Qayid Aljaysh Juyub

Story XXII: Danse diable

‚In nomine domini nostri gloria causa Satani …‘
Mit eindringlich düsterer Stimme begann der in flammenden rot gewandete Hierophant das Ritual, während sich das geknebelte Opfer unter dem gnadenlos eisernen Griff der geringeren Priester auf der Grabplatte des freistehenden Sarkophags wand.
Einst ließ den Steinsarg im 19. Jahrhundert ein mächtiger Gründervater des zweiten Deutschen Reiches, der im Verborgenen als Großmeister des ‚Ordens der Getreuen Baphomets‘ wirkte, dort als ‚Ehrenmahl‘ für die gefallenen ‚Helden‘ des Deutsch-Französischen Krieges aufstellen; eher inoffiziell diente das wuchtige Monument aus edelstem Mamor seit jener Zeit als Opferstätte.
Mit respektvoll gierigem Schweigen verfolgten die Adepten und geladene Gäste die Zeremonie auf dem uralten Friedhof. Anlässlich der ‚Walpurgisnacht‘ oder der ‚Nacht des Teufels‘ war dem satanischen Chapter Gelsum die außerordentliche Ehre widerfahren, dass ein Großherr des ‚Bundes der schwarzen Rose‘ persönlich die schwarze Messe zelebrierte. Innerhalb der ‚Kirche der Nacht‘ stellten die ‚Schwarzrösler‘ einen exklusiven Zirkel dar, der global agierte und über mächtige Verbindungen verfügte. Diese dunkle Aristokratie ging aus der Vereinigung zahlreicher nationaler Gruppen - wie beispielsweise die erwähnten Jünger Baphomets oder ‚the black order of Belial‘ – im Jahre 1966 hervor.
Mit ungläubigem Staunen betrachtete Jörg Meyer – wie üblich sei dem Leser versichert, dass es sich hier um meine üblichen Spinnereien handelt, die nichts mit wahren Ereignissen oder Personen zutun haben – das Geschehen. Der Skinhead gehörte zu den ausgewählten Besuchern, da er die besondere Gunst Frank Skrozkis, einem der Adepten, genoss. Kennengelernt hatten sich die beiden diabolischen Buddys auf einem Heimatabend der ‚Hel-Jugend‘ in einer angesagten Nazi-Kneipe im heruntergekommen Stadtteil Harst-Süd. Der aus einem bildungsfernen Haushalt stammende Meyerling traf dort regelmäßig schlagfreudige Genossen im Geiste und fiel dem nachwuchswerbenden Satanisten durch seine extreme Gesinnung und seinen vielversprechenden, stämmigen Wuchs auf. Die homoerotischen Avancen Skrozkis mental nicht erfassend, unterhielten sich die neuen ‚Kameraden‘ innig über die wenig glorreichen Taten – Hitler genoss wegen seiner Massenmorde in den niederen Rängen der schwarzen Community einen außergewöhnlich guten Ruf – drittreichiger Schlächter. Frisch verliebt und von den krassen Ansichten seines Objekts der Begierde beeindruckt, lud der Nachwuchswerber den ahnungslosen Skinhead zu einem religiösen Event auf dem Zentralfriedhof ein. Der braune Jörg fand das zwar schon ziemlich schräg, fand sich aber dann trotzdem ein und genoss sogar die blutigen Tieropfer nebst den anschließenden sexuell orgiastischen Ausschweifungen. Mit blutendem Herzen musste der enttäuschte Gastgeber feststellen, dass sich der ersehnte Nazi-Stecher ausschließlich mit dem anderen Geschlecht vergnügte und seine eindeutigen Angebote geflissentlich ignorierte. Von brennendem Verlangen entflammt, missdeutete der frustrierte Galan das Verhalten des so leidenschaftlich Geliebten, der nun wirklich in seiner Ignoranz gar nichts begriff, gründlich und kam zu der recht abwegigen – Liebe macht ja bekanntlich blind – Überzeugung, die vermeintliche Missachtung des wohlgestalteten Skinheads resultiere aus der Fehlinterpretation seines Ranges innerhalb der infernalischen Hierarchie. Um nun den feschen Neonazi gehörig zu beeindrucken, nahm Skrozki seine geliebte Glatze zu der momentan ablaufenden Veranstaltung mit.
‚Domine Satanas exaudi meam!‘
Der mit einer stilvollen Hockeymaske vermummte Hierophant stieß den bisher erhobenen Flammdolch in die junge Frau auf dem Sarkophag. Während die niederen Priester ihren erbarmungslosen Griff an Armen und Beinen des unbekleideten Opfers weiter verstärkten, vollführte der Hohepriester geschickt einen gewaltigen Schnitt unterhalb des Brustbeins, um der Unglücklichen mit bloßen Händen das Herz herauszureißen und dies noch zuckend dem Publikum triumphierend zu präsentieren.
‚Ave Satanas!‘
Nachdem dem mit begeistert sonorer Stimme getätigten Ausruf des blutbesudelten Mörders kannte der Jubel des Publikums keine Grenzen mehr.
Von der der euphorischen Masse umgeben, war Meyer nahe daran, sich zu übergeben. Bisher hatte ihm der ganze Scheiß mit den ‚Teufelsanbetern‘ förmlich tierische Freude bereitet, aber Menschenopfer waren da eine ganz andere Hausnummer. Dem unbedarften Beobachter ging allmählich auf, dass hier mehr stattfand als einfach nur eine abgefahrene Show. Vielleicht hätte aus dem vermeintlich Stärkeren gegenüber wenig couragierten Jungfaschisten dennoch ein mörderisch nützliches Mitglied der satanischen Gemeinde Gelsums werden können, wenn ihm nicht die soeben so grausam ermordete Frau persönlich bekannt gewesen wäre. Bei der soeben Dahingeschiedenen handelte es sich nämlich um eine gute Freundin seiner älteren Schwester. Die gewaltsam Verblichene behandelte ihn zudem stets freundlich, und der sonst frauenverachtende Neonazi entwickelte intensive, romantische Emotionen ihr gegenüber. Vor allen Dingen das Gefühl, ihm etwas weggenommen zu haben, motivierte des Meyers Jörg dazu, die wenig geliebte Polizei bei der nächsten Gelegenheit über die religiösen Aktivitäten auf dem Zentralfriedhof zu informieren.
Derweil betrachtete der Hierophant wohlwollend die fanatisch jubelnde Gemeinde bis sein Blick ausgerechnet auf Meyer mit brennender Intensität verharrte, der augenblicklich spürte, dass der hohe Priester ihn direkt ansah.
‚Wir haben einen Verräter unter uns!‘
Mit vorwurfsvoll ausgestrecktem Zeigefinger deutete der satanische Großherr auf Jörg den Abtrünnigen. Nun verfügte der nun nicht gerade über gewaltige, intellektuelle Fähigkeiten, aber besaß ausgezeichnete Reflexe und eine gewisse Bauernschläue. Blitzschnell schlug der Skin auf seinen Nebenmann ein, sodass dieser ins Taumeln geriet.
‚Dreckiges Verräterschwein!‘
Meyer deute auf den Angegriffenen und unmittelbar darauf brach der Tumult los. Während der diabolische Mob über den Falschen herfiel, beeilte sich der Neonazi das Getümmel für sich auszunutzen und der Menge zu entkommen.
‚Halt, nicht der!‘
Mit Stentorstimme gebot der Hierophant dem Treiben Einhalt, nachdem er einige Minuten den Anblick genossen hatte. Fast augenblicklich ließ die Menge von ihrem inzwischen bewusstlosen Opfer ab.
‚Der ist es!‘
Inzwischen war die so geistesgegenwärtige Glatze dabei, unauffällig in den Tiefen des Zentralfriedhofs zu verschwinden, hatte sich aber erst gute 10 Meter von der erregten Gemeinde, die ihn nun einhellig anblickte, abgesetzt.
‚Bringt ihn mir lebend!‘
So begann die wilde Jagd.
(…)
Meyer kauerte im Gebüsch hinter der verwitterten Statue eines himmlischen Boten, dessen zerbrochene Flügel über ihm aufragten. Seit geraumer Zeit jagten ihn diese durchgeknallten ‚Teufelsanbeter‘ und er war sicher, die Irren nun abgeschüttelt zu haben. Zu seinem Glück gehörten Schnelligkeit und Kondition nicht zu den Kardinaltugenden seiner Jäger, sodass der durchtrainierte Skinhead bei seiner Flucht einen nicht zu verachtenden Vorteil besaß. Vorsichtig holte der flotte Jörg sein Smartphone hervor.
‚Hier ist der polizeiliche Notruf!‘
‚Die haben hier jemanden umgebracht …‘
‚Hallo? Ich verstehe Sie nicht!‘
Der Flüsterer beschloss, das Risiko einzugehen und lauter zu sprechen.
‚Ich will einen Mord melden, die haben hier eine Frau umgebracht!‘
‚Beruhigen Sie sich! Wo befinden Sie sich denn?‘
‚Auf dem Zentralfriedhof, in der Nähe des Nordausgangs! Die sind hinter mir her, Sie müssen sofort kommen!‘
‚Hören Sie, wir schicken ein Einsatzkommando los. Sie treffen unsere Beamten am Nordeingang und dann können Sie die zum Tatort führen.‘
In seiner Aufregung entging Meyer, dass die Stimme der Beamtin ziemlich entspannt klang.
‚Geht’s noch, diese verdammte Teufelsbrut erwartet mich mit Sicherheit an den Eingängen!‘
‚Machen Sie sich keine Sorgen, die Täter werden mit Sicherheit das Weite suchen, wenn sie die Polizeisirenen hören. Erwarten Sie uns am Nordeingang!‘
‚Hallo? Verdammte Bullen, aufgelegt,‘
In seiner Verwirrung kam es dem Anrufer nicht in den Sinn, dass es nicht gerade logisch war, Straftäter durch den Gesang der Martinshörner vorzuwarnen und der gesamte Gesprächsverlauf recht ungewöhnlich verlief.
Vorsichtig bewegte sich Glatzen-Jörg in Richtung des Zieles und überwand nach einigen Minuten die niedrige Friedhofsmauer, um sich brav vor dem Nordausgang aufzustellen. Tatsächlich war von den Satanisten keine Spur zu bemerken, während schon nach einigen Minuten ein Streifenwagen mit ausgeschaltetem Blaulicht auftauchte und zwei stämmige Beamte ausstiegen.
‚Mann, bin ich froh euch zu sehen! Aber wo ist der Rest? Mit zwei Mann werdet ihr wenig ausrichten!‘
Inzwischen hatte einer der Beamten Meyer erreicht und lächelte ihn an, bevor er dem Skin eine Taserladung verpasste. Paralysiert ging der elektrische Jörg zu Boden und wurde sogleich von dem hilfsbereiten Ordnungshüter professionell mit einem Kabelbinder an den Händen gefesselt.
Derweil holte sein Kollege gemächlich ein Smartphone hervor.
‚Wir haben ihn! Ja, die Notrufzentrale stuft das Ganze als Scherzanruf ein. Klar, wir bringen ihn gleich zur Knochengrube. Verstanden! Ave Satanas!‘
Während der Fesselungskünstler den Gefangenen mit Hilfe seines echten Fußes am Boden fixierte, informierte nun sein Kollege per Funk die Einsatzzentrale.
‚Zentrale von Dämon 3. Kommen!‘
‚Hier Zentrale..Kommen!‘
‚Hier Dämon 3. Wir haben den Flüchtigen aufgegriffen, Handy-Ortung nicht mehr erforderlich. Keine Lequidierung, sondern Überführung in die Katakombe. Befehl vom Chef: Alle Einheiten sollen ihre Positionen wieder einnehmen und das Gelände abschirmen. Kommen!‘
‚Hier Zentrale. Verstanden! Kommen!‘
‚Hier Dämon 3. Ende!‘
Nach vollbrachtem Rundruf näherte sich der Funkmeister dem justizvollzogenen Pärchen.
‚Larry, Du hast es mitbekommen! Also auf mit der Ratte und flugs zum Meister!‘
Der Angesprochene -ein wahrer Bulle- verzog sein Gesicht zu einem groben Lächeln.
‚Hoch mit Dir, Du Insekt!‘
Unsanft riss der letzte Bulle den noch immer leicht benommenen Skinhead empor. Der konnte sich zwar kaum auf den Füßen halten, vermochte jedoch wieder seine Gedanken zu sammeln.
‚Verdammt, Ihr seid doch die Bullen! Die Polizei!‘
Die beiden Ordnungshüter schwiegen einige Sekunden, verdutzt durch derartig viel Naivität, um dann in brüllendes Gelächter auszubrechen. Larrys Compagnon, der eine gewisse Ähnlichkeit mit einem berühmten Rüsseltier – siehe Ami-Slang hinsichtlich einer alternativen Bezeichnung für Polizisten – besaß, fasste sich nach einigen Minuten als erster.
‚Ganz genau und wir dienen DER MACHT! Du Asi bist echt ein Witzbold. Aber genug getrödelt, der Meister hat Sehnsucht nach Dir. Du kommst jetzt besser freiwillig mit oder wir machen Dich jetzt schon fertig!‘
‚Ihr Schweine könnt mich …‘
Eine weitere Taserladung schnitt Meyer förmlich das Wort ab und streckte ihn zu Boden.
‚Larry, Du Depp! Okay, der scheint nicht kaputt zu sein. Jetzt müssen wir den Drecksack auch noch schleppen! Der Chef klang schon verdammt ungeduldig!‘
‚Sorry Diddi, ich habe doch so ein Späßken mit dem Taser!‘
‚Egal, wir müssen los!‘
Während Diddi das gusseiserne Friedhofstor öffnete, warf sich sein Ochsen gleicher Kollege den Besinnungslosen, der nun beileibe kein Leichtgewicht war, leger über die Schulter.
(…)
‚Ah, unser Gast ist wach!‘
Benommen und desorientiert richtete sich der arg elektrifizierte Jörg halb auf und erblickte vor sich den maskierten Hohenpriester im vollen Ornat, der offensichtlich von einer Reihe in schwarzen, blauen, gelben und grün-rot gestreiften Kapuzenmänteln gekleideten satanischen Würdenträgern flankiert wurde, deren Gesichter ihm irgendwie bekannt vorkamen. Das nun folgende, mehrminütige Schweigen gab dem Skinhead die Gelegenheit für weitere Impressionen. Offensichtlich befand er sich in einem mit Standscheinwerfern erhelltem Gewölbe, in dessen Ecken sich neben Knochenhaufen auch einige offene Särge befanden. Neben dem beobachten hatten sich Diddi und Larry in Habachtstellung aufgebaut, begierig auf Anweisungen ihrer Herren. Als Meyer nun beabsichtigte, sich vollends zu erheben, wurde die unheimliche Stille gebrochen.
‚Auf die Knie, Du Hund!‘
Noch während Diddi ihn mit einem geschickten Fußtritt in die gewünschte Position beförderte, erkannte der Gefangene den Schwarzkittel, der den Befehl gab.
Der Landtagsabgeordnete Beutelschneider wandte sich entschuldigend an den Hierophanten.
‚Vergebung, eure Gnaden. Manche Menschen verstehen nicht, wie sehr sie sich vergehen und haben keinen Respekt! Sollen wir den Hundsfott sogleich langsam kastrieren wie seinen Bürgen? Eure Gnaden fanden die Schreie des elenden Skorzkis ja so ergötzlich!‘
‚Du darfst mich Herr oder meinetwegen Meister nennen! Mit ihm habe ich anderes vor.‘
‚Herr, wir sollten diesen Klimaschädling vielleicht energiesparend kochen! Das gibt eine prima Bio-Suppe und der Geräuschpegel dürfte Euch äußerst erfreuen.‘
Während der Hohepriester gnädig über die kecke Unterbrechung eines rot-grünen Kapuzenmannes hinwegsah und Beutelschneider zustimmend nickte, behagte der Einwand einem der Blaumänner so gar nicht.
‚Meister, hört nicht auf dieses unsinnige Geschwätz dieses kleinen Opportunisten! Wir sollten diesen Linksextremisten nach altdeutscher Art dem Feuer unseres Herrn Luzifer übergeben … ‘
Einer der wenigen Gelblinge fühlte sich nun ebenfalls bemüßigt, die Ausführungen seines Vorgängers zu unterbrechen.
‚Dominus, lasst eure Ohren nicht von den Ergüssen blauer Reaktionäre beleidigen. Die einzige Art mit diesem sozialbetrügerischen Pack umzugehen, besteht darin, es zu häuten und…‘
‚Silentium, ihr Wichte! Das ist hier kein Showevent in einem eurer Parlamente. Wir sollten uns jetzt unserem Gast zuwenden!‘
Mittlerweile hatte sich das Objekt alternativer Exekutionsvorschläge gesammelt und dachte verzweifelt darüber nach, wie er diesen Irren entkommen könne. Vielleicht standen auch seine Chancen nicht so schlecht, irgendwen, notfalls die Presse, von der abgefahrenen Kiste zu überzeugen, die hier abging. Außerdem dürfte es ja nicht möglich sein, eine Leiche so einfach verschwinden zu lassen, wie ein totes Tier.
Das kultivierte Lachen des Hohepriesters unterbrach die ungewöhnliche Gedankenflut des Optimisten.
‚Die Presse? Der Pöbel ist ja so drollig! Ich fürchte, deinesgleichen wird niemand vermissen. Mit euch armen Pack ist es wie mit den Kakerlaken: Wenn man einige zerquetscht, fällt es nicht weiter auf! Und was denk Er, mein einfältiger Freund, wie leicht man eine Leiche verschwinden lassen kann!‘
Verwirrt blickte die vermeintliche Küchenschabe den satanischen Großherrn an, fühlte aber geleichzeitig eine ungeheure Wut in sich aufsteigen. Hitler hätte diese verfluchten ‚Teufelsanbeter‘ mit Sicherheit vergast.
Wiederum unterbrach ein - diesmal mit einem eher fröhlichen Unterton – gepflegtes Lachen des Hierophanten die vulgären Gedankengänge des braunen Philosophen.
‚Der kleine Emporkömmling! Dieser beschränkte Kleinbürger wollte sein eigenes Süppchen kochen, daher haben wir ihn fallenlassen. Vielleicht sollte ich Ihn als Hofnarr halten, aber ich fürchte, dafür ist Er doch zu primitiv!‘
Nun ergriff die Konfusion vollends den braunen Jörg. Konnte der Kerl etwa Gedanken lesen?
‚Ganz genau! Aber ich beginne mich zu langweilen. Schergen, schlagt ihn erst einmal ordentlich zusammen!'
Diddi und Larry begannen nun genussvoll ihren Auftrag auszuführen, während der Hohepriester mit einer verächtlichen Handbewegung der anwesenden, bunten Fraktion gestattete, die Schläger durch anfeuernde Rufe zu unterstützen. Zwei gebrochene Rippen und sonstige Blessuren später, gebot der Großherr mit einer weiteren Geste den Scheiße-aus-dem-Leib-Prüglern nebst Cheerleadern Einhalt.
‚Das reicht, schließlich haben wir mit unserem Freund noch Großes vor! Ihr Knechte, fesselt seine Füße und deponiert ihn in dem Sarg dort drüben!‘
Derweil hatte der Skinhead die ganze Prozedur nicht kommentarlos über sich ergehen lassen, sondern stieß neben Schmerzensschreien einige ordentliche Flüche aus, die aber mit der Zeit zunehmend an Intensität und Lautstärke verloren.
‚Ihr miesen Säue…‘
‚Herr, sollen wir dem Elenden die Zunge herausschneiden lassen?‘
Der beutelschneidende Landtagsabgeordnete wandte sich in gewohnt schleimig kriecherischer Art an seinen Meister.
‚Nein, das würde seinen Auftritt verderben! Außerdem finde ich seine stupiden Ausrufe recht amüsant.‘
Inzwischen deponierten die Polizisten den halbtoten Meyer in das angewiesene Behältnis. Der Hierophant begab sich langsam in das Gesichtsfeld des inzwischen heiser gewordenen Fluchers.
‚Ich will Ihm nicht vorenthalten, wozu ich Ihn vorgesehen habe. Morgen werden die Riten mit einer feierlichen Kreuzigung abgeschlossen, Er soll dafür als Protagonist dienen. Am Kreuze mag Er dann verfolgen, wie wir seine Schwestern auf aztekische Art opfern! Aber das dürfte ja nicht neu für Ihn sein, schließlich hat Er heute bereits einen solchen Tod gesehen!‘
Endgültig vor Angst der Sprache beraubt, blickte der Hauptdarsteller zukünftiger Rituale den Hohepriester entsetzt aus seinem offenen Sarg an.
Mit einem hämischen Funkeln in den Augen erwiderte der Großherr genussvoll gnadenlos seinen Blick.
‚Ich fürchte, unser kleiner Renegat fühlt sich einsam. Hopp Knechte, holt seine große Liebe dort drüben aus dem Sarg und legt sie auf ihn.‘
Wie gölte Blitze beeilten sich die beiden Ordnungshüter, begleitet vom höhnischen Gelächter der satanischen Brut, den Auftrag auszuführen und das letzte Opfer mit dem Gesicht nach unten auf Meyer zu legen, der nunmehr völlig gebrochen zu einem Wimmern fähig war.
‚Lassen wir die Liebenden nun alleine und kümmern uns um die Verwandtschaft des Abtrünnigen!‘
Gemessenen Schrittes entfernte sich der infernalische Klerus, während die beiden Ordnungshüter die Scheinwerfer ausschalteten und den einzigen Eingang zum Gewölbe, ein schwere Eichentür, verriegelten.
(…)
Geschunden und in dumpfer Verzweiflung lag Meyer, bedeckt vom erkalteten Leichnam, seit Stunden in der Dunkelheit. Zwischenzeitlich war er sogar vor Erschöpfung eingeschlafen, aber nach einer ungewissen Zeitspanne wieder erwacht, um nach Realisierung seiner Lage einen Schreikrampf zu bekommen, der nach einiger Zeit durch hemmungsloses Weinen abgelöst wurde. Letztendlich verfiel der gebeutelte Skin in dumpfe Apathie, die durch das dämmrige Licht eines eingeschalteten Scheinwerfers gebrochen wurde. Blinzelnd erkannte er eine Gestalt, die geschickt die Tote von ihm wegrollte und ihn mit Hilfe eines Cuttermessers blitzschnell von seinen Fesseln befreite. Bevor der entfesselte Jörg irgendwie reagieren konnte, hatte sich der Unbekannte auch schon entfernt.
Ächzend, mit steifen Gliedern und von Schmerzen geplagt, erhob sich der Befreite langsam aus dem Sarg. Als er die offene Gewölbetür erblickte, stieg eine irrwitzige Hoffnung in ihm hoch. Offensichtlich waren diese verrückten Teufelsanbeter untereinander uneins und einer dieser Typen wollte ihn entkommen lassen. Allerdings ließ die physische und psychische Verfassung des Skinheads wenig Raum für weitere Erkenntnisse, sodass er die Ursachen für seine Befreiung nicht weiter hinterfragte.
Soweit es sein körperlicher Zustand zuließ bewegte sich Meyer aus dem Gewölbe, um in einen halberleuchteten Tunnel zu gelangen, in dessen Wandnischen sich eine Unzahl von menschlichen Knochen befanden. Nach einiger Zeit erreichte der Flüchtende den Ausgang, der aus einer Treppe bestand, die ihn unmittelbar in eine vom Mondlicht erhellte Familiengruft führte. Offensichtlich war der Eingang normalerweise durch eine Art beweglichen Sarkophag versiegelt, der sich nach Betätigung eines Geheimschalters zur Seite bewegte.
‚Ich glaube, es ist soweit, wir sollten jetzt kurz eine rauchen!‘
Überrascht durch die Stimmen, die aus Richtung des offenen Eingangs zur Gruft erklangen, kauerte sich Meyer ängstlich hinter den bewussten Sarkophag. Obwohl sein geschundenen Körper die unter normalen Umständen sowieso nicht übergroßen, mentalen Fähigkeiten einschränkten, fragte sich der Skinhead allmählich, warum die Teufelsanbeter wohl keine weiteren Wachen aufgestellt hatten. Der Kauernde lauschte den sich langsam entfernenden Schritten und begab sich hoffnungsvoll entschlossen Richtung Ausgang, um einen kurzen Blick aus dem selbigen zu werfen. In zirka 10 Meter Entfernung standen zwei Polizeibeamte - diesmal nicht Diddi und Larry – mit dem Profil zu ihm und rauchten gemütlich ihre Zigaretten, offensichtlich in einem flüsternden Gespräch vertieft. Der Flüchtende begriff, dass es sich bei den beiden Ordnungskräften offensichtlich um Wachposten handelte, die den Eingang zur Gruft sicherten und er entkommen musste, bevor beide wieder ihre Stellung bezogen. Langsam schlich der wenig lautlose Jörg sich an den Posten vorbei, ohne die schlecht verborgenen, höhnischen Seitenblicke der beiden Polizisten zu registrieren. Bevor es dem Schleichenden gelang, den Bannkreis der Wachen vollends zu verlassen, hörte er lautes Gelächter begleitet von einem ihm unverständlichen Funkspruch.
Allmählich gelang es Meyer sich zu orientieren. Ohne Zweifel befand er sich ganz in der Nähe des Südeingangs des Friedhofs, gegenüber dem sich die St. Judas Kirche befand. Ein Schimmer eitler Hoffnung ergriff Jörg dem Apostaten. Der Gemeindepriester, Pater Braun, war in Harst bekannt als ein wohltätiges Fanal des Glaubens, der sogar Obdachlose gelegentlich in seiner Kirche übernachten ließ. Wenn einer ihm gegen die Teufelsbrut helfen konnte, dann dieser gütige Vertreter der christlichen Religion. Vielleicht hielt der Pater heute noch eine Mitternachtsmesse oder es bot sich zumindest die Gelegenheit sich auf dem Gelände der Kirche bis zum nächsten Morgen zu verstecken!
Tatsächlich gelang es Meyer ohne weitere Störungen durch den offenen Südausgang des Friedhofs bis zur Kirche vorzudringen, die düster vor ihm aufragte. Erschöpft ließ sich der Geflüchtete auf den unteren der Stufen, die zum prächtigen Eingang des Gotteshauses führten, nieder.
‚Mein Sohn, was tust Du hier?‘
Wie aus dem Boden gewachsen stand der gewichtige Pater Braun vor ihm und schaute den Sitzenden mit gütigen Augen an.
‚Gottseidank! Hochwürden, Sie werden es mir nicht glauben, aber mich jagen gefährliche Mörder! Sie beten den Teufel an und töten Menschen! Bitte, Sie müssen mir helfen!‘
Die Erleichterung und sein angeschlagener Zustand ließen den Skin nicht sonderlich über die Seltsamkeit der Situation nachdenken.
‚Beruhige Dich, mein Sohn! Du siehst furchtbar aus! Komm mit in das Haus des Herrn, ich helfe Dir mit den Stufen.‘
Von beruhigenden Worten des Priesters geleitet, erreichten beide schließlich die Kirchenpforte. Während Pater Braun mit dem einen Arm den völlig erschöpften Meyer stützte, schlug er mit der Hand des Anderen heftig gegen das Portal, welches vehement aufgerissen wurde. Diddi und Larry übernahmen recht gewaltsam Jörg den Ahnungslosen und schleiften den völlig Perplexen ins Innere der Kirche. Ein Aufschrei absoluter Verzweiflung des Wiedereingefangenen kommentierte den ungewöhnlichen Anblick, der sich dort bot. Vor dem Altar stand der Hierophant, hinter dem sich ein gewaltiges, umgedrehtes Holzkreuz erhob. Andachtsvoll hatte sich die farbenfrohe, satanische Gemeinde in der Basilika, die bei sonstigen Messen eher wie ausgestorben wirkte, versammelt.
‚Gut gemacht Pfaffe!‘
Pater Braun, noch immer am Eingang stehend, verbeugte sich ehrfürchtig.
‚Danke Meister! Das ist doch etwas ganz Anderes als ein stinkender Penner und doch bestimmt 1000 bescheidene Euro wert!‘
‚Gebt dem Pfaffen seine Silberlinge und dann möge er verschwinden! Nun zu Ihm: Er möchte doch nicht seinen großen Auftritt versäumen, zumal Seine Familie auch schon da ist. Lasst das Ritual beginnen!‘
(…)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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