Istvan Hidy

Mieterrepublik

Wie ein Wunder überstand unser Wohnviertel die Bombardierung Dresdens. Damals dachten wir, dass großes Los gezogen zu haben. Jetzt nach vierzig Jahren Frieden, fange ich an daran zu zweifeln. Unser Haus ist nicht nur in die Jahre gekommen, sondern es liegt sogar am Sterben und helfen können wir ihm nicht.

Bitte gestatten Sie, dass ich mich vorstelle und Ihnen das Problem anvertraue: Dr. Manfred Hauser, „Richter a.D.“, Hausvertrauensmann des Kommunaleigentums Sackgasse 13 a. Unser Haus ist eines der vernachlässigten Dresdner Mietshäuser. In der Gegend ist bekannt unter den Decknamen „Königshof“, weil es zuletzt zurzeit König Friedrich August III. Renoviert worden war.

 

Jahrgang 1903, die geschwungenen Jahreszahlen, wie eine Kamee, über den Eingang sind stolze, aber fast die einzigen Zeugen, einer besseren leider vergangenen Stilepoche.

Die Zeit löst viele Probleme, aber sie löste das Problem unseres Hauses leider nicht. Sein Zustand wurde sogar von Jahr zu Jahr schlimmer. Heute sind wir schon so weit, dass wenn ein Mieter husten will, er verpflichtet ist, bis spätesten sechs Uhr morgens dies bekanntzugeben, damit die übrigen Hausbewohner Zeit haben, mittels entsprechender Maßnahmen ihre Wohnungen gegen Einsturz abzusichern. Nicht alles, was wackelt fällt immer ein. Dennoch kam es in Bronchitis gefährdeten Zeiten vor, dass die einen oder anderen herausgeflogenen Tür- oder Fensterteile von den Mitbewohnern mit dem Schmetterlingsnetz bis nach Pilnitz verfolgt werden mussten, um sie einzufangen. Umsonst flogen einige Fetzen bis zu die Kommunalverwaltung.

Das Alles stellte aber den Zustand unseres Daches in den Schatten. Es war nach 35 Jahren sozialistischer Kommunalverwaltung hin und her, noch nicht gelungen, die Zerstörungen zu beseitigen, die der außergewöhnlich harte Winter 1953 an den Dachziegeln angerichtet hatte. Seither bildete sich auf dem Dachboden ein beachtenswerter See. Ich meldete das mehrfach der zuständigen Stelle. Dort sah man ein, dass es so nicht weitergehen konnte.

Sie erklärten, um ihren guten Willen zu bekunden, die ganze Dachlandschaft zum ersten innenstädtischen Naturschutzgebiet.

Ich habe nichts gegen Naturschutz, jedoch habe ich bestimmte Abneigung gegen Dauerregen, unbedingt dann, wenn der Regen bis hinein in meine Wohnstube dringt. So geschah es, dass im letzten Herbst beim ersten Regen der Dachsee über sein gemeinhin akzeptiertes Territorium hinüber trat und uns mit einer erneuten Überschwemmung beglückte, ich nochmals bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung vorstellig wurde.

Ich drohte, dass ich sie verklagen würde, aber man lachte mir ins Gesicht. ,,Nehmen Sie zur Kenntnis", sagte man, - dass wir ein staatliches Unternehmen sind, und wenn Sie uns anzeigen, dann zeigen Sie den Staat an.

*

Was blieb mir übrig! Nach langem Grübeln zeigte ich den Staat an. Das Gericht verhandelte kurz über die Klage, dann traf es folgende Entscheidung: ,,Urteil im Prozess Dr. Manfred Hauser, Dresden-Neustadt Sackgasse 13 a, als K1äger, gegen den ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat DDR, Milchstraße, Sonnensystem, Mitteleuropa, stark links, als Beklagte. Obwohl die Klage sich in mehrfacher Hinsicht als begründet erwies, erachten wir die Forderung des K1ägers bezüglich des Daches in Anbetracht der schwierigen finanziellen Lage der Beklagten als nicht erfüllbar."

Diese Begründung ließ ich als „Richter Ade“ natürlich nicht gelten. Wenn die Beklagte es sich leisten kann, den verschiedensten Ländern Solidaritätshilfen zu gewähren, dann sollte sie auch etwas für unser Dach übrig haben. Aber auf meine Berufung hin entstand eine außergewöhnliche Situation. Die Frage war: wenn der Sackgasse 13 a dem Staat nicht zusage, können wir uns dann einen Anderen suchen? Die Antwort lautete, wie erwartet, NEIN!

Das gab den Anstoß zu unserer endgültigen Entscheidung: einen Neuen zu gründen! Der Staat hatte seine Pflicht uns gegenüber nicht erfüllt, also war auch unsere Verpflichtung ihm gegenüber erloschen. Unter meiner Regie beschloss der Mieterausschuss, dass unseres Haus mit sofortiger Wirkung aus der Staatsbindung der DDR ausscheidet und in eine „Mieterrepublik“ umgewandelt werden sollte.

Wir betonten, dass wir mit dem sozialistischen Mietverhältnis zufrieden gewesen waren, denn es hatte die Ausbeutung des Bewohners durch den Bewohner vollkommen beseitigt, und dass uns nur die Unregelmäßigkeiten der kommunalen Verwaltung zum Ausscheiden veranlasst hatten. Als einstiger Jurist arbeitete ich die Grundlinien der neuen demokratischen Verfassung schnell aus. Unsere Grenzen waren östlich die Sackgasse 11 und westlich der Sackgasse 13 b mit Onkel Herberts Gemüseladen. Nach Süden und Norden schützten unüberwindbare natürliche Grenzen unsere „Mieterrepublik“: die ewigen Kanalisations- und Straßenbauarbeiten.

Die Grundlage unserer Wirtschaft bildete der Milchladen im Erdgeschoss. Als wir unser eigenes Geld schufen, diente die Produktionsreserve der Genossenschaft als Deckung. Deshalb nannten wir unsere Währungseinheit Käse. Damit erreichten wir, dass der Käse und die Mark der DDR auf dem Weltmarkt 1:1 im Tauschkurs standen.

Einige benachbarte Mächte, wie die Sackgasse 11 und der schräg gegenüber befindlichem Trümmerplatz 2, nahmen die Nachricht, dass wir einen selbständigen Staat gegründet hatten, dennoch feindselig auf. Insgeheim befürchteten sie, wir könnten die Hinterhofgaragen zurückverlangen, die ursprünglich zu unserem Haus gehörten, die sie sich nach dem zweiten Weltkrieg einverleibt hatten. Wir beeilten uns zu erklären, dass wir keine territorialen Forderungen stellen, sie aber leiteten eine Hohnkampagne gegen uns ein. So streuten sie beispielsweise das Gerücht aus, wir hätten sogar einen eigenen Telefonanschluß bekommen als wir uns aus der DDR getrennt haben.

Doch diese Verleumdungen behinderten unseren Vormarsch nicht. Die Post brachte Berge von Glückwunschtelegrammen, in denen die verschiedensten Länder unsere „Mieterrepublik“ anerkannten.

Wir wussten, dass wir den weiteren Weg zum Erfolg im Tourismus zu suchen hatten, in den natürlichen und historischen Sehenswürdigkeiten unseres Hauses. Im Treppenhaus präsentierten wir eine Schimmelpilzsammlung von unvergleichlichem Wert, ferner konnten wir uns der ältesten Wasserleitung Europas, sowie mehrere Originaleinschüsse aus dem zweiten Weltkrieg rühmen. Dazu waren noch die giftigen Bleianschlüsse der stinkenden Abflussrohre von seltener Bedeutung. Und schließlich die von der Zeit zerfressene und wie Springbrunnen tröpfelnden Regenrinnen und die nicht mehr ganz intakten Abfallrohre rahmten einladend unsere verblichene Backsteinfassade ein.

Wegen des angewachsenen Fremdenverkehrs hatten wir Schwierigkeiten bei der Unterbringung der Besucher. In der Hochsaison sollten die Architektur- und Archäologiestudenten, die uns in Scharen besuchten, sogar an der Wäscheleine mit Klammern befestigt schlafen. Da wir uns in der Breite nicht ausdehnen konnten, mussten wir in die Höhe streben. So planten wir von verankerten Zeppelins tragende, schwebende Hotels über uns. Entworfen wurden diese Luftschlösser von dem besten Architektenkollektiv auf der soliden Grundlage und Tradition der DDR Ökonomie.

Bedauerlicherweise konnten unsere Luftschlösser auch nicht in den Himmel wachsen. Eine Idee, die Anfangs genial erschien, trug zum baldigen Untergang unserer Mieterrepublik bei.

Wir brauchten Kapital, aber der Weg zur Börse blieb uns verwehrt.

So fiel uns die folgende Idee ein. Dem Grundsatz zufolge, dass die Unternehmen den Werktätigen gehörten, waren wir Miteigentümer der verschiedensten „Volks-Eigen-Betriebe“, in denen Mieter aus unserem Haus beschäftigt waren. Wir teilten der DDR mit, dass wir auf den unseren Staatsbürgern zustehenden Anteil verzichten wollten, und ersuchten darum, den finanziellen Gegenwert an unsere Schatzkammer zu überweisen.

 

 

Wir rechneten mit keiner beachtlichen Summe. Wir hatten vor, aus unserer eigenen Tasche etwas dazuzulegen um einen erweiterten Fremdenverkehr betreiben zu können. Aber die DDR zahlte nicht in bar, sondern übertrug uns als Abfindung die Kommunalverwaltung mit ihren sämtlichen Verpflichtungen.

Das war die hinterhältigste Aggression, die gegen ein kleines souveränes Land jemals unternommen wurde. Aus den eingehenden Mieten mussten nun wir alle undichten Dächer, nicht mehr schließenden Fenster und Türen, sowie alle tropfenden Wasserhähne in der ganzen Sackgasse und den Trümmerplatz in Ordnung bringen.

Damit hat unser Schicksal geschlagen. Eine Weile konnten wir uns noch halten, weil die Bundesrepublik uns mit hohen Anleihen unterstützte. Aber die Kosten, die beim Rohr- und Kanalisationsbruch der Sackgasse 19 anfielen, hätten auch die Bundesrepublik aus dem finanziellen Gleichgewicht bringen können. Uns stand das Wasser tatsächlich bis zum Hals, als es plötzlich noch zu Regnen begann.

 

*

 

Wir sind gescheitert! – dachte ich, als ich klitschnass in meinem Bett aufwachte. Überraschend registrierte ich, dass die Ursache meinen nassen Pyjama nicht vom Schweißbad meines Alptraums stammt, sondern dass der Regen des trüben Herbstwetters erneut in meinem Zimmer spürbar zu fühlen war. Zur Beruhigung bewunderte ich begeistert meinen sichtbaren Atem. Trotzdem machte mich ein Gefühl der Verlassenheit benommen. Etwas das irgendwo in der Vergangenheit verloren gegangen war.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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