Michelle Adams

Die große Liebe

Nichts war zu hören in dem dunklen Wald. Nichts außer ein paar Schritten und einem Schleifen; das Schleifen eines Sacks über den Erdboden.

Liebling, dachte der Mann liebevoll. Er erinnerte sich noch so gut an sie: Wie sie gelacht hatte, das Leuchten in ihren Augen. Ihre wunderschöne Stimme. Noch jetzt klang sie in seinen Ohren nach. Mit Wehmut dachte er an seinen wunderschönen, witzigen und charmanten Liebling zurück.

Und dann, als nächstes, erinnerte er sich an ihren Freund. Kalte Eifersucht ergriff ihn. Dieser Bastard, er konnte ihr doch nichts bieten! Er biss die Zähne noch jetzt vor Wut zusammen, wenn er daran dachte, wie glücklich sie in seiner Nähe gewirkt hatte. Wie sie sich in einem Café kennengelernt hatten. Wie sie gemeinsam in einem Restaurant essen gegangen waren. Und wie sie in ihrer Wohnung mit den großen Fenstern gemeinsam in einem Bett geschlafen hatten. Sie dachten, dass sie alleine gewesen wären, doch er hatte sie gesehen. Es hatte ihn rasend vor Wut gemacht, sie so zu sehen, mit einem anderen Kerl in ihrem Arm, während sie den Mann gar nicht beachtete.

Missmutig zog er den Sack weiter hinter sich her. Seine schweren Schuhe lösten sich mit jedem Schritt schmatzend von der feuchten Erde.

Dann, heute Abend, da hatte er seinen Liebling in der Bar gesehen. Sie saß einsam und alleine an der Theke und hatte sich ein Bier bestellt. Mehrere Stunden hatte sie auf ihr Handy geschaut, hatte geseufzt und weiter gewartet. Und er hatte alles gesehen. Fünf Bier und zwei Tequila hatte sie sich bestellt, bevor sie wieder einmal auf ihr Handy geschaut hatte. Dieses Mal hatte sie gestrahlt vor Glück. Der Mann dachte, dass sie ihn endlich gesehen hätte. Er war aufgestanden, wollte sie in ihre Arme schließen, seinen Liebling. Er wollte ihr endlich sagen, wie viel sie ihm bedeutete, wie wichtig sie in seinem Leben war. Er war noch knapp zwei Meter von ihr entfernt gewesen, als er wieder aufgetaucht war. Er, der zu ihr ging und sich für seine Verspätung entschuldigte. Na los, werde sauer, dachte der Mann noch, er hat dich warten lassen. Doch sein Liebling hatte noch nie auf ihn gehört. Sie hatte ihren Freund nur angelächelt und ihn geküsst. Hatte ihm versichert, dass das überhaupt nicht schlimm sei. Der Mann war wie vom Donner gerührt stehen geblieben. Er konnte es nicht glauben: Im einen Moment war er noch so kurz davor gewesen, sich mit ihr eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, und dann im nächsten Moment, puff, war alles wie weggeblasen.

„Verdammte Schlampe“, knurrte er mit vor Wut zusammengebissenen Zähnen und riss mit einem Ruck an dem Sack, der sich gerade in einem Ast am Boden verheddert hatte. „Wir hatten noch so viel vor. Wir wollten Kinder haben, einen Hund, und was machst du? Du küsst diesen Bastard!“

Selbstverständlich war der Mann zu seinem gottverdammten Liebling gefahren. Hatte all seinen Mut zusammengenommen und ihr voller Hoffnung seine Liebe gestanden. Und was machte sie? Anstatt ihm in die Arme zu fallen und zuzugeben, dass sie dasselbe fühlte, war sie wütend geworden.

„Verschwinde hier, du Stalker. Lass mich in Ruhe!“

Das waren die einzigen Worte gewesen, die sie an ihn gerichtet hatte, kurz bevor sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte.

Das konnte doch nicht wahr sein! Sie verleugnete ihn! Er hatte an die Tür gehämmert, ihr zugerufen, dass er sie doch liebe und dass er ganz genau wisse, dass sie das gleiche für ihn fühlte. Laut waren sein Hämmern und seine Rufe im Treppenhaus wiedergehallt. Er rief und klopfte eine ganze Weile, doch die Tür öffnete sich nicht mehr und auch seinen Liebling hörte er nicht mehr.

Wutentbrannt war er nach Hause gefahren. Wie konnte das nur sein? Wie konnte sie ihn nur so verleugnen, wenn er doch ganz genau wusste, dass sie ihn auch liebte? Wieso hatte sie dann gesagt, dass er sie in Ruhe lassen sollte? Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Es war ihr Freund. Ihr Freund hatte sie so einer Gehirnwäsche unterzogen, dass sie nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Und dann hatte er gewusst, was er zu tun hatte.

Er war nach Hause gefahren und hatte die Axt aus seinem Geräteschuppen geholt. Er hatte sie liebevoll angeblickt bei dem Gedanken daran, dass sie bald dafür sorgen würde, dass sein Liebling ihm niemals mehr widersprechen konnte.

Später erinnerte er sich gar nicht mehr an die Autofahrt bis zur Wohnung seines Lieblings. Er erinnerte sich nur noch daran, wie sie ihm arglos die Tür aufgemacht hatte. Die Angst in ihren Augen, als sie die Axt in seiner Hand erblickt hatte. Sie hatte versucht, die Tür zuzuschlagen, doch er war schneller. Er stieß die Tür auf und sie fiel rücklings auf den Boden. Sie versuchte noch wegzurobben, kurz bevor der Mann die Tür hinter sich schloss und wenig später zum ersten Schlag ausholte. Gott, wie sehr er es liebte, dass ihre vor Angst weit aufgerissenen Augen nur ihn anstarrten, ihn und nur ihn allein! Endlich schenkte sie ihm die Aufmerksamkeit, die er verdiente!

Sie rappelte sich auf und lief rückwärts in die stille Wohnung hinein.

„Bitte…“, flüsterte sie mit zitternder Stimme, als sie an die Wand hinter sich stieß. „Bitte, ich will nicht sterben!“

Der Mann hatte sie sanft angegrinst. „Keine Sorge“, hatte er mit sanfter Stimme geantwortet, „es wird nicht wehtun.“ Und mit einem einzigen Hieb hatte er den Kopf von ihrem Hals abgetrennt. Und ihr sonst so wunderschöner Kopf war mit weit aufgerissenen Augen durch das Wohnzimmer mit den großen Fenstern gerollt.

„Endlich gehörst du mir“, lachte der Mann, während er wieder und wieder mit der Axt auf den Körper seines Lieblings einschlug und so eine Gliedmaße nach der anderen abtrennte.

Der Mann musste bei dieser Erinnerung grinsen.

„Tja, das hast du nun davon, dass du nicht zu deiner Liebe stehen wolltest“, flüsterte der Mann dem Sack zu. „Nun sind wir für immer vereint und niemand wird uns finden“, grinste er und blickte auf die Schaufel in seiner anderen Hand.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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