Richard Hübner

Die Nacht nach Ostern

 

Der Osterhase sah auf seine Armbanduhr. Sie zeigte 00:00Uhr. Es war geschafft. Alle Ostereier waren rechtzeitig versteckt worden. Erschöpft machte sich der Osterhase auf den Weg in seinen Bau. Die letzten Meter musste er in schlurfendem Gang zurücklegen, zum Hoppeln hatte er nicht mehr die Kraft, außerdem taten ihm die Füße weh.
Zuhause angekommen nahm er erleichtert den Korb von seinem Rücken. Gerade wollte er nach dem Lichtschalter tasten, da fiel ihm ein, dass es ja gerade im Bau keinen Strom gab, weil die Osterhasenfamilie auf Solarstrom umgestiegen war. Wegen der Umwelt. Er kramte einen Moment in der Hosentasche seiner Latzhose, dann holte er eine Taschenlampe hervor. Die hatte er sich angewöhnt immer dabeizuhaben. Um die Kinder nicht zu wecken schlich er sich leise direkt in sein Zimmer hinein. Er achtete nicht wirklich auf seine Umgebung. Lediglich seine feine Hasennase registrierte einen Geruch von Regen in der Luft. Seltsam, dachte er, es hatte heute gar nicht geregnet.

Als er in seinem Zimmer angekommen war, leuchtete er an die Stelle, an der sein Bett hätte sein sollen. Doch alles was er sah, war eine seltsame, fasrige, weiß glänzende Masse. Verwundert besah er sich das Gebilde. Er entdeckte kleine, dunkle Objekte, welche in der Masse zu stecken schienen. War dies wirklich sein Zimmer? Plötzlich hörte er vom Flur ein leises knacken. Sein Kopf zuckte in die Richtung. Mit rasendem Herz stand er auf und schlich auf den Flur. Er erleuchtete mit der Taschenlampe den Weg, und dabei fiel ihm auf, dass die weiße Masse überall an den Wänden klebte. Knack. Es kam aus dem Kinderzimmer. Knack. Seine Nase erkannte jetzt neben dem Regenduft noch einen weiteren Geruch. Blut. Die Kinder! dachte er entsetzt. Knack. Vorsichtig spähte er ins Kinderzimmer hinein. Seine Taschenlampe zeigte ihm zunächst eine Blutlache am Boden. Dann wanderte sie langsam nach oben zu der Leiche seines Sohnes, welche von zwei dicken, haarigen Beißwerkzeugen bearbeitet wurde. Der Vater unterdrückte einen Schrei. Ohne dass der es wirklich wollte, wanderte der Lichtkegel weiter nach oben und mit einem mal waren die Beißwerkzeuge still, als seien sie in der Bewegung eingefroren.
Acht Augen starrten den Hasenvater an, welcher nun ebenfalls reglos dastand. Doch als die Sekunden vergingen wurde ihm klar, dass Stehenbleiben keine Option war. Mit einem Satz sprintete er los auf den Ausgang zu. Der Geruch von Regen wurde stärker und als er aus dem Bau ins Freie gestolpert kam, erstreckte sich vor ihm ein dichter Dschungel. Wo bin ich? dachte er, als er hinter sich Getrappel vernahm. Ihm blieb nur der Bruchteil einer Sekunde um sich umzudrehen, als sich die Fänge der Kreatur in seinem Oberschenkel eingruben. Seine strampelnden Pfoten verschwanden schließlich im dunklen Bau und seine Schreie verhallten zwischen den Bäumen.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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