Bettina Forst

Cocoloco und die Heinzelmännchen

Cocoloco, der Papagei, saß auf seiner Hängematte unter dem Apfelbaum, zappelte ungeduldig mit den Flügeln und sah wieder auf die Uhr. Wo blieb denn um Himmelswillen die Blaumeise? Sie war doch sonst immer pünktlich. Das war so gar nicht ihre Art, dachte sich Cocoloco. Wenn ihr etwas dazwischen gekommen wäre, dann hätte sie sicher vorher angerufen und Bescheid gesagt. Der Tee für die Blaumeise war schon kalt geworden, und Cocoloco nippte lustlos an seinem Kokosnusscocktail. Es wollte ihm alleine gar nicht schmecken.

Als Cocoloco nicht mehr wusste, ob er noch länger warten sollte oder nicht, da kam die Eule vorbei. Auch sie hatte die Blaumeise den ganzen Tag über noch nicht gesehen. „Das ist seltsam“, meinte die kluge Eule, als sie hörte, dass die Blaumeise nicht wie gewöhnlich zum Fünfuhrtee gekommen war, und sie beschlossen, die Blaumeise zu Hause aufzusuchen, um nachzusehen, was los war. 

Die Blaumeise wohnte in der grünen Birke Nummer 1. Es gab noch eine zweite Birke im Garten, das war die Nummer 2. Hier wohnte das Eichhörnchen. Aber das Eichhörnchen war nicht zu sehen, wahrscheinlich war es wieder mit den Mäuse-Minis zum Fußballspiel verabredet. Cocoloco hatte auch schon mal mit gespielt. Aber das viele Laufen war anstrengend und fliegen durfte er nicht. Das war gegen die Spielregeln. Die Mäuse-Minis flitzten so schnell hinter dem Ball her, und das Eichhörnchen war so flink, dass Cocoloco freiwillig ins Tor ging. Das war jedoch auch nicht so einfach, erinnerte sich Cocoloco. Die Mäuse-Minis schossen ein Tor nach dem anderen, und er bekam immer wieder den Ball an den Kopf.

In der grünen Birke Nummer 1 hatte sich die kleine Blaumeise ein großes Nest gebaut und sich gemütlich eingerichtet. Es gab ein Sofa, einen Tisch und sogar einen Schaukelstuhl. Als Cocoloco und die Eule die Wohnung betraten, lag die Blaumeise rücklings auf dem Teppichboden. „Ich kann mich nicht bewegen“, jammerte sie, „mein Fuß tut so weh.“ Die Eule untersuchte den Fuß und beruhigte die kleine Blaumeise: „Kleiner Pechvogel, du hast Glück im Unglück. Der Fuß ist zum Glück nicht gebrochen, sondern nur leicht verstaucht.“ „Wie ist das denn passiert?“, fragte die Eule und die Blaumeise erzählte, dass sie wie jedes Jahr im Frühling Frühjahrsputz machen wollte. Aber als sie das Fenster putzen wollte, war sie von der Leiter gefallen. Ja, da stand noch die Leiter, und da war der umgekippte Putzeimer. Der Staubsauger stand mitten im Wohnzimmer und in der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr. Neben der Blaumeise lag das kleine Handy, das sie zu Weihnachten bekommen hatte. „Warum hast du uns denn nicht angerufen? Wir wären doch sofort gekommen, um dir zu helfen“, sagte Cocoloco. Aber die Blaumeise hatte vergessen, ihr Handy aufzuladen, und so war der Akku leer. „Ab Marsch ins Bett, du kleiner Unglücksrabe“, befahl die kluge Eule, und die Blaumeise gehorchte brav und humpelte in ihr Bett.

Die Eule kochte der Blaumeise ein Süppchen, damit die Meise schnell wieder zu Kräften kam. Anschließend flog sie eilig nach Hause, um Heilsalbe und Verbandszeug zu holen. „Möchte die kleine Patientin eine Tasse Kamillentee?“, fragte Cocoloco und verbeugte sich wie ein vornehmer Diener. „Igittigitt, nein danke“, zwitscherte die Blaumeise und schüttelte sich. Sie mochte Pfefferminztee und auch Zitronentee, nur Kamille, nein, der schmeckte der Blaumeise gar nicht. Am allerliebsten trank sie Hibiskusblütentee. „Ganz wie Ihre Hoheit meinen“, sagte Cocoloco formvollendet und brachte der Blaumeise eine Tasse von ihrem Lieblingstee ans Bett. Die Blaumeise freute sich und ließ sich bedienen wie eine Prinzessin. Das gefiel ihr. Sie fühlte sich pudelwohl und hatte ihren Unfall schon fast ganz vergessen.

Die kluge Eule massierte den verstauchten Knöchel mit Heilsalbe und wickelte einen Verband um den Fuß: „So, das reicht. Morgen bist du wieder gesund und auf den Beinen.“ Dann sah sich in der Wohnung um und sagte: „Du bleibst schön im Bett. Cocoloco und ich, wir bringen dein kleines Nest wieder auf Hochglanz.“ Und sie krempelte die Ärmel hoch, und es ging los. Die Eule putzte die Fenster und spülte das Geschirr. Cocoloco flatterte mit einem Staubwedel durch die Wohnung und machte mit dem Staubsauger einen Höllenlärm. Im Nu war die Wohnung wieder blitzblank.Cocoloco ließ sich erschöpft von der vielen Arbeit in den Schaukelstuhl sinken und schaukelte zufrieden hin und her. Die Eule hing noch die Wäsche zwischen den Birkenzweigen zum Trocknen auf und sagte: „So, kleine Prinzessin auf der Erbse, die Heinzelmännchen sind fertig mit der Arbeit.“ Die Blaumeise strahlte und fragte: „Die Geschichte von der Prinzessin auf der Erbse kenne ich. Die hast du mir schon einmal vorgelesen. Aber die Heinzelmännchen? Wer sind denn die Heinzelmännchen?“ „Du kennst die Geschichte von den fleißigen Heinzelmännchen und der neugierigen Schneidersfrau nicht?“, erkundigte sich die kluge Eule ungläubig.

Blaumeise und Cocoloco kannten die Geschichte noch nicht. Und so erzählte die Eule, was sich vor vielen Jahren zugetragen hatte. Zum Schluss sagte sie: „Und weil die Schneidersfrau neugierig war und wissen wollte, wer des Nachts heimlich, still und unerkannt das Haus fegte, wischte und putzte, streute sie Erbsen auf die Treppe. Die ahnungslosen Heinzelmännchen sind auf den Erbsen ausgerutscht und die Treppe hinuntergepurzelt. Einer holte sich vom Sturz blaue Flecken und der andere hatte sich sein Bein verstaucht so wie du, Blaumeise. Und seitdem sind die Heinzelmännchen verschwunden und nie wiedergekommen. Deshalb müssen wir nun alles selber machen.“ „Und wo sind die Heinzelmännchen jetzt?“, wollte die Blaumeise wissen. Die Eule überlegte und sagte: „Sie sind ausgewandert und leben jetzt im Schlaraffenland.“

Cocoloco dachte, wie schön und bequem es im Schlaraffenland doch wäre, und plapperte drauf los: „Ihre Hoheit müssen nämlich wissen, dass im Schlaraffenland überall Kokosnussquellen sprudeln und die Palmen sich biegen, so voll hängen sie mit Ananas, Mangos und Bananen und …“ Die Blaumeise sah Cocoloco mit großen Augen erwartungsvoll an. „Und überall gibt es Springbrunnen mit rosarotem Hibiskusblütentee“, fügte er hinzu. Die kluge Eule nickte und sagte: „Ja, und wenn du den Schnabel aufmachst, fliegen dir die Krümelkekse von ganz allein in den Mund.“ Da lachte die Blaumeise und merkte, dass die Eule und der Papagei sie auf den Arm genommen hatten.

Anschließend setzten sich Cocoloco und die Eule zur Blaumeise ans Bett, und sie spielten Karten und Vogel-ärger-dich-nicht. Weil er gerne gewinnen wollte und keine Lust hatte, dass die Blaumeise und die kluge Eule seine roten Spielpüppchenn schon wieder herauswerfen wollten, versuchte Cocoloco ein wenig zu schummeln. „Du hast keine Sechs gewürfelt, das war nur eine Fünf! Du hast geschummelt, ich habe es genau gesehen!“, protestierte die Blaumeise. Auch die Eule runzelte die Stirn: „Schummeln gilt nicht. Wer schummelt, fliegt raus“, und schon kegelte sie sein rotes Spielpüppchen vom Brett. „Cocoloco, ärger dich nicht!“, rief die Blaumeise belustigt und die Eule lächelte geheimnisvoll und sagte: „Pech im Spiel, Glück in der Liebe.“ Manchmal sprach die kluge Eule in Rätseln, und Cocoloco grübelte, was die kluge Eule damit wohl meinte.

Als es Abend wurde, wurde die Blaumeise langsam müde. Sie fing an zu gähnen und zu blinzeln, bis ihr schließlich die Augen zufielen. Cocoloco und die Eule verabschiedeten sich leise von der Blaumeise und wünschten ihr eine gute Nacht. Die Blaumeise schlief ein und träumte von rosa Hibiskusblüten, fliegenden Keksen und Kokosnusspalmen am Meer.

Bettina Forst, bettinaforst@web.de

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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