Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 9 Omas Hexenschule

Die Ferien neigten sich dem Ende zu.
Es war schon mitte August und langanhaltende Regenschauer, Stürme und Gewitter bestimmten das Wetter der letzten Tage. Anna und Frank waren während dieser Zeit meistens zu Hause geblieben. Sie hatten gelesen, mit Legosteinen gespielt oder ab und zu auch mal in eines der neuen Schulbücher geschaut. Eine Woche hatten sie noch, bevor die Schule wieder begann.

Am Samstag war Oma Dorfhexe da gewesen, hatte mit Mutter und Vater alte Fotos angeschaut und später hatten sie sich ins Wohnzimmer gesetzt, ein bisschen geplaudert und ein Gläschen Wein getrunken. Die Kinder bekamen Apfelsaft und durften sich ausnahmsweise mal eine ganze Tafel Schokolade teilen. Sonst gab es meistens nur einen Riegel für jeden. Zuviel Süßes, so sagte die Mutter, sei nicht gut für die Zähne.

Bevor es dunkel wurde, wollte Oma Dorfhexe wieder zu Hause sein. Die Kinder hatten ihr versprochen, sie bis zum Wald zu begleiten.

“Dann kommt ihr aber sofort wieder zurück, denn es wird Zeit ins Bett zu gehen”, hatte die Mutter ihnen nachgerufen. Bis zum Wald waren es vielleicht zehn Minuten Fußweg, da würden sie in spätestens einer halben Stunde wieder zurück sein.

“Sagt mal Kinder, ich habe festgestellt, dass euch so Dinge wie Fischen, Räuchern und das Sammeln von Kräutern, die ja mein tägliches Geschäft sind, zu interessieren scheinen. Wie ich letztens schon sagte, überrascht mich das ziemlich. Ich habe mal darüber nachgedacht und bin da zu einem für mich einleuchtenden Ergebnis gekommen. Ihr habt die ganzen Jahre in der Stadt gelebt und sicher wenig oder gar nichts von dem Leben in der Natur erfahren können. Vielleicht habt ihr mal in der Schule oder von euren Eltern davon gehört. Jetzt erlebt ihr es hier in meiner Hexenschule hautnah und das ist etwas, was euch neugierig nach immer mehr macht, stimmt`s?”

Anna und Frank sahen sich an und Frank sagte: ”Die ersten großen Ferien hier werden wir bestimmt nie vergessen. Das, was Sie uns alles beigebracht haben, hat uns total viel Spaß gemacht. Aber es gibt ja bestimmt noch ganz viele Sachen, die wir noch nicht kennen und darauf sind wir natürlich neugierig. Es ist hier bei Ihnen viel abwechslungsreicher als in der Stadt und unsere Eltern sind froh darüber, dass wir, anstatt gelangweilt zu Hause rumzuhängen, bei ihnen in die Hexenschule gehen.” Er hatte den Ausdruck Hexenschule von der Omi übernommen, und nun mussten sie alle drei laut lachen.

“Ja, liebe Kinder, eine Hexe muss auch daran denken, dass sie ihre Hexenkünste an vertraute Personen weitergibt. Sonst wären sie ja für die Nachwelt verloren. So, aber jetzt Spaß bei Seite. Nach diesen lang anhaltenden Regenschauern werden die Pilze auf den Wiesen und in den Wäldern jetzt neugierig ihre Köpfchen aus dem Boden stecken. Ich habe vor, wenn es morgen trocken ist, Pilze sammeln zu gehen und da habe ich mir gedacht, dass meine neuen Freunde mich bestimmt gerne begleiten möchten“.

„Oh ja, dass möchten wir”, sagte Anna. “Wir essen auch gerne Pilze.”

“Na dann seid morgen um neun Uhr bei mir. Jetzt geht aber schnell nach Hause, die Eltern warten bestimmt schon."

Es gab wie immer ein Abschiedsküsschen und ein paar Sekunden später war Oma Dorfhexe in der Dunkelheit des Waldes verschwunden.

Ganz aufgeregt, in Erwartung auf den kommenden Tag, erzählten sie ihren Eltern von dem morgigen Vorhaben mit der Oma Dorfhexe.

“Da habt ihr ja wieder ein neues Abenteuer vor euch”, lachte der Vater und die Mutter sagte noch: “Wird ja auch langsam Zeit, dass ihr mal wieder an die Luft kommt. Die letzten Tage hier in der Wohnung waren ja wohl nicht so abenteuerlich. Aber jetzt ab ins Bett und vorher noch waschen und Zähne putzen.”

Die Mutter hatte ihnen am nächsten Morgen einen alten Weidekorb hingestellt, wünschte ihnen viel Spaß und Glück bei der Pilzsuche und gab ihnen viele Grüße an die Oma Dorfhexe mit auf den Weg.

“Hör doch mal auf damit, den Korb andauernd herumzuschleudern”, sagte Frank. Kaum hatte er es ausgesprochen, flog dieser im hohen Bogen durch Luft und landete auf einer frisch gemähten Kuhweide direkt vor den Beinen einer grasenden Kuh.

“Siehste, das hast du nun davon. Jetzt sieh mal zu, wie du den Korb wieder zurückbekommst.” Anna fing an zu weinen, denn sie hatte Angst davor, sich auf die Weide zu begeben.

“Nun wein mal nicht gleich”, sagte ihr Bruder und nahm sie tröstend in den Arm.

“Ich habe es doch gar nicht so gemeint. Wir werden den Korb schon wiederbekommen. Pflück du etwas Gras und halte es der Kuh hin. Wenn sie dann kommt, krieche ich schnell unter den Zaun und hole ihn zurück.” Es funktionierte und Anna, der ein Stein vom Herzen gefallen war, gab ihrem Bruder einen dicken Kuss. “Wenn ich dich nicht hätte."

Die Omi saß schon draußen auf der Bank und vor ihr auf dem Tisch dampfte eine Tasse mit heißem Kaffee.

“Guten Morgen, ihr zwei Hexenschüler, ich trinke noch meine Tasse Kaffee leer und dann können wir uns auf den Weg machen. Möchtet ihr einen Kakao? Ich habe welchen in der Kanne. Geht in die Küche und holt ihn euch.”

„Ich mach das schon”, sagte Anna, die schon ihre Hand an der Türklinke zu Oma Dorfhexes Häuschen hatte. Nach kurzer Zeit war sie mit zwei Tassen Kakao wieder zurück und setzte sich neben Omi auf die Bank.

„Kennen Sie eigentlich alle Pilzarten?” fragte Frank.

„Also, mein Junge, alle wäre bestimmt ein bisschen übertrieben. Aber die meisten Arten, die hier in unserer Gegend vorkommen, kenne ich schon. Ich liebe ihren Geschmack und auch das Suchen macht mir auch heute immer noch sehr viel Spaß. Pilze finden ist nicht schwierig. Man sieht an vielen Stellen die verschiedensten Arten, aber weiß man auch, welche zu den Speisepilzen zählen und welche ungenießbar, giftig oder sogar tödlich giftig sind? Das bedarf schon der langjährigen Schulung durch einen erfahrenen Lehrmeister. Solche Lehrmeister waren meine Vorfahren. Meine Großmutter hat es von ihrem Vater gelernt, meine Mutter wiederum von meiner Großmutter und ich habe diese Kunst dann wieder von meiner Mutter erfahren. Wie ich sehe, habt ihr auch einen Korb mitgebracht.” Sie langte mit einer Hand unter den Tisch und holte ihren Pilzkorb hervor.

“Das ist mein Pilzkorb. Der ist noch von meiner Großmutter. Ich musste ihn schon einige Male flicken, denn hier und da löst schonmal ein Weidenzweiglein. 

So jetzt aber los, wir müssen noch ein weites Stück laufen.

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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