen. An jedem Platz standen Tellerchen und Tassen aus altem Porzellan und das alte Silberbesteck war mit wunderschönen Verzierungen geschmückt.

„Sieht das schön aus!“ rief Anna. Auf dem Porzellan sind ja lauter Waldfrüchte aufgemalt und auf jedem Gedeck andere und …“

„Wollt ihr eigentlich eure Mutter nicht begrüßen?“ unterbrach sie die Oma Dorfhexe.

„Wir haben uns ja heute schon gesehen.“ sagte die Mutter lächelnd. “Anna mag so altes, bemaltes Porzellan total gerne, und wenn sie bei meiner Mutter zu Besuch ist, sitzt sie oft vor der Vitrine und bewundert das alte Kaffee-Service, dass meine Mutter noch von ihren Eltern geerbt hat.“

„Ich habe ja nur so alten Kram“, sagte die Omi. „Ist auch noch vieles von meinen Eltern und einiges sogar noch von meinen Großeltern. Da ich ganz selten Besuch bekomme, freue ich mich immer, wenn ich es mal wieder benutzen kann. Mir gefällt`s nämlich auch.“

Während die beiden sich so unterhielten, gingen die Kinder zur Mutter, gaben ihr ein Küsschen und nahmen dann am Tisch Platz. Der Kuchen schmeckte allen ausgezeichnet und der Kakao, den die Oma für die Kinder gemacht hatte, war herrlich süß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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