Jonas Schmelzle

Harthertz

Ziemlich in der Ortsmitte gab es eine alte Fabrik, die mit ihrer Umgebung nichts zu tun hatte. Die Stadt war bürgerlich, voll von Kleinunternehmern, Lehrern, Bankangestellten und Pensionierten, die früher einen dieser Berufe ausgeübt hatten. Entsprechend präsentierte sich Maulbronn als eine Ansammlung von Einfamilienhäusern, die einmal als Stolz der Familie errichtet worden waren, jetzt aber um zwei Supermärkte und ein paar Kirchen herumlungerten und denen allesamt der Stillstand an die Haustür geschrieben stand.

 

Wie ein Kleidungsstück, das jemand achtlos in die Natur geworfen hatte, weil es seinen Zweck nicht mehr erfüllte, lag inmitten dieser Seniorenidylle vor sich hin verrottend die alte Fabrik. Für uns 15jährige war sie die Insel der Abenteuer in einem Meer aus Ödnis. Ein undurchschaubares Gewirr aus Rohren, Metallstreben vergilbtem Fensterglas, wie ein abgestürztes Ufo inmitten eines Maisfeldes.

 

Wenn wir unter dem Stacheldrahtzaun hindurchgekrochen und in das kühle und modrige Innere des Komplexes vorgedrungen waren, ließ mein Gehirn Aufregung und Nervosität, sowie die Freude, etwas Verbotenes zu tun, auf allen Kanälen gleichzeitig laufen. Wir tapsten umher, wanden und hangelten uns vorsichtig durch die metallenen Konstruktionen der einzelnen Arbeitsstationen und malten uns dabei aus, die grünlich schimmernden Pfützen am Boden seien radioaktiv oder ätzend. Wir wären jederzeit bereit gewesen, das einstürzende Gebäude auf schnellstem Wege zu verlassen oder vor dem Clan, welcher sich in unseren wilden Erzählungen in den Tunnelnetzen unter der Fabrik versteckt hielt, fortzulaufen. Nicht selten hatte man das absurde Gefühl, die Fabrik sei selbst größer als Maulbronn, obwohl sie davon umschlossen und kaum größer als ein paar Fußballfelder war. Die Erlebnisse und damit auch der Ort wurden auf eigenartige Weise ausgedehnt zu etwas, dessen Größe nicht in Einheiten von Zeit oder Raum gemessen werden durfte, sondern vielmehr durch die beachtliche Summe der dort durchlebten Gemütszustände.

 

Julian und Hannes hatten mir vor einem unserer Besuche einen Wikipedia-Artikel über die Fabrik gezeigt. Dort stand geschrieben, dass vor einigen Jahren ein Vergewaltiger und Mörder – Florian Harthertz - seine Opfer in die Fabrik gelockt und sich dort an ihnen vergangen habe. Ich konnte diese Information nicht aus meinen Gedanken verbannen und musste, während wir zwischen den dunklen Backsteinmauern umherstreiften und auf brüchigen Dächern herumrutschten stets nach dem Ort Ausschau halten, wo Harthertz seine Untaten begangen haben könnte. Einmal fanden wir in einer gläsernen Bürokabine, von der man die Produktionshallen überblicken konnte, eine zerschlissene Matratze, Geschirr und einige schimmlige Konservendosen nebst einem Campingkocher. Ich war mir sofort sicher, den Tatort der unsäglichen Grausamkeiten gefunden zu haben. Schaudernd fragte ich mich, ob Harthertz bewaffnet gewesen war, ob er eine Maske getragen hatte und wie viele junge Frauen ihm letztlich zum Opfer gefallen waren. Julian und Hannes pflichteten meiner Vermutung bei, das Lager müsse der Tatort wohl sein, und beeilten sich zu sagen, dass auch sie sich sehr unwohl fühlten und wir jetzt besser gehen sollten.

 

Einige Wochen später – in die Fabrik war ich seitdem nicht mehr gegangen – hatte ich mir zum Bundesligaspieltag den Saisonkader von Werder Bremen angesehen. Da es meine Lieblingsmannschaft war, las ich mir auch die Namen aller Ersatzspieler durch. Dabei stach mir ein Spieler ins Auge, auch wenn ich das Klingeln in meinem Kopf zunächst nicht einordnen konnte. Sein Name war Florian Harthertz. Als ich mich erinnerte, woher mir der Name bekannt vorkam, wurde ich daraus auch nicht schlauer. Stattdessen präsentierte ich den kuriosen Zufall Hannes und Julian. Ich war überrascht, als sich auf ihren Gesichtern Belustigung anstelle des von mir verspürten Erstaunens breitmachte. Sie aber sahen sich nur grinsend an. Mir dämmerte in diesem Moment, was geschehen war und ich öffnete Google auf dem Smartphone. Der Harthertz-Abschnitt im auf dem Wikipedia-Artikel über die Fabrik war bereits nicht mehr aufzufinden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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