Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 11 - Zittrige Hände

Pünktlich um viertel nach acht Uhr, trafen Anna und Franks Mutter bei der Frau Baltasar ein. Sie saß schon draußen am Tisch und winkte, als sie die Mutter erkannte.

„Guten Morgen! Hatten sie eine ruhige Nacht, Frau Baltasar?”

„Besser als die Nacht davor, gute Frau. Habe ja gestern auch drei heiße Bäder genommen.”

„Na das ist schön aber um der Ursache auf den Grund zu gehen, müssen wir jetzt los. So ein Facharzt wird da wohl noch andere Möglichkeiten finden, Ihnen helfen zu können.”

„Mag sein”, sagte die Oma. „Ist übrigens das erste Mal, dass ich einen Arzt besuche!”

Als sie die Praxis betraten, wurde die Oma Dorfhexe auf einmal ganz zittrig. “Nur keine Angst, Frau Baltasar. Es tut Ihnen niemand etwas. Im Gegenteil, hier wird Ihnen mit Sicherheit geholfen”, versuchte die Mutter die alte Frau zu beruhigen.

„Geben Sie mir mal ihren Krankenschein. Ich werde ihn der Arzthelferin aushändigen.”

Dem jungen Mädchen, das neben dem Behandlungszimmer an einem Schreibtisch saß, fiel sofort auf, dass der alten Dame ein wenig unwohl war und, dass ihre Hände heftig zitterten. Sie nahm den Krankenschein entgegen, übertrug die Daten auf eine Karteikarte, setzte sich dann neben die Oma auf einen Stuhl und streichelte ihre Hände.

„Nun beruhigen Sie sich mal, Frau Baltasar. Unser Herr Doktor ist ein ganz Lieber.”

Die Tür zum Behandlungszimmer ging auf und ein Mann im weißen Kittel lächelte der Omi Dorfhexe entgegen. Er hatte einen rötlichen Vollbart und trug auf der Nase eine runde Nickelbrille, die seinem Gesicht ein lustiges Aussehen verlieh.

„Sie sind bestimmt die Frau Baltasar”, sagte er mit so einer freundlichen und ruhigen Stimme, dass sich das Zittern von Omis Händen sofort ein wenig legte. Er streichelte ihr über das graue Haar und bat sie, mit ihm zu kommen. „Darf ich bei ihr bleiben, Herr Doktor?” fragte die Mutter.

„Kommen Sie nur. Ich freue mich darüber, dass Sie sich dieser alten Dame so annehmen.”

Er bat die beiden Frauen Platz zu nehmen und blickte in das wettergegerbte Gesicht der Omi Dorfhexe.

„Nun, Frau Baltasar, wo zwickt es denn?”

„Ach wissen sie Herr Doktor, mein Rücken macht mir in letzter Zeit arg zu schaffen. Ich nehme schon immer heiße Bäder mit Lavendel. Das hilft dann für eine Weile.”

„Ja, Lavendelbäder sind schon ein recht gutes Hausmittel gegen leichte Rückenschmerzen, aber wenn die Bandscheiben immer wieder einer starken Belastung ausgesetzt werden, helfen diese Bäder leider nicht mehr. Ich werde Ihnen gleich eine Spritze geben, die Sie zunächst einmal schmerzfrei macht und die auch eine ganze Zeit lang anhält. Um die Ursache zu erkennen, müssen wir zuvor noch eine Röntgenaufnahme ihrer Wirbelsäule machen. Ich bin in der glücklichen Lage, diese Untersuchung hier durchführen zu können, denn seit zwei Jahren besitze ich so ein Gerät. Die Schwester wird Sie jetzt in den Röntgenraum bringen. Nur keine Angst, das ist so, als ob man ein Foto macht.”

Nach einer Weile, die Omi hatte die erste Prozedur hinter sich, rief der Herr Doktor die Patientin nebst Begleiterin zu sich und zeigte ihnen auf einem großen Bildschirm die Aufnahme von Omi Dorfhexes Wirbelsäule.

Sehr ausführlich beschrieb er ihnen den Aufbau dieses langen, komisch aussehenden Körperteils, und erklärte  ihnen, dass einige der Bandscheiben, durch ständige Belastung, ein wenig herausgerutscht waren. Das, so sagte er,  wäre der Grund für Omis Schmerzen.

„Machen Sie sich mal keine Sorgen. Mit ein paar Spritzen und ein wenig Rückengymnastik, werden wir die Sache schon in den Griff bekommen”, sprach er beruhigend auf die Omi ein, die wie ein Häufchen Elend auf ihrem Stuhl saß.

„Die erste bekommen Sie jetzt und die anderen an den folgenden zwei Tagen. Damit Sie nicht jeden Tag in die Stadt fahren müssen, werde ich Ihnen eine Überweisung für Herrn Dr. Köhler mitgeben. Der hat ja seine Praxis bei Ihnen im Dorf. Er ist übrigens ein guter Bekannter von mir und ich kann Ihnen versprechen, bei ihm sind Sie gut aufgehoben. Der kann dann auch die Behandlung weiterführen.”

„Sie waren aber ganz schön tapfer”, sagte die Mutter auf der Rückfahrt. “Hatten sie gar keine Angst vor der Spritze?” 

„Anfangs schon, aber irgendwie hatte ich gleich Vertrauen zu dem Doktor und so war alles halb so schlimm. Als er mir die Spritze gab fiel mir ein, dass wir damals, während der Schulzeit, auch schon mal eine bekommen hatten. Ich glaube gegen Tetanus, oder so. Gott sei Dank, dass die Behandlung jetzt bei uns im Dorf fortgesetzt wird. Könnte Ihnen ja gar nicht zumuten, mich noch zwei Mal in die Stadt zu fahren.”

„Ach, das hätten wir schon irgendwie hingekriegt”, sagte die Mutter. “Jetzt sind wir gleich zu Hause. Ging doch alles verhältnismäßig schnell.”

Und das Beste ist, ich habe überhaupt keine Rückenschmerzen mehr, Hurra,“ freute sich Omi.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Oma Dorfhexe - Eine kleine Geschichte vom Niederrhein von Wolfgang Scholmanns



Anna und Frank ziehen mit ihren Eltern in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sie die alte Dame kennen lernen, die die Dorfkinder oftmals mit dem Namen "Oma Dorfhexe" betiteln.

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