Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 10 - Pilzsuche

Frank und Anna wunderten sich, dass die Omi Dorfhexe diesmal einen ganz anderen Weg gewählt hatte. Sie mussten ein langes Stück am Waldrand entlang laufen.

“Wisst ihr Kinder, ich habe da bestimmte Stellen wo ich Pilze suche. Man darf ja nicht erwarten, dass diese kleinen Wald- und Wiesenbewohner direkt vor der Haustüre wachsen und so muss man schon ein wenig wandern, um diese Orte zu erreichen. Da vorne beginnt der Birkenwald. Er liegt mitten in einem Heidegebiet und ist wohl das herrlichste Stückchen Natur, das es hier weit und breit gibt. Seht mal dort, die Heide beginnt bald zu blühen und schmückt dann die Landschaft mit ihren zarten, rot-violetten Farben.”

“Ooooh” sagte Anna. “Das möchte ich gerne mal sehen.”

“In ein paar Wochen ist es so weit, dann werden wir die blühende Heide besuchen.”

Als sie den Birkenwald betraten, leuchteten ihnen schon bald rote und braune Pilzhüte entgegen.

“Da!” rief Frank, und zeigte mit dem Finger auf einen vor ihm stehenden Pilz. “Der ist aber groß. Ist bestimmt ein Steinpilz.” Die Omi lachte.

“Nee, mein Junge. Es ist zwar auch ein Röhrenpilz, aber ein Steinpilz ist es nicht. Dieser hier ist der Birkenpilz. Die kommen hier in großen Mengen vor. Schmecken tun sie nicht schlecht,

aber da gibt`s schmackhaftere, sowie die Braun- oder Rotkappe und den eben von dir erwähnten Steinpilz. Junge Birkenpilze nehme ich schon mal mit, denn in diesem Stadium ist ihr Fleisch noch fest und meistens sind auch noch keine Maden hineingekrochen. Er wird schnell matschig und wenn er etwas länger steht, ist er oft von Maden zerfressen.”

„Was ist ein Röhrenpilz?” forschte Anna nach. Die Oma drehte den Birkenpilz vorsichtig aus dem Boden und hielt ihn so, dass die untere Seite des Hutes zu sehen war.

„Seht mal her, hier auf der Unterseite des Hutes befindet sich der Röhrenschwamm. Alle Pilze, die so einen Schwamm haben, nennt man Röhrlinge. Dann gibt es aber auch noch die Lamellenpilze, wie zum Beispiel der Champignon, den ihr ja bestimmt kennt. Der ist anstatt mit einem Schwamm auf der unteren Hutseite mit einem fächerartigen Geflecht ausgestattet.“

„Das weiß ich, die haben wir schon oft gegessen und in der Schule haben wir auch schon darüber gesprochen”, sagte Frank. „Vielleicht finden wir hier ja auch noch welche.“

„Nein, die wachsen auf Weiden und in Parkanlagen und an vielen anderen Orten aber im Wald kommen sie nur sehr, sehr selten vor”, erklärte Omi Dorfhexe. Sie drehte noch drei junge Birkenpilze, die sie hinter einem Heidesträuchlein entdeckt hatte, aus dem Boden, und legte sie in ihren Korb. “So, jetzt lasst uns noch ein Stückchen weitergehen, denn dort hinten warten schon die leckeren Steinpilze auf uns.” Anna schrie auf einmal auf.

„Iiiiiih, was war das denn?” Jetzt mussten die Omi und Frank laut lachen. Ein Vogel, der über Anna hinweg geflogen war, hatte in der Luft sein Geschäft verrichtet und dieses war auf Annas Kopf gelandet.

„Komm mal her”, sagte die Omi, nahm ein Taschentuch und wischte Anna den Vogeldreck aus den Haaren.

„War ja nur ein kleines Häufchen”, sagte sie und nahm Anna tröstend in den Arm. “Ist mir schon ganz oft passiert, mein Kind. Mein Vater hat immer gesagt, dass es Glück bringen würde, wenn einem ein Vogel auf den Kopf kackt.”

Jetzt musste Anna auch lachen. ”Dann werde ich wohl heute die meisten Pilze finden.”

Auf dem Weg zu der Steinpilzstelle, bückte sich Oma Dorfhexe noch einige Male, um ein paar junge Birkenpilze aus dem Waldboden zu drehen. Ihr Pilzkorb war schon bald bis zur Hälfte gefüllt.

„So, das hier ist Steinpilzgebiet und da stehen ja auch schon die ersten. Ganz schön stattliche Burschen sind das. Riecht mal”, sagte sie und hielt den Kindern ein besonders großes Exemplar unter die Nasen. „Er riecht ein wenig obstig, schmeckt aber nicht so. Sein Geschmack ist eher nussartig, eine besondere Delikatesse.“

Im Nu hatten sich die Körbe mit Steinpilzen gefüllt, denn sie kamen hier wirklich in großen Mengen vor.

„So Kinder, jetzt haben wir gar nicht lange suchen müssen. Es ist nicht immer so, dass man mit einer fetten Beute nach Hause geht. Manchmal kann man schon froh sein, wenn man den Korb halb voll bekommt. Nun lasst uns nach Hause gehen. Wir müssen die Pilze noch säubern.”

Diese Säuberungsaktion hatten Anna und Frank sich wohl anders vorgestellt, als sie vonstatten ging. Die Oma Dorfhexe hatte die Pilze auf den großen Holztisch vor ihrem Häuschen ausgebreitet und sortierte sie nach Größe und Art.

“Jetzt wollen wir mal sehen, wie die Pilze von innen aussehen”, sagte sie, nahm den großen Steinpilz, den sie zuerst gefunden hatten und schnitt ihn in der Mitte durch. “Oh, selbst der große hier hat nur ganz wenig Maden und die auch nur unten am Stielansatz.” Sie schnitt die unteren Teile der beiden Stielhälften ab, schabte die Haut noch ein wenig sauber und legte die Stiele in eine Schüssel.

„Die Stiele trockne ich extra. Sie werden hinterher zu Pulver zermahlen und kommen dann in einen Gewürzstreuer.” Jetzt nahm sie den Pilzhut und löste den Schwamm heraus.

„Man kann die Schwämme, wenn sie noch frisch und fest sind auch mitessen, aber ich mag sie nicht. Die Hüte und Stiele sind da doch viel schmackhafter und von festerer Konsistenz. Seht mal, wie schneeweiß sein Fleisch ist. Nicht eine Stelle, die ich wegschneiden muss. Wenn die alle so aussehen, sind wir mit dem Säubern schnell fertig.” Und so war es dann auch. In den drei Schüsseln, die vor ihnen auf dem Tisch standen, leuchtete fein sortiert und gesäubert ihre Pilzbeute. In einer Schüssel befanden sich die Stiele aller gesammelten Pilze. Die hatten sie nicht trennen müssen. Anders mit den Hüten. Die mussten sie gesondert einsortieren und zwar in eine die Steinpilzhüte und in die andere die von den Birkenpilzen. Alles war in feine, dünne Scheiben geschnitten worden damit, so erklärte die Oma, die Stückchen schneller trocknen.

Die Oma Dorfhexe ging noch mal in ihr Häuschen und kam mit einer Schüssel wieder heraus.

“So Kinder, die Hälfte der Steinpilzhüte werde ich jetzt auf Fäden aufreihen und zum Trocknen aufhängen. Die andere Hälfte nehmt ihr mit nach Hause. Eure Eltern werden sie bestimmt auch gerne mögen. Sagt eurer Mutter, mit viel Speck und Zwiebeln und hinterher mit reichlich Petersilie bestreut, sind sie eine besondere Delikatesse. Aber das wird sie bestimmt auch wissen.” “Oh ja!” rief Anna. “Ich bekomme schon großen Hunger.”

Die Oma gab die Hälfte der Steinpilze in die mitgebrachte Schüssel und gab sie der Anna.

“Stelle die Schüssel vorsichtig in euren Korb. Ihr könnt sie bei eurem nächsten Besuch wieder mitbringen.”

“Machen wir,” sagte Anna und vielen Dank.

Die Oma hatte Fäden aus dem Schuppen geholt und die Pilzstückchen mittels einer Nähnadel aufgezogen. Die Kinder staunten, wie schnell ihr diese Arbeit von der Hand ging und Frank sagte: “Da sieht man aber, dass Sie das schon oft gemacht haben. Die Schüsseln sind ja gleich schon leer.”

“Ja, das geht ziemlich schnell und wie du schon sagtes, mach ich es ja nicht zum ersten Mal. Ich hänge sie jetzt noch an die Leine und lege mich dann ein wenig hin. Ihr wisst ja, mein Rücken. Ist wohl beim Pilze suchen wieder ein bisschen strapaziert worden!”

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Oma Dorfhexe - Eine kleine Geschichte vom Niederrhein von Wolfgang Scholmanns



Anna und Frank ziehen mit ihren Eltern in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sie die alte Dame kennen lernen, die die Dorfkinder oftmals mit dem Namen "Oma Dorfhexe" betiteln.

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