Francois Loeb

ROT-STRICH IM WALD

Heute unternehme ich eine Wanderung durch den in das Frühjahr erwachenden Wald! Was für eine herrliche Zeit! Überall Knospen. Blätter strecken ihr hellgrünes Köpfchen aus den Ästen, atmen die ersten Gerüche des neuen Lebens ein. Eintagsmücken tanzen gegen Abend, ich bin nach fünf Stunden Wanderung müde, in den letzten Sonnenstrahlen ihren wilden Tanz um für diesen einen, ihren einzigen Lebenstag zu danken, nochmals ihren Lebensabend in vollen Flügen zu geniessen, bevor die langen Arme der Nacht sie zu Boden zwingen wird. Ich setze mich auf einen Baumstrunk der bereits leicht in sich hinein zu bröckeln droht. Geniesse den Abendwind, den Hauch des Frühlings, der noch einen zarten Duft des Winters in sich trägt, meinen Schweiss zum Trocknen bringt. Nehme den letzten Schluck des mitgeführten, jetzt lauwarmen Tees, aus der Warmhalteflasche, lasse meine Augen über die weiss blühenden Sträucher gleiten, bade sie dann im rosa schimmernden Horizont-Wölkchen, das ein herrliches morgen ankündet. Lasse meine Seele richtig baumeln, der Alltag wird bald wieder von mir Besitz ergreifen, doch lasse ich diesen noch nicht an mich heran. Lasse die Geräusche der sanft einfallenden Dämmerung auf mich wirken, danke dem Himmel, dass mir mehr als ein Tag geschenkt sind. Vernehme das Gespräch der Bäume, das von Wurzel zu Wurzel flüsternd vor sich geht. Bin erstaunt als ich erlausche, dass es um den Rot-Strich hier unter den Bäumen geht. Da klagt ein alter Stamm, der so manchen Sturm in seinem Leben bereits erlebte, dass ein Zweibeiner, einer der Baumschlächter, einen roten Strich an ihm gemalt, was gar nichts Gutes zu bedeuten habe. Ein junger Baum antwortet, dass es ihm genauso ergehe und er sich frage was der Rotstrich denn bedeuten möge. Der Rabe der sich auf einen Ast der alten Buche setzte und die Sprache der Bäume in seiner Jugend im Nest seiner Eltern erlernte, krähte laut und dringlich: ‚Korraahh Kfäält werdet ihr bald, alle, denn der Mensch dann erkennt am roten Strich.‘
Da kommt die Baumgemeinde überein einander Hilfestellung zu schenken, mittels Harz den Rotstrich auszulöschen ein für allemal. Ich schrecke auf. Muss wohl kurz mich der Müdigkeit ergeben haben. Der Halbmond der sich in die Abnahme begibt, spendet ein diffuses Licht auf meinem Heimweg, bei dem ich auf all die Wurzeln achten muss um nicht zu stolpern. Drei Tage später lese ich, dass der Revierförster, er habe Sehprobleme, in den vorzeitigen Ruhestand getreten sei, was ich ihm von Herzen gönne ...


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